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13 juni 2013

Emilie Risberg und der historische Roman Schwedens

Emilie Risberg wurde am 10. Juni 1815 als Tochter des Landvermessers und Postbeamten Benjamin Risberg und dessen Frau Hedvig Catharina Smedberg in Skara geboren und starb am 11. November 1890 im Alter von 75 Jahren in Örebro. Risberg war nie verheiratet.

Auch wenn Emilie Risberg in einem bürgerlichen Heim aufwuchs, so wurde sie nur zu Hause unterrichtet, da es um diese Zeit keine Schulen für Mädchen in Schweden gab. Nach eigenen Aussagen war die häusliche Ausbildung sehr dürftig und Risberg musste sich ihr Wissen daher auf eigene Weise beschaffen und konnte durch Selbststudium ein beachtliches Niveau erreichen.

Emilie Risberg, Zeitschrift Idun Nummer 48, 1890

Die mangelnde Ausbildung für Mädchen mit den entsprechenden Folgen für die Situation der Frau beschäftigte Emilie Risberg sehr früh. Bereits in den 30er Jahren entschied sie sich daher dazu eine Mädchenschule zu gründen. Zu diesem Zweck zog sie nach Mariestad, wo sehr viele reichere Familien bereit waren ihre Töchter von einer jungen Lehrerin unterrichten zu lassen, da sie dies entlastet, wobei sie dabei natürlich nicht bedachten, dass Risberg dabei auch auf das Selbstbewusstsein ihrer Schülerinnen einwirkte.

Die kleine Mädchenschule in Mariestad bestand bis 1950, dem Jahr, als Emilie Risberg den Ort verließ um als Privatlehrerin nach Örebro zu gehen. In Örebro unterrichtet Risberg mehrere Jahre lang in einigen progressiven Familien den weiblichen Nachwuchs, wobei sie jedoch dabei auch ihre Begrenzungen sah, da sie dadurch nur einige wenige ausgewählte Mädchen unterrichten konnte, ihr Ziel jedoch war allen Frauen eine Bildung zu ermöglichen.

Als Emilie Risberg 1861 begann Schülerinnen wieder zu Hause zu unterrichten, hatte sich ihr Ruf schon so verbreitet, dass sie bereits zum Jahresende zwei zusätzliche Lehrerinnen beschäftigen musste und Räume benötigte. Zwei Jahre später öffnete sie dann die erste Mädchenschule Örebros, die unter dem Namen Risbergska Skolan bekannt wurde, 50 Schülerinnen hatte und dafür zwölf Lehrer benötigte.

Die literarische Aktivität von Emilie Risberg geht auf die Zeit in Örebro zurück, wo sie, vermutlich, inspiriert von den höheren und gebildeten Familien in denen sie verkehrte, zu schreiben begann, anfangs nur für den Unterricht und um die Gedichte und Texte innerhalb des Familienkreises vorzutragen oder zu lesen und ab 1856 mit En Karlsbaderskiss auch öffentlich, wenn auch unter der Signatur E. R., also anonym.

Die Mehrheit der Werke von Emilie Risberg erschienen in den 60er Jahren, wobei sich die Schriftstellerin dabei auf populärwissenschaftliche Geschichtsromane spezialisierte, die sich dadurch auszeichneten, dass sie geschichtliches Wissen auf sehr unterhaltsame Weise vermittelte und dadurch auch einen breiten Leserkreis erschließen konnte, auch wenn dies verhinderte, dass sie von der offiziellen literarischen Schicht Schwedens anerkannt wurde, ebenso wenig wie Marie Sophie Schwartz, die um die gleiche Zeit literarisch aktiv war.

Literaturwissenschaftler kritisieren bei Emilie Risberg noch heute, dass sie keine Erneuerin der weiblichen Literatur Schwedens war, ohne zu bedenken, dass dies nie das Ziel von Risberg war, die sich vor allem um eine bessere Bildung der Frauen kümmerte und ihre Bücher nicht für eine literarische Elite schrieb, sondern um auch  jenen den Zugang zur Literatur zu ermöglichen, denen diese bisher versagt war. Die Revolution der Schriftstellerin lag daher nicht im literarischen Bereich, sondern im gesellschaftlichen.

Auf Grund eines Augenleidens musste Emilie Risberg jedoch bereits in den 70er Jahren auf das Schreiben verzichten und im Jahre 1978 übergab sie auch ihre bereits erfolgreiche Schule zwei ihrer Lehrerinnen, die sie in ihrem Sinne weiterführten.

Auch wenn die Werke von Emilie Risberg heute nahezu vergessen sind und vor allem einen kulturhistorischen Wert haben, so gehört sie zu jener Generation Frauen, die Schweden zum Umbruch verhalfen, zu jenen Frauen, die bewiesen, dass auch Frauen denken und schreiben können und nicht mehr von der Gnade der Männer abhängen.

Nach einigen Literaturwissenschaftlern geht die schriftstellerische Aktivität von Emilie Risberg auf die Ermunterung von Fredrika Bremer zurück, was jedoch nicht eindeutig bestätigt werden kann, obwohl es sehr wahrscheinlich ist, dass sich die beiden Frauen trafen als Bremer in Örebro war. Da jedoch nach dem Treffen keinerlei Schriftwechsel nachzuweisen ist, ist anzunehmen, dass die beiden Frauen zur Frauenbewegung Schwedens sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten.

Copyright: Herbert Kårlin

3 juni 2013

Sofia Bolander und der weibliche Tendenzroman Schwedens

Sofia Bolander wurde am 28. Januar 1807 als Tochter des Ingenieurs Gustav Erik Bolander und dessen Frau Johanna Kristina Carlström in Göteborg geboren und starb am 2. Juni 1869 im Alter von 62 Jahren ebenfalls in Göteborg.

Da die Mutter von Sofia Bolander sehr früh starb, wurde das Mädchen in ein Pensionat nach Karlstad geschickt, wo sie erzogen wurde und ihre Ausbildung erhielt. Als die Schriftstellerin 18 Jahre als war, wurde sie Privatlehrerin in einem wohlhabenden Haus. Bolander entdeckte jedoch bald, dass ihr dieser Beruf nicht zusagte und zog daher 1844 zurück nach Göteborg. Zurück in der westschwedischen Stadt gab die Autorin dann vor allem Musikunterricht um sich ernähren zu können und intensivierte ihre Arbeit als Schriftstellerin.

Sofia Bolander, Holzschnitt eines unbekannten Künstlers

Auch wenn man über die Einflüsse, die Ausbildung und den Werdegang von Sofia Bolander sehr wenig weiß, so gibt ihr erstes Buch, das 1849 unter dem Titel Tant Agnetas aftonberättelser erschien, einen gewissen Aufschluss darüber, dass die Schriftstellerin die Werke von Fredrika Bremer kannte und mit der Art ihrer eigenen Erziehung wenig einverstanden war, denn dieses erste Buch Bolanders, eine Art Jugendbuch, handelt vor allem von der Erziehung eines Mädchens in Hinblick auf die Aufgaben der zukünftigen Frau nach einer moderneren Theorie.

Mit dem Werk Tant Agnetas aftonberättelser erregte Sofia Bolander, die das Buch unter dem Pseudonym „S-e-der“ veröffentlicht hatte, ein bedeutendes Aufsehen, da sie die gesamte Erziehung jener Zeit in Frage stellte, die, in ihren Augen, die Frau in ihrer freien Entwicklung nur behindert. Allerdings ging Bolander bei weitem nicht so weit wie Bremer, denn sie sah nur die innere persönliche Entwicklung der Frau, nicht das politische System. Das Ziel der Heldinnen ihrer Bücher war daher immer die Ehe und nicht die absolute Unabhängigkeit innerhalb der Gesellschaft. Diese Einstellung Bolanders führte auch dazu, dass sie weder von den Feministinnen ihrer Zeit voll anerkannt wurde, noch aber von der Gesellschaft, da ihre Ideen für die eine Seite zu revolutionär waren und für die andere Seite nicht weit genug gingen.

Bevor dann im Jahre 1845 Trolldomstecknet, der erste Roman von Sofia Bolander, erschien, schrieb die Schriftstellerin zahlreiche Artikel und Novellen für die Göteborgs handels- och sjöfartstidning, das Aftonbladet, die Post- och inrikes tidningar und andere Publikationen.

Obwohl Sofia Bolanders Roman Trolldomstecknet von literarischer Warte aus nicht unbedingt als Meisterwerk betrachtet werden kann und beim Erscheinen von den verschiedensten Seiten stark kritisiert wurde, schuf die Schriftstellerin damit den ersten Tendenzroman Schwedens. Bolander legte hier einen stark antiaristokratischen Roman vor, der auf die damalige Zeitströmung sehr deutlich eingeht, aber da die Autorin weder in literarischen Kreisen verkehrt noch eine literarische Ausbildung hinter sich hatte, bleiben ihn ihrem Buch viele Fragen offen und der Leser spürt, dass die Autorin nicht in allen Punkten zu den Tiefen der Fragestellung vordringt.

Bis 1950 schreibt Sofia Bolander weiterhin Familienromane, die alle um die Freiheiten und die Rechte der Frau kreisen und insbesondere die Frage aufwerfen warum sich die Frau nicht durch eigene Arbeit versorgen darf, was in jener Epoche nur unverheirateten Frauen möglich war, denen zudem nur sehr wenige Berufe, insbesondere die Lehrerin, offen waren.

Mit Einbruch der 50er Jahre geht Sofia Bolander dann zum Geschichtsroman über bei dem jedoch nicht die geschichtliche Epoche bedeutend ist, obwohl man deutlich sieht, dass die Autorin ein sehr ausführliches Quellenstudium betrieb, sonder die Intrigen, die Liebesgeschichten und die Entwicklungen der handelnden Personen. Sofia Bolander greift hier den Stil der beiden französischen Schriftsteller Alexandre Dumas und Eugène Sue auf und gehört damit zu den Autoren Schwedens, die den Novellenroman einführen. Bolander macht sich hierbei jedoch nicht nur als Autorin von Büchern bemerkbar, sondern schreibt auch, im Sinne von Sue, für Zeitungen und Zeitschriften in denen die Leser dann regelmäßig dem Fortschritt der Novellen folgen können.

Der Schriftstellerin Sofia Bolander war nach ihrem Tode sehr bald vergessen und folgte damit dem Schicksal ihrer Buchheldinnen, denn sie hatte unter den literarischen Kreisen Schwedens keine Unterstützung und Feministinnen wollten ihre Theorien, die immer ein etwas religiös angehauchter Mittelweg zwischen Frauenunterdrückung und Frauenbefreiung war, so schnell wie möglich vergessen und vergaßen dabei, dass Bolander gerade die unentschiedene Frau ansprach, die erst zu sich selbst finden musste bevor sie den nächsten Schritt zur Gleichberechtigung geht.

Obwohl Bolander eine wichtige Rolle innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte der weiblichen Autoren spielt, wird sie heute nur noch selten in einem der Standardwerke der schwedischen Literatur aufgenommen und muss erst neu entdeckt werden.

Copyright: Herbert Kårlin

28 april 2013

Mathilda Roos und der Kampf für die Freiheit der Frau

Mathilda Roos wurde am 2. August 1852 als Tochter des Oberst Malte Leopold Roos und dessen Frau Mathilda (Thilda) Beata Meurk in Stockholm geboren und starb am 17. Juli 1908 in Stocksund. Roos war nie verheiratet.

Nach eigenen Erzählungen wuchs Mathilda Roos in einem glücklichen bürgerlichen Heim auf in dem Bildung eine wichtige Rolle einnahm. Die Eltern zeigten sich in Fragen der Kindererziehung als liberal, was in jener Zeit eine bedeutende Rolle spielte, da in den gehobenen Kreisen auch die ersten Jahre der schulischen Erziehung zu Hause stattfanden. Erst zwischen 1867 und 1869 besuchte Roos die private Mädchenschule Åhlinska skolan in Stockholm.

Mathilda Roos, Vit Ljung, Albert Bonniers Förlag

Nach ihrem Schulabschluss hatte Mathilda Roos, wie jede Frau der gehobenen Schicht, im Grunde nur noch die Aufgabe das gesellschaftliche Leben zu pflegen und auf einen Ehemann aus ebenfalls gutem Hause zu warten. Sehr bald war Roos dieser Müßiggang jedoch nahezu lästig und sie begann sich, gemeinsam mit ihrer Schwester Anna, weiterzubilden, Kleider zu nähen und öffnete selbst eine Nähschule für arme Kinder. Roos fand auch einen zukünftigen Ehemann, Gotthard Dahlerus, zumindest kam es bis zur Verlobung, diese wurde jedoch zu Beginn der 80er Jahre aufgehoben, da der Zukünftige vermutlich mit dem Freiheitsstreben der modernen Frau jener Zeit überfordert war.

In den Jahren des Müßiggang hatte Mathilda Roos auch begann zu schreiben, aber glücklicherweise blieben die ersten der Novellen nur in der Schublade liegen und nur die besten unter ihnen wurden im Svenska familje-journalen veröffentlicht. Aber diese Beschäftigung führte immerhin dazu, dass sich Roos mit ihrem Stil beschäftigte und an sich arbeitete.

Bereits 1881 erschien dann der erste Roman von Mathilda Roos, wobei Marianne unmittelbar ein Erfolg wurde, da die Schriftstellerin hier im Stile von August Strindbergs Röda Rummet einen realistischen Roman vorlegte, der mehr an die Literatur Dänemarks und Frankreichs denken ließ als an die schwedische Literatur dieser Epoche. Auf Grund des Erfolgs von Marianne veröffentlichte das Stockholms Dagbladet dann ihren kommenden Roman Höststormar als Feuilleton und Roos wurde in einem Zug mit Max Nordau, Eduard von Hartmann und Jens Peter Jacobsen genannt.

Das Werk Höststormar, das vermutlich auch einer der Gründe war, dass ihr „Zukünftiger“ die Verlobung auflöste, sollte der letzte Roman von Mathilda Roos werden, der unter die Gruppe des realistischen Romans fiel, denn sie entblößte hier mit einer satirischen Klarheit das Stockholmer Gesellschaftsleben, inklusive ihrem erotischen Verhalten, so dass die Schriftstellerin nahezu zu einer Person non grata in der gehobenen Schicht der Hauptstadt wurde nicht zuletzt auch deswegen, weil sie als Frau nach der geltenden Gesellschaftsnorm über diese Dinge zu schweigen hatte. Der Erfolg des Feuilletons war auch, dass Roos den Roman überarbeiten musste und er erst 1887 in revidierter Form erschien.

Die beißende Kritik an Höststormar, der Tod ihres Vaters im Jahre 1882 und die damit zusammenhängenden finanziellen Probleme, die zerbrochene Verlobung und ein beginnendes schmerzhaftes Nervenleiden führten dazu, dass Mathilda Roos davon überzeugt wurde, dass die die Religion und der Glaube die Zukunft weisen müssen. Diese Überzeugung spürt man auch in allen zukünftigen Werken der Schriftstellerin, denn sie geht von einer satirischen Kritik auf ein Gefühl der Mitmenschlichkeit über.

All diese Probleme bremsten jedoch nicht die literarische Leistung von Mathilda Roos, denn sie schrieb nun einen Roman nach dem anderen und wurde Mitglied in zahlreichen literarischen und gesellschaftskritischen Vereinen, unter anderem dem Fredrika Bremer Verband, den Gesellschaften Nya Idun und Heimdal und mehreren Künstlergilden Stockholms, auch wenn die Schriftstellerei nach wie vor ihre Hauptbeschäftigung blieb.

Als Mathilda Roos ihre literarische Richtung ändert und von der Sensation zur Gesellschaftskritik wechselt, wenden sich die Kritiker von ihr ab und stufen sie als Autorin ein, die auf Grund ihres Glaubens moralisierend wird, was jedoch mehr darauf hinzuführen ist, dass sie enttäuscht davon sind keine Skandale mehr geboten zu bekommen und die Bücher der Autorin nicht mehr lesen, denn die literarische Kursänderung führt zu einigen der bedeutendsten Werke der Schriftstellerin und beweisen eine Gesellschaftskritik und eine Weitsicht, die um diese Zeit selten war, auch wenn ihre christliche Anschauung eine gewisse Rolle für die Handlungen spielt.

Als deutliche Beispiel kann man hier die Werke Hårdt mot Hårdt sehen, ein Angriff auf die Doppelmoral der Zeit mit den sexuellen Belästigungen, die Frauen im Arbeitsleben akzeptieren müssen, Hvit ljung, in dem Mathilda Roos die harte Situation der Lehreren Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt, Familj Verle, wo die Töchter gegen die Diktatur der väterlichen Macht revoltieren oder Den första kärleken in der sie die lesbische Liebe verteidigt, ein Buch, das später ein Standardwerk der Frauenbewegung wurde.

Mathilda Roos mischte sich mit einigen längeren Artikeln auch in die Debatte um Ellen Key ein in denen sie der Schriftstellerin ihre Einstellung zur geschlechtsspezifischen Trennung von Mann und Frau vorwarf, die die Frau in ein System steckt in dem sie nur Verliererin sein kann, da die Frau dabei ihrer Freiheit und freien Entscheidung beraubt wird, da sie das Zentrum der Familie sein muss und, nach der Theorie von Keys, für die Erziehung und den Haushalt verantwortlich zeichnen muss und der Mann im Beruf steht.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte Mathilda Roos in ihrem Haus Furuliden in Stocksund, das sie, gemeinsam mit ihrer Schwester Anna und der Jugendfreundin Laura Fitinghoff, erbauen lassen hatte und nach ihrem Tod ein Heim für bedürftige Frauen wurde. Als sie bereits im Sterben lag, traf sie auch ihren ehemaligen Verlobten Gotthard Dahlerus wieder, der Tag für Tag an ihrem Totenbett saß.

Copyright: Herbert Kårlin

Göteborg Reiseführer Göteborgs Tanz- und Theaterfestival

27 april 2013

Mia Leche-Löfgren und die autobiographische Literatur Schwedens

Mia Leche-Löfgren, geborene Leche, wurde am 10. Oktober 1878 als Tochter des Zoologen Wilhelm Leche und dessen Frau Minchen Sager in Lund geboren und starb  am 8. April 1966 im Alter von 87 Jahren in Stockholm. Leche-Löfgren war von 1900 bis 1908 in erster Ehe mit der Schreibkraft Fredrik von Friesen und ab 1909 mit dem Politiker und Rechtsanwalt Eliel Löfgren verheiratet.

Ihre Kindheit verbrachte Mia Leche-Löfgren in einem sehr bürgerlichen Elternhaus, das ihr jedoch große Freiheiten ließ und sie sehr früh mit dem kulturellen und politischen Leben der Stadt vertraut machte. Leche-Löfgren bezeichnete sich selbst als Kind des Liberalismus der 90er Jahre.

Mia Leche-Löfgren,  Ellen Key: Hennes liv och verk, Förlag Naturoch Kultur, 1930

Die Eltern schickten Mia Leche-Löfgren in die sehr progressive Whitlockska Skolan in Stockholm in der Ellen Key eine ihrer Lehrerinnen war, was einen tiefen Eindruck bei der Schriftstellerin hinterließ. An die Öffentlichkeit tritt Leche-Löfgren erstmals im Jahre 1906, als die Ehe mit ihrem ersten Mann bereits in der Krise war. Ihre erste Aufgabe bei der konservativen Zeitschrift Vårt land, wo sie sie zwei Jahre lang als Literaturkritikerin arbeitete, war Bücher zu rezensieren um die sich Carl David af Wirsén nicht kümmerte. Die Journalisten überzeugte bei ihren Kritiken mit ihrer Offenheit, auch wenn sie bald feststellte, dass die Zeitung nicht ihre Ideen vertrat.

Zwischen 1908 und 1930, nach ihren Erfahrungen mit Vårt land, erscheinen nur wenige kleinere Werke und Pamphlete von Mia Leche-Löfgren, die in dieser Zeit auch den Journalismus ziemlich ruhen lässt. Dafür ist Leche-Löfgren nun politisch sehr aktiv, denn 1914 findet man sie unter den Gründerinnen der Frisinnade kvinnor und ein Jahr später taucht ihre Name unter der Gründerinnen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit auf. Ihre Aktivitäten für die Freiheit der Frau und die Friedensbewegung führen die Journalisten und Schriftstellerin durch mehrere Länder und sie entwickelt sich in dieser Zeit zu einer der bedeutendsten Rednerinnen der schwedischen Frauenbewegung.

Erst 1930, als Mia Leche-Löfgren bereits 52 Jahre alt war, erscheint ihr erstes Buch, eine Biographie über Ellen Key. Diesem Buch folgen in den nächsten Jahren einige autobiographische Werke, die jedoch weitaus weniger Beachtung fanden als ihr Buch über Ellen Key.

Ab 1934 kehrte Mia Leche-Löfgren auch voll zum Journalismus zurück und beginnt ihre Arbeit bei Idun. Die Mitarbeit bei dieser Zeitschrift macht die Journalistin und Schriftstellerin auf nationaler Ebene bekannt, zumal sie dort über sehr unterschiedliche Themen berichtet und mit ihrem einfachen Stil überzeugt. In dieser Zeit intensiviert sich auch ihre Arbeit mit der Göteborgs Handels- och Sjöfartstidning wieder, die einzige Zeitung für die sie auch die vorhergehenden Jahre immer wieder aktiv war. Sehr bald wechselte Leche-Löfgren dann jedoch zur damals aufsteigenden Göteborgs-Posten über.

Im Verhältnis zu ihrer politischen Aktivität als Journalistin kam die literarische Aktivität von Mia Leche-Löfgren immer erst an zweiter Stelle, was sich auch in den 30er Jahren sehr deutlich zeigte, denn sie zeigte während des Aufstiegs von Adolf Hitler sowohl in ihren journalistischen Beiträgen als auch als Rednerin eine beißende Kritik gegen den Antisemitismus und macht jede Sekunde auf die Probleme Unterdrückter aufmerksam, wobei die Journalistin und Schriftstellerin sich auch an zahlreichen humanitären Einsätzen beteiligt.

Als 1940 der Ehemann von Mia Leche-Löfgren stirbt, zieht sie nach Göteborg um Torgny Segerstedt näher zu kommen und um ihn in seinem Kampf gegen den Nazismus zu unterstützen. Diese freundschaftliche Verbindung führt auch zu ihrem Buch Hård tid aus dem Jahre 1946 in dem sie Segerstedt, seine Umgebung und die Atmosphäre Göteborgs um diese Zeit auf vortreffliche Weise schildert.

Mia Leche-Löfgren versuchte bei ihrem literarischen Schaffen auf jede tiefsinnige Betrachtung und Analyse zu verzichten und wollte einen Realismus zeigen, den der Leser nachfühlen kann. Die Schriftstellerin benutzte daher bei allem was sie schrieb eine relativ einfache Sprache, die ein weiter Leserkreis verstehen konnte und leistete damit einen bedeutenden Beitrag zur Unterhaltungskultur, auch wenn Leche-Löfgren keine Neigung zur Belletristik hatte, sondern zum Reportageroman neigte.

Diese Neigung zu einer verständlichen Sprache zu greifen und auf tiefsinnige Gedanken zu verzichten, zeigt sich auch an den autobiographischen Werken der Autorin, denn für Mia Leche-Löfgren sind die Handlungen, die Geschehnisse und die einfache Sprache wichtiger als eine wirklich chronologische Darstellung oder ihre Einordnung in eine Zeitlinie. Diese Eigenart unterscheidet auch die autobiographischen Werke von Leche-Löfgren von jenen anderer Autoren, denn sie ist um diese Zeit die einzige Schriftstellerin, die autobiographische Romane zur Literatur macht.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte Mia Leche-Löfgren wieder in Stockholm, wo sie erneut in den intellektuellen Kreisen der Stadt aufgenommen wurde und eine Art Vertrauensstellung einnahm. Noch bei ihrem letzten Buch Bokslut aus dem Jahre 1962 findet man die gleichen Ideen der Autorin, die ihr ganzes Leben formten, denn sie schrieb eine Art Protestbuch und warnte von der Infiltration kommunistischer Kräfte innerhalb der Friedensbewegung, da die Friedensbewegung unabhängig von einer Parteirichtung sein muss, wenn sie Erfolg haben soll.

Copyright: Herbert Kårlin

25 april 2013

Ellen Key und die kulturelle Frauenbewegung Schwedens

Ellen Key wurde am 11. Dezember 1849 als Tochter des Postmeisters, Politikers und Gutsbesitzers Emil Key und dessen Frau, Gräfin Sophie Ottiliana Posse, in Gladhammar im Småland geboren und starb im Alter von 76 Jahren in Strand in Västra Tollstad. Key war nie verheiratet, da alle ihre Beziehungen scheiterten.

Im Gegensatz zu ihren Brüdern, die eine strenge Erziehung erlebten, wurde Ellen Key bereits während ihrer Kindheit mit Literatur versorgt, wobei ihre Ausbildung in den ersten Jahren von Gouvernanten übernommen wurde und sie daher erst 1864 oder 1865 in die Åhlinska Skolan kam, bevor Key anschließend in Stockholm eine Ausbildung zur Lehrerin begann. Nach eigenen Schilderungen war das Elternhaus gefühlsarm, denn die Schriftstellerin erinnerte sich später daran nicht ein einziges Mal Zärtlichkeit von Seiten der Mutter erlebt zu haben.

Ellen Key, Kärleken och Äktenskapet, Albert Bonniers Färlag

Bereits als Jugendliche kam Ellen Key in engsten Kontakt mit der freikirchlichen Erweckungsbewegung, die sie sehr stark prägte und alle ihre späteren Werke beeinflusste, auch wenn sie im Alter einen gewissen Abstand von der Religion nahm.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung als Lehrerin und einer Weiterbildung an der Danska Folkhögskolan arbeitete Ellen Key erst einige Jahre als Sekretärin ihres Vaters, der um diese Zeit einer sehr aktiven politischen Arbeit nachging. Diese Arbeit erlaubte es Key die Realität der Politik zu entdecken und sich eine persönliche Meinung zur Situation des schwedischen Staates zu bilden, was die Autorin allerdings auch einen Teil an Idealismus kostete.

Ab 1880 arbeitete Ellen Key in der vor kurzem gegründeten Anna Whitlock Skola, einer modernen Mädchenschule in der die Schülerinnen ihre Themen selbst wählen konnten, einen Schülerrat hatten sowie praktische und theoretische Arbeiten sich abwechselten. Ellen Key leistete einen großen Anteil an der Entwicklung der Schule, die in großen Linien ihren eigenen Ideen entsprach.

In den Jahren in denen Ellen Key an der Schule von Anna Whitlock arbeitete, entwickelte sie sich zu einer Kämpferin, die die Situation Schwedens verändern wollte und sie hielt im ganzen Land Vorträge. Key spricht vor Arbeitern, vor den Guttemplern, kämpft für das Wahlrecht der Frauen, gründete mit Amalia Fahlstedt den Verein Tolfterna und setzt sich für eine allgemeine Volksbildung ein. Viele ihrer Vorträge erscheinen auch als Pamphlete und kleinere Bücher und werden als der Beginn des literarischen Schaffens von Ellen Key betrachtet.

Am bekanntesten aus dieser Zeit wurde ihr Werk Missbrukad kvinnokraft, das nach einem ihrer Vorträge in Kopenhagen entstand. Bei diesem Büchlein stellt sich Key vollkommen gegen die Frauenbewegung Schwedens und damit den beginnenden Feminismus des Landes, denn sie wirft den Feministinnen vor bei ihren Forderungen gegen die weiblichen natürlichen Eigenschaften zu kämpfen. Während ihre These in Dänemark positiv aufgenommen wird, zeigt sich in Schweden eine Woge des Protests, da man mit der positiven Einstellung Keys zur Ehe und der von ihr propagierten getrennten Rolle von Mann und Frau nicht einverstanden sind.

Ab dem Jahre 1900 widmet sich Ellen Key ganz der Schriftstellerei, wobei im gleichen Jahr auch ihr bekanntestes Buch Barnets århundrade erschien, das bereits wenig später in 26 Sprachen übersetzt wurde und Ellen Key weltweit bekannt machte und ein neues Schulsystem propagierte, eine antiautoritäre Erziehung, die 60 Jahre später Alexander Sutherland Neill erneut verbreitete, wenn auch in einer extremeren Weise als Key, für die der Humanismus von Goethe wichtiger war als die Psychoanalyse Wilhelm Reichs für Neill.

Die sehr eigenwillige Meinung von Ellen Key zum Feminismus Schwedens und damit die Weigerung die Frauen zu unterstützen, die die Freiheit vom Patriarchat suchten, machten Key zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Hassfigur des Landes. Nachdem dann auch noch Vitalis Norström und Carl David af Wirsén öffentlich gegen Key auftraten, beging die Schriftstellerin eine Art Landesflucht und hielt in ganz Europa Vorträge, da man dort ihre Meinung mehr akzeptierte.

Während die Frauen Schwedens Ellen Key kritisierten, weil sie die Frau als das Zentrum eines Hauses und innerhalb einer Ehe sah, kritisierten Männer vor allem ihre Werke zur freien Liebe ohne Ehe, der Forderung nach einem Scheidungsrecht und nach einem neuen Ehegesetz, das den Frauen mehr Rechte geben sollte, da ihre Ideen das Patriarchat entmachten würde und die „männliche Tradition“ in Frage setzte.

Da Ellen Key sich in einer Zeit in der viele Frauen Schwedens die Unabhängigkeit suchten, mehr für die allgemeinen politischen Rechte der Frau einsetzte und auch das Recht der Frau auf Kultur und Bildung forderte, ging die Schriftstellerin einen Weg auf Messers Schneide. An ihrer klaren Meinung, die keine Abweichungen zuließ, scheiterte auch ihre Freundschaft mit August Strindberg, der sie später, wenig schmeichelhaft, als „Hanna Paj“ in seinem Buch Svarta fanor verewigte.

Erst ab 1910 begann sich die Meinung über Ellen Key auch in Schweden zu ändern, was zu einem sehr engen Verhältnis zu Schriftstellern wie Elin Wägner, Agnes von Krusenstierna, Hjalmar Bergman, Pär Lagerkvist und vielen anderen führte, die verstanden hatten, dass Key eine sehr wichtige Rolle für die Zukunft der schwedischen Frau spielte, gerade weil sie den Kampf als Auseinandersetzung ablehnte und eine humanistische Vision hatte, die weit in die Zukunft reichte.

Ellen Key, die am 25. April 1926 an einer Gehirnblutung starb, war eine der meist gelesenen Autorinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die mit ihren Büchern einen sehr wichtigen Beitag zur Frauenbewegung Europas leistete, auch wenn ihre Meinung heute mehr aus historischer Warte betrachtet werden muss und nicht mit den Augen der heutigen Gesellschaft, da die Frau in Schweden keinerlei Rechte hatte als Key ihre Bücher schrieb und sie nur dann frei leben konnte, wenn sie nicht verheiratet war und ein eigenes Einkommen hatte.

Copyright: Herbert Kårlin

Pferdesport in Göteborg

23 april 2013

Ulla Isaksson und ein Blick in die Seele der Frau

Ulla Isaksson, geborene Lundberg, wurde am 12. Juni 1916 als Tochter des Disponenten Knut Lundberg und dessen Frau Greta Bransch in Stockholm geboren und starb am 24. April 2000 in Vallentuna. Isaksson war in erster Ehe mit dem Ingenieur David Isaksson verheiratet und ab 1963, in zweiter Ehe, mit dem Literaturwissenschaftler Erik Hjalmar Linder.

Ihre Kindheit verbrachte Ulla Isaksson in einer sehr gläubigen freikirchlichen Gemeinschaft, was auch erklärt, warum zahlreiche ihrer Werke immer wieder auf Gott, die Frau und die Liebe zurückkehren. Da das Elternhaus relativ wohlhabend war, sorgte die Familie dafür, dass die spätere Schriftstellerin auch eine sehr gute Bildung erhielt und im Jahre 1937 ihr Abitur in der humanistischen Linie ablegte.

Ulla Isaksson, Boken om E, Albert Bonniers Förlag

Kaum ein Jahr nach ihrem Abitur heiratete Ulla Isaksson den Ingenieur David Isaksson und bereits 1940 erschien dann ihr erster Roman Trädet, der der Beginn ihrer Auseinandersetzung mit der Religion war, einer Phase, die über zehn Jahre lang dauern sollte und in Form von mehreren Büchern ein Zeitdokument ist, das in Romanform beschreibt wie schwierig es ist sich aus den Bann einer strikten Religion zu befreien.

Die Schriftstellerin betrachtet diese ersten Werke, die alle in den 40er Jahren erschienen, nicht als Literatur, da sie mit diesen Romanen nur ihre Vergangenheit bewältigen wollte, auch wenn diese Romane, die sie vor Ytterst i havet schrieb, für den Leser eindeutig literarisch sind und die erste Phase ihrer literarischen Aktivität ausmachen.

Erst Ytterst i havet aus dem Jahre 1950 betrachtete Ulla Isaksson als literarisches Werk, vermutlich, weil sie sich bei diesem Roman endgültig von der strikten Religion der Freikirche Immanuelskyrkan gelöst hatte und zu einer ergreifenderen Einstellung des Glaubens fand und auch erstmals mit den Konventionen des literarischen Schreibens bracht und einen eigenen Stil gefunden hatte.

Ihren Durchbruch als Schriftstellerin hat Ulla Isaksson mit ihrem Roman Kvinnohuset (Das Haus der Frauen) im Jahre 1952, einem Roman, der nicht nur ein Bestseller wurde, sondern auch nahezu unmittelbar verfilmt wurde, auch wenn die Zensur forderte eine homosexuelle Szene zu entfernen. Kvinnohuset ist eine Revolution der 50er Jahre, denn in einem Stockholmer Haus leben nur Frauen, die sich selbst versorgen und teilweise eine sehr freizügiges Leben führen und damit im Grunde eine Szene nach den 68 Jahren schildert, nur eben rund 20 Jahre früher.

Die Stärke von Ulla Isaksson ist dabei das Gefühlsleben der Frauen zu schildern, eine Eigenschaft, die man in allen ihren Büchern ab den 50er Jahren finden kann. Aus den anfangs religiösen Themen, zu denen auch ein Buch über die Hexenverfolgung in Dalarna gehört, greift Isaksson immer mehr zu zeitnahen Themen der Zwischenmenschlichkeit, die zeigen, dass das Alltagsleben gar nicht so alltäglich ist wenn man in die Seele des einzelnen Menschen sieht. Für Isaksson handelt es sich dabei vor allem um die Seele der Frau.

Neben ihren Romane schrieb Ulla Isaksson auch die Manuskripte für die Verfilmungen ihrer Bücher, wobei sie von Ingmar Bergman auch beauftragt wurde das Manuskript zu seinem Film Jungfrukällan zu schreiben. Bergman hatte bereits vorher ihr Buch Det vänliga, värdiga verfilmt und machte aus De två salige einen Fernsehfilm. Neben Bergman griffen auch Gunnel Lindblom und Vilgot Sjöman zu ihren Büchern und Manuskripten, da Isaksson so bildlich schrieb, dass ihre Handlungen auch immer einen guten Film versprachen, der das Gefühlleben der handelnden Personen aufdeckte.

Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann, Erik Hjalmar Linder, schrieb Ulla Isaksson Ende der 70er Jahre die vermutlich beste Biographie über Elin Wägner, die in zwei Bänden mit den Titeln Elin Wägner, amazon med två bröst und Elin Wägner, dotter av moder jord erschienen, da sich die Autorin hier in ihre Hauptfigur versetzt und dem Leser den Kampf der Frau für ihre Rechte von gefühlsmäßiger Seite schildert ohne jedoch die Fakten zu vernachlässigen.

Das letzte Buch von Ulla Isaksson erschien im Jahre 1994, ein Buch, das unter dem Titel Boken om E erschien und in Form eines Romans die Phase ihres Lebens beschreibt in der sie die Entwicklung von Alzheimer an ihrem Mann erlebt und dem Leser einen authentisches Bericht liefert, ein Erlebnis bei dem sich Isaksson immer wieder erneut die Frage stellt wann ihr Mann sie erkennt, in welchen Momenten er ihr ein Schauspiel bieten und wann er in einer Parallelwelt lebt in der er letztendlich ganz verschwinden wird.

Auch dieser letzte Roman Boken om E von Ulla Isaksson wird im Jahre 2001 verfilmt und kam ein Jahr nach dem Tode der Autorin ins Kino. Und auch für die Hauptdarstellerin des Filmes, Viveka Seldahl, wird es die letzte Rolle, denn diese stirbt kurz nach der Premiere von En sång för Martin, wie der Film genannt wird und im Folkets Hus in Hamburgsund Premiere hat, an Krebs.

Ulla Isaksson wurde 1978 der Ehrendoktor in Philosophie verliehen, 1995 erhielt sie den Selma Lagerlöf-Preis und 1999 den Sonderpreis der literarischen Gesellschaft De Nio. Heute ist Isaksson erstaunlicherweise mehr für ihre Manuskripte als für ihre Romane bekannt, wobei sie auf Grund ihrer Leistungen sowohl in die Literaturgeschichte als auch die Filmgeschichte Schwedens eingeht.

Copyright: Herbert Kårlin

20 april 2013

Dagmar Edqvist und die selbständige Frau des 20. Jahrhunderts

Dagmar Edqvist (offiziell Edquist), geborene Jansson, wurde am 20. April 1903 als Tochter des Lektors Hjalmar Jansson und dessen Frau Hermanna Krokstedt in Visby auf Gotland geboren und starb am 21. Januar 2000 im Alter von 96 Jahren in Luleå. Edqvist war ab 1923 mit dem Beamten Torgny Edqvist verheiratet.

Die Schriftstellerin Dagmar Edqvist wuchs in einem bürgerlichen Haus in Visby auf, wobei der Vater auch im Stadtrat saß und andere öffentlichen Aufgaben übernommen hatte. Edqvist wurde jedoch im freien Geiste erzogen ohne religiösen Druck und mit dem Gedanken nicht fremde Meinungen einfach zu übernehmen, sondern die Wahrheit zu suchen. Dieses Gefühl vermittelt sie Autorin auch in ihren Büchern, die teilweise selbst auf Gotland handeln.

Dagmar Edqvist, Den svarta systern, Albert Bonniers Förlag, Titel: Svenolov Ehrén

Im Jahre 1922 legte Dagmar Edqvist in Visby die Hochschulreife ab und ein Jahr später heiratete sie den damaligen Lehrer Torgny Edqvist. Womit sich die Schriftstellerin zwischen 1922 und 1927 beschäftigte, ist eine Lücke, denn erst 1927 schreibt sie sich an der Universität im französischen Dijon ein und nach ihrer Rückkehr aus Frankreich wird sie Sekretärin eines Chefarztes im Sankt Olofs Krankenhaus in Visby.

Literarisch trat Dagmar Edqvist erstmals im Jahre 1932 an die Öffentlichkeit und lieferte mit ihrem Roman Kamrathustru (Frau und Kamerad) ein Buch, das vom ersten Tag an stark diskutiert wurde, da die Schriftstellerin in ihrem Werk nicht nur sehr persönlich über zwischenmenschliche Probleme schrieb, sondern ihre Hauptfigur auch noch eine selbstständige, moderne Frau war, die wusste was sie will und sich nicht der Männergesellschaft unterordnete. Der Roman Kamrathustru wurde, nachdem er 1941 unter dem Titel Livet går vidare verfilmt worden war, in mehrere Sprachen übersetzt, unter anderem ins Deutsche und Französische.

Diese moderne und kultivierte Frau der Mittelklasse in den Romanen Edqvists gehört zu den Leitlinien, die man auch in den späteren Büchern von Dagmar Edqvist findet, ohne dass die Autorin sich jedoch der Frauenbewegung anschließt, da sie der Meinung ist, dass sich jede Frau selbst befreien kann und muss.

Nach einem weiteren Roman und einem Theaterstück in drei Akten legte Dagmar Edqvist im Jahre 1937 erneut einen Roman vor, der bedeutendes Aufsehen erregt und auf eine tatsächliche Geschichte aufbaute. In Fallet Ingegerd Bremssen wird die Hauptfigur vergewaltigt, wobei der Leser die Fortsetzung aus psychologischer Sicht verfolgt, denn Ingegerd Bremssen kann ihre Erziehung mit allen Konsequenzen nicht zur Seite schieben und fühlt sich entehrt, ihr Leben ist zerstört. Sie löst ihre Verlobung auf, verlässt den Ort und tötet letztendlich den Vergewaltiger.

In der Tat hat Dagmar Edqvist nie ein Buch veröffentlicht, das der reinen Unterhaltung dienen sollte, denn sie suchte immer ein gesellschaftliches Problem, das sie zur Diskussion stellen wollte. Diese Einstellung findet man auch in ihren historischen Büchern, die das Gotland der Wikingerzeit schildern und auch in ihren Romanen, die in Afrika spielen, einem Kontinent in dem sie selbst mehrere Jahre verbrachte.

Bei den Afrika-Romanen von Dagmar Edqvist tritt jedoch nicht die Frau als solches in den Vordergrund, sondern Edqvist stellt hier die westliche und die afrikanische Kultur gegenüber, die sich in vielen Punkten unterschieden und sie will dabei gegen die Einstellung angehen, die afrikanische Kultur unseren Bedingungen anpassen zu wollen, eine Einstellung, die um diese Zeit üblich war.

Dagmar Edquist zeichnete sich auch dadurch aus, dass Milieuschilderungen eine wichtige Rolle in ihren Büchern einnahmen, da das Milieu die Einstellung und die Denkweise jedes Menschen beeinflusst. Vermutlich wollte die Autorin dadurch auch zum Nachdenken anregen und dem Leser zeigen, dass es nicht eine Betrachtungsweise des Lebens gibt, sondern verschiedene, die man alle akzeptieren und tolerieren muss. In diesem Rahmen muss man auch sehen, dass Edqvist überzeugte Pazifistin war und gegen jede Art von Rassismus anging.

Mehrere Bücher von Dagmar Edquist wurden verfilmt, wobei die Schriftstellerin in den meisten Fällen das Drehbuch zu ihren Büchern selbst schrieb und damit die Möglichkeit hatte alle Kernpunkte ihrer Werke im Filmgeschehen zu übernehmen.

Obwohl Dagmar Edqvist über 20 Bücher schrieb, die einen bedeutenden Einfluss auf das schwedische Denken hatten, in mehrere Sprachen übersetzt wurden und sie auch eine wichtige Rolle in der Frauenbewegung einnahm, da sie die Frau bereits ab den 30er Jahren dem Mann gleichsetzte, ist die Schriftstellerin heute fast vergessen, da sie nicht in literarischen Kreisen verkehrte und ihre Themen zu viele Menschen berührten um mit Preisen überhäuft zu werden. Nachdem sich Edqvist auch nie in den Vordergrund drängte, wird sie innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte meistens nur kurz erwähnt und ihre Leistung innerhalb des Literaturgeschehens nur selten hervorgehoben.

Copyright: Herbert Kårlin

18 april 2013

Thomas Thorild, der revolutionäre Schriftsteller des 18. Jahrhunderts

Thomas Thorild wurde am 18. April 1759 als Sohn des juristischen Beamten Jöns Olsson und dessen Frau Börta Thomasdotter in Sverteborg im westschwedischen Bohuslän geboren und starb am 1. Oktober 1808 im deutschen Greifswald, nachdem er erst in Schweden und anschließend auch in Dänemark des Landes verwiesen worden war.

Da die Eltern von Thomas Thorild bereits 1761 starben, verbrachte Thorild seine Kindheit erst bei den Großeltern mütterlicherseits und anschließend bei seinem älteren Bruder in Kungälv. In der Schule in Kungälv zeigte Thorild eine so hohe Begabung, dass der Rektor auf ihn aufmerksam wurde, der wiederum der Bruder eines Direktors der Göteborger Ostindiengesellschaft war. Dieser nahm sich des begabten Schülers an und wurde über Jahre hinweg sein Gönner.

Thomas Thorild, Att följa ögonblicken, Bokförlaget Atlantis, Svenska klassiker der Svenska Akademien

Bereits im Gymnasium in Göteborg hatte die hohe Begabung von Thomas Thorild allerdings bereits auch den Nachteil, dass sich der Schüler für ein Genie hielt, eine Eigenschaft, die er sein Leben lang behalten sollte und dazu führte, dass Thorild immer glaubte anderen im Denken einen Schritt im Voraus zu sein und immer recht zu haben.

Im Jahre 1775 begann Thomas Thorild sein Studium an der Universität Lund, das er jedoch bereits nach einem Jahr abbrach um vorübergehend Privatlehrer auf dem Gut Rånnum zu werden. Als Thorild dann 1777 nach Lund zurückkehrt, bewies er mit seiner Rede Det ädla och sköna i vetenskapen seine immensen Kenntnisse in Philosophie, die insbesondere an die Denkweise von Jean-Jacques Rousseau und später auch Spinoza erinnern. In dieser Zeit begann auch seine Freundschaft mit Bengt Lidner und er wurde, ohne dort je ein Examen abzulegen, eine Art Legende zu der die Mehrheit der Studenten aufblickten.

Im Februar 1781 kam Thomas Thorild in Stockholm an, wo er sich an der Universität anfangs vor allem philosophischen Studien widmete, parallel dazu jedoch auch seine ersten Schritte als Skalde machte. Als die literarische Gesellschaft Utile Dulci einen Poesiewettbewerb ausschrieb, beteiligte sich Thorild mit zwei Gedichten, nämlich mit Passionerna und mit Ode till jurdbrukaren.

Da Thomas Thorild sich jedoch seine Einflüsse nicht bei nordischen Dichtern suchte, sondern sich von Edward Young, Friedrich Gottlieb Klopstock, Charles-Louis de Secondat Montesquieu, Jean-Jacques Rousseau und anderen beeinflussen ließ, erhielt er für Passionerna nur einen Ehrenpreis ohne Bedeutung, jedoch begleitet von einer Argumentation Johan Henric Kellgrens, der nicht nur das Gedicht abwertete, sondern auch schrieb, dass Neuerungen in der schwedischen Dichtkunst überflüssig seien und sein Gedicht daher nicht im schwedischen Geist geschrieben sei.

Die Folge war ein jahrelanger öffentlicher Streit zwischen Thomas Thorild und Johan Henric Kellgren, der sogar dazu führte, dass Thorild 1784 die Zeitschrift Den nya granskaren gründete in der er nicht nur den freien Vers verteidigte, sondern alle seinen modernen Ansichten verbreitete, die zu einer Weltreform führen sollten und Gedanken enthielt, die sich erst im 20. Jahrhundert realisierten. Eine der wichtigsten Reformen, die Thorild vorschlug, war die Freiheit des Wortes ohne jede Zensur, eine Utopie im auslaufenden 18. Jahrhundert.

Enttäuscht von Schweden ging Thomas Thorild im Jahre 1789 nach England, in der festen Überzeugung, dass man dort seinen Gedanken und Plänen offener gegenüberstehen würde, aber sehr schnell musste der Schriftsteller feststellen, dass er dort kaum etwas erreichen konnte und auch seine englischen Werke The Sermon of Sermons und True Heavenly Religion Restores, das von den Ideen Emanuel Swedenborgs beeinflusst war, halfen ihm nicht dabei dort anerkannt zu werden. Dies veranlasste ihn schließlich nach 18 Monaten wieder nach Schweden zurückzukehren.

Durch seine Abwesenheit war Kellgrens Macht in Stockholm gestiegen und Thomas Thorild gelang es kaum einen Fuß in der literarischen Welt Schwedens zu fassen, da die Stockholms-Posten, deren Mitgründer Kellgren war, mittlerweile volle Arbeit gegen Thorild geleistet hatte.

Mit En critik öfver critiker. Med utkast till en lagstiftning i snillets värld enstand im Jahre 1791 das Hauptwerk von Thomas Thorild, der sich hier nicht nur als ein Meister des Stils zeigt, neben seiner persönlichen Überschätzung, sondern auch als erbitterter Feind Kellgrens. Noch bevor jedoch der neu entstandene Streit zwischen Thorild und Kellgren ausgefochten war, veröffentlichte der Schriftsteller Det enda nötvändiga för et rikes financer, was zu einem weiteren Streit, dieses Mal mit Carl Gustaf af Leopold, führte, der sehr gut antworten konnte, was die Stellung Thorilds weiterhin schwächte.

Der Untergang wurde für Thomas Thorild dann jedoch sein Werk Om det allmänna förståndets frihet, das er an den König und den Adel richtete. In diesem Werk forderte der Schriftsteller nicht nur die absolute Pressefreiheit, sondern er forderte Herzog Karl auch auf im Interesse des Reiches die vier Stände abzuschaffen. Nun wurde Thorild als gefährlicher Revolutionär betrachtet, der das Volk zu einer Revolution im Stile der französischen Revolution führen könne. Die Schrift wurde unmittelbar beschlagnahmt und der Autor wurde für vier Jahre des Landes verwiesen.

Thomas Thorild verbrachte einen Teil des Jahres 1793 in Kopenhagen und schrieb dort das für die Zeit erneut revolutionäre Werk Om Qvinnokönets naturliga höghet und forderte bereits 100 Jahre bevor die Frauenbewegung in Schweden wirklich einsetzte, dass Frauen ein Recht auf eine freie Entwicklung haben müssen und als vollwertige Staatsbürger anerkannt werden müssen, da die Männer als Barbaren die Welt zerstört hätten und nur Frauen wieder einen Ausgleich bringen könnten. Da Thorild auch noch gleichzeitig forderte, dass für eine Verbindung zwischen Mann und Frau die Liebe entscheiden solle und das Werk auch noch gleichzeitig in Dänisch erschien, wurde Thorild auch aus Dänemark ausgewiesen.

Der nächste Aufenthaltsort Thomas Thorilds wurde dann Greifswald, wo er zum Universitätsbibliothekar mit Professortitel ernannt wurde. Dort veröffentlichte Thorild auch sein letztes Werk Handbok för omtänksamma hushåld i diäten, das jedoch kaum Aufsehen erregte.

Thomas Thorild war ein literarischer Revolutionär, der nur das Problem hatte sich selbst zu wichtig zu nehmen und daran glaubte, dass er mit seinen Schriften die Welt in kürzester Zeit verändern könne. Auch wenn viele seiner Visionen sich viel später als sinnvoll und richtig zeigten, so sah er sich als einen Messias und glaubte über dem Staatssystem zu stehen. Auch wenn seine Werke heute kaum noch revolutionär sind und sein Stil von einer Überheblichkeit zeugt, gehört er mit zu den weitsichtigsten Schriftstellern des 18. Jahrhunderts, der jedoch ein Jahrhundert zu früh geboren wurde.

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3 april 2013

Maria Sandel, die erste Arbeiterschriftstellerin Schwedens

Maria Sandel wurde am 30. April 1870 als Tochter des Knechts Carl Gustaf Sandel und dessen Frau, der Strickerin Maria Charlotta Killander, in Stockholm geboren und starb am 3. April 1927 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Sandel war nie verheiratet.

Die Kindheit von Maria Sandel war sehr kurz und die Schulbildung minimal, da sie sehr früh zu arbeiten begann um sich und die Familie über Wasser zu halten. Dank der Arbeiterbibliothek kam Sandel jedoch an Bücher, die sie sehr eifrig las, auch wenn die Bibliothek überwiegend Bücher zum Arbeiterleben, zur Bildung und später der sozialdemokratischen Bewegung und die damalige Frauenliteratur enthielt.


Mit 17 wanderte Maria Sandel in die USA aus, wo sie vier Jahre lang als Hausangestellte arbeitete. Nach diesem Aufenthalt, bei dem sie Englisch gelernt hatte und die Arbeiterbewegung der USA streifen konnte, kehrte Sandel zurück nach Stockholm und arbeitete, wie schon ihre Mutter, als Strickerin, einer Heimarbeit, die schlecht bezahlt war, aber oft die einzige Arbeit war, die man an arme Frauen vergab.

Im Alter von 25 Jahren wurde Maria Sandel taub, wie schon ihre Mutter, und einige Jahre später nahm auch das Sehvermögen immer mehr ab bis sie nur noch schemenhaft sehen konnte. In dieser Zeit öffneten die beiden Frauen einen kleinen Milchhandel, der jedoch auf diese Weise funktionierte, dass Sonderwünsche auf Zettel geschrieben wurden und die Kunden sich im Grunde selbst bedienen mussten.

Da die beiden Handikap Maria Sandel erst mit 25 Jahren trafen, war es ihr bereits vorher gelungen sehr viel zu lesen und außer Englisch auch Französisch und Deutsch zu lernen, was in jener Zeit für Frauen aus ihrer Schicht extrem selten war und einen sehr starken Willen forderte.

Ihre ersten literarischen Arbeiten veröffentlichte Maria Sandel bereits während der Jahre in Amerika in der schwedisch-amerikanischen Zeitschrift Nordstjernan, auch wenn anschließend eine mehrjährige Schreibpause eintrat bis Sandel ab 1899, insbesondere mit der Unterstützung und auf Anregung des SAK (Stockholms allmänna kvinnoklubb) in dem die Autorin seit 1896 Mitglied war, erst in Zeitungen und Zeitschriften wieder zu veröffentlichen begann und schließlich auch Novellen und Romane schrieb.

Die Schriftstellerin Amalia Fahlstedt, eine Vertraute von Ellen Key, riet Maria Sandel von der sozialistischen Kampflyrik, die sie bis dahin veröffentlicht hatte, abzusehen und über das Alltagsleben der Arbeiterfrauen Stockholms zu schreiben, einen Rat, der Sandel letztendlich zur ersten Arbeiterschriftstellerin Schwedens machen sollte, denn statt nur noch für die gewerkschaftlichen Zeitungen wie Morgonbris zu schreiben, begann sie nun an Büchern zu arbeiten.

Als 1908 die Novellensammlung Vid svältgränsen och andra berättelser erschien, in der Maria Sandel die soziale Misere in den Arbeiterquartieren Stockholms schildert und der ein Jahr später der Roman Familjen Vinge. En roman om verkstadsgossar och fabrikflickor folgt, spürt man das Engagement der Schriftstellerin, auch wenn ihr bei den ersten Werken noch die literarische Reife fehlt, die bürgerliche Autorinnen durch ihre Bildung und Erziehung bereits mitbrachten. Die Sprache der Autorin ist einfach und überzeugend und zeigt bereits den Aufbruch in ein höheres literarisches Niveau.

Auch wenn Maria Sandel immer schlechter sah, schrieb sie weiterhin Bücher, die jedoch gegen Ende ihres Lebens einen pessimistischen Zug annahmen. Gleichzeitig wie die Erzählungen zu Einzelschicksalen übergingen, wird ihr Stil und ihre Ausdrucksweise auch den Ansprüchen bürgerlicher Kritiker gerecht. Sandel greift nun auch ganz gezielt zu dialektalen Ausdrücken wenn diese einen tieferen Einblick in das Arbeitermilieu Stockholms bieten. Ihre Bücher Hexdansen aus dem Jahre 1919, Mannen som reste sig, der 1927 erschien und vor allem ihr Werk Droppar i folkhavet von 1924 zeigen ein literarisches Schaffen, das später Moa Martinson und Ivar Lo-Johansson sehr deutlich weiterentwickeln.

Auch wenn die Welt der Arbeiter Stockholms bei Maria Sandel einen positiven und etwas romantisierten Zug trägt, so zeigt sie auch die Schattenseiten dieses Daseins mit alkoholisierten Männern, Frauen, die verprügelt werden und sie spricht über Abtreibung und Homosexualität. In diesem Rahmen schafft sie auch eine starke Frau, die für das Überleben einer Familie kämpft und setzt den Mann an die zweite Position, der der Realität  durch Alkohol zu fliehen versucht.

Auch wenn einige Kritiker die Werke von Maria Sandel als realistisches Zeitbild der Jahrtausendwende Stockholms bezeichnen, so sind ihre Novellen und Romane als Literatur zu betrachten und an sehr vielen Stellen spürt man, dass Sandel die Romane von Charles Dickens kannte und auch die damalige Arbeiterliteratur sehr genau verfolgte. Sandel wollte durch eine auch von der bürgerlichen Welt anerkannten Literatur auf die Situation der Arbeiter aufmerksam machen und machte daher gewisse literarische Zugeständnisse.

Selbst wenn bei Maria Sandel die Arbeiterbewegung und die notwendige Veränderung der Gesellschaft im Zentrum standen, so gehört sie dennoch zu den Feministinnen dieser Epoche im Stil von Ellen Key und spricht vom Recht auf ein erotisches Leben der Frau und fordert mehr Rechte für die Frau, auch in finanziellen Fragen.


Copyright: Herbert Kårlin


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26 mars 2013

Aurora Ljungstedt und die ersten Kriminalromane Schwedens

Aurora Ljungstedt, geborene Hjort, wurde am 2. September 1821 als Tochter des Majors Georg Leonard Hjort und dessen Frau Fredrika Elisabet Älf in Karlskrona geboren und starb am 21. Februar 1908 in Stockholm. Ljungstedt war mit dem Bürochef Samuel Viktor Ljungstedt verheiratet und veröffentlichte ihre Werke unter den Pseudonymen Claude Gérard und Richard.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr verbrachte Aurora Ljungstedt in Blekinge in der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft. Die Bildung erhielt das Mädchen, wie zu jener Zeit üblich, zu Hause. Mit 14 zog die Familie dann nach Kvillinge bei Kolmården. In dieser Zeit zeigte sich auch deutlich das schriftstellerische Talent von Ljungstedt und sie fasste den Entschluss Schriftstellerin zu werden, was die Mutter jedoch auf jeden Fall verhindern wollte, da dies keine Tätigkeit für eine ehrenhafte Frau war.


Auch wenn die Mutter nicht verhindern konnte, dass Aurora Ljungstedt ab den 40er Jahren ihre Erzählungen im Aftonbladet, der Zeitung Bore und später auch in der Nya dagligt allehanda veröffentlichte, so verzichtete die Schriftstellerin ihr Leben lang darauf ihre Arbeiten unter ihrem wahren Namen zu veröffentlichen und benutzte grundsätzlich männliche Pseudonyme. Diese Geheimhaltung verhinderte allerdings auch einen Umgang mit Gleichgesinnten und versperrte ihr den Zugang zu den literarischen Kreisen jener Epoche.

Erst nachdem Aurora Ljungstedt mit 25 Jahren geheiratet hatte, begann sie von Novellen auf Bücher überzugehen, die jedoch grundsätzlich über die Vermittlung ihres Mannes, der sie in ihrer Arbeit unterstützte, veröffentlicht wurden. Ab diesem Zeitpunkt wählte die Schriftstellerin auch eine Romanfigur Eugène Sues, der auch eines ihrer großen Vorbilder war, als Pseudonym. Außer bei ihrem ersten veröffentlichten Band Hin ondes hus aus dem Jahre 1853 verwendete Ljungstedt dann grundsätzlich das Pseudonym Claude Gérard, das erst 30 Jahre nach der Veröffentlichung ihres ersten Werkes durch Zufall aufgedeckt wurde.

Ähnlich wie bei Eugène Sue, so erschienen auch die Romane von Aurora Ljungstedt zuerst in Forme von Feuilletons und wurden erst später von Bonniers in Buchform veröffentlicht, wobei die  Schriftstellerin bei ihren Roman die Psychologie der handelnden Personen und der Gesellschaft in den Vordergrund setzte, eine Idee, die sowohl Sue als auch Edward Bulwer zu jener Zeit verarbeitet hatten, in Schweden jedoch bis dahin unbekannt war. Bei Ljungstedt führte diese Technik dazu, dass sie auf Grund ihrer teilweise übersinnlichen Erscheinungen als der Edgar Allan Poe Schwedens bezeichnet wurde und sich ihre Bücher zu absoluten Bestsellern entwickelten.

Die Schriftstellerin Aurora Ljungstedt war in vielen Punkten eine Erneuerin des schwedischen Romans, denn auch wenn ihre Romane zu Kriminalromanen gezählt werden, so schrieb sie den ersten Schreckroman Schwedens, den ersten Vorläufer eines Science Fiction und den ersten psychologischen Krimi, der je in Schweden veröffentlicht wurde. Um so erstaunlicher ist es daher, dass Ljungstedt nach ihrem Tode geradezu in die Vergessenheit geriet und nur noch einige wenige Literaturforscher sich an die Schriftstellerin erinnerten. Erst in den 80er Jahren, als der Kriminalroman in Schweden wieder einen Aufschwung erlebte, wurden auch einige Werke Ljungstedts neu entdeckt und wieder aufgelegt.

Eine Neuerung bei Aurora Ljungstedt war auch, dass sie in ihren Romanen Milieuschilderungen, vor allem aus Östergötland und der Umgebung von Kolmården, einbettete und damit dem Kriminalroman einen handelnden Platz gab, der nicht reine Fiktion war. Der Leser konnte sich daher auch in die Gegend der Handlung versetzen, was bis dahin in schwedischen Romanen unmöglich war.

Ein weiteres Stilmittel von Aurora Ljungstedt war, dass sie ihren handelnden Personen Gefühle gab und dabei auch die Sexualität und das Lustgefühl nicht aussperrte, wobei man an sehr vielen Stellen auch spürt mit welcher Ironie sie die Rolle der Frau in jener Epoche behandelt und dabei zu einer Vorläuferin der Feministen wird, auch wenn die Schriftstellerin es nicht wagte die gesellschaftlich gesetzte Grenze deutlich zu überspringen, was jedoch auch damit zusammenhängen kann, dass sie ihrem Mann beruflich nicht schaden wollte.

Die Kriminalromane von Aurora Ljungstedt zeugen von einem erstaunlichen Realismus, was Literaturwissenschaftler und Kritiker damit in Zusammenhang bringen, dass ihr Mann beruflich Zugang zu Kriminalakten hatte und ihr entweder einen Teil dieser Akten zu lesen gab oder aber ihr die Fälle erklärte. Ljungstedt hat zwar keinen der damaligen Fälle behandelt, da dies sowohl ihr als ihrem Mann große Schwierigkeiten eingebracht hätte, aber sie konnte aus diesem Grund in ihren Büchern zu einer Logik greifen, die der Realität sehr nahe kam.

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Pferdesport in Göteborg

25 mars 2013

Edith Södergran, die erste Modernistin der schwedischen Literatur

Edith Södergran wurde am 4. April 1892 als Tochter des Schweden Matts Södergran und dessen finnlandschwedischer Frau Helena Lovisa Holmroos im heute russischen Sankt Petersburg geboren und starb am 24. Juni 1923 im Alter von 31 Jahren im damals finnischen Raivola (heute russisch) an TBC. Södergran war nie verheiratet.

Von 1902 bis 1908 besuchte Edith Södergran die deutschsprachige „Höhere Mädchenschule“ in Sankt Petersburg, wo sie außer der deutschen Sprache noch Französisch, Russisch und Englisch lernte, ihre Muttersprache Schwedisch jedoch nicht auf dem Schulplan stand. Trotz dem Mangel an Schwedischkenntnissen entschloss sich Södergran im Jahre 1908 Schwedisch zu ihrer Hauptsprache zu machen, obwohl ihr erstes Werk, das Vaxdukshäftet, eine poetische Schilderung ihrer Schuljahre und der politischen Probleme jener Zeit, noch 206 Gedichte in Deutsch, fünf in Französisch, eines in Russisch und nur 26 in Schwedisch enthielt.


Ihre Entscheidung nur noch die schwedische Sprache zu benutzen kam zur gleichen Zeit als man bei Edith Södergran TBC feststellte und sie deshalb die Schule verlassen musste. Södergran hat sich jedoch den Lehrstoff für die Hochschulreife, die sie in einer externen Prüfung in Helsingfors (Helsinki) im Jahre 1910 ablegte, innerhalb von knapp zwei Jahren privat angeeignet. Die Jahre 1911 bis 1914 verbrachte die Dichterin dann in einem Sanatorium in Davos in der Schweiz.

Als Edith Södergran nach ihrem Aufenthalt in der Schweiz in das damalige Finnland zurückkehrte, veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Dikter, der jedoch von kaum einem Kritiker positiv bewertet wurde, da Södergran sich bei ihren Gedichten nicht nach die Regeln der schwedische Literatur richtete, sondern ihre Einflüsse aus Deutschland, Frankreich und Russland geholt hatte und daher als typische Repräsentantin der neuen Frauenliteratur bezeichnet werden kann, die zur gleichen literarischen Schicht gehörte wie Else Lasker-Schüler, Lou Andreas-Salomé, Anna Achmatova oder auch Selma Lagerlöf und Ellen Key, eine Literatur, die nach den Kritikern nichts in der nationalistisch geprägten finnlandschwedischen Literatur jener Epoche zu suchen hatte.

Auch wenn Edith Södergran heute als die erste finnlandschwedische literarische Modernistin gilt und in Finnland als die bedeutendste Dichterin des Landes gefeiert wird, so blieb sie während der wenigen Jahre ihres Schaffens mit ihrer Mischung aus deutschem Expressionismus, russischem Futurismus und französischer Symbolik in Schweden und Finnland nahezu unbekannt. Erst nach ihrem Tod überzeugte Södergran mit ihrer bildlichen Sprache und ihrem persönlichen Rhythmus der Dichtung ihr Publikum und beeinflusste Autoren wie Mare Kandre, Eva Runefelt oder Gunnar Harding, die die Stärke der Dichtung Södergrans unmittelbar erkannten.

Auch die Folgebände Septemberlyran (1918), Rosenaltaret (1919) und die anderen Gedichtsammlungen von Edith Södergran wurden von den Kritikern überwiegend negativ bewertet, wobei sie die Krankheit der Autorin als Erklärung nahmen, dass sie deswegen auch krankhafte Gedichte schreiben würde. Durch diese männlichen Vorurteile entging ihnen vollkommen, dass Södergran in ihren Gedichten das sehr selbstbewusste „Ich“ einführte und damit der Frau als Schriftstellerin in dieser Epoche eine vollkommen neue Rolle gab, die ein starkes Selbstbewusstsein ausdrückt und damit die weibliche Poetin dem männlichen Poeten gleichstellt. Dass die Kritiker ihrer Zeit hinterherliefen zeigt sich auch darin, dass Södergran noch kurz vor ihrem Tod andere männliche Dichter mit ihren Werken beeinflusste, insbesondere Elmer Diktonius, Gunnar Björling und Rabbe Enckell, aber auch Gunnar Ekelöf und Karin Boye.

In den Jahren 1921 und 1922 schrieb Edith Södergran erstmals wieder in deutscher Sprache. Es handelte sich dabei um eine Anthologie mit junger schwedischsprachiger Poesie Finnlands, das sie Rowohlt unter dem Titel „Junge Schwedischsprachige Lyrik in Finnland“ anbot, jedoch vom Verlag, ohne dass die Gründe bekannt wurden, abgelehnt wurde. Södergran hatte für dieses Werk zahlreiche Gedichte junger Autoren übersetzt, aber leider ging das Manuskript verloren und konnte daher auch nicht posthum herausgegeben werden.

Erst nach dem posthum veröffentlichen Gedichtband Landet som icke är im Jahre 1925 wurde die tatsächliche literarische Leistung von Edith Södergran für den lyrischen Modernismus erkannt und auch die Kritiker begann ihre Meinung zur dieser Lyrikerin zu ändern. Dem schwedischen Publikum wurde Södergran dann erstmals im Jahre 1928 in der Anthologie Levande svensk dikt von Sten Selander vorgestellt. Welch bedeutende Rolle Edith Södergran innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte mittlerweile spielt, kann man daran erkennen, dass sie auch so lange nach ihrem Tode in keiner bedeutenden Anthologie der schwedischen Literatur fehlt und einige ihrer Bücher nach wie vor verlegt werden.

Copyright: Herbert Kårlin

Göteborg Reiseführer Göteborgs Tanz- und Theaterfestival

23 mars 2013

Klara Johanson und die Welt der schwedischen Frau im Umbruch

Klara Johanson wurde am 6. Oktober 1875 als Tochter des Schneiders Alexander Johanson und dessen Frau Anna Christina (Stina) Jönsdotter in Halmstad geboren und starb am 8. Oktober 1948 in Stockholm. Johanson war nie verheiratet, lebte jedoch lange Jahre mit Ellen Kleman zusammen und veröffentliche einige Werke unter dem Pseudonym Huck Leber.

Aus der Kindheit und Jugend von Klara Johanson ist relativ wenig bekannt, obwohl die Schriftstellerin die Straße in der sie aufwuchs in Artikeln der Föreningen Gamla Halmstads årsbok mehrmals beschrieb. Auf die Hochschulreife bereitet sich Johanson privat vor und 1894 legte sie dann als erster weiblicher Student Halmstads die Reifeprüfung in Göteborg ab. Zwischen September 1894 und 1897 studierte die Schriftstellerin dann humanistische Wissenschaften an der Universität Uppsala, die sie mit einer Kandidatur abschloss.


Die ältesten von Klara Johanson bekannten Werke stammen noch aus ihrer Studienzeit in Uppsala. Allerdings handelt es dabei nur um vier Parodien von denen zwei gedruckt wurden, die sie jedoch mehr zum Vergnügen geschrieben hatte und daher nur sehr eingeschränkt als Literatur bezeichnet werden können.

In Uppsala schloss sich Klara Johanson dem weiblichen Studentenverband an, wo sie auch die spätere Schriftstellerin Lydia Wahlström kennenlernte mit der sie einige Jahre lang ein Verhältnis hatte. Auch auch als die private Verbindung zerbrach, blieben die beiden Frauen enge Freundinnen die zudem beide für die Rechte der Frauen eintraten und für das Wahlrecht der Frauen kämpften.

Ob Klara Johanson von Beginn an Schriftstellerin werden wollte ist ungewiss, denn nach dem Abschluss ihres Studiums arbeitete sie erst im Kriegsarchiv und wurde 1899 Radaktionssekretärin und Literaturkritikerin für die Zeitschrift Dagny des Fredrika-Bremer-Verbandes und begann ein Jahr später auch Chroniken für das Stockholms Dagblad zu schreiben und dort auch die ersten Literaturkritiken zu veröffentlichen.

Im literarischen Kreis wurde man erstmals im Jahre 1900 auf Klara Johanson aufmerksam, allerdings nicht durch ein eigenes Buch, sonderm durch ihre Übersetzung von Henri-Frédéric Amiels intimem Journal, einem Werk, das sie 1925 in einer neuen Version vorlegte, da sie entdeckt hatte, dass ihr beim ersten Mal nicht das Original zur Verfügung stand und daher Fehler entstanden waren. Bis 1947 sollten von diesem Buch sieben Auflagen gedruckt werden.

Das erste eigene Werk von Klara Johanson erschien im Jahre 1901 mit dem Titel Oskuld och Arsenik unter dem Pseudonym Huck Leber. Dieses erste Buch der Schriftstellerin schließt im Grunde noch an die studentischen Parodien an, nur dass sie hier vor allem ihren Heimatort Halmstad ironisch auf die Schippe nimmt. Allerdings bleibt der Leserkreis dieses ersten Werkes sehr eingeschränkt.

Auch im Jahre 1907 schafft es Klara Johanson nicht ein Buch zu bieten, das das Publikum wirklich ansprach, da sie in der Novellensammlung Ligapojkens Eros, historier om barn och dårar mehr zur Journalistin als zur Buchautorin wird. Was dagegen im gleichen Jahr nahezu wie eine Bombe einschlägt, ist das Tagebuch einer kürzlich gestorbenen Prostituierten, das die Schriftstellerin unter dem Titel Den undre verlden. En lifshistoria veröffentlicht, da sie bei diesem Werk zeigt wie die Gesellschaft verhindert, dass eine Prostituierte in ein normales Leben zurückfinden kann.

Die Stärke von Klara Johanson war nie der Roman, sondern ihre Essays, ihre Beiträge in der Presse, ihre Übersetzungen und die Herausgabe von Werken anderer Autoren, insbesondere natürlich die Herausgabe der Briefe von Fredrika Bremer in vier Bänden.

Aber auch wenn man die Buchausgaben von Johanson an zwei Händen abzählen kann, so spielt sie für die Literaturgeschichte Schwedens eine wichtige Rolle, da sie nicht nur die Situation der Frau Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts beleuchtete, sondern in Schweden auch die Literatur anderer Länder verbreitete und damit wichtige Denkanstöße gab. Hinzu kommt, dass Johanson nicht nur für die Rechte der Frau eintrat, sondern ihre Einstellung auch im täglichen Leben zeigte, denn während ihre Liebesaffäre mit Lydia Wahlström noch kaum an die Öffentlichkeit getragen wurde, so sog sie 1912 mit Ellen Kleman in eine Wohnung und auch ihre Affäre mit der Künstlerin Sigrid Fridman war kaum ein Geheimnis.

Den Zugang zu Klara Johanson gewinnt man allerdings nicht durch die Lektüre ihre Bücher, vom nach ihrem Tode erschienen Band Kritik abgesehen, in dem sie die Erstlingswerke junger Autoren bespricht, sonder durch Essays über Sören Kierkegaard und insbesondere ihre Briefe, die bisher nicht in Buchform erschienen sind, da Johanson in ihren Briefen völlig offen über ihre Gefühle und Gedanken schreibt und eine sehr einfühlsame Seite zeigt.

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Messetermine in Göteborg

17 mars 2013

Agnes von Krusenstjerna als Kämpferin gegen den Adel

Agnes von Krusenstjerna wurde am 9. Oktober 1894 als Tochter des Oberst Wilhelm Ernst von Krusenstjerna und dessen Frau Eva Sofia Hamilton in Växjö geboren und starb am 10. März 1940 in Stockholm. Krusenstjerna war seit 1921 mit dem Literaturkritiker David Sprengel verheiratet.

Da der Vater von Agnes von Krusenstjerna in Gävle stationiert war, verbrachte die Schriftstellerin die ersten 14 Jahre ihres Lebens in Gävle, wo sie auch von 1904 bis 1909 die Mädchenschule besuchte. Die nächsten Jahre, nach der Pensionierung des Vaters, verbrachte das Mädchen in Stockholm und besuchte dort die bis 1911 die Anna Sandströms Schule, die sie jedoch auf Grund einer psychischen Zusammenbruchs ein Jahr vor der Abschlussprüfung verlassen musste. Bis 1913 wurde Krusenstjerna dann zu Hause unterrichtet.


Bereits im Alter von elf Jahren begann Agnes von Krusenstjerna Tagebücher und Gedichte zu schreiben, die bereits ein Zeichen für ihre ersten Depressionen sind, da die Schriftstellerin zu dieser Zeit bereits von einem schwarzen Schatten spricht, der über ihr schwebt. Als sie dann nach einer zerbrochenen Verlobung im Jahre 1914 erstmals wegen ihren Depressionen ins Krankenhaus eingeliefert wird, glaubt Krusenstjerna an eine Verbannung, die über allen Frauen ihres Geschlechts liegt, denn drei ihrer Cousinen aus Gävle haben die gleichen Depressionen und eine unter ihnen starb durch Selbstmord. Krusenstjerna war überzeugt, dass die Frauen dieser adeligen Linie nicht für die Liebe geeignet waren.

Bereits 1918 wurde Agnes von Krusenstjerna dann erneut für neun Monate in das psychiatrische Krankenhaus in Solna eingeliefert. Nach ihrer Entlassung machte die Schriftstellerin eine Reise nach England, die für ihr späteres Schaffen eine bedeutende Rolle spielte, denn während sie bis dahin die Regeln des schwedischen Hochadels, der Vater und Mutter in gerader Linie entstammten, ohne jeden Zweifel übernahm, beginnt sie in England all diese Werte in Frage zu setzen. Krusenstjerna beginnt an Gott, dem übergeordneten Adel und dem ganzen „anständigen Milieu“ zu zweifeln und befreit sich damit gewissermaßen von einer Gesellschaftsordnung, die sie als Zwang empfindet.

Wenn man von einem Jugendroman ohne größere Bedeutung absieht, so beginnt Agnes von Krusenstjerna ihre literarische Aktivität im Jahr 1920, als sie an der Tony-Trilogie zu arbeiten begann, einem Werk, das zwischen 1022 und 1924 veröffentlicht wurde, sehr starke autobiografische Züge der Schriftstellerin trägt und unmittelbar ein schriftstellerischer Erfolg wird. Krusenstjerna beschreibt in diesen drei Werken jedoch nicht nur ihre Jugend in Gävle, sondern auch den Aufenthalt in der Psychiatrie und, was in jener Zeit geradezu als Skandal empfunden wird, sie zeigt eine sexuelle Offenheit, die damals geradezu als krankhaft betrachtet wurde.

Eine sehr bedeutende Rolle spielt für die Schriftstellerin David Sprengel, den Agnes von Krusenstjerna 1921 gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hatte und der ihr nicht nur seine Unterstützung in jeder Hinsicht bot und sie ermunterte an der Trilogie zu arbeiten, sondern sie auch dazu ermunterte alle Brücken zur Aristokratie und ihren Eltern abzubrechen und zu sich selbst zu finden.

Auch wenn Agnes von Krusenstjerna bereits mit der Tony-Trilogie die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten überschritten hatte, aber immerhin noch als Neuerung der Literatur akzeptiert wurde, so hatte ihre zweite siebenbändige Romansuite geradezu verheerende Folgen, denn bei Frökanarna von Pahlen spricht Krusenstjerna offen über Geschlechtsverkehr, Inzest und Homosexualität und lässt damit die Gesellschaftseite in der Literatur aufleben über die man im damaligen Schweden grundsätzlich nicht sprechen und schreiben durfte. Die Bibliotheken bezeichneten diese sieben Bücher daher als kranke Romane, die für die Allgemeinheit unlesbar sind. Diese Romane Krusenstjernas führten jedoch zu einer offenen Diskussion über die moralischen Normen Schwedens. Dass dieses Werk dennoch nicht ganz verdammt wurde, lag an der Unterstützung, die Autoren wie Eyvind Johnson, Karin Boye, Johannes Edfelt und auch der Journalist Torgny Segerstedt der Schriftstellerin zukommen liessen. Karin Boye verglich die Zensur mit der man Krusenstjernas Romane belegte sogar mit der Zensur des Nazideutschlands.

Die Zensur mit der die letzten Bücher dieser Romansuite von Seiten des Verlags Bonniers belegt wurden, führte allerdings dazu, dass diese Bände bei Spektrum verlegt wurden, einem radikalen Verlag jener Jahre. Das Ergebnis war daher, dass die Linke Schwedens nun diese Bücher als Beleg für die Dekadenz der höheren Gesellschaft nahmen und Agnes von Krusenstjerna plötzlich eine wichtige Rolle in der Arbeiterbewegung einnahm, die sie im Grunde gar nicht interessierte.

Die Diskussion um diese Bücher belasteten Agnes von Krusenstjerna bedeutend und das Ehepaar Krusenstjerna-Sprengel reiste zur Erholung nach Spanien. Nach einem Selbstmordversuch wurde die Schriftstellerin dort jedoch in eine katholische Nervenklinik in Malaga eingeliefert. Im „Haus der Nonnen“, wie sie die Klinik nannte, begann Krusenstjerna dann ihre letzte Romansuite unter dem Titel Fattigadel zu schreiben. Dieses Werk ist eine Abrechnung mit der Adelsschicht und ihrer Familie, wobei die Schriftstellerin hier auch deutlich Namen nennt und das geheime Leben dieser Oberschicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts rücksichtslos aufdeckt. Die Kritiker wagen sich kaum diese vier Bände zu besprechen und die Mehrheit der Gesellschaft betrachtete den Inhalt nur als das Ergebnis einer psychisch kranken Frau, auch wenn man heute weiß, dass alle Erzählungen Krusenstjernas der absoluten Wahrheit entsprechen, die die Schriftstellerin selbst erlebt und gesehen hatte.

Nach dem vierten Band der Romansuite, die damit allerdings noch nicht abgeschlossen war, nahm der körperliche Gesundheitszustand der Schriftstellerin plötzlich rapide ab, was auf ein Problem im Gehirn zurückzuführen war. Bei einer Notoperation im Jahre 1940, die Krusenstjerna jedoch nicht überlebte, stellte man fest, dass die Schriftstellerin einen Gehirntumor in sehr fortgeschrittenem Stadium hatte.

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