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14 juni 2013

Jan Fridegård und die Provokation der Arbeiterliteratur Schwedens

Jan Fridegård, der als Johan Fridolf Johansson geboren wurde und während seiner Kindheit Fride Johansson genannt wurde, kam am 14. Juni 1897 als Sohn des Pächters Johan Alfred From (später Johansson) und dessen Frau Anna Lovisa Lyster in Enköpings-Näs im Uppland zur Welt und starb am 8. September 1968 in Uppsala. Fridegård war ab 1937 mit Gudrun Nilsson verheiratet.

Wie auch Ivar Lo-Johansson, so wuchs Jan Fridegård als Sohn eines Statare in sehr ärmlichen Verhältnissen auf und zog mit seinen Eltern mehrmals um. Seine sechsjährige Volksschulzeit, die Fridegård im Jahre 1904 begann, wurde immer wieder unterbrochen, da der Junge bereits in frühesten Jahren immer wieder auf dem gepachteten Hof zugreifen musste. Seine Ausbildung war daher auch nach Schulabschluss im Jahre 1910 als minimal zu betrachten. Seine Fähigkeiten erwarb der Autor daher erst später in seinem Leben.

Jan Fridegård, Trägudars land - Gryningsfolket - Offerrök, trilogin om trälen Holme, Wahlström & Widstrand, Stockholm, 2002

Ab 1910, nach dem Ende der Schulzeit, arbeitete Jan Fridegård weiterhin in der Landwirtschaft und war für die Tiere des Hofes verantwortlich und nebenbei Knecht für alles was auf dem Hof anfiel. Nach fünf Jahren entschloss sich Fridegård dann jedoch das harte Landleben hinter sich zu lassen und meldete sich zum Militärdienst, den er von 1915 bis 1918 als Dragoner ableistete. Der Militärdienst endete dann jedoch mit acht Monaten Gefängnis, da der Schriftsteller, gemeinsam mit einigen Freunden, während einer Übung Leinöl gestohlen hatten.

Ans Schreiben kam Jan Fridegård während seiner Militärzeit, als er gezwungen wurde Aufsätze zu schreiben, das Einzige, was der Autor während dieser Zeit als positiv empfand. Allerdings sollte es noch bis 1924 dauern bis Fridegård seine ersten Gedichte und Novellen an die Enköpings Nyheter, die Enköpings Posten und die revolutionäre Zeitschrift Brand schickte. Im gleichen Jahr veröffentlichte Fridegård auch unter dem Pseudonym Johan Magerman zwei Volksweisen und 1927 publizierte Brand seinen ersten Roman En bonddrängs väg till Långholmen in Form eines Feuilletons, was den Schriftsteller darin ermunterte weitere Romane zu schreiben.

Neben seinen verschiedensten Berufen und seinen Umzügen innerhalb des Upplands gelang es Jan Fridegård im Jahre 1931 seinen Gedichtband Den svarta lutan zu veröffentlichen, der jedoch keinerlei Erfolg hatte, da der Autor kein Gefühl für Gedichte hatte. Erst zwei Jahre später fand der Schriftsteller mit dem Roman En natt i juli seinen Weg, denn er beschrieb das Leben, das er von Kind auf kannte. Zwischen den beiden Büchern änderte Fridegård auch seinen Namen, denn während er seine Gedichte noch unter Fride Johannesson und Fride-N geschrieben hatte, nahm er ab En natt i juli den Namen Jan Fridegård an unter dem er auch bekannt wurde.

Der Durchbruch als Schriftsteller kam für Jan Fridegård mit seiner autobiografischen Trilogie Jag Lars Hård, Tack för himlastegen und Barmhärtlighet, die zwischen 1935 und 1936 veröffentlicht wurden. Der Erfolg beruhte jedoch nicht nur auf seiner Fähigkeit das harte Leben eines Arbeiters und eines Soldaten jener Zeit zu beschreiben, sondern weil er auch die grobe Sprache dieser Schicht benutzt und die Sexualität mit einer Offenheit behandelt, die die gehobene Schicht Schwedens geradezu schockierte.

Als Jan Fridegård den ersten Band der Trilogie beendet hatte, schickte er das Manuskript an Bonnier, aber der Verlag wollte das Buch nicht veröffentlichen, da der Verleger Angst davor hatte, dass das Buch das Volk schocken könnte. Nach langer Suche konnte der Schriftsteller dann jedoch einen finnischen Verlag finden und, wie Bonnier befürchtet hatte, erhielt das Buch sehr viel Kritik, und wurde gerade deshalb gekauft und gelesen.

Nach dem Erfolg, der ab dem zweiten Band einsetzte, schrieb Jan Fridegård nahezu pausenlos bis zu seinem Tod und veröffentlichte ein Buch nach dem anderen. Seine Romane zeichnen sich dabei vor allem dadurch aus, dass seine Helden einfache, arme und egoistische Menschen sind, die auch mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Fridegård zeigt dabei auch, dass diese Schicht durch Vorurteile und Ungerechtigkeit mehr Unterdrückung und Ungerechtigkeit ausgesetzt ist als jede andere Schicht Schwedens und nahezu als rechtlos betrachtet wird. Der Autor zeigt dabei auch, dass alle seine handelnden Personen Gefühle und Träume haben.

In der schwedischen Literaturgeschichte gehört Jan Fridegård wie auch Ivar Lo-Johansson und Moa Martinsson zu einer eigenen Gruppe innerhalb der Arbeiterliteratur, da sie alle drei nur sechs Jahre lang in die Schule gingen, etwa gleichzeitig zu schreiben begannen, Ihre Themen aus dem tatsächlichen Leben der Arbeiter holten und dabei gleichzeitig das Gesellschaftssystem kritisierten, das Arbeiter an den Rand der Gesellschaft verdrängte.

Jan Fridegård versuchte nie den Stil eines der anerkannten Schriftsteller anzunehmen und verzichtete daher bei seinen Romanen auch auf jede wortmäßige oder gefühlsmäßige Ausschmückung, sondern er übertrug das Leben der Arbeiter in letzter Konsequenz auf die Literatur, was ihm zwar sehr viele Leser brachte, aber ihm natürlich den Zugang in die gehobene literarische Welt weitgehend verschloss, obwohl Fridegård mit seinen Büchern mehr erreichte und veränderte als ein von der Svenska Akademien ausgezeichnetes lyrisches Werk, das oft ungelesen im Bücherregal verschwindet.

Copyright: Herbert Kårlin

17 maj 2013

Gustav Hedenvind-Eriksson, ein Pionier der Arbeiterliteratur

Gustav Hedenvind-Eriksson wurde am 17. Mai 1880 als Sohn des Landwirts und Händlers Erik Håkan Gustafsson und dessen Frau Juliana Mikaelsdotter in Gubbhögen bei Alanäs im nördlichen Jämtland geboren und starb am 17. April 1967 in Bromma (Stockholm). Hedenvind-Eriksson war zwischen 1928 und 1951 mit Astrid Maria Pihl verheiratet.

Als Gustav Hedenvind-Eriksson zur Welt kam, wurde er aus einem Missverständnis heraus Gustav Hedvin (statt Edvin) getauft. Da dies mit viel Spott verbunden war, begann sich der Junge sehr früh Hedenvind zu nennen. Als er dann Schriftsteller war, ließ er den zweiten und veränderten Vornamen als Teil des Familiennamens eintragen.

Gustav Hedenvind-Eriksson, Gästabudet, LTs förlag, 1966

Bereits als Kind begeisterte sich Gustav Hedenvind-Eriksson für die Sagen, die ihm der Großvater erzählte und da er die Neigung der Mutter geerbt hatte, die in der Jugend davon geträumt hatte Schriftstellerin zu werden, fühlte sich der Junge zur Literatur und zur Musik hingezogen, was zu starken Konflikten mit seinem Vater führte, der einen Spielmann oder Poeten als betrunkenen Hurensohn betrachtete. Bereits als Kind verhinderte er daher, dass sich der Sohn zu viel in der Schule sehen ließ und mit zehn zwang er ihn als Holzfäller und Knecht für ihn zu arbeiten.

Mit 15 riss dann Gustav Hedenvind-Eriksson die Geduld und es kam zu einer schlagkräftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater. Gustav gewann den Kampf, packte seine Sachen und verließ den Hof um in den Folgejahren seinen Unterhalt als Waldarbeiter, Seemann, Bergmann und Eisenbahnarbeiter zu verdienen. Hedenvind-Eriksson bereiste bei diesen Arbeiten nicht nur den nördlichen Teil Skandinaviens, sondern auch die USA und den Kongo.

Die Wende kam für Gustav Hedenvind-Eriksson im Jahre 1903, als er gerade einmal 23 Jahre alt war, denn er bekam die Möglichkeit seine Schulbildung an der Birka Folkhögskolan bei Östersund nachzuholen. Dort hatte er, unter anderem, den Archäologen Knut Kjellmark als Lehrer, der ihn nicht nur mit zu Ausgrabungen aus der Zeit der Wikinger nahm, sondern in ihm auch das Interesse für die Archivarbeit des Jämtlands wecken konnte. Während der Schulzeit entwickelte sich Hedenvind-Eriksson zu einem überzeugten Sozialdemokraten, der wusste wie er die Rechte der Arbeiter vertreten konnte und er näherte sich der Literatur indem er an der Zeitschrift der Schule mitarbeitete.

Mit seinem Buch Ur en fallen skog trat Gustav Hedenvind-Eriksson im Jahre 1910 erstmals als Schriftsteller an die Öffentlichkeit, einem Roman, der die großen Forstbetriebe anklagt seit Ende des 19. Jahrhunderts rücksichtslos die Wälder auszubeuten und dabei den Bewohnern des Jämtland die Tradition, die Landwirtschaft und ihre gesellschaftliche Struktur zu nehmen. Auch wenn der Schriftsteller bei diesem Buch auch einen gewissen romantischen Einschlag bewahrt, so zeigt er sich dennoch als Kämpfer für die Erhaltung der Kultur und spricht sich gegen die Ausbeutung der Waldarbeiter und gegen die Unterdrückung der Bauern aus.

Eines der wichtigsten Themen für Gustav Hedenvind-Eriksson ist die Konfrontation zwischen schwedischer Landwirtschaft und Industrialisierung, wobei der Autor hierbei die Industrialisierung nicht unbedingt als Feind sieht, sondern dass diese von einer relativ kleinen Schicht in der Hand gehalten wird, was zwangsläufig dazu führt, dass der Arbeiter, und noch mehr der Landwirt, der immer mehr von seinen Gütern verdrängt wird, zum Sklaven der Industrie gemacht wird. Vieles davon ist nicht wissenschaftlich begründet, sondern Hedenvind-Eriksson holt es aus seiner Erfahrung als Arbeiter, seinen Beobachtungen und seinen Gesprächen mit der einfachsten Schicht der Bevölkerung. Aber gerade diese Tatsache gibt seinen Büchern die Stärke und verleiht ihnen Glaubwürdigkeit, wenn auch zum Nachteil seiner Karriere, denn diejenigen, die seine Bücher kaufen würden können oft nicht lesen und sind zu arm für ein anderes Werk als die Bibel und die gehobene Schicht will mit dem schreibenden Arbeiter, der sie der Ausbeutung anklagt, wenig zu tun haben.

Auch wenn die Kritiker die Bücher von Gustav Hedenvind-Eriksson lobten, so gelang es dem Schriftsteller nie davon zu leben. Aber er wurde ein Symbol für die damals junge Schicht der Arbeiterliteraten wie Ivar Lo-Johansson, Lars Ahlin und Eyvind Johnson. Lo-Johansson organisierte sogar eine Geldsammlung, damit sich Hedenvind-Eriksson zu seinem 50. Geburtstag eine kleine Landwirtschaft kaufen konnte, auf der die gesamte Familie arbeitete um sich ernähren zu können. Auf diesem kleinen Hof entstand auch sein En bondes dagbok, das im Jahre 1937 erschien und die Schaffung von Kooperativen fordert, die Chance des Überlebens für den kleinen Landwirt.

Gustav Hedenvind-Eriksson griff zur Arbeiterliteratur bevor diese literarische Gattung als solches geboren war. Er war daher ein Pionier als literarischer Sprecher der Arbeiter Schwedens, der eine ganze Schicht an Literaten beeinflusste. Sein Stil war einfach, denn der Schriftsteller hatte nie eine literarische Ausbildung erhalten, sondern er kam als Autodidakt ans Schreiben und verkehrte die erste Hälfte seines Lebens unter Arbeitern und Bauern, die sein Denken und Schaffen beeinflussten.

Literaturwissenschaftler kritisieren oft, dass Gustav Hedenvind-Eriksson ständig Stilbrüche begeht, keine klare literarische Linie geht und vergessen dabei, dass ein Teil dieser Brüche vom Autor bewusst begangen wurden, denn für ihn musste ein Gedicht nicht den Regeln der gebildeten Elite folgen und ein Buch nicht den Vorschriften der Svenska Akademien, sondern es sollte die Persönlichkeit des Autors beinhalten ohne von künstlich gesetzten Grenzen eingefangen zu werden. Hedenvind-Eriksson war ein volkstümlicher Erzähler, eine Eigenschaft, die man auch in all seinen Werken finden kann.

Copyright: Herbert Kårlin

16 oktober 2012

Bunny Ragnerstam, Gesellschaftskritik im Kriminalroman

Bunny Ragnerstam wurde am 16. Oktober 1944 in Eskilstuna geboren, wuchs jedoch in Främby bei Falun auf, wo seine Mutter als Fabrikarbeiterin beschäftigt war. Da die Mutter geschieden war und der Vater sich nicht um die Familie kümmerte, zog sie ihre drei Söhne allein auf.

In seiner Jugend hatte Bunny Ragnarstam vor allem zwei Interessen, nämlich Fußball und Lesen. Nach dem Abschluss der Realschule arbeitete Bunny ebenfalls in den Fabriken in Falun und spielte weiter Fußball in der Mannschaft der Stadt. Anfang der 60er Jahre bestimmte er sich jedoch auf Schreiben umzusteigen, was in seinem Fall im Jahre 1962 zum Falukuriren führte, wo er, auf Grund seiner sportlichen Aktivität, als Sportjournalist beschäftigt wurde. Als er zum Flussballmannschaft nach Kristianstad wechselte, begann er 1965 für das Kristinabladet ebenfalls als Sportjournalist zu arbeiten bis er 1970 in die Lokalredaktion von Arbetet wechselte, wo er auch andere journalistische Aktivitäten übernahm. Ab 1975 entschied sich Bunny Ragnarstam ganz der Schriftstellerei zu widmen, nachdem mittlerweile auch sein dritter Roman erschienen war, ein Kriminalroman und zwei historische Romane über die Situation der Arbeiter Ende des 19. Jahrhunderts in Kristianstad.


Bunny Ragnerstam begann seine literarische Karriere im Jahr 1972 mit dem Kriminalroman Brottet som kom bort, ein Krimi, der im Grunde um Macht und Demokratie handelt und als der erste Arbeiterkrimi Schwedens bezeichnet werden kann. Als ein Journalist einen Einbruch in einem Industriegebäude aufklären will, erfährt er die Grenzen des freien Wortes, denn die Wahrheit wird von jenen, die die Macht im Ort haben unterdrückt und Lüge wird als Wahrheit verkauft um die Industrie zu stützen.

Auch wenn dieser Kriminalroman einen gewissen Erfolg hat, schreibt Bunny Ragnerstam erst 2004 mit Mord, min själ seinen nächsten gesellschaftskritischen Kriminalroman bei dem der Journalist jedoch vom Polizisten Verner abgelöst wird. Im Jahre 2011 folgt dann Mord mördare mördast, der die Korruption innerhalb der Buchbranche als Hintergrund hat.

Seinen wahren Durchbruch hatte Bunny Ragnerstam allerdings 1974 mit Innan dagen gryr, dem ersten von vier historischen Romanen, die das Arbeitermilieu in Kristianstad gegen 1880 als Handlung haben. Ragnarstam baut die Handlung auf tatsächliche Geschehnisse auf und zeigt den Kampf der Arbeiter für ein besseres Leben. Auf der Suche nach Material stellt der Schriftsteller fest, dass die Geschichte der schwedischen Arbeiterbewegung nie von Seiten der Arbeitern beschrieben wurde, sondern von der Warte jener, die entscheiden. Bunny Ragnerstam versuchte nun die andere Seite zu zeigen, was ihm nicht nur sehr gute Kritiken brachte, sondern ihm auch eine große Leserschicht bringt und dazu führt, dass die Fernsehanstalt SVT die Handlung im Jahre 1988 unter dem Titel Kråsnålen als Serie verfilmt.

Auch die folgenden Romane Bunny Ragnerstams bleiben im Arbeitermilieu, wobei er in seinen historischen Romanen nicht nur die Fakten sprechen lässt, sondern die Meinungen seiner Umgebung zu Worte kommen lässt, denn gerade in den Fußballkreisen in denen der Autor nach wie vor verkehrt, trifft er die Arbeiterschicht, deren Eltern den Umbruch, der ihn am meisten interessiert, erlebt haben. Auf diese Weise werden die Handlungen und das Leben als Arbeiter in einem Eisenwerk lebendig.

In den 70er und 80er Jahren wird Bunny Ragnerstam nahezu mit Preisen überhäuft, die jedoch nahezu ausschließlich vom linken Organisationen, Zeitschriften oder dem Gewerkschaftsverband kommen, einem Kreis, der auch seine Leser anspricht. Trotz seines Fernseherfolgs und seiner sachlichen Beschreibungen wird der Schriftsteller von der Bürgerschicht noch heute mehrheitlich abgelehnt.

Bunny Ragnerstam baut mit all seinen Werken, auch den Kriminalromanen, eine industrielle Geschichte Schwedens der letzten 150 Jahre auf, die in gewisser Weise mit der universitären Betrachtung der Situation der Arbeiter bricht, denn den Autor interessieren nicht die Verkaufszahlen und Erfolge der Unternehmen, die die obere Schicht der Gesellschaft bereicherte, sondern die Situation jener, die diese Leistungen mit ihren Händen bringen, aber in der Geschichtsschreibung kaum genannt werden. Und dennoch benutzt der Autor die gleichen Quellen, nur dass er sie auf eine andere Weise liest.

Copyright: Herbert Kårlin