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1 juli 2013

Owe Husáhr und die Auseinandersetzung mit der Psyche

Owe Husáhr wurde am 1. Juli 1921 als Sohn des Kaufmanns Ragnar Husáhr und dessen Frau Edith Elisabet Elfström in Mora geboren, auch wenn er in Borlänge eingetragen wurde, und starb am 20. Februar 1959 im Alter von 36 Jahren der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Husáhr war ab 1946 mit Maj Birgit Göransson verheiratet.

Seine Kindheit wurde, nach Owe Husáhr selbst, von Streitigkeiten der Eltern dominiert, was auch zur Scheidung führte und einer positiven Zeit bei seinen Großeltern mütterlicherseits, da der Großvater gerne und häufig Gustaf Fröding und Erik Axel Karlfeldt deklamierte und die Großmutter seine Fantasie mit eindrucksvollen Erzählungen anregte.

Owe Husáhr, Nattens väv, Folket i Bild, Stockholm, 1955

Nachdem die Mutter von Owe Husáhr sich erneut verheiratet hatte, kam der Junge wieder ganz zu ihr nach Hedemora und wurde dort in der Schule gemobbt, was jeden Morgen die Angst in ihm weckte. Erst die letzten Jahre der Volksschule wurden besser, da Husáhr nun den Schriftsteller Paul Lundh als Lehrer bekam. Das Milieu in das Husáhr in diesen Jahren gestoßen wurde, findet man in seinem ersten Roman Gör mitt mörker ljust auf sehr eindrucksvolle Weise geschildert.

Nach Abschluss der Volksschule besuchte Owe Husáhr eine Technische Schule an der er 1943 ein Examen als Ingenieur ablegte. Zwischen 1943 und 1947 hatte der Schriftsteller dann mehrere Anstellungen sowohl in Skåne als auch in Nordschweden, wo er nach Erz suchte. Ab 1947 beendete Husáhr seine Karriere als Ingenieur und entschloss sich dazu nur noch als Schriftsteller zu arbeiten, was natürlich bis zu seinem Durchbruchsroman Mistluren im Jahre 1949 mit großen finanziellen Schwierigkeiten verbunden war.

Nach seiner Ehe und mit dem Beginn als unabhängiger Schriftsteller zu arbeiten, zog Owe Husáhr nach Borlänge. Um über die Runden zu kommen, akzeptierte der Schriftsteller in dieser Zeit auch zahlreiche Aufträge als Redner bei allgemein bildenden Einrichtungen. Seine Isolation von der Welt anderer Schriftsteller führte dabei dazu, dass Husáhr keiner der literarischen Strömungen folgte, sondern beim Schreiben einem sehr persönlichen Weg folgte.

Die Novellen und Romane von Owe Husáhr, die in den 50er Jahren erschienen, sind, wie bereits der Roman Mistluren, eine Auseinandersetzung mit der Psyche von Menschen, die auf der dunklen Seite des Daseins existieren und bei denen Beziehungsprobleme die unterschiedlichsten Konsequenzen zeigen. Die Isolation und die Einsamkeit der handelnden Personen sind bei Husáhr oft das Ergebnis von Egoismus und ein Mangel sich anderen gegenüber zu öffnen. Die handelnden Personen seiner Romane und Novellen sind einfache Personen, die selbst den Alltag bisweilen nicht meistern.

Seine Neigung zum Dramatischen, das sich bereits in den Büchern von Owe Husáhr ausdrückt, will der Autor auch in einigen Stücken für das Theater unterbringen, allerdings ohne jeden Erfolg, da sich Husáhr nie für Kontakte interessierte und als Außenstehender keinen Zugang zur Welt des Theaters fand.

Die Hörspiele, die Owe Husáhr dagegen dem Rundfunk anbot, wurden jedoch ein bedeutender Erfolg, denn der Autor war in der Lage einen intimen und dennoch spannenden Dialog zu gestalten, der das Publikum vor dem Radiogerät fesselte. Leider wurden diese Hörspiele nie in Buchform veröffentlicht, was ebenfalls darauf zurückzuführen ist, dass der Autor zwar schreiben konnten, jedoch nicht wusste wie er sich auch verkaufen kann.

Obwohl die Romane von Owe Husáhr den Pessimismus der Autoren der 40er Jahre beinhalteten und damit eine gewisse Ergänzung zur Literatur dieser Epoche sind, nahm der Autor nie an den Debatten zur Zeit teil und blieb vom aktiven literarischen Geschehen dieser Epoche ausgeschlossen. Ob diese Isolation auf eine Angst vor der Umwelt zurückzuführen ist oder aber auf ein Desinteresse an der politischen Debatte zur Zeit ausdrückt, ist heute kaum zu sagen, da sich der Schriftsteller nie zu diesem Thema äußerte.

Sicher ist jedoch, dass Owe Husáhr nie die Welt oder die Gesellschaft verändern wollte, sondern ein Erzähler bleiben wollte, der die Psyche des Menschen analysiert und damit so manche Probleme der Gesellschaft erklärt, Probleme, die die man in nahezu jeder Gesellschaftsschicht findet. Husáhr versuchte, im Gegensatz zur Zeitströmung der 40er und 50er Jahre, seine Erzählungen in einen allgemeingültigen Rahmen setzen, der von den aktuellen Ereignissen weitgehend unbeeinflusst war.

Inwieweit Owe Husáhr seine persönliche Erfahrung und Entwicklung in seinen Romanen unterbrachte, kann man nicht bewerten, denn auch wenn man weiß, dass der Schriftsteller in seiner Jungend unter psychischen Problemen litt, so beschreiben ihn Personen, die den Autor kannten, auch als positiv und ausgeglichen. Mehrere Literaturwissenschaftler sind jedoch der Meinung, dass Husáhr starke innere Kämpfe ausführen musste, die er lediglich nicht an die Oberfläche geraten ließ. Durch den frühen Tod Husárs ist der Umfang seiner Werke jedoch sehr eingeschränkt.

Copyright: Herbert Kårlin

22 maj 2013

Walter Ljungquist und der psychologische Roman Schwedens

Walter Ljungquist (offiziell Valter Bertil Ljungqvist) wurde am 11. Juni 1900 als Sohn des Kaufmanns Erik Josef Ljungqvist und dessen Frau Edla Josefina Cecilia Pettersson in Kisa in Östergötland geboren und starb am 22. Mai 1974 ebenfalls in Kisa. Ljungquist war in erster Ehe mit der Journalistin Claire Eva Edla Neuman verheiratet und in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin Gerda Sofia Antti.

Seine Kindheit verbrachte Walter Ljungquist in einem Elternhaus mit einer herzkranken Mutter und einem psychisch labilen Vater, der zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung pendelte. Die Wirtschaftslage der Familie war kaum stabil. Es war daher kaum verwunderlich, dass sich Ljungquist, der zudem Hörprobleme hatte, in eine eigene Welt floh. Als der Junge zwölf Jahre alt war, starb die Mutter und die Situation verschlechterte sich zunehmend, da der Vater zu trinken begann und der Konkurs bald nicht mehr zu vermeiden war.

Walter Ljungquist, Erika, Erika, Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 1963

Sehr früh musste Walter Ljungquist bei seinem Vater mitarbeiten und nach fünf Jahren Volksschule begann für ihn das Berufsleben, erst im Büro, dann in der kleinen Druckerei, die Ljungquist später übernahm und bis in die 30er Jahre fortführte. Diese Kindheit und die verpasste Jugend sollten später die Hauptthemen seiner Werke werden, eine Art Suche nach seiner eigenen Vergangenheit und die Suche nach dem verlorenen Paradies.

Der junge Walter Ljungquist, der bereits früh seine künstlerische Neigung entdeckt hatte, versuchte bereits mit etwa 20 seine verpasste Bildung nachzuholen und beschäftigte sich mit allen Strömungen der Zeit, angefangen von der Literatur bis zur Philosophie und Psychologie. Als vollkommener Autodidakt und ohne Fremdsprachenkenntnisse versucht Ljungquist selbst Autoren wie Marcel Proust, Joseph Priestley und Katherin Mansfield zu verstehen. Verständlicherweise gewann der Schriftsteller dadurch eine persönliche Vorstellung der Literatur und folgte nicht den akademisch vorgegebenen Linien.

Im Jahre 1926 begann Walter Ljungquist als Novellist bei der Bonniers veckotidning, wenn auch mit geringem Erfolg und gleichzeitig begann er an an einem Monumentalwerk im Geiste von Proust zu schreiben. Ljungquist wollte damit den ersten modernen Roman Schwedens schaffen, was ihm jedoch nicht gelang, da der Roman von den Verlagen, ebenso wie seine zwei zeitkritischen Folgeromane, abgelehnt wurde.

Erst als Bonniers Litteräre Magasin ab 1932 erschien und damit auch die modernere Prosa veröffentlichte, gelang es Walter Ljungquist unter den Literaten Schwedens aufgenommen zu werden und 1933 erhielt er einen geteilten ersten Preis für seinen Kurzroman Ombyte av tåg. Gleichzeitig machte Ljungquist durch die Zeitschrift auch die Bekanntschaft mit den Werken von Hermann Hesse in dessen Werken er Parallelen zu seinem eigenem Schicksal entdeckte.

Nachdem Walter Ljungquist sich auch der Anthroposophie genähert hatte, die sich in Schweden ab Mitte der 30er Jahre verbreitete, änderte sich die Betrachtungsweise des Schriftstellers und Ljungquist fand zur Erzählung, die auf persönliche Erinnerungen aufbaut. Bereits 1938 kam dann mit dem Roman Resande med okänd bagage sein absoluter Durchbruch. 

Als in den 40er Jahren der Aufstieg des schwedischen Films einsetzte, nahm die Aktivität des kaum etablierten Schriftstellers etwas ab, da er sich, vor allem gemeinsam mit Hasse Ekman, an das Schreiben von Filmmanuskripten machte und dadurch über 20 Filmen seinen Stempel gab. So nebenbei wurden dann zwischen 1943 und 1950 auch drei seiner eigenen Romane verfilmt, was ihm zu einem bedeutenden Ruhm als Schriftsteller verhalf.

In den 50er Jahren schreibt der literarische Außenseiter Walter Ljungquist einige der bedeutendsten Romane dieser Zeit, die den Lesern einen Blick in die Seelen seiner Hauptpersonen führen und ihnen den psychologischen Roman Schwedens präsentiert.

Als Walter Ljungquist 1951 Stockholm verlässt, das Schreiben für den Film aufgibt und keine Auftragsarbeit mehr annimmt, entsteht das Meisterwerk des Schriftstellers, ein Bildungsroman, der sich langsam entwickelt und letztendlich aus elf Büchern bestand. Ljungquist wechselt bei dieser Serie immer wieder die Betrachtungsweise und der Leser findet sich in den verschiedensten Personen wieder. Diese 100-jährige „Geschichte“ des Småland mit seinen Naturbetrachtungen wird immer wieder mit dem Werk von Johann Wolfgang von Goethe verglichen, da Ljungquist zu sehr ähnlichen Stilmitteln und Ausdrucksweisen greift wie der deutsche Schriftsteller.

Walter Ljungquist, der bisweilen als Entwicklungspsychologe bezeichnet wird, gehört als Autodidakt in keinerlei Gruppe von Schriftstellern und er folgte keiner einzigen der offiziellen literarischen Linien, was ihn innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte nahezu einzigartig macht. Die Personen in seinen Büchern sind immer auf dem Weg sich zu finden, auf dem Weg etwas zu erreichen oder auf dem Weg das Leben zu verstehen, auch wenn der Ausgang danach meist offen bleibt. Ljungquist interessierte die Entwicklung des Menschen, was den Einfluss der Anthroposophie auf seine Werke zeigt ohne dass der Schriftsteller jedoch das gesamte Dogma dieser Philosophie übernahm.

Copyright: Herbert Kårlin

26 mars 2013

Aurora Ljungstedt und die ersten Kriminalromane Schwedens

Aurora Ljungstedt, geborene Hjort, wurde am 2. September 1821 als Tochter des Majors Georg Leonard Hjort und dessen Frau Fredrika Elisabet Älf in Karlskrona geboren und starb am 21. Februar 1908 in Stockholm. Ljungstedt war mit dem Bürochef Samuel Viktor Ljungstedt verheiratet und veröffentlichte ihre Werke unter den Pseudonymen Claude Gérard und Richard.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr verbrachte Aurora Ljungstedt in Blekinge in der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft. Die Bildung erhielt das Mädchen, wie zu jener Zeit üblich, zu Hause. Mit 14 zog die Familie dann nach Kvillinge bei Kolmården. In dieser Zeit zeigte sich auch deutlich das schriftstellerische Talent von Ljungstedt und sie fasste den Entschluss Schriftstellerin zu werden, was die Mutter jedoch auf jeden Fall verhindern wollte, da dies keine Tätigkeit für eine ehrenhafte Frau war.


Auch wenn die Mutter nicht verhindern konnte, dass Aurora Ljungstedt ab den 40er Jahren ihre Erzählungen im Aftonbladet, der Zeitung Bore und später auch in der Nya dagligt allehanda veröffentlichte, so verzichtete die Schriftstellerin ihr Leben lang darauf ihre Arbeiten unter ihrem wahren Namen zu veröffentlichen und benutzte grundsätzlich männliche Pseudonyme. Diese Geheimhaltung verhinderte allerdings auch einen Umgang mit Gleichgesinnten und versperrte ihr den Zugang zu den literarischen Kreisen jener Epoche.

Erst nachdem Aurora Ljungstedt mit 25 Jahren geheiratet hatte, begann sie von Novellen auf Bücher überzugehen, die jedoch grundsätzlich über die Vermittlung ihres Mannes, der sie in ihrer Arbeit unterstützte, veröffentlicht wurden. Ab diesem Zeitpunkt wählte die Schriftstellerin auch eine Romanfigur Eugène Sues, der auch eines ihrer großen Vorbilder war, als Pseudonym. Außer bei ihrem ersten veröffentlichten Band Hin ondes hus aus dem Jahre 1853 verwendete Ljungstedt dann grundsätzlich das Pseudonym Claude Gérard, das erst 30 Jahre nach der Veröffentlichung ihres ersten Werkes durch Zufall aufgedeckt wurde.

Ähnlich wie bei Eugène Sue, so erschienen auch die Romane von Aurora Ljungstedt zuerst in Forme von Feuilletons und wurden erst später von Bonniers in Buchform veröffentlicht, wobei die  Schriftstellerin bei ihren Roman die Psychologie der handelnden Personen und der Gesellschaft in den Vordergrund setzte, eine Idee, die sowohl Sue als auch Edward Bulwer zu jener Zeit verarbeitet hatten, in Schweden jedoch bis dahin unbekannt war. Bei Ljungstedt führte diese Technik dazu, dass sie auf Grund ihrer teilweise übersinnlichen Erscheinungen als der Edgar Allan Poe Schwedens bezeichnet wurde und sich ihre Bücher zu absoluten Bestsellern entwickelten.

Die Schriftstellerin Aurora Ljungstedt war in vielen Punkten eine Erneuerin des schwedischen Romans, denn auch wenn ihre Romane zu Kriminalromanen gezählt werden, so schrieb sie den ersten Schreckroman Schwedens, den ersten Vorläufer eines Science Fiction und den ersten psychologischen Krimi, der je in Schweden veröffentlicht wurde. Um so erstaunlicher ist es daher, dass Ljungstedt nach ihrem Tode geradezu in die Vergessenheit geriet und nur noch einige wenige Literaturforscher sich an die Schriftstellerin erinnerten. Erst in den 80er Jahren, als der Kriminalroman in Schweden wieder einen Aufschwung erlebte, wurden auch einige Werke Ljungstedts neu entdeckt und wieder aufgelegt.

Eine Neuerung bei Aurora Ljungstedt war auch, dass sie in ihren Romanen Milieuschilderungen, vor allem aus Östergötland und der Umgebung von Kolmården, einbettete und damit dem Kriminalroman einen handelnden Platz gab, der nicht reine Fiktion war. Der Leser konnte sich daher auch in die Gegend der Handlung versetzen, was bis dahin in schwedischen Romanen unmöglich war.

Ein weiteres Stilmittel von Aurora Ljungstedt war, dass sie ihren handelnden Personen Gefühle gab und dabei auch die Sexualität und das Lustgefühl nicht aussperrte, wobei man an sehr vielen Stellen auch spürt mit welcher Ironie sie die Rolle der Frau in jener Epoche behandelt und dabei zu einer Vorläuferin der Feministen wird, auch wenn die Schriftstellerin es nicht wagte die gesellschaftlich gesetzte Grenze deutlich zu überspringen, was jedoch auch damit zusammenhängen kann, dass sie ihrem Mann beruflich nicht schaden wollte.

Die Kriminalromane von Aurora Ljungstedt zeugen von einem erstaunlichen Realismus, was Literaturwissenschaftler und Kritiker damit in Zusammenhang bringen, dass ihr Mann beruflich Zugang zu Kriminalakten hatte und ihr entweder einen Teil dieser Akten zu lesen gab oder aber ihr die Fälle erklärte. Ljungstedt hat zwar keinen der damaligen Fälle behandelt, da dies sowohl ihr als ihrem Mann große Schwierigkeiten eingebracht hätte, aber sie konnte aus diesem Grund in ihren Büchern zu einer Logik greifen, die der Realität sehr nahe kam.

Copyright: Herbert Kårlin

Pferdesport in Göteborg

22 mars 2013

Tor Hedberg und der psychologische Roman

Tor Hedberg wurde am 23. März 1862 als Sohn des Schriftstellers Frans Hedberg und dessen Frau, der Schauspielerin Julia Amanda Carolina Broman, in Stockholm geboren und starb am 13. Juli 1931 ebenfalls in der Hauptstadt Schwedens. Hedberg war mit der Schauspielerin Amanda Kristina (Stina) Sofia Ulrika Holm verheiratet.

Bereits mit elf Jahren soll Tor Hedberg seinem Vater ein Gedicht zum Geburtstag geschrieben haben nach dem er dem Weg des Vaters gehen wollte und sich entschieden hatte später Schriftstellers zu werden. Wie viel der junge Hedberg dann in den Folgejahren jedoch schrieb, ist unbekannt, denn 1880 schrieb er sich an der Universität Uppsala für Philosophie ein und seine ältesten erhaltenen Schriften gehen lediglich bis zu dieser Zeit zurück.


Die ersten Jahre in Uppsala schrieb Tor Hedberg auch seine ersten Romane, die noch vollständig unter dem Einfluss von Émile Zola standen und daher dem nachdenklichen Realismus der 80er Jahre folgten. Die Schwermut Hedbergs, die sich bereits in seiner Jugend zeigte, wirkt sich auch auf das Schreiben aus, denn die ersten Romane werden zu psychologischen Charakterstudien, die sich bis zu seinem Roman Judas im Jahre 1886 hinziehen.

Nach dem Roman Judas und unter dem Einfluss seiner Freunde Oscar Levertin und Karl Staaff, mit denen er auch den Verein Verdani gründet, geht Tor Hedberg zur Nationalromantik über. Eine große Bedeutung hat hierbei sicher auch seine unglückliche Verbindung zur zehn Jahre älteren Freiherrin Sigrid von Mecklenburg, denn in seinen folgenden Romanen sind die Hauptmotive oft Einsamkeit und eine unglückliche Liebe, von den Problemen Vater-Sohn, die man während der gesamten Schaffensphase des Schriftsteller finden kann, abgesehen.

Die Bindung zum Vater spürt man bei Tor Hedberg sehr deutlich, wobei man oft das Gefühl bekommt, dass er gleichzeitig unter dem Druck des Vaters leidet, der bereits 1881 Tors Einakter I lugnet im Stora Teatern in Göteborg aufführen ließ, wo Frans Hedberg zu dieser Zeit als Theaterdirektor arbeitete. Aber auch die Novellen, die Hedberg die ersten Jahre über schrieb spielten meist im gleichen Milieu, das der Vater für seine eigenen Werke bereits benutzt hatte.

Zeit seines Lebens gelang es Tor Hedberg nicht eine klare Linie in sein Schaffen zu bringen, so dass er teilweise parallel für die Presse sowie für das Theater schreibt und neben schöngeistigen Roman auch Gedichte verfasste.

Eine sehr ähnliche Linie zeigt sich auch bei seinem beruflichen Werdegang, dann nach seinem Studium in Uppsala wird Tor Hedberg erst Privatlehrer, von 1897 bis 1907 arbeitet er als Kunst- und Literaturkritiker für das Svenska Dagbladet (SvD), von 1910 bis 1922 wird er Chef des Dramaten um anschließend als Kunstkritiker für die Dagens Nyheter (DN) zu schreiben. Seine letzte Aufgabe übernimmt er dann als Intendant bei der Thielska Galerie in Stockholm.

Den größten Erfolg hatte Tor Hedberg nicht als Autor von Romanen, Gedichten und Kunstmonographien, sondern als Dramatiker, da er durch sein Interesse für die Psychologie in der Lage war jeder handelnden Person auch die am besten geeigneten Charakterzüge zu verleihen.

Am häufigsten gespielt und am bekanntesten wurde unter den zahlreichen Theaterstücken von Tor Hedberg das Stück Johan Ulfstjerna, das später auch verfilmt wurde. Auch in seinen Dramas behandelt Hedberg sehr häufig das Vater-Sohn-Problem, das für ihn erst 1927 mit dem Stück Rembrandts son als abgeschlossen gelten kann und auch bei Johan Ulfstjerna eine tragende Rolle spielt.

Als Dramatiker hat Tor Hedberg die Arbeiten von Hjalmar Bergman und Pär Lagerkvist sehr stark beeinflusst, die vom Ausdruck, den Hedberg seinen Personen gab, stark beeindruckt waren. Seine Arbeit im Dramaten, wo er die Möglichkeit hatte seine Stücke so aufzuführen wie er sie selbst sehen wollte, war weniger erfolgreich, denn sehr schnell wurde kritisiert, das er alle wichtigen Positionen auf und hinter der Bühne seiner Familie und seinen Freunden gab. Diese Machenschaft führte letztendlich auch dazu, dass der die Leitung des Dramaten im Jahre 1921 nicht mehr fortführen durfte.

Tor Hedberg wurde 1922 in die Svenska Akademien gewählt und nahm dort, nach Ivar Afzelius, auf dem Stuhl Nummer 4 Platz. 1927 wurde Hedberg auch die Ehrendoktorwürde der Universität Stockholm verliehen.

Copyright: Herbert Kårlin

Göteborger Flugschau 2013

6 februari 2013

Rudolf Värnlund, der unverstandene Arbeiterliterat

Rudolf Värnlund wurde am 6. Februar 1900 in sehr einfachen Verhältnissen in Stockholm geboren und starb am 16. Februar 1945 im Alter von 45 Jahren in Österskär. Värnlund wuchs im Stockholmer Schule begann der Schriftsteller vor allem im kaufmännischen Bereich zu arbeiten, verdiente seinen Lebensunterhalt jedoch auch als Arbeiter, insbesondere als Drucker.

Rudolf Värnlund war sehr früh in der jungsozialistischen Vereinigung aktiv und lernte dort im Jahre 1919 den gleichaltrigen Arbeiterschriftsteller Eyvind Johnson kennen, was für seine zukünftige Entwicklung als Schriftsteller eine maßgebliche Bedeutung hatte, auch wenn Värnlund nicht die anarchistische Stellung Johnsons einnahm, sondern an den Weg des Sozialismus glaubte, der durch Übereinkommen und Verhandlungen möglich ist.


Das gemeinsame Interesse zwischen Rudolf Värnlund und Eyvind Johnson beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Ideen zur Arbeiterbewegung des Landes, sondern sie gingen auch literarisch parallele Wege, was sich daran ausdrückte, dass sie von Beginn an und bis zum Tode Värnlunds einen regen Briefwechsel unterhielten, der als eine Mischung zwischen Briefen und einem literarischen Werk betrachtet werden kann und in die Denkweise beider Autoren einführt.

Im Jahre 1920 gaben Adolf Värnlund, Eyvind Johnson und Ragnar Holmström die Literaturzeitschrift Vår nutid heraus, die allerdings nur kurze Zeit überlebte. Während der 20er Jahre hielt sich Värnlund längere Zeit in Berlin, Paris und Barcelona auf, einer Zeit, in der er nicht nur literarisch zu arbeiten begann, sondern sich auch einen Überblick über die sozialistische Bewegung in diesen Ländern machte.

Bei seinen Reisen machte Rudolf Värnlund auch Bekanntschaft mit der Psychologie, die ihn faszinierte und bis dahin in Schweden kaum bekannt war. Die neuen Ideen, die der Autor jedoch aus anderen Ländern mitbrachte, führten zu Spannungen im sozialistischen Ungdomsklubb, den er letztendlich wegen seinem modernen Denken verlassen musste, da man dort nach einem rein schwedischen Weg suchte. Dank seines Freundes Frithiof Björkman konnte Värnlund jedoch weiterhin für die Zeitung Studiekamraten arbeiten, in der er eine bedeutende Kulturarbeit leistete.

Bereits die Novellensammlung Döda människor, das erste von 24 Büchern, die Rudolf Värnlund innerhalb von 20 Jahren schrieb, zeigt die Stärke des Autors, da er als Arbeiterliterat nicht nur die Probleme der Arbeiter und des „kleinen“ Menschen einarbeitet, sondern versucht das psychologisch Zwangsverhalten der einzelnen handelnden Personen zu integrieren. Leider war Värnlund in diesem Punkt seiner Zeit voraus, denn für die Leser waren seine ersten Bücher, aber auch seine ersten Theaterstücke vollkommen unverständlich, da niemand daran gewöhnt war sich über den Inhalt und den Ablauf eines Buches wirklich Gedanken zu machen und das Kollektivverhalten innerhalb der verschiedenen Gruppen einer Gesellschaft zu verstehen.

Ein weiteres Problem dieser ersten Werke von Rudolf Värnlund war auch, dass der normale Arbeiter nur ein Minimum an Bildung besaß und daher nicht nachvollziehen konnte welche Rolle der Einzelne innerhalb einer kollektiven Gesellschaft, die bereits bei Familie oder dem Mietshaus beginnt, spielt. Die Tragweite zahlreicher Werke des Autors wurde daher erst nach seinem Tod wirklich verstanden, was auch dazu führte, dass mehrere seiner Bücher in den 80er Jahren neu aufgelegt wurden, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt mehr als Kulturgeschichte betrachtet werden mussten und die Aktualität der 30er Jahre verloren hatten.

Außer seinen 24 Büchern unter denen man auch zwei autobiografische Werke findet, schrieb Rudolf Värnlund auch zahlreiche Theaterstücke und Hörspiele. Aber auch mit seinen Theaterstücken, die sehr deutlich die Probleme zwischen entscheidender politischer Gesellschaft und unterdrücktem Arbeiter zeigen, einer Dialektik, die den Autor permanent beschäftigte, hatte der Autor erst nach seinem Tode wirklich Erfolg, denn sie wurden vor allem in den 50er Jahren auf den nicht elitären Bühnen Schwedens gespielt.

Eine Ausnahme war gewissermaßen das Drama U 39 von Rudolf Värnlund, das als eines der ersten pazifistischen Theaterstücke Schwedens bezeichnet werden kann und den Frauenwiderstand gegen Krieg im allgemeinen schildert. Natürlich musste das Dramaten das Stück im Jahr 1939 ablehnen, aber Ingmar Bergman war so davon beeindruckt, dass er es 1943 als eine seiner ersten Realisationen im Dramaten präsentierte, noch während der Zweite Weltkrieg in Gang war. Durch den Erfolg des Stückes entstand 1952 auch der Film Ubåt 39, wobei der Manuskriptschreiber Värnlund und sein Drama leider nicht verstanden hat, auch wenn der Film einen gewissen Erfolg hatte.

Rudolf Värnlund kann als Autor auch als eine Art Visionär betrachtet werden, der gleichzeitig das Problem der heutigen Sozialdemokratischen Partei selbst erlebte. Värnlund erkannte das Problem, dass eine Parteiführung denken muss wie seine Wähler und nicht eine eigene „höhere“ Rolle spielen darf, die mit ihren Gedanken und Ausdrücken weit über den Arbeitern steht. Aber so wenig wie Värnlund diese Annäherung wirklich schaffte, so wenig können es die Sozialdemokraten, ein Problem, auf das Värnlund in den 30er Jahren bereits aufmerksam machte.


Copyright: Herbert Kårlin