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1 maj 2013

Gustaf Engzell, der konservative Modernist der schwedischen Literatur

Gustaf Engzell wurde am 25. Januar 1757 als Sohn des Schuhmachers Gustaf Gustafsson und dessen Frau Anna Hansdotter in Vika in Dalarna geboren und starb am 2. Mai 1797 in Östra Torps in Skåne. Engzell war ab 1790 mit der 13 Jahre jüngeren Gertrud Elisabet Kjellström verheiratet.

Als Kind musste Gustaf Engzell mit seinem Vater durch Schweden ziehen und ihm bei seiner Arbeit helfen. Erst als er im Alter von 14 Jahren einer unbekannten Person in Västerås durch seine Intelligenz auffiel, nahm diese ihn bei sich auf, schickte ihn in die Schule und bereitete den Jugendlichen durch zusätzlichen Privatunterricht auf die Hochschulreife vor.

Aber obwohl sich Gustaf Engzell 1782 an der Universität in Uppsala einschrieb, belegen Dokumente aus jener Zeit, dass er sich in dieser Zeit, vermutlich um seinen Unterhalt als Lehrer zu verdienen, in Falun aufhielt und gegen 1784 nach Stockholm kam um sich dort der Literatur zu widmen. Auf Grund der Gicht, die sich bereits wenig später bei Engzell bemerkbar machte, geriet der Schriftsteller jedoch in Schulden und hatte nur noch einen Ausweg, nämlich Priester zu werden. 1787 wurde Engzell dann zum Priester geweiht und ein Jahr später trat er seinen Dienst als Regimentspriester in Dalarna an.

Als Gustaf Engzell im Jahre 1786 mit seinen ersten literarischen Werken an die Öffentlichkeit trat, geriet er in eine Zwischenphase in der die Diskussion für oder gegen den Reim bereits ausgebrochen war. Engzell stellte sich in diesen Fragen zu den modernen Autoren Bengt Lidner und vor allem Thomas Thorild und gegen Johan Henric Kellgren, der indes eine sehr bedeutende Rolle in der literarischen Welt jener Zeit spielte und als Gegner nicht zu unterschätzen war.

Auch wenn Gustaf Engzell der vermutlich literarisch gebildetste Dichter der modernen Lyriker war und sowohl die antike Dichtkunst als auch die moderne englische und französische Dichtkunst sehr gut kannte und auch mehrere Sprachen beherrschte, war er für Kellgren das bedeutendste Opfer, da Engzell in der Literatur eigenen Wegen folgte, keine bedeutenden Gönner hatte und selbst die moderne Poesie teilweise mit Ironie behandelte. Kellgren suchte daher bei Engzell alle Schwächen der modernen Literatur, die er als „neue epileptische Poesie“ bezeichnete und nannte Engzell öffentlich als verrückt.

Selbst wenn Gustaf Engzell Thorild als Lyrikern bewunderte, so teilte er nicht dessen politische Einstellung, sondern war und blieb überzeugter Royalist, der sich mit seiner Schrift Anmärkning öfver friheten gegen Thorild stellte und der Überzeugung war, dass der Schwede nicht für die Freiheit nach französischem Modell geeignet sei, sondern einen starken Führer benötigte, nämlich den König. Diese Einstellung war auch eine der Ursachen, warum er nicht unter den modernen Autoren der Zeit anerkannt wurde und daher keine Unterstützung gegen Kellgren fand.

Die literarische Leistung Kellgrens wird bis heute nicht in vollem Masse anerkannt, da die meisten Literaturwissenschaftler Gustaf Engzell immer noch unter den Vorromantikern einordnen wollen, sich der Schriftsteller jedoch in keine klare Kategorie einordnen lässt, da er zwar nach der ungereimten Lyrik strebte, jedoch die gesamte Einstellung der Klassik in sich trug und zudem als Regimentspriester täglich mit der konservativen Schicht Schwedens in Berührung kam, was man auch feststellt, wenn man sein Gedicht Natten liest, das erstmals in der Stockholms Posten zu lesen war, denn Engzell lässt sich mit diesem erotischen Werk von Ovid beeinflussen, greift aber zum modernen Stil der Lyrik, der um diese Zeit noch als revolutionär oder abartig betrachtet wurde.

Indirekt spielte Gustaf Engzell auch für die Geschichte Schwedens eine gewisse Bedeutung, denn als Priester des Regiments in Dalarna unterstütze er mit seinen Schriften und Predigten die Vorgehensweise Gustav III. gegen die Dänen und machte den König geradezu zu einem Helden für den es sich lohnt sein Blut zu vergießen. In einer Ode, die Engzell für Gustav III. schrieb, versicherte er auch diesem die Treue aller Soldaten, die für  die Freiheit Schwedens zu sterben bereit waren, eine Freiheit, die der König natürlich in seinen Händen hatte.

Nachdem Gustaf Engzell bereits im Alter von 40 Jahren starb und die letzten Jahre seines Lebens, als er eine feste Priesterstelle in Skåne erhalten hatte, kaum noch literarisch aktiv war, ist der Umfang seiner Werke relativ begrenzt. Dass ihm wenig Platz in der schwedischen Literaturgeschichte gewährt wird, liegt vor allem an seiner isolierten Stellung unter den Literaten jener Zeit und daran, dass er persönlich nach der Vergangenheit Schwedens strebte, lyrisch jedoch zur Zukunft griff. Engzell wurde daher von jeder Schicht als Außenseiter betrachtet, wobei ihm zusätzlich nachgesagt wird, dass er mit seiner direkten Offenheit sehr schnell als überheblich betrachtet wurde und daher von der gehobenen Schicht Schwedens gemieden wurde.

Copyright: Herbert Kårlin

18 april 2013

Thomas Thorild, der revolutionäre Schriftsteller des 18. Jahrhunderts

Thomas Thorild wurde am 18. April 1759 als Sohn des juristischen Beamten Jöns Olsson und dessen Frau Börta Thomasdotter in Sverteborg im westschwedischen Bohuslän geboren und starb am 1. Oktober 1808 im deutschen Greifswald, nachdem er erst in Schweden und anschließend auch in Dänemark des Landes verwiesen worden war.

Da die Eltern von Thomas Thorild bereits 1761 starben, verbrachte Thorild seine Kindheit erst bei den Großeltern mütterlicherseits und anschließend bei seinem älteren Bruder in Kungälv. In der Schule in Kungälv zeigte Thorild eine so hohe Begabung, dass der Rektor auf ihn aufmerksam wurde, der wiederum der Bruder eines Direktors der Göteborger Ostindiengesellschaft war. Dieser nahm sich des begabten Schülers an und wurde über Jahre hinweg sein Gönner.

Thomas Thorild, Att följa ögonblicken, Bokförlaget Atlantis, Svenska klassiker der Svenska Akademien

Bereits im Gymnasium in Göteborg hatte die hohe Begabung von Thomas Thorild allerdings bereits auch den Nachteil, dass sich der Schüler für ein Genie hielt, eine Eigenschaft, die er sein Leben lang behalten sollte und dazu führte, dass Thorild immer glaubte anderen im Denken einen Schritt im Voraus zu sein und immer recht zu haben.

Im Jahre 1775 begann Thomas Thorild sein Studium an der Universität Lund, das er jedoch bereits nach einem Jahr abbrach um vorübergehend Privatlehrer auf dem Gut Rånnum zu werden. Als Thorild dann 1777 nach Lund zurückkehrt, bewies er mit seiner Rede Det ädla och sköna i vetenskapen seine immensen Kenntnisse in Philosophie, die insbesondere an die Denkweise von Jean-Jacques Rousseau und später auch Spinoza erinnern. In dieser Zeit begann auch seine Freundschaft mit Bengt Lidner und er wurde, ohne dort je ein Examen abzulegen, eine Art Legende zu der die Mehrheit der Studenten aufblickten.

Im Februar 1781 kam Thomas Thorild in Stockholm an, wo er sich an der Universität anfangs vor allem philosophischen Studien widmete, parallel dazu jedoch auch seine ersten Schritte als Skalde machte. Als die literarische Gesellschaft Utile Dulci einen Poesiewettbewerb ausschrieb, beteiligte sich Thorild mit zwei Gedichten, nämlich mit Passionerna und mit Ode till jurdbrukaren.

Da Thomas Thorild sich jedoch seine Einflüsse nicht bei nordischen Dichtern suchte, sondern sich von Edward Young, Friedrich Gottlieb Klopstock, Charles-Louis de Secondat Montesquieu, Jean-Jacques Rousseau und anderen beeinflussen ließ, erhielt er für Passionerna nur einen Ehrenpreis ohne Bedeutung, jedoch begleitet von einer Argumentation Johan Henric Kellgrens, der nicht nur das Gedicht abwertete, sondern auch schrieb, dass Neuerungen in der schwedischen Dichtkunst überflüssig seien und sein Gedicht daher nicht im schwedischen Geist geschrieben sei.

Die Folge war ein jahrelanger öffentlicher Streit zwischen Thomas Thorild und Johan Henric Kellgren, der sogar dazu führte, dass Thorild 1784 die Zeitschrift Den nya granskaren gründete in der er nicht nur den freien Vers verteidigte, sondern alle seinen modernen Ansichten verbreitete, die zu einer Weltreform führen sollten und Gedanken enthielt, die sich erst im 20. Jahrhundert realisierten. Eine der wichtigsten Reformen, die Thorild vorschlug, war die Freiheit des Wortes ohne jede Zensur, eine Utopie im auslaufenden 18. Jahrhundert.

Enttäuscht von Schweden ging Thomas Thorild im Jahre 1789 nach England, in der festen Überzeugung, dass man dort seinen Gedanken und Plänen offener gegenüberstehen würde, aber sehr schnell musste der Schriftsteller feststellen, dass er dort kaum etwas erreichen konnte und auch seine englischen Werke The Sermon of Sermons und True Heavenly Religion Restores, das von den Ideen Emanuel Swedenborgs beeinflusst war, halfen ihm nicht dabei dort anerkannt zu werden. Dies veranlasste ihn schließlich nach 18 Monaten wieder nach Schweden zurückzukehren.

Durch seine Abwesenheit war Kellgrens Macht in Stockholm gestiegen und Thomas Thorild gelang es kaum einen Fuß in der literarischen Welt Schwedens zu fassen, da die Stockholms-Posten, deren Mitgründer Kellgren war, mittlerweile volle Arbeit gegen Thorild geleistet hatte.

Mit En critik öfver critiker. Med utkast till en lagstiftning i snillets värld enstand im Jahre 1791 das Hauptwerk von Thomas Thorild, der sich hier nicht nur als ein Meister des Stils zeigt, neben seiner persönlichen Überschätzung, sondern auch als erbitterter Feind Kellgrens. Noch bevor jedoch der neu entstandene Streit zwischen Thorild und Kellgren ausgefochten war, veröffentlichte der Schriftsteller Det enda nötvändiga för et rikes financer, was zu einem weiteren Streit, dieses Mal mit Carl Gustaf af Leopold, führte, der sehr gut antworten konnte, was die Stellung Thorilds weiterhin schwächte.

Der Untergang wurde für Thomas Thorild dann jedoch sein Werk Om det allmänna förståndets frihet, das er an den König und den Adel richtete. In diesem Werk forderte der Schriftsteller nicht nur die absolute Pressefreiheit, sondern er forderte Herzog Karl auch auf im Interesse des Reiches die vier Stände abzuschaffen. Nun wurde Thorild als gefährlicher Revolutionär betrachtet, der das Volk zu einer Revolution im Stile der französischen Revolution führen könne. Die Schrift wurde unmittelbar beschlagnahmt und der Autor wurde für vier Jahre des Landes verwiesen.

Thomas Thorild verbrachte einen Teil des Jahres 1793 in Kopenhagen und schrieb dort das für die Zeit erneut revolutionäre Werk Om Qvinnokönets naturliga höghet und forderte bereits 100 Jahre bevor die Frauenbewegung in Schweden wirklich einsetzte, dass Frauen ein Recht auf eine freie Entwicklung haben müssen und als vollwertige Staatsbürger anerkannt werden müssen, da die Männer als Barbaren die Welt zerstört hätten und nur Frauen wieder einen Ausgleich bringen könnten. Da Thorild auch noch gleichzeitig forderte, dass für eine Verbindung zwischen Mann und Frau die Liebe entscheiden solle und das Werk auch noch gleichzeitig in Dänisch erschien, wurde Thorild auch aus Dänemark ausgewiesen.

Der nächste Aufenthaltsort Thomas Thorilds wurde dann Greifswald, wo er zum Universitätsbibliothekar mit Professortitel ernannt wurde. Dort veröffentlichte Thorild auch sein letztes Werk Handbok för omtänksamma hushåld i diäten, das jedoch kaum Aufsehen erregte.

Thomas Thorild war ein literarischer Revolutionär, der nur das Problem hatte sich selbst zu wichtig zu nehmen und daran glaubte, dass er mit seinen Schriften die Welt in kürzester Zeit verändern könne. Auch wenn viele seiner Visionen sich viel später als sinnvoll und richtig zeigten, so sah er sich als einen Messias und glaubte über dem Staatssystem zu stehen. Auch wenn seine Werke heute kaum noch revolutionär sind und sein Stil von einer Überheblichkeit zeugt, gehört er mit zu den weitsichtigsten Schriftstellern des 18. Jahrhunderts, der jedoch ein Jahrhundert zu früh geboren wurde.

Copyright: Herbert Kårlin

1 december 2012

Johan Henric Kellgren, erster Vorsitzender der Svenska Akademien

Johan Henric Kellgren wurde am 1. Dezember 1751 als Sohn des Priesters Jonas Kiellgren und dessen Frau Christina Elisabeth von Wulff in Floby bei Falköping geboren und starb am 20. April 1795 im Alter von 43 Jahren in Stockholm.

Im Elternhaus erhielt Johan Henric Kellgren eine religiöse bürgerliche Erziehung, die dann am Gymnasium in Skara bis zur Hochschulreife fortsetzte. Im Jahre 1768 studierte Kellgren dann an der Königlichen Akademie in Åbo (Turku), ein Studium, das er 1772 mit einem Magister in Philosophie abschloss. Zwei Jahre später wurde der Dichter dort als Professor für allgemeine Wissenschaften angestellt.


Bereits 1770 war Johan Henric Kellgren Mitglied der literarischen Gesellschaft Aurora in Åbo geworden. In der Zeitschrift des Vereins erschienen dann auch die ersten Gedichte Kellgrens, die er allerdings noch unter einem Pseudonym veröffentlichte.

Als Johan Henric Kellgren im Jahre 1777 nach Stockholm kommt, erhält er unmittelbar eine Anstellung als Privatlehrer bei Johan August Meijerfeldt und veröffentlicht dort seiner Gedichte Sinnenas förening und Mina löjen in Carl Christoffer Gjörwells Zeitschrift Samlaren, wobei einige seiner Werke dieser Zeit auch mit Preisen der Vitterhetsakademien ausgezeichnet wurden und in den literarischen Kreisen der schwedischen Hauptstadt Aufmerksamkeit erregten.

Nur ein Jahr später gründete Johan Henric Kellgren, gemeinsam mit seinem Freund Carl Peter Lenngren und dem Buchhändler Johan Christopher Holmberg die Stockholms-Posten, dessen erste Nummer am 29. Oktober 1778 erschien und bis 1833 bestand. In dieser Zeitung wirkte Kellgren als der erste Theaterkritiker Schwedens. Das Ziel der Stockholms-Posten war weniger allgemein zu informieren, sondern einen Beitrag zur Bildung zu leisten.

Durch seine Aktivitäten und einige Reden, die Johan Henric Kellgren für bedeutende Feste von Gustav III. geschrieben hatte, fiel der Dichter dem König auf. Gustav III. verlieh Kellgren eine Künstlerpension, damit sich dieser ganz auf das Schreiben konzentrieren konnte. Diese Pension stieg noch zusätzlich als Kellgren zum königlichen Bibliothekar ernannt wurde und schließlich auch zum Privatsekretär aufstieg.

Auch seinen weiteren Aufstieg verdankte Johan Henric Kellgren dem König, denn nachdem der Dichter 1777 bereits Sekretär des Ordens Utile Dulci geworden war, wurde Kellgren 1785, gemeinsam mit Abraham Niclas Clewberg, zum königlichen Hofzensor ernannt. Als Gustav III. dann im Jahre 1786 die Svenska Akademien gründete, so wählte er Kellgren nicht nur als Mitglied aus, sondern beauftragte ihn gleichzeitig mit dem Vorsitz. Am 18. April 1788 wurde der Dichter dann auch noch in die königlichen Musikaliska Akademien gewählt.

Kellgren passte sich bei seinen Werken sehr stark dem Geschmack des Königs Gustav III. an mit dem er im Jahre 1782 auch gemeinsam die Oper „Gustaf Wasa“ schrieb. In mehreren seiner Werke kritisierte Kellgren damalige Gegenwartsautoren, die nicht seiner Meinung waren und die französische Aufklärung als Einflussquelle für die schwedische Literatur und Kunst ablehnen. In diesem Rahmen zettelte Kellgren auch den ersten literarischen Kampf Schwedens mit Thomas Thorild aus, der sich über mehrere Jahre erstreckte und im Grunde erst dadurch endete, dass sich beide Autoren auch anderen literarischen Strömungen öffneten.

Johan Henric Kellgren kann als der bedeutendste Erneuerer der schwedischen Literatur Ende des 18. Jahrhunderts betrachtet werden, denn er verschloss sich den Vorstellungen der schwedischen Übermacht in Kunst und Literatur, die nur aus der Vergangenheit schöpfte. Als Anhänger Voltairs war Kellgren der erste einflussreiche Befürworter der Aufklärung und sollte damit das gesamte Kunstverständnis Schwedens in neue Bahnen leiten.

Durch den frühen Tod entging Johan Henric Kellgren allerdings auch den Problemen, die sich bereits am Himmel zeigten, denn der Schriftsteller wollte die Veränderungen unmittelbar erreichen und war bereits in der Gunst Gustv III. am sinken und hatte sich zahlreiche Feinde in der literarischen Elite Stockholms geschaffen. Durch seinen Tod verlor jedoch die Kritik an Kellgren seine Funktion, was die Literatur endgültig für einen neuen Weg öffnete.

Copyright: Herbert Kårlin