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28 juni 2013

Karl Gabrielsson, der erste Arbeiterdichter Schwedens

Karl Gabrielsson wurde am 20. Juni 1861 als Sohn des Eisenbahnarbeiters Olaus Gabrielsson und dessen Frau Stina Kajsa Eriksdotter in Fredsberg geboren und starb am 31. Oktober 1901 im Alter von 40 Jahren in Stockholm. Gabrielsson war ab 1890 mit Klara Maria Karlsdotter verheiratet.

Auch wenn man über die Kindheit und die Jugend von Karl Gabrielsson nicht viel weiß, so ist sicher, dass er in sehr armen Verhältnissen aufwuchs und als Kind nur die notwendigste Schulbildung jener Zeit erhielt. Mit 17 begann Gabrielsson im Bergbau zu arbeiten, eine Tätigkeit, die er bis 1891 fortsetzte. Die letzten beiden Jahre als Bergmann war der Schriftsteller, der sich sehr früh der Gewerkschaftsbewegung anschloss, Sprecher der Grubenarbeiter.

Karl Gabrielsson (Karolus), Glömmen oss ej!, ABF Skaraborg, 1991

Durch die Gewerkschaftsarbeit wurde Karl Gabrielsson auch sehr bald klar, dass er Bildung benötigte, die er sich zwischen 1883 und 1888 beim Orden der Guttempler holte, einer Organisation, die um diese Zeit nicht nur den Alkoholkonsum bekämpfte, sondern Arbeitern auch eine breite Bildung verschaffte.

Da die Schulbildung allein den Wissensdurst von Karl Gabrielsson nicht stillen konnte, begann er in dieser Epoche so oft wie möglich Vorlesungen am Arbeiterinstitut in Stockholm zu besuchen, wo Gabrielsson auch die gebildetere Arbeiterschicht traf, die später einen bedeutenden Einfluss auf die Sozialisierung des Landes haben sollte.

In der gleichen Epoche versuchte sich Karl Gabrielsson auch als Dichter, wobei bereits seine ersten Versuche im Nya Sverige, in Kasper und im Social-Demokraten abgedruckt wurden, was den Arbeiterdichter dazu ermunterte literarisch weiterzuarbeiten, auch wenn seine politische Arbeit immer ausgedehnter wurde und Gabrielsson ab 1898 auch im sozialistischen Zentralverband in Stockholm sehr aktiv war und sowohl am Parteikongress 1894 in Göteborg als auch jenem 1897 in Stockholm teilnahm.

Karl Gabrielsson, der ein naher Freund Hjalmar Brantings war, gilt als Idealist der Arbeiterbewegung, der, vermutlich unter dem Einfluss der Guttempler, Bildung als den Schlüssel sah, der den Arbeitern den Weg in die Zukunft bieten kann, wobei der Schriftsteller dabei Viktor Rydberg als Ideal und Vorbild betrachtete.

In der Bibliothek des Arbeiterliteraten Karl Gabrielsson fand man eine große Breite an Literatur, die von William Shakespeare, Johann Wolfgang von Goethe und Miguel de Cervantes bis Arthur Schopenhauer und Karl Marx führte, wobei Gabrielsson in seinem Bestreben den Arbeiter zu bilden, außer einem Teil der Werke von Karl Marx und Engels, auch Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ übersetzte.

Neben den Übersetzungen und dem Schreiben von eigenen Werken setzte sich Karl Gabrielsson auch dafür ein kulturelle Beiträge im Folkbladet, bei dem er seit 1894 als Redakteur arbeitete, zu veröffentlichen, denn im Gegensatz zu den Kämpfern der Arbeiterbewegung, die auf Streik und einen materiellen Kampf setzten, war es Gabrielsson wichtiger den ideellen Marxismus von Karl Marx zu verbreiten und war davon überzeugt, dass man den Arbeitern nur Wissen bieten musste, damit sie am Wohlstand teilhaben können. In diesem Punkt stand Gabrielsson Ellen Key mit ihrem positiven Denken näher als den Kämpfern der Arbeiterbewegung jener Tage.

In den wenigen Jahren, die Karl Gabrielsson zum Schreiben hatte, war er extrem produktiv, da er neben Gedichten, Novellen, Kurzbiografien, Naturschilderungen und Nachrufen auch kulturelle Artikel und soziale Reportagen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichte. Leider wurden nur sehr wenige seiner Werke, die er unter dem Pseudonym Karolus veröffentlichte, später neu aufgelegt oder in Sammelwerken mit aufgenommen.

Zudem gelang es Karl Gabrielsson nie mit seiner Lyrik, die mit zur ausdrucksfähigsten seiner Epoche zählt, auch als Arbeiterdichter anerkannt zu werden, da er für die „gehobenen“ Literaten zu sehr Arbeiter war und für viele Arbeiter zu intellektuell, was ihm als Schriftsteller eine Randposition gab.

Bedauerlicherweise starb Karl Gabrielsson bereits im Jahre 1901, vermutlich an den Folgen einer Erkältung oder Lungenentzündung, die er sich bereits während der Maidemonstration 1899 zugezogen hatte. Die Arbeiterpartei Schwedens veröffentlichte im Jahre 1902 posthum die gesammelten Gedichte des Schriftstellers.

Copyright: Herbert Kårlin

4 november 2012

Stig Dagerman, ein zerrissenes Leben bis zum Tod

Stig Dagerman wurde am 5. Oktober 1923 in Älvkarleby geboren. Der Vater, ein Sprengmeister, wollte nicht viel von ihm wissen und die Mutter, Helga Andersson, eine Telefonistin in Härnösand sah keine Möglichkeit sich um ihn zu kümmern, so dass der spätere Schriftsteller einen Teil seiner Kindheit bei den Großeltern verbringen musste.

Ursprünglich hieß Stig Dagerman nach der Mutter ebenfalls Andersson, aber als Gymnasiast nahm er dann den Namen des Vaters an, der zu dieser Zeit in Stockholm lebte. Mit neun Jahren zog Stig zu seinem Vater nach Stockholm, ohne ihm jedoch in irgendeiner Weise näher zu kommen. Die einzige Linie, die ihn mit seinem Vater verband, war die Arbeiterbewegung für die sich Stig ab seinem dreizehnten Jahr interessierte.


Als 1940 der Großvater Stig Dagermans von einem Psychopath ermordet wurde und kurz darauf auch seine Großmutter an einer Gehirnblutung starb, beging der Autor seinen ersten Selbstmordversuch, dem in den folgenden Jahren noch mehrere Versuche folgen sollten. Allerdings wurde er jedes Mal rechtzeitig gerettet, aber er überwand das Trauma mit seinen Großeltern und die Situation des verlassenen Sohnes nie.

Mit 17 schloss sich Stig Dagerman der Gewerkschaftsbewegung an und wurde Mitglied der Jugendverbandes SUF (Sveriges syndikalistiska ungdomsförbund), wo man sehr schnell seine Fähigkeiten sich schriftlich auszudrücken entdeckte. Auf diese Weise wurde er erst Redakteur der Mitgliedszeitschrift Storm und später bei der Zeitung Arbetare, wo er Chroniken schrieb und einen täglichen Vers veröffentlichte, wobei der letzte seiner Verse noch am Tag seines Tod veröffentlicht wurde.

In Stockholm traf Stig Dagerman dann seine erste Frau, Annemarie Götze, die mit ihrer Familie vom Nazideutschland über Spanien und Norwegen nach Stockholm gekommen war. Sehr bald zog der Schriftsteller bei Familie Götze ein, da die Wohnsituation mit seinem Vater sehr angespannt war und 1943 heiratete er Annemarie.

Die literarische Karriere Stig Dagermans begann 1945 mit dem Roman Ormen, einem Roman, der seinen Hintergrund im Barackenmilieu hat und von Angst und Schrecken dominiert wird. Der Roman wurde unmittelbar als das Werk eines Genies betrachtet, was sogar soweit ging, dass andere Autoren der Epoche sich ein Beispiel an Dagerman nahmen und er ein literarisches Beispiel der 40er Jahre wurde.

In den folgenden vier Jahren zeigte der Schriftsteller eine enorme Arbeitsleistung, denn er schrieb Romane, Novellen, Dramas und Artikel für die Zeitung Arbetare. Sein zweiter Roman erschien 1946 mit dem Titel De dömdas ö, ein Roman in dem sieben Schiffbrüchige auf einer einsamen Insel ihrem Schicksal entgegengehen, vorher jedoch wie in einem Alptraum ihr eigenes Leben vor Augen geführt bekommen. Die symbolhafte Sprache und die langen Sätze Dagermans machen den Roman jedoch zu einem nahezu unlesbaren Meisterwerk.

Im Jahre 1947 wurde im Stockholmer Dramaten das Drama Dagermans Den dödsdömde aufgeführt, es erschien seine Novellensammlung Nattens lekar und er veröffentlichte seine gesammelten Reportagen aus dem Nachkriegsdeutschland unter dem Titel Tysk höst, die er im Laufe des Jahres 1946 im zerbombten Deutschland für den Expressen gemacht hatte. Diese Reportagen machten den Schriftsteller auch beim breiten Publikum bekannt, da er für die Zeitung eine leichter zugängliche Sprache benutzte als bei seinen anderen Werken.

Als Stig Dagermann im folgenden Jahr eine Folgereportage in Frankreich machen sollte, war er unfähig auch nur einen Artikel zu liefern, da er dem Leistungsdruck, der auf ihm lag, nicht gewachsen war. In diesem Jahr in Frankreich erschien daher lediglich sein Roman Bränt barn in dem der Autor eine komplizierte psychologische Entwicklung eines jungen Mannes beschreibt, der die neue Frau seines Vaters erst ablehnt und sich dann von ihr angezogen fühlt und ein Verhältnis mit ihr eingeht.

Auch wenn Stig Dagerman nach Brännt barn noch einige weitere Werke veröffentlichte, so blieb dieser Band der meist gelesene seiner schriftstellerischen Karriere, der ein sehr breites Publikum ansprach.

Im Jahre 1950 ließ sich Stig Dagerman von seiner ersten Frau scheiden und heiratete die Schauspielerin Anita Björk. Er ließ sich gleichzeitig einen hohen Vorschuss für seinen nächsten Roman auszahlen, aber wegen einem anhaltenden Schreibkrampf, starken Depressionen und Angstzuständen entstand ab diesem Zeitpunkt kein Buch mehr von dem als Genie bezeichneten Autor. Nach zahlreichen Depressionen, Aufenthalten im Krankenhaus und mehreren missglückten Selbstmordversuchen nahm sich Stig Dagerman am 5. November 1954 in seiner Garage in Enebyberg (Danderyd) das Leben, wobei jedoch alles darauf hindeutet, dass er es sich auch dieses Mal in der letzten Sekunde anders überlegt hatte, denn er hatte den Fuß vom Gas genommen und versuchte, wenn auch zu spät, aus seinem Fahrzeug auszusteigen.

Copyright: Herbert Kårlin