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2 juni 2013

Henning von Melsted und der soziale erotische Roman Schwedens

Henning von Melsted wurde am 1. Juni 1875 als Sohn des Großhändlers Theordor Finne von Melsted und dessen Frau Mathilda Thérése Lundstedt in Stockholm geboren und starb am 7. Februar 1953 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Von Melsted war in erster Ehe (1905 - 1925) mit Thyra Giöbel verheiratet, in zweiter Ehe mit Clara Pingel (1927 - 1931) und ab 1938 in dritter Ehe mit Lilly Sofia Karlsson Kropp.

Über die Kindheit und die Jugend von Henning von Melsted ist kaum etwas bekannt. Der Jurist und Schriftsteller besuchte das Gymnasium Norra Latinläroverket in Stockholm, machte anschließend in Jönköping die Hochschulreife und schrieb sich 1892 an der Universität in Uppsala ein. Von Melsted beendete sein Studium 1897 mit einer Kandidatur und arbeitete anschließend als Notar und Rechtsanwalt.

Henning von Melsted, Noveller i dialog, Förlaget Ljus, 1904

Bis etwa 1914 hatte Henning von Melsted eine sehr radikale Einstellung, die er sowohl in öffentlichen Diskussionen als auch einigen literarischen Werken stark vertrat. Von Melsted vertrat hierbei nicht nur sozialistische Theorien, sondern er setzte sich bereits um die Jahrtausendwende für ein geeintes Europa und internationale Gerichtshöfe ein. Als er seiner Broschüre Hvad vill Sveriges Folk im Jahre 1908 die verbotene Schrift Fallet Tänk först - handla sedan! beifügte, wurde der Schriftsteller sogar zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Während die politischen Schriften Henning von Melsteds ab 1914 deutlich rechte Theorien mit aufnahm, auch wenn er sich weiter für soziale Reformen und die Bildung der Arbeiterschicht einsetzte, hatte der Schriftsteller bereits 1898 auch begonnen schöngeistige Literatur zu schreiben.

Seinem ersten Roman Georg Dahna im Jahre 1898 folgte ein Jahr später Leo Dahna, die er jedoch beide anonym veröffentlichte. Selbst wenn man am Stil noch den literarischen Anfänger Henning von Melsted spürt, so zeigt sich bereits an diesen ersten Werken, dass sich der Schriftsteller für das soziale Gefüge des Landes interessiert und gegen die herkömmlichen Moralvorstellungen des Landes wehrt. Der Autor sieht vor allem das Verhältnis zwischen Mann und Frau als überholt an, da er den Frauen Passion zugesteht und für freie Erotik eintritt. In diesem Sinne spalten seine beiden ersten Romane die geistige Welt der Schweden.

Ab 1901 und seinem Buch Noveller i dialog benutzt Henning von Melsted seinen wahren Namen für seine Veröffentlichungen, wobei der Schriftsteller die kommenden drei Jahre vor allem erotische Romane veröffentlicht, bis 1904 sein Kurzroman Nöd erscheint, der dem Autor zum Durchbruch verhilft. In Nöd schildert von Melsted das Schicksal einer Boutiqueangestellten mit ihrer Arbeit und der Ausbeutung, die sie erleidet ohne dass die Oberklasse Stockholms dies überhaupt bemerken und sehen will, da man dort die Doppelmoral der Gesellschaft nahezu als von Gott gegeben betrachtet.

Während die ersten sozialen Romane von Henning von Melsted noch Fiktion sind, geht der Autor später immer mehr dazu über tatsächliche Schicksale aufzugreifen, die er während seiner Verhandlungen vor Gericht findet, was seine Werke auch glaubhafter macht, auch wenn er unter anderen Schriftstellern und der gehobenen Gesellschaft Stockholms bisweilen stark kritisiert wird, da diese Schicht sich gegen jede soziale Veränderung wehrt und sich über die Arbeiterschicht stellt.

Henning von Melsted gehörte zu jenen Autoren, die die notwendigen Änderungen des Sozialsystems in gesamter Breite ernst nahmen und mit seinen Büchern auf Missstände aufmerksam machen wollte. Dies zeigte sich auch in seinem persönlichen Leben, denn er vertrat seine Klienten nicht nur vor Gericht, sondern interessierte sich auch später noch für ihre Werdegänge und Erfahrungen. Ein Fall war für den Juristen von Melsted nicht mit dem Urteil zu Ende, zumal er Richtern auch Korruption und Fehlurteile vorwarf.

Nicht alle Werke von Henning von Melsted haben das gleich hohe Niveau, so dass einige seiner Werke hervorstechen und allein diese Veröffentlichungen ihm einen Platz in der schwedischen Literaturgeschichte erlauben.

So unterschiedlich bereits das Niveau der Werke von Henning von Melsted ist, so unterschiedlich sind auch seine Themen, die man vor allem in drei Richtungen aufteilen kann. Zum einen verfasste der Schriftsteller politische Schriften, zum anderen soziale Romane und zum dritten schrieb er die sogenannte Flanörlitteraturen im Stil von August Strindberg, Hjalmar Söderberg und Henning Berger, denn er schildert in mehreren seiner Werke auf sehr realistische Weise das damalige Stockholm und lässt den Leser daher in ein mondänes Leben eintauchen in dem er das Stockholm der Jahrtausendwende in authentischer Weise finden kann.

Henning von Melsted war zwar aus Überzeugung Rechtsanwalt und zählte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den renommiertesten Anwälten des Strafrechts in Stockholm, aber in seiner Seele fühlte er sich als Künstler, denn von Melsted betätigte sich nicht nur als Schriftsteller, sondern trat auch als Schauspieler auf und war künstlerisch tätig, unter anderem als Skulpteur, der 1935 in Stockholm ausstellte. Zum Ausgleich betrieb der Schriftsteller zusätzlich Sport.

Copyright: Herbert Kårlin

31 mars 2013

Henning Berger und der desillusionierte Auswandererroman

Henning Berger wurde am 22. April 1872 als Sohn des Wachtmeisters Lars Johan Berger und dessen Frau Sofie Sjöberg in Stockholm geboren und starb am 30. März 1924 im Alter von 51 Jahren in Kopenhagen. Berger war in erster Ehe mit Anna Elisabet Lindquist verheiratet, in zweiter Ehe mit der Dänin Karen Vedel und in dritter Ehe mit Viveke Elsass.

Auch wenn Henning Berger die höhere Schule besuchte und ursprünglich einen Universitätsabschluss plante, so zerschlug sich dies sehr bald und er musste mit 17 die Schule aufgeben. Auch seine Abendkurse an der Technischen Schule in Stockholm führten zu keinem Erfolg, was dazu führte, dass Berger 1889 nach New York auswanderte um dort sein Glück zu suchen. Sechs Monate später war der spätere Schriftsteller jedoch wieder zurück in Schweden und nahm eine Arbeit als Büroangestellter an.


Der Traum vom Glück in Amerika war damit jedoch nicht zu Ende und bereits 1892 war Henning Berger erneut auf dem Weg in die USA, dieses Mal mit dem Ziel Chicago, wo er bei White Star Line eine Anstellung als Buchhalter fand, der ihn jedoch dem Traum vom Glück und Reichtum kaum näher brachte, sondern ihm zeigte unter welchen Situationen all die schwedischen Einwanderer in den USA leben mussten.

Als Henning Berger gegen Weihnachten 1899 erneut nach Schweden zurückkehrt, findet er bei der Zeitschrift Varia eine Anstellung als Radaktionssekretär und beginnt seine Laufbahn als Schriftsteller. Bereits 1901 erscheint sein erstes Buch, die Novellensammlung Där ute. Die Novellen des Buches lassen den Leser das Schicksal schwedischer Auswanderer erleben, ihre Träume, wie sie von rücksichtslosen Arbeitgebern ausgenutzt werden, lassen das Heimweh miterleben und zeigen welchem kulturellen Schock sie ausgesetzt sind. Berger ist damit der erste Autor, der über ein Thema schreibt, über das man in Schweden bis zu diesem Zeitpunkt kaum spricht.

Bevor Henning Berger dann einige Monate in München und ein halbes Jahr in Paris verbringt, erscheinen noch die Novellensammlung Ridå und der Roman 86 Clark Street, die erneut die Schicksale von Amerika-Auswanderern zeigen. In Paris schreibt der Autor anschließend das Theaterstück Syndafloden, das im Dramaten in Stockholm aufgeführt wird und in Mississippi der Jahrtausendwende spielt. Bis 1910 bleibt Berger dann diesem Thema treu, das vielen Schweden während der großen Auswanderungswelle zu denken gibt und ihnen einige Träume zerstört. Parallel dazu nimmt auch die Anzahl der Auswanderer ab.

Bereits 1908 trat eine Wende im Leben von Henning Berger ein, denn als er dem Schriftsteller Hans Magnus Nordlindt seinen in Paris erworbenen Revolver zeigen wollte, löste sich ein Schuss und Berger tötete dabei seinen Kollegen, was ihm einen Monat Gefängnis wegen nachlässigem Totschlag einbrachte. Der Schriftsteller brach nach seinem Gefängnisaufenthalt mit Schweden ab und ging nach Kopenhagen, wo er bis zu seinem Tod seinen Hauptwohnsitz behielt.

In Dänemark dehnte dann Henning Berger auch seine literarische Aktivität aus und seine Romane und Novellen handeln nicht mehr ausschließlich um die Auswanderer in den USA, sondern er sucht seine Themen auch im Stockholm, was sich insbesondere beim ersten und dritten Band der Romantrilogie Drömlandet, Bendel & Co. und Fata Morgana deutlich zeigt. Auch in Stockholm steigt der Schriftsteller in die Seele der einfachen Bürger ein, die ihre eigenen Träume haben und geradezu unterwürfig vor der Mittelklasse auftreten müssen um einen Schimmer des möglichen Wohlstands zu sehen. Neben den Intrigen interessiert Berger vor allem das Seelenleben der Bürger und die Beschreibung Stockholms, das sich zwischen 1880 und 1910 bedeutend verändert.

Der Schriftsteller Henning Berger beginnt später auch das Kopenhagen zu beschreiben, das er vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg erlebte und bietet mit diesen Romanen erneut ein einzigartiges literarisches Dokument einer Epoche des Wandels, eine Epoche der Träume und der Hoffnungen.

Gegen Ende seines Lebens wird Henning Berger dann tiefsinniger und seine Schilderungen verlieren mehr und mehr die positive Einstellung, die er bei seinen früheren Werken zeigte. Die letzten Romane des Autors berühren mehr und mehr religiöse und ethische Fragen des Lebens, ohne dass Berger jedoch einen Anker in der Religiosität sucht. Der Schriftsteller gehörte nie einer klaren Schicht von Autoren an und ging in keiner Gruppe ein, was den Vorteil hatte, dass er sich selbst und seine persönlichen Erlebnisse ausdrücken konnte ohne einem Schema folgen zu müssen.

Auch wenn Henning Berger sich in seinen Romanen und Novellen vor allem für die unterste Schicht der Bevölkerung interessierte, die am leichtesten das Opfer der Oberschicht wird, so schrieb er auch einige wenige Abenteuerbücher und Kriminalromane, die jedoch nicht an die Leistung seiner Werke über die Auswanderer und das Leben in Stockholm oder jenes in Kopenhagen heranreichen. Hervorzuheben ist jedoch, dass Berger einer der ersten Schriftsteller Schwedens war, der im Jahre 1910 mit Emigrant direkt ein Filmmanuskript schrieb ohne dabei den Umweg über einen Roman zu nehmen.

Copyright: Herbert Kårlin