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17 maj 2013

Gustav Hedenvind-Eriksson, ein Pionier der Arbeiterliteratur

Gustav Hedenvind-Eriksson wurde am 17. Mai 1880 als Sohn des Landwirts und Händlers Erik Håkan Gustafsson und dessen Frau Juliana Mikaelsdotter in Gubbhögen bei Alanäs im nördlichen Jämtland geboren und starb am 17. April 1967 in Bromma (Stockholm). Hedenvind-Eriksson war zwischen 1928 und 1951 mit Astrid Maria Pihl verheiratet.

Als Gustav Hedenvind-Eriksson zur Welt kam, wurde er aus einem Missverständnis heraus Gustav Hedvin (statt Edvin) getauft. Da dies mit viel Spott verbunden war, begann sich der Junge sehr früh Hedenvind zu nennen. Als er dann Schriftsteller war, ließ er den zweiten und veränderten Vornamen als Teil des Familiennamens eintragen.

Gustav Hedenvind-Eriksson, Gästabudet, LTs förlag, 1966

Bereits als Kind begeisterte sich Gustav Hedenvind-Eriksson für die Sagen, die ihm der Großvater erzählte und da er die Neigung der Mutter geerbt hatte, die in der Jugend davon geträumt hatte Schriftstellerin zu werden, fühlte sich der Junge zur Literatur und zur Musik hingezogen, was zu starken Konflikten mit seinem Vater führte, der einen Spielmann oder Poeten als betrunkenen Hurensohn betrachtete. Bereits als Kind verhinderte er daher, dass sich der Sohn zu viel in der Schule sehen ließ und mit zehn zwang er ihn als Holzfäller und Knecht für ihn zu arbeiten.

Mit 15 riss dann Gustav Hedenvind-Eriksson die Geduld und es kam zu einer schlagkräftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater. Gustav gewann den Kampf, packte seine Sachen und verließ den Hof um in den Folgejahren seinen Unterhalt als Waldarbeiter, Seemann, Bergmann und Eisenbahnarbeiter zu verdienen. Hedenvind-Eriksson bereiste bei diesen Arbeiten nicht nur den nördlichen Teil Skandinaviens, sondern auch die USA und den Kongo.

Die Wende kam für Gustav Hedenvind-Eriksson im Jahre 1903, als er gerade einmal 23 Jahre alt war, denn er bekam die Möglichkeit seine Schulbildung an der Birka Folkhögskolan bei Östersund nachzuholen. Dort hatte er, unter anderem, den Archäologen Knut Kjellmark als Lehrer, der ihn nicht nur mit zu Ausgrabungen aus der Zeit der Wikinger nahm, sondern in ihm auch das Interesse für die Archivarbeit des Jämtlands wecken konnte. Während der Schulzeit entwickelte sich Hedenvind-Eriksson zu einem überzeugten Sozialdemokraten, der wusste wie er die Rechte der Arbeiter vertreten konnte und er näherte sich der Literatur indem er an der Zeitschrift der Schule mitarbeitete.

Mit seinem Buch Ur en fallen skog trat Gustav Hedenvind-Eriksson im Jahre 1910 erstmals als Schriftsteller an die Öffentlichkeit, einem Roman, der die großen Forstbetriebe anklagt seit Ende des 19. Jahrhunderts rücksichtslos die Wälder auszubeuten und dabei den Bewohnern des Jämtland die Tradition, die Landwirtschaft und ihre gesellschaftliche Struktur zu nehmen. Auch wenn der Schriftsteller bei diesem Buch auch einen gewissen romantischen Einschlag bewahrt, so zeigt er sich dennoch als Kämpfer für die Erhaltung der Kultur und spricht sich gegen die Ausbeutung der Waldarbeiter und gegen die Unterdrückung der Bauern aus.

Eines der wichtigsten Themen für Gustav Hedenvind-Eriksson ist die Konfrontation zwischen schwedischer Landwirtschaft und Industrialisierung, wobei der Autor hierbei die Industrialisierung nicht unbedingt als Feind sieht, sondern dass diese von einer relativ kleinen Schicht in der Hand gehalten wird, was zwangsläufig dazu führt, dass der Arbeiter, und noch mehr der Landwirt, der immer mehr von seinen Gütern verdrängt wird, zum Sklaven der Industrie gemacht wird. Vieles davon ist nicht wissenschaftlich begründet, sondern Hedenvind-Eriksson holt es aus seiner Erfahrung als Arbeiter, seinen Beobachtungen und seinen Gesprächen mit der einfachsten Schicht der Bevölkerung. Aber gerade diese Tatsache gibt seinen Büchern die Stärke und verleiht ihnen Glaubwürdigkeit, wenn auch zum Nachteil seiner Karriere, denn diejenigen, die seine Bücher kaufen würden können oft nicht lesen und sind zu arm für ein anderes Werk als die Bibel und die gehobene Schicht will mit dem schreibenden Arbeiter, der sie der Ausbeutung anklagt, wenig zu tun haben.

Auch wenn die Kritiker die Bücher von Gustav Hedenvind-Eriksson lobten, so gelang es dem Schriftsteller nie davon zu leben. Aber er wurde ein Symbol für die damals junge Schicht der Arbeiterliteraten wie Ivar Lo-Johansson, Lars Ahlin und Eyvind Johnson. Lo-Johansson organisierte sogar eine Geldsammlung, damit sich Hedenvind-Eriksson zu seinem 50. Geburtstag eine kleine Landwirtschaft kaufen konnte, auf der die gesamte Familie arbeitete um sich ernähren zu können. Auf diesem kleinen Hof entstand auch sein En bondes dagbok, das im Jahre 1937 erschien und die Schaffung von Kooperativen fordert, die Chance des Überlebens für den kleinen Landwirt.

Gustav Hedenvind-Eriksson griff zur Arbeiterliteratur bevor diese literarische Gattung als solches geboren war. Er war daher ein Pionier als literarischer Sprecher der Arbeiter Schwedens, der eine ganze Schicht an Literaten beeinflusste. Sein Stil war einfach, denn der Schriftsteller hatte nie eine literarische Ausbildung erhalten, sondern er kam als Autodidakt ans Schreiben und verkehrte die erste Hälfte seines Lebens unter Arbeitern und Bauern, die sein Denken und Schaffen beeinflussten.

Literaturwissenschaftler kritisieren oft, dass Gustav Hedenvind-Eriksson ständig Stilbrüche begeht, keine klare literarische Linie geht und vergessen dabei, dass ein Teil dieser Brüche vom Autor bewusst begangen wurden, denn für ihn musste ein Gedicht nicht den Regeln der gebildeten Elite folgen und ein Buch nicht den Vorschriften der Svenska Akademien, sondern es sollte die Persönlichkeit des Autors beinhalten ohne von künstlich gesetzten Grenzen eingefangen zu werden. Hedenvind-Eriksson war ein volkstümlicher Erzähler, eine Eigenschaft, die man auch in all seinen Werken finden kann.

Copyright: Herbert Kårlin

23 februari 2013

Ivar Lo-Johansson, ein Pfeiler der Arbeiterliteratur Schwedens

Ivar Lo-Johansson (eigentlich Karl Ivar Loe) wurde am 23. Februar 1901 als Sohn des landwirtschaftlichen Arbeiters Johan Gottfrid Jansson, einem sogenannten Statare, und dessen Ehefrau Anna Lovisa Andersdotter in Ösmo geboren und starb am 11. April 1990 in Stockholm. Lo-Johansson war nie verheiratet, hatte jedoch mehrere längere Liebesverhältnisse mit bedeutenden Frauen, unter anderem der Schriftstellerin Sara Lidman, der Lyrikerin Ann Smith und der Freiherrin Ingrid Stiernblad. Alle diese Verhältnisse verarbeitete der Autor in seinen Büchern.

Seine Kindheit verbracht Ivar Lo-Johansson in ärmlichen Verhältnissen an verschiedenen Orten. Nach sieben Jahren in der Volksschule schien die Ausbildung des Schriftstellers zu Ende zu sein. Seine tatsächliche Bildung erwarb er daher weitaus später an der Volkshochschule, wo er sich nicht nur für die schwedische Sprache und Geschichte interessierte, sondern auch im Privatunterricht Französisch lernte.


Auch wenn Ivar Lo-Johansson sich schon sehr früh entschieden hatte Journalist oder Schriftsteller zu werden, so musste er sich sein Geld erst als Landarbeiter verdienen und, als er mit Mitte 20 nach Stockholm zog, sich mit den unterschiedlichsten Arbeiten über Wasser halten. Der Schriftsteller arbeitete im Steinbruch, versuchte sich als Bildhauer und nahm nahezu jeden Gelegenheitsjob an, der sich bot. Parallel dazu arbeitete er jedoch an seinem ersten Buch.

Im Jahre 1927 erschien mit Vagabondliv i Frankrike das erste Buch von Ivar Lo-Johansson, eine Reiseschilderung von einer Fahrt nach Frankreich, die Lo-Johansson mit 19 oder 20 unternommen hatte. Bereits in diesem Werk findet man die Züge des Arbeiterschriftstellers, der nicht die Schönheit des Landes lobt, sondern in Form eines Reiseberichts das Leben der Bauarbeiter und Bauern Frankreichs schildert. Der Autor plant dieses Thema als Serie auszubauen und in gleicher Weise auch über alle anderen europäischen Länder zu schreiben. Letztendlich besteht diese Reihe dann jedoch nur aus fünf Büchern und endet mit Nederstigen i dödsriket, der Welt der Armen Londons, und Zigenare. En sommar på det hemlösa folkets vandringsstigar, die beide 1929 erscheinen und das Ergebnis seiner Reportagereisen nach Ungarn, Frankreich und England sind.

Nach mehreren Romanen und Novellen aus dem Arbeiterleben und dem Landleben beginnt Ivar Lo-Johansson seine bedeutendsten Werke zu schreiben, die ihn zu einem Vorbild zahlreicher Arbeiterliteraten machen und in ihrer Stärke des Ausdrucks kaum ihresgleichen finden.

Mit seinem Roman Godnatt, jord begann Ivar Lo-Johansson im Jahre 1933 über die Situation der Statarna zu schreiben, über die Landarbeiter, die vor allem im südlichen Schweden üblich waren und einen nicht geringen Teil ihres Lohnes in Form von Naturalien ausbezahlt bekamen, Verträge nur für jeweils ein Jahr erhielten und teilweise wie Leibeigene behandelt wurden. Lo-Johansson beleuchtet in diesen Büchern auch Randprobleme, denn in Kungsgatan folgt er Jugendlichen, die in Stadt entkommen wollen und dort ihr Glück machen wollen und in Bara en mor taucht man in das Leben der Ehefrauen des Statare und erlebt ihre Träumen, die bei dem harten Leben zu Bruche gehen. Bara en mor öffnete dem Schriftsteller eine breite Leserschicht, was letztendlich auch dazu führte, dass diese Art der Ausbeutung 1944 in Schweden verboten wurde.

Mit seinem Roman Geniet im Jahr 1947 geht Ivar Lo-Johansson dann dazu über aus seinem Leben zu erzählen, wobei Geniet noch ein Übergangswerk ist und vor allem von der Einsamkeit des Schreibens handelt, ein Buch das die Isolation beschreibt in die ein Arbeiter gerät wenn er sich im Bereich der literarischen Bourgeoisie bewegt und den Weg nach Oben beschreiten will, einer Welt, wo nicht Wissen und Genie entscheiden, sondern Herkunft und Beziehungen. Ohne den Begriff Mobbing zu kennen, schildert der Schriftsteller hier eine Situation, die heute als Politikum betrachtet wird.

Nur vier Jahre später beginnt Ivar Lo-Johansson mit Analfabeten einer achtbändige Reihe an Romanen, die man als Autobiographie des Schriftstellers betrachten kann und von seiner Kindheit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs führt, wobei der letzte Band Proletärförfattaren kein Roman mehr wird, sondern eine Zusammenfügung verschiedener Erinnerungen, die romantechnisch keinen anderen Platz fanden. Diese Bände werden zwischen 1978 und 1985 durch die vierbändigen Memoiren ergänzt, die unter den Titeln Pubertetet, Asfalt, Tröskeln und Frihet erscheinen.

Eine Sonderstellung im literarischen Schaffen von Ivar Lo-Johansson nehmen die sieben Bände ein, die unter Passionssviten zwischen 1968 und 1972 erschienen, denn der Schriftsteller greift hier nicht zu seiner üblichen Romanform, sondern veröffentlicht 100 Novellen, die die Passionen und Laster der Menschheit schildern. Da er hier jedoch nicht nur über Machthunger und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schreibt, sondern auch die Erotik und die erotischen Träume eine wichtige Rolle einnehmen, wird der Autor als sittenverderbend betrachtet und die Passionssuite wird nahezu verschwiegen, wodurch die schwedische Gesellschaft ihre Doppelmoral zeigt, da Lo-Johansson nur aus dem tatsächlichen Leben schöpft.

Ivar Lo-Johansson ist der typische Vertreter der schwedischen Arbeiterliteratur des 20. Jahrhunderts, dem es auf die Verbesserung der Gesellschaft ankam und der sich nicht einem Parteisystem unterordnete. So wie er erst gegen das System der Statarna kämpfte, so setzte er sich in den 50er Jahren für ältere Menschen ein, die in Altersheimen versteckt wurden und in der Misere auf den Tod warteten. Durch seine Bücher und Artikel in Zeitschriften konnte er vieles ändern indem er das Volk auf Missstände aufmerksam machte. Und Lo-Johansson war glaubwürdig, denn er er war einer unter den Arbeitern, der über das schrieb, was er selbst erlebt hatte oder mit eigenen Augen gesehen hatte.

Copyright: Herbert Kårlin

30 december 2012

Sara Lidman, ein literarischer Kampf gegen den Kolonialismus

Sara Lidman wurde am 30. Dezember 1923 als Tochter von kleineren Landwirten in Missenträsk bei Jörn in Västerbotten geboren und starb am 17. Juni 2004 in Umeå, nachdem sie nach sehr vielen Auslandsaufenthalten bereits 1975 zurück nach Västerbotten gekehrt war.

In ihrem Heimatdorf ging Sara Lidman sechs Jahre in die Volksschule bevor sie wegen ihrer Tuberkulose ins Sanatorium nach Hällnäs kam, das für viele der Warteraum des Todes war. Für die 14-jährige Sara war das Sanatorium jedoch die Entdeckung einer neuen Welt, denn hier lernte sie die um vier Jahre ältere Dichterin Martina Nilsson kennen und hier hatte sie einen Zugang zu Büchern, Bildung und intellektuellen Gesprächen, die die Basis für ihr späteres Schaffen waren. Die Schriftstellerin selbst bezeichnete das Sanatorium später als die Hochschule für Kinder der nordschwedischen Dörfer und Höfe.


Die gesundheitliche Situation zwang Sara Lidman den Realschulabschluss über eine Fernschule zu machen und sich auf die Hochschulreife privat vorzubereiten. Anschließend studierte Lidman an der Universität Uppsala, allerdings immer wieder unterbrochen von Aufenthalten in Sanatorien und kurzzeitigen Anstellungen als Bedienung und einer Ausbildung zur Schauspielerin in Stockholm. In Uppsala trat sie auch dem literarischen Klub bei, wo sie die modernistische Autorin Stina Aronson und den Arbeiterschriftsteller Folke Fridell kennen lernte. Ihr Studium in der philosophischen Fakultät in Uppsala schloss Lidman im Jahre 1949 ab.

Der erste Roman von Sara Lidman erschien 1953 unter dem Titel Tjärdalen, ein Roman in dem sie erstmals das Dorf Ecksträsk verwendet und die gesamte menschliche Problematik eines nordschwedischen Dorfes in die Geschehnisse weniger Tage um Mittsommer verpackt. Das Buch wird von der Kritik und den Lesern unmittelbar als eines der besten Werke der 50er Jahre bezeichnet und macht Sara Lidman nahezu über Nacht in der literarischen Welt Schwedens bekannt. Besonders hervorgehoben wird bei Tjärdalen die Vereinigung von Gesellschaftskritik, ausgewählten Bibeltexten und der Anwendung von Dialek und Lokalausdrücken aus Västerbotten.

An ihren ersten Erfolg Tjärdalen schließen sich 1955 Hjortronlandet, 1958 Regnspiran und 1960 Bära mistel an, die alle in Västerbotten spielen und unmittelbar zum Erfolg werden, obwohl man diese ersten Bücher von Sara Lidman als jemand, der nicht in Västerbotten aufwuchs, durch die Anwendung der zahlreichen dialektalen Ausdrücke, nur etwas stockend lesen kann wenn man auch die Welt der Schriftstellerin und ihr Werk verstehen will.

Als Sara Lidman Ende der 50er Jahre mit Ivar Lo-Johansson zusammenlebte und diesen auch heiraten wollte, was jedoch der Schriftsteller ablehnte, kam Lidman zu ihrem politischen Kampf, der sich von der 68er Bewegung gegen den Krieg in Vietnam bis zum Krieg im Irak durchzog und in Schweden zu einer wichtigen Debatte zum amerikanischen Kolonialismus wurde. Sara Lidman reiste nach Vietnam, nach Südafrika, nach Kenia und verfasste in dieser Zeit mehrere kulturkritische politische Dokumentationen und gehörte damit zu jenen Personen Schwedens, die in den 60er und 70er Jahren die Vorbilder der linken Bewegung des Nordens wurde und einen bedeutenden Einfluss auf die Meinungsbildung hatten.

Als Sara Lidman im Jahre 1975 nach Missenträsk zurückkehrte, begann sie ihr bedeutendstes Werk zu schreiben, das in mehreren Bänden die Ankunft der schwedischen Eisenbahn in Nordschweden behandelt, das letzte große Ereignis, das in ihren Augen die Welt des Nordens zerstörte, da die Kolonisation des nördlichsten Teil Schwedens durch Stockholm nicht nur einen Anschluss an den Süden des Landes brachte, sondern eine gewachsene Kultur zerstörte und den nördlichsten Teil Schwedens zur größten Baustelle Stockholms machte. Sara Lidman lässt den Leser diese Geschichte, die Ende des 19. Jahrhunderts einsetzte und dann im 20. Jahrhundert mit dem Sieg Stockholms endete, mit den Augen der Befürworter und der Gegner ihrer Heimat sehen und zeigt wie durch diese Entwicklung auch der Zusammenhalt der Dörfer zerbricht und aus Freunden Feinde werden. Auch im Jernbaneeposet, wie diese Romansuite genannt wird, versucht die Schriftstellerin ihre Leser durch die Anwendung des Dialekts die Probleme der nördlichen Dörfer näher zu bringen, eine Methode, die bereits zu Beginn ihrer literarischen Karriere zu gewissen Leseschwierigkeiten ihrer Werke führte. Im Gegensatz zu ihren früheren politischen Kämpfen ist diese Romansuite jedoch nur noch Geschichte, denn die Veränderungen in ihrer Heimat sind beim Schreiben der Romane bereits vollbracht.

Wenn man heute die rund 20 Bücher von Sara Lidman betrachtet, so stellen diese nur einen sehr kleinen Teil ihres Schaffens dar, da sie auch unermüdlich Artikel für die schwedische Presse schrieb und nur einen Teil ihrer Aufzeichnungen und unvollendeten Manuskripte veröffentlichte. Die Schriftstellerin und ihre Erben haben zwischen 1998 und 2004 das gesamte Material Sara Lidmans dem Forschungsarchiv der Universität Umeå geschenkt, wobei dieses Material insgesamt 342 Bände umfasst, wovon es sich bei 122 um verschiedene Manuskripte der Schriftstellerin handelt. Hinzu kommen die Manuskripte, die Sara Lidmans Lebenskamerad Leif Sjöberg, mit Zustimmung der Autorin, der Universität Uppsala vermachte. Das gesamte Material, ausgenommen der persönlichen Briefe Lidmans, stehen der Forschung zur Verfügung. Um die Briefe einsehen zu können, benötigt man jedoch die Genehmigung der Erben.

Copyright: Herbert Kårlin

28 december 2012

Katarina Taikon, die bekannteste Roma-Autorin Schwedens

Katarina Taikon (Katarina Taikon-Langhammer) wurde am 29. Juli 1932 als Tochter der Silberschmiede Johan Taikon und Agda Karlsson in Almby in einem Zelt bei Örebro geboren und starb nach 14 Jahren im Koma am 30. Dezember 1995 in Ytterhogdal in Härjedalen. Sie war in zweiter Ehe verheiratet mit Björn Langhammer.

Wie alle Roma-Kinder hatte Katarina Taikon eine sehr schwere Kindheit und Jugend, denn die Familie durfte sich an keinem Ort länger als drei Monate aufhalten bevor die Polizei sie zwang den Ort zu verlassen. Die Mutter starb sehr früh, was bedeutete, dass Taikon erst zu einer Pflegefamilie kam, die einen Zirkus betrieb und dann in einem Kinderheim bei Umeå untergebracht wurde bis der Vater das Mädchen, nach einer zweiten Ehe, sie dort abholte. Das Verhältnis zur Stiefmutter war extrem schwierig und mit 14 wurde Katarina ohne ihre Einwilligung verheiratet.


Auch wenn der Vater von Katarina Taikon die Bedeutung von Bildung verstand, so gab es kaum eine Chance, dass seine Kinder lesen und schreiben lernten, denn Roma waren in den Schulen Schwedens nicht willkommen. Immerhin erreichte es Johan Taikon, dass Katarina innerhalb von drei Wochen in der Schule in Frösön zumindest das Alphabet lernen konnte. Wirklich lesen und schreiben lernte Katarina Taikon erst 1958 als sie die Volkshochschule in Stockholm besuchte. Diese Kenntnisse legten die Basis für ihre spätere Arbeit als Schriftstellerin.

Als im Jahre 1963 Katarina Taikons erstes Buch Zigenerska erschien, eine persönliche Dokumentation über die Situation der Roma in Schweden und deren permanente Diskriminierung, schlug das Werk wie eine Bombe ein und spaltete die schwedische Gesellschaft. Das Buch traf einen Schwachpunkt der Gesellschaft und führte zu einer Auseinandersetzung zwischen Katarina Taikon und Ivar Lo-Johansson, der 1929 in einer Reisereportage die These vertrat, dass Roma weder in Häusern wohnen wollen noch aber eine Integration in die schwedische Gesellschaft anstreben.

Auf der anderen Seite machte das Buch Zigenerska Katarina Taikon über Nacht bekannt und sie wurde zur Sprecherin und Vorkämpferin der Bewegung der Roma Schwedens, die sich bis zu ihrem Unfall im Jahre 1982 für das Recht der Roma in Schweden einsetzte und forderte, dass Roma-Kindern eine Schulbildung garantiert werden muss und Roma als Teil der schwedischen Gesellschaft betrachtet werden müssen, die auch ein Recht auf eine Wohnung haben.

Auch wenn die dokumentarischen Bücher Katarina Taikons über die Situation der Roma einen sehr wichtigen Beitrag zum Recht der Roma liefern und einen Einblick in Probleme bieten über die man noch heute in Schweden kaum zu sprechen wagt, außer in kulturellem Rahmen, wurde Taikon in ganz Europa mit ihrer autobiographischen Kinderbuchserie über das Zigeunermädchen Katitzi bekannt, 13 Büchern, die zwischen 1969 und 1980 erschienen und eine sehr breite Schicht an Kindern als Leser anzog. Die Serie beginnt als Katitzi, die kleine Kati (Katarina), im Kinderheim bei Umeå lebt und schildert dann das Leben der schwedischen Roma mit den Augen der Schriftstellerin. 1979 wurden die Bücher über Katitzi auch für das schwedische Fernsehen verfilmt.

Trotz der Verbreitung der Bücher und des Kampfes von Katarina Taikon, sind die Vorurteile gegenüber der schwedischen Roma noch tief in manch schwedischer Seele verwurzelt, denn als die Silberschmiedin Rosa Taikon, die Schwester Katarinas, dem sehr konservativen Bonniers Verlag in Stockholm eine autobiographisches Manuskript anbot, so fand der Verlag zwar das Buch gut, aber wollte die beschriebenen Tatsachen über Roma immer noch nicht als Wahrheit betrachten, was an das Werk der Schwester aus dem Jahre 1970 erinnern lässt, das unter dem Titel Förlåt att vi stör veröffentlicht wurde.

Weniger bekannt ist die kurze Karriere von Katarina Taikon als Schauspielerin, denn 1948 spielte sie im Kurzfilm Uppbrott, den bis 1956 sechs weitere Rollen folgen sollten, unter anderem in Singoalla und Åsa-Nisse på semester. Der Beginn dieser Karriere als Schauspielerin war auch das Ende der ersten Ehe mit dem Mann mit dem sie zwangsweise verheiratet worden war und der sie permanent misshandelt hatte.

Die literarische Karriere von Katarina Taikon endete abrupt nach ihrem Unfall im Jahre 1982 bei dem sie einen Hirnschaden erlitt und ins Koma fiel. Vierzehn Jahre später starb die Schriftstellerin ohne das Bewusstsein je wieder erlangt zu haben.

Copyright: Herbert Kårlin

2 november 2012

Moa Martinson eine feministische Arbeiterschriftstellerin Schwedens

Moa Martinson, geborene Swartz, kam am 2. November 1890 in Vårdnäs bei Linköping als Tochter von Kristina Swartz und unbekanntem Vater zur Welt. Die ersten Jahre verbrachte Moa überwiegend bei der Großmutter und erst als Fünfjährige konnte das Mädchen zu ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Alfred Karlsson ziehen. Die Schriftstellerin starb am 5. August 1964 in Sorunda im Södermanland.

Bereits mit 16 arbeitete Moa Martinson auf der Kunst- und Industrieausstellung in Norrköping und noch im gleichen Jahr fand sie dann eine Ausbildungsstelle bei einem Restaurant in Stockholm. Nach ihrer Ausbildung arbeitete Moa dann mehrere Jahre als die jüngste Kaltmamsell des Landes überall in Schweden.


Mit 18 traf Moa Martinson den Arbeiter Karl Johan Leonard Johansson und ein Jahr später erwartete sie ihr erstes Kind, dem in kurzem Abstand vier weitere folgten, bevor das Paar sich dann 1922 verheiratete. Allerdings vertrank ihr Ehemann sehr oft seinen Lohn, so dass Moa Gemüse anbaute, fischte und Fallen stellte um die Familie zu ernähren. 1925 ertranken zwei der Söhne als sie im Eis einbrachen und 1928 beging ihr Ehemann Selbstmord. In dieser Zeit war Moa Martinson bereits politisch aktiv und in ihrem kleinen Häuschen, in das sie bereits 1910 gezogen war, fanden die Treffen der Gewerkschaftsbewegung statt.

Die literarische Karriere Moa Martinsons begann im Jahre 1922, als die Zeitung Arbetaren ihre ersten Beiträge veröffentlichte. 1927 begann Moa dann in der feministischen Zeitung Tidevarvet über die Situation der Arbeiterfrauen zu schreiben und 1933 erschien ihr Roman Kvinnor och äppelträd (Frauen und Apfelbäume), ein Buch, das zwar erst von mehreren Verlagen abgelehnt worden war, nach der Veröffentlichung jedoch bedeutendes Aufsehen erregte, da Moa Martinson beim Schreiben nicht zu literarischen Stilmitteln griff, sondern eine sachliche und offene Sprache wählte und selbst die Sexualität ansprach, was zu jener Zeit als Tabuthema in der Literatur galt. 

Den wahren Durchbruch hatte Moa Martinson dann mit der autobiografischen Trilogie über Mia, die aus den Büchern Mor gifter sig (Mutter verheiratet sich), Kyrkbröllop (Kirchenhochzeit) und Kungens rosor (Rosen des Königs) besteht. Diese drei Bände gelten geradezu als Kulturgeschichte Norrköpings zu Beginn des 20. Jahrhunderts, da Moa nicht nur ihre persönlichen Erlebnisse beschreibt, sondern auch einen Einblick in alle Ereignisse der Stadt zu dieser Epoche liefert.

Ein wichtiges und ständig wiederkommendes Thema bei Moa Martinson ist die Freundschaft unter Frauen, die sich gegenseitig helfen und unterstützen, eine Voraussetzung für das gesellschaftliche Arbeitergefüge dieser Zeit, als männliche Arbeiter ihre Freizeit weniger zu Hause als vielmehr mit Freunden in der Kneipe verbrachten und den Lohn vertranken.

Während Moa Martinson sowohl als politische Führerin im lokalen Rahmen, als Frauenrechtlerin und auch als Schriftstellerin einen bedeutenden Erfolg aufweisen konnte, so hatte sie mit ihren Männern weniger Glück, denn auch die zweite Ehe, die sie mit Harry Martinson einging, dauerte gerade einmal elf Jahre, da Harry Martinson von einer Affäre zur nächsten schlitterte und wenig von einer stabilen Familie hielt. Der Schriftsteller Ivar Lo-Johansson, der zu beiden eine Freundschaft pflegte, schildert dieses Verhältnis in seinem Roman Tröskeln.

Das kleine Häuschen in Johannesdal, in dem Moa Martinson nahezu ihr gesamtes Leben verbrachte, wo sie ihre Werke schrieb und mit Harry Martinson lebte, ist noch heute im gleichen Zustand in dem Moa Martinson es bei ihrem Tod am 5. August 1964 verlassen hat. Allerdings ist das rote Häuschen mit seinem Obstgarten nicht als Museum eingerichtet und kann nur von außen betrachtet werden.

Moa Martinson ist die einzige Arbeiterschriftstellerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts und bietet daher einen einzigartigen Einblick in das Leben der Arbeiterfamilien von der Sicht einer Frau. Ohne die Frauenbewegung der 70er Jahre wäre Moa Martinson heute vermutlich vergessen, da man in der Literatur der letzten 100 Jahre immer nur Männer im Zentrum der Arbeiterbewegung sah und auch das Leben der Frau jener Zeit nur von Seiten der Männer geschildert wurde um ein einheitliches Bild zu schaffen in dem die Frau keine wichtige Rolle spielte.

Copyright: Herbert Kårlin