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16 juni 2013

Torgny Lindgren und die Heimatliteratur Västerbottens

Torgny Lindgren wurde am 16. Juni 1938 als Sohn des Hilfsarbeiters Konrad Andreas Lindgren und dessen Frau Helga Albertina Björk in Raggsjö in Västerbotten geboren und ist mit Stina Andersson verheiratet. Das Ehepaar wohnt heute auf einem Hof im Östergötland.

Die Kindheit von Torgny Lindgren war geprägt von der Freikirche, der die Familie anghörte, einer TBC, die ihm sehr früh Schwierigkeiten verursachte, der kleinen Landwirtschaft, die seine Eltern nebenbei betrieben und natürlich von den Erzählungen, die ihm seine Großmutter und der Prediger der Religionsgemeinschaft erzählten. Eine besondere Rolle spielte auch der Spielmann und Lokalschriftsteller Kalschon Boman, der am Rande des Dorfes wohnte und die Phantasie des jungen Lindgren anregte.

Torgny Lindgren, Hummelhonung, Norstedts Förlag, 2010

Mit 13 Jahren wurde Torgny Lindgren dann für gesund erklärt, was ihm später ein großes Misstrauen zu Ärzten einbrachte, da er die Diagnose TBC immer noch in Frage stellt. Nachdem Lindgren nur die die Volksschule und anschliessend die Realschule in Norsjö besucht hatte, jedoch nach mehr Wissen und einem sinnvollen Beruf strebte, machte er im Volksschulseminar in Umeå eine Ausbildung zum Lehrer. Während der Ausbildung lernte er auch seine Frau kennen.

Nach seiner Ausbildung zum Volksschullehrer zog das Ehepaar ins Småland und arbeitete, die meiste Zeit in Vimmerby, als Lehrer für Geschichte und Sozialkunde. Erst Mitte der 70er Jahre gab Torgny Lindgren seinen Beruf auf um sich ganz der Schriftstellerei zu widmen. Während seiner Zeit als Lehrer war der Autor auch aktiv, als Mitglied der Sozialdemokraten, an der Kommunalpolitik beteiligt, eine Tätigkeit, die er später ebenfalls aufgab.

Nach den Aussagen von Torgny Lindgren führte sein Weg zur Literatur über die Schulbibliothek und insbesondere August Strindbergs Roman Röda rummet, den er mit 13 las. Im gleichen Jahr begann Lindgren die Realschule mit einer Handvoll Bücher, die seine spätere Laufbahn als Schriftsteller bedeutend prägen sollten, denn neben Kunstbüchern fand man die religiösen Werke von Selma Lagerlöf, Herman Hesse und philosophische Literatur.

Seine ersten Schritte als Schriftsteller machte Torgny Lindgren im Jahre 1965 mit seiner Gedichtsammlung Plåtsax, einem Werk, das so unbemerkt blieb wie seine folgenden Gedichtbände und seine gesellschaftskritischen Romane dieser Zeit, denn auch wenn der Schriftsteller von Beginn an seine literarische Stärke zeigte, so fehlte in den Büchern noch die Persönlichkeit des Autors.

Der Durchbruch sollte für Torgny Lindgren erst im Jahre 1982 mit dem Roman Ormens väg på hälleberget kommen, als er im gleichen Stil wie Sara Lidman und Per Olov Enquist zum Lokalroman Västerbottens findet. Der Roman spielt im 19. Jahrhundert bei dem ein Händler und sein Sohn die ärmsten Frauen der Region mit Sex bezahlen lässt, was letztendlich zu einer Katastrophe führt. Der Roman Ormens väg på hälleberget, der 1986 auch von Bo Widerberg verfilmt wird, sollte den Schriftsteller international bekannt machen, denn anschließend wurden seine Werke in über 40 Sprachen übersetzt und seinen Roman Bat Seba findet man in der Liste der 100 Bücher der Weltliteratur, die man auf jeden Fall lesen soll.

Die Bücher von Torgny Lindgren schildern das Leben und die Schicksale der Menschen in Västerbotten, sind jedoch geprägt von seinem religiösen Glauben und der Philosophie Arthur Schopenhauers, Blaise Pascals und Søren Kierkegaards für die sich der Schriftsteller bereits seit seiner Jugend interessierte. Seine Sprache ist auf ein Minimum reduziert und gefüllt mit dialektalen Ausdrucken aus Västerbotten, angereichert mit einem gewissen Galgenhumor. Die Personen über die Lindgren schreibt, findet man oft mit dem gleichen Namen in den entsprechenden Orten wieder, was nicht jeder unter ihnen sehr positiv sieht, da der Schriftsteller die Handlungen als solches erfindet und dabei sehr viel Phantasie zeigt.

Wenn man ein Werk von Torgny Lindgren liest, so weiß man nie so genau wo sich Wahrheit und Fiktion kreuzen, da dem Autor die Aussage eines Buches wichtiger ist als die Realität einer beschriebenen Handlung. Er überlässt es dabei dem Leser eine Folgerung zu ziehen ohne diesem auch nur irgendeinen Hinweis zu geben, auch nicht in Gesprächen oder während einer Lesung.

Torgny Lindgren erhielt 1986 den bedeutenden französischen Literaturpreis Femina, wurde 1990 zum Ehrendoktor der Universität Linköping ernannt, wurde 1991 in die Svenska Akademien gewählt, wo er, nach Ture Johannisson auf dem Stuhl Nummer 9 Platz nahm und erhielt im Jahre 2000 die Ehrendoktorwürde der Universität Umeå. Sein bisher letztes Buch Minnen ut erschien im Jahre 2000, eine Art Erinnerungen an sein Leben, das er nur auf sehr nachhaltigen Druck seines Verlegers veröffentlichte und das nur einen vagen Einblick in das Leben des Schriftstellers bietet.

Copyright: Herbert Kårlin

22 maj 2013

Walter Ljungquist und der psychologische Roman Schwedens

Walter Ljungquist (offiziell Valter Bertil Ljungqvist) wurde am 11. Juni 1900 als Sohn des Kaufmanns Erik Josef Ljungqvist und dessen Frau Edla Josefina Cecilia Pettersson in Kisa in Östergötland geboren und starb am 22. Mai 1974 ebenfalls in Kisa. Ljungquist war in erster Ehe mit der Journalistin Claire Eva Edla Neuman verheiratet und in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin Gerda Sofia Antti.

Seine Kindheit verbrachte Walter Ljungquist in einem Elternhaus mit einer herzkranken Mutter und einem psychisch labilen Vater, der zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung pendelte. Die Wirtschaftslage der Familie war kaum stabil. Es war daher kaum verwunderlich, dass sich Ljungquist, der zudem Hörprobleme hatte, in eine eigene Welt floh. Als der Junge zwölf Jahre alt war, starb die Mutter und die Situation verschlechterte sich zunehmend, da der Vater zu trinken begann und der Konkurs bald nicht mehr zu vermeiden war.

Walter Ljungquist, Erika, Erika, Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 1963

Sehr früh musste Walter Ljungquist bei seinem Vater mitarbeiten und nach fünf Jahren Volksschule begann für ihn das Berufsleben, erst im Büro, dann in der kleinen Druckerei, die Ljungquist später übernahm und bis in die 30er Jahre fortführte. Diese Kindheit und die verpasste Jugend sollten später die Hauptthemen seiner Werke werden, eine Art Suche nach seiner eigenen Vergangenheit und die Suche nach dem verlorenen Paradies.

Der junge Walter Ljungquist, der bereits früh seine künstlerische Neigung entdeckt hatte, versuchte bereits mit etwa 20 seine verpasste Bildung nachzuholen und beschäftigte sich mit allen Strömungen der Zeit, angefangen von der Literatur bis zur Philosophie und Psychologie. Als vollkommener Autodidakt und ohne Fremdsprachenkenntnisse versucht Ljungquist selbst Autoren wie Marcel Proust, Joseph Priestley und Katherin Mansfield zu verstehen. Verständlicherweise gewann der Schriftsteller dadurch eine persönliche Vorstellung der Literatur und folgte nicht den akademisch vorgegebenen Linien.

Im Jahre 1926 begann Walter Ljungquist als Novellist bei der Bonniers veckotidning, wenn auch mit geringem Erfolg und gleichzeitig begann er an an einem Monumentalwerk im Geiste von Proust zu schreiben. Ljungquist wollte damit den ersten modernen Roman Schwedens schaffen, was ihm jedoch nicht gelang, da der Roman von den Verlagen, ebenso wie seine zwei zeitkritischen Folgeromane, abgelehnt wurde.

Erst als Bonniers Litteräre Magasin ab 1932 erschien und damit auch die modernere Prosa veröffentlichte, gelang es Walter Ljungquist unter den Literaten Schwedens aufgenommen zu werden und 1933 erhielt er einen geteilten ersten Preis für seinen Kurzroman Ombyte av tåg. Gleichzeitig machte Ljungquist durch die Zeitschrift auch die Bekanntschaft mit den Werken von Hermann Hesse in dessen Werken er Parallelen zu seinem eigenem Schicksal entdeckte.

Nachdem Walter Ljungquist sich auch der Anthroposophie genähert hatte, die sich in Schweden ab Mitte der 30er Jahre verbreitete, änderte sich die Betrachtungsweise des Schriftstellers und Ljungquist fand zur Erzählung, die auf persönliche Erinnerungen aufbaut. Bereits 1938 kam dann mit dem Roman Resande med okänd bagage sein absoluter Durchbruch. 

Als in den 40er Jahren der Aufstieg des schwedischen Films einsetzte, nahm die Aktivität des kaum etablierten Schriftstellers etwas ab, da er sich, vor allem gemeinsam mit Hasse Ekman, an das Schreiben von Filmmanuskripten machte und dadurch über 20 Filmen seinen Stempel gab. So nebenbei wurden dann zwischen 1943 und 1950 auch drei seiner eigenen Romane verfilmt, was ihm zu einem bedeutenden Ruhm als Schriftsteller verhalf.

In den 50er Jahren schreibt der literarische Außenseiter Walter Ljungquist einige der bedeutendsten Romane dieser Zeit, die den Lesern einen Blick in die Seelen seiner Hauptpersonen führen und ihnen den psychologischen Roman Schwedens präsentiert.

Als Walter Ljungquist 1951 Stockholm verlässt, das Schreiben für den Film aufgibt und keine Auftragsarbeit mehr annimmt, entsteht das Meisterwerk des Schriftstellers, ein Bildungsroman, der sich langsam entwickelt und letztendlich aus elf Büchern bestand. Ljungquist wechselt bei dieser Serie immer wieder die Betrachtungsweise und der Leser findet sich in den verschiedensten Personen wieder. Diese 100-jährige „Geschichte“ des Småland mit seinen Naturbetrachtungen wird immer wieder mit dem Werk von Johann Wolfgang von Goethe verglichen, da Ljungquist zu sehr ähnlichen Stilmitteln und Ausdrucksweisen greift wie der deutsche Schriftsteller.

Walter Ljungquist, der bisweilen als Entwicklungspsychologe bezeichnet wird, gehört als Autodidakt in keinerlei Gruppe von Schriftstellern und er folgte keiner einzigen der offiziellen literarischen Linien, was ihn innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte nahezu einzigartig macht. Die Personen in seinen Büchern sind immer auf dem Weg sich zu finden, auf dem Weg etwas zu erreichen oder auf dem Weg das Leben zu verstehen, auch wenn der Ausgang danach meist offen bleibt. Ljungquist interessierte die Entwicklung des Menschen, was den Einfluss der Anthroposophie auf seine Werke zeigt ohne dass der Schriftsteller jedoch das gesamte Dogma dieser Philosophie übernahm.

Copyright: Herbert Kårlin

12 april 2013

Johan Göth und die Lokalgeschichte Smålands

Johan Göth wurde am 4. April 1869 als Sohn des Pachtlandwirts Nils Peter Petersson und dessen Frau Catharina Nicolausdotter in Sjösås bei Växjö geboren und starb am 22. Dezember 1952 im gleichen Ort. Göth war in erster Ehe mit Christina Albertina Bergman und nach ihrem Tod in zweiter Ehe mit Katarina Elisabeth Johannisdotter verheiratet.

Nach eigenen Aussagen wurde Johan Göth in der ärmsten Familie der Armen geboren, was natürlich bedeutete, dass er bereits als Fünfjähriger kleinere Aufgaben übernehmen musste und gezwungen war bereits sehr früh sein Geld als Jungknecht zu verdienen. Schulbildung war daher überflüssig und beschränkte sich auf das absolute Minimum, wobei sich der Junge vor allem für das Lesen interessierte.


Foto: Schwedisches Reichsarchiv
 
Sein Interesse für regionale Literatur entwickelte sich bei Johan Göth, da er bereits im jüngsten Alter bei der bettlägerigen 90-jährigen Witwe einer Korporals tagsüber das Feuer aufrecht halten musste und diese ihn mit Erzählungen aus der lokalen Sagenwelt bezahlte, aber auch mit der Geschichte der Region eines Jahrhunderts. Seine Bildung holte sich Göth durch Selbststudium und während der Zeit als Soldat.

Entscheidend dafür, dass sich Johan Göth zu einem bedeutenden Lokalschriftsteller des Smålands entwickelte, war seine Begegnung mit dem Priester Nils Sellergren für den er 1895 und 1896 arbeitete, denn der Pfarrer erklärte ihm die Bedeutung der lokalen Geschichte und der Entwicklung der Region, aber auch welchen Einfluss Traditionen und Sitten auf Menschen haben, was Inderesse Göths weckte.

Bereits zur Jahrtausendwende begann Johan Göth dann unter den Pseudonymen Joan Nilsson und Norrator-paluen für die lokale Presse zu schreiben. Jahrelang führte Göth die Leser des Växjöbladet damit in die Backstuben auf dem Land, in die Scheunen und die Stuben der Bauern und brachte der gebildeten und überwiegend städtischen Schicht das Leben und die Traditionen im Småland näher, und zwar gesehen von einem Schriftsteller, der selbst dieses Leben führte und nicht nach literarischen Feinheiten suchte.

Parallel dazu begann sich Johan Göth nicht nur selbst eine Zukunft als kleiner Landwirt aufzubauen, sondern er engagierte sich im politischen Leben, das für die Landbevölkerung von Bedeutung war, er schloss sich den strikten Antialkoholikern an und er begann sich für die Erhaltung landwirtschaftlicher Gegenstände und ihrer kulturellen Bedeutung einzusetzen und begann sich selbst für die Einrichtung eines Heimatmuseums zu interessieren.

Obwohl Johan Göth durch seine Artikel im Växjöbladet eine bedeutende Leserschaft gefunden hatte, wagte er es erst im Jahre 1923 sein erstes Buch zu veröffentlichen für das er vor allem seine bisherigen Arbeiten hervorholte, einige davon auswählte und überarbeitete. Da dieses erste Werk mit dem Titel I bondehem och backstugor. Småländska folklivsskildringar von der Kritik sehr positiv bewertet wurde und eine zahlreiche Leserschicht fand, folgten diesem ersten Buch in kürzester Folge rund 20 weitere Bücher, wobei er in den Folgewerken nicht mehr nur die Kulturgeschichte der Region um Växjö zum Thema hatte, sondern auch aus seinem eigenen Leben als Soldat und als Eisenbahnarbeiter schrieb, aber auch über das Aufkommen der freikirchlichen Bewegung und die Geschichte der Architektur der Dörfer.

Obwohl heute Johan Göth neben den offiziellen literarischen Volksschriftstellern wie Vilhelm Moberg, Elin Wägner oder Elisabeth Bergstrand-Poulsen nahezu vergessen ist, so hatte er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitaus mehr Leser als jene Autoren, die heute als literarische Elite der Volksschriftstellerei betrachtet werden, denn Göth suchte keinen literarisch ausgeprägten Stil, sondern er schrieb nahezu so wie er seine Geschichten und Sagen erzählte und traf damit die Volksseele. Im Gegensatz zu Moberg oder Wägner hatte er Zugang zu allen, die auch nur minimale Kenntnisse im Lesen hatten, wurde aber auch von der Mittelschicht gelesen.

Johan Göth war, ohne jede wissenschaftliche oder literarische Ausbildung, der einzige Schriftsteller seiner Zeit, dessen Werke noch heute für die Geschichte des Småland von größter Bedeutung sind, denn auch wenn seine geschichtlichen Auslegungen Schwächen haben, so zeigt er in seinen Erzählungen eine ausgeprägte Stärke für das Leben der einfachen Bevölkerung und deckt die Seele und das Leben der Landbevölkerung auf.

Die literarischen Leistungen von Johan Göth blieben auch an anderen Stellen nicht unbemerkt, denn Göth wurde auch bald vom Fålksmålarkiv in Uppsala beschäftigt, vom Nordischen Museum, von der Hylthén-Cavallius-Stiftung und er wurde der Leiter des Heimatmuseums Braås (heute Freiluftmuseum Braås) im Småland. Ab 1933 war der Schriftsteller auch regelmäßiger Mitarbeiter der Smålandposten.

Neben seinen lokalen kulturhistorischen Werken schrieb Johan Göth auch einige Volkslustspiele, die einen bedeutenden Erfolg hatten. Ab 1940 trat der Schriftsteller, der sein Leben lang eine Neigung hatte seine Geschichten zu erzählen, im Skansen als Erzähler auf und ließ für eine große Schicht an Besuchern das alte Småland auferstehen. Insgesamt hielt Johan Göth während seines Lebens über 4000 Vorträge über die erlebte Kulturgeschichte des Smålands mit einem Schwerpunkt des 19. Jahrhunderts.

Copyright: Herbert Kårlin