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23 maj 2013

Pär Lagerkvist und ein Leben ohne Gott

Pär Lagerkvist wurde am 23. Mai 1891 als Sohn des Eisenbahnvorarbeiters Anders Johan Lagerquist und dessen Frau Johanna Blad in Växjö geboren und starb am 11. Juli 1974 in Danderyd. Lagerkvist war in erster Ehe mit der Dänin Karen Dagmar Johanne Sørensen verheiratet und in zweiter Ehe mit der Lehrerin Elin (Elaine) Luella Hallberg.

Die Kindheit von Pär Lagerkvist war von einem konservativ religiösen Elternhaus geprägt in dem es außer der Bibel und den Psalmbüchern keine Literatur gab, da diese Bücher alle Weisheiten bereits enthielten. Da der spätere Schriftsteller der Jüngste unter den sieben Geschwistern waren, war er der einzige unter ihnen denen die Eltern eine Ausbildung finanzieren konnten. Lagerkvist machte daher 1910 in Växjö die Hochschulreife und schrieb sich ein Jahr später an der Universität in Uppsala für Kunstgeschichte ein, ohne jedoch das Studium je zu Ende zu machen. Seine Jugend beschreibt der Schriftsteller später in seinem autobiographischen Werk Gäst hos verkligheten.

Pär Lagerkvist, Gäst hos verkligheten, Albert Bonnier Förlag (Serie Delfin), Stockholm, Originalausgabe 1925

Bereits am Gymnasium in Växjö machte Pär Lagerkvist die Bekanntschaft des Sozialismus und des Darwinismus, was sehr schnell dazu führte, dass er die religiöse  Lehre seiner Eltern ablehnte und Religion als Unterdrückung empfand, die die Angst vor dem freien Leben schürt. In diesen Jahren entwickelte sich Lagerkvist auch zu einem Revolutionär, der nicht mehr ohne rotes Tuch um den Hals zu sehen war und ab 1912 revolutionäre Gedichte zu veröffentlichen begann.

Schon als Jugendlicher hatte sich Pär Lagerkvist dafür entschieden Schriftsteller zu werden, was jedoch ein langer Weg werden sollte, da ihn seine Eltern nicht unterstützen konnten. Nach der Hochschulreife lebte Lagerkvist vor allem von seinem Bruder, der als Lehrer ein regelmäßiges Einkommen hatte und an die Zukunft seines Bruders als Schriftsteller glaubte. Über eine längere Epoche hinweg wohnte der Autor nahezu ausschließlich bei seinem Bruder in Vittinge.

Außer einer kurzen Anstellung als Theaterkritiker beim Svenska Dagbladet hatte Pär Lagerkvist nie ein regelmäßiges Einkommen oder eine Anstellung und nahezu zwanzig Jahre lang war es ihm nahezu unmöglich vom Schreiben zu leben, denn seine ersten Bücher waren keinerlei Verkaufserfolg. Erst während der 30er Jahre, als Lagerkvist seine zweite Ehe eingegangen war, begann sich das Blatt für den Schriftsteller zu wenden und insbesondere sein Roman Bödeln kam in mehreren kurz aufeinander folgenden Auflagen heraus. Auch wenn Lagerkvist nun halbwegs vom Schreiben leben konnte, so erschien selbst sein Roman Dvärgen in erster Auflage gerade einmal mit 7000 Exemplaren, was kaum mit dem Erfolg eines Vilhelm Moberg zu vergleichen war, der um diese Zeit sein Hauptwerk über die schwedischen Auswanderer ebenfalls noch nicht geschrieben hatte.

Auch wenn Pär Lagerkvist die Religion hinter sich gelassen hatte, so zeigte er sein Leben lang ein großes Interesse an biblischen und mythologischen Erzählungen, was sich auf seine gesamte Produktion auswirkte. Im Gegensatz zu religiösen Autoren setzt der Schriftsteller jedoch den Menschen in Situationen, die kein Gott mehr steuert und die Existenz des Menschen unter der Philosophie von C. G. Jung betrachtet wird und sozialistische Theorien die Umstände regeln.

Der literarische Aufstieg von Pär Lagerkvist nahm mit der Machtübernahme Hitlers, dem Jahr als Lagerkvist seinen Roman Bödeln veröffentlichte, einen starken Rückschlag, denn das nationalistische Schweden der Zeit steht mehrheitlich auf Hitlers Seiten und Lagerkvists antifaschistischer Kampf lässt den Autor nahezu als Feind des Landes erscheinen, was auch dazu führt, dass die Studenten des Landes verhindern, dass der Schriftsteller den Fröding-Preis erhält.

Auch wenn Pär Lagerkvist bereits 1940 in die Svenska Akademien gewählt worden war, wo er nach Verner von Heidenstam auf dem Stuhl Nummer 8 Platz nahm, kam seine Anerkennung als Schriftsteller erst mit Barabbas im Jahr 1950, als Lagerkvist nahezu 60 Jahre alt war. In Barabbas zeigt Lagerkvist das Leben ohne Gott in seiner letzten Konsequenz. Das Werk hinterlässt in Schweden einen so starken Eindruck, dass es innerhalb von zwölf Jahren zweimal verfilmt wird.

Seinem Meisterwerk Barabbas verdankte Pär Lagerkvist letztendlich auch den Nobelpreis in Literatur, was dem Autor endgültig eine internationale Anerkennung bringt. Auch in Schweden hat man mittlerweile die Tiefe seiner Werke verstanden und der Nationalismus Schwedens der 30er Jahre war mittlerweile auf dem Weg in das Sozialstaatdenken.

Die Werke von Pär Lagerkvist können als zeitlos betrachtet werden, da er die Themen, die er aus dem Zeitgeschehen nimmt so verarbeitet, dass sie allgemeingültig werden, denn die Gruben in Barabbas erinnern an die Konzentrationslager oder Guantanamo, das Dilemma der Kernphysiker in De vises sten bleibt bis heute unbeantwortet und das Böse, das der Schriftsteller in seinen Werken behandelt ist ohnehin zeitlos.

Copyright: Herbert Kårlin

11 mars 2013

Magnus Jacob Crusenstolpe der schreibende Revolutionär Schwedens

Magnus Jacob Crusenstolpe wurde am 11. März 1795 als Sohn des Vice-Präsidenten des Landgerichts (Hovrätt) Johan Magnus Crusenstolpe und dessen Frau Kristina Charlotta Nymansson in Jönköping geboren und starb am 18. Januar 1865 in Stockholm. Crusenstolpe war mit Sofia Palmstruch verheiratet, der Tochter des bekannten Verlegers und Rittmeisters Johan Vilhelm Palmstruch.

Die ersten zwölf Jahre seines Lebens verbrachte Magnus Jacob Crusenstolpe zu Hause in Jönköping, wo er, außer dem damals üblichen Privatunterricht, vor allem lernte immer zur Wahrheit zu stehen und für sie einzutreten, eine Eigenschaft, die ihm später bedeutende Probleme bringen sollte. Mit zwölf Jahren wurde der junge Crusenstolpe in eine Internatschule in Stockholm geschickt, wo er die folgenden vier Jahre verbrachte. Dort schrieb Crusenstolpe auf Anraten seines Lehrers Karl Ödmann seine ersten beiden Kurzromane, die den Lehrer so begeisterten, dass er in seinem Schüler einen zukünftigen  Jean de La Fontaine sah.


Bereits im Jahre 1814 legte Magnus Jacob Crusenstolpe das Examen als Jurist an der Universität Lund ab. Seine außerordentliche Karriere als Jurist dauerte jedoch nur bis 1828, als Crusenstolpe sich mit Lars Johan Hierta zusammentat und eine oppositionelle liberale Reichstagszeitung herausgab, die vom König gerade einmal geduldet war, den politischen Agitator jedoch in gewisse Schwierigkeiten brachte.

Vermutlich auf politischen Druck des Königshauses und dank eines Treffens mit Magnus Brahe, kehrte Magnus Jacob Crusenstolpe dann jedoch auf die Seite des Königs zurück und er wurde Redakteur der königlichen Zeitung Fäderneslandet, die als Gegenpol der liberalen Presse die Interessen des Königs verbreitete und die liberale Bewegung eindämmen sollte. Crusenstolpe konnte zwar schreiben, aber er hatte keinerlei Organisationsvermögen und bereits 1833 geriet Crusenstolpes Zeitung in bedeutende Schwierigkeiten, da ihm König Karl Johan die Unterstützung verweigerte. Crusenstolpe versuchte die Zeitung dann noch nahezu ein Jahr lang mit eigenen Mitteln aufrecht zu erhalten, geriet dadurch jedoch in finanzielle Schwierigkeiten und wurde gebeten sein Amt als Assessor aufzugeben.

Obwohl der König seine Schulden bezahlt hatte, entwickelte sich nun Magnus Jacob Crusenstolpe zu einem unerbittlichen Gegner des Monarchen. Da dem politischen Agitator nun jedoch die Einkünfte fehlten, entschied er sich ganz dem Schreiben zu widmen, was natürlich bedeutete, dass er nur oppositionelle Schriften veröffentlichen konnte, da er sich bei seinem Auftritt im Reichstag 1834 die anderen Türen selbst verschlossen hatte indem er die Machenschaften der königlichen Seite aufdeckte, einer Schicht, die er sehr gut kannte.

Auch wenn Magnus Jacob Crusenstolpe während seiner Jugend einige schöngeistige Novellen schrieb, so begann er 1934 mit seinen zweibändigen Skildringar ur det inre av dagens historia als politischer und historischer Autor. Sein Erstlingswerk war für jene Zeit ein Bestseller und wurde allein während der ersten drei Jahre viermal aufgelegt und jeweils restlos verkauft. Vor allem der zweite Band mit den Biografien der damaligen Mitgliedern des Reichstags erregte eine bedeutende Aufmerksamkeit und zeigte Crusenstolpe als Meister der literarischen Portraits.

Vor allem der zweite Band mit den Biografien war ein Meisterwerk von Magnus Jacob Crusenstolpe, da er die Charakterzüge seiner ehemaligen Kollegen und des Königs auf ironisch satirische Weise lächerlich machte. Sicher handelte es sich mehr um eine persönliche Abrechnung als um neutrale Kurbiografien, aber gerade diese Art des Schreibens brachte dem Skandalbuch seinen Ruf und brachte Crusenstolpe die ewige Feindschaft von Erik Gustaf Geijer und Hans Hierta.

Ab 1838 veröffentlichte Magnus Jacob Crusenstolpe seine politisch-historische Zeitschrift  Ställningar och förhållanden, behandlade i brev, wobei der Schriftsteller in der zweiten Ausgabe den König angriff und behauptete, dass dieser sowohl gegen das kirchliche als auch das weltliche Recht verstoßen habe. Es kam zu einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung und Crusenstolpe wurde zu drei Jahren Haft in der Festung Vaxholm verurteilt.

Der Aufenthalt in Vaxholm machte Magnus Jacob Crusenstolpe jedoch nur noch bitterer, aber auch vorsichtiger. Noch im Gefängnis schreibt er Vidräkning och reform, betraktelser i fängelset af en svensk statsfånge, das jedoch keine Schilderung seines Aufenthalts im Gefängnis ist, sonder chronologisch alle „Fehler“ von Karl Johans Regierung aufzeichnet und eine Streitschrift gegen die Definition von Geijers Erklärung zur Bedeutung der Aristokratie in Schweden ist. Das Werk zeigt, dass Crusenstolpe sich zwar gegen den König stellt, nicht aber gegen die Stände, die er als Stützpfeiler der Gesellschaftsordnung betrachtet.

Ab 1842 erscheint dann auch wieder die Zeitschitft  Ställningar och förhållanden, die Magnus Jacob Crusenstolpe bis zu seinem Tod verlegt. Allerdings richten sich die Beitrage im Laufe der Jahre immer weniger gegen die herrschende Macht, sondern werden zu einem Gesellschaftsportrait, einer Chronik der Politik, des Gesellschaftslebens und der Literatur Schwedens in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Entwicklung führte allerdings dazu, dass der Schriftsteller in den letzten Jahres der Existenz der Zeitschrift immer mehr Leser verliert, da aus einer politischen Streitschrift ein Produkt machte, das nur noch Klatsch verbreitete.

Noch im Gefängnis hatte sich Magnus Jacob Crusenstolpe auch entschlossen historische Romane zu schreiben, die in gewisser Weise Zeitbilder darstellen sollten. Wie sehr viel später auch Olof Lagercrantz, griff Crusenstolpe jedoch nicht nur auf Dokumente zurück, sondern ergänzte alle fehlenden Puzzlestücke mit eigenen Gedanken und Erinnerungen. Um Leser besser anzusprechen, fügte er auch jedem der Werke einige romantische Züge hinzu. Obwohl die drei historischen Romane, die der Schriftsteller zwischen 1840 und 1850 veröffentlichte,  einen gewissen Einblick in Teile der schwedischen Geschichte bieten, so ist Crusenstolpe nicht in der Lage die Romane nach einer sinnvollen Linie und Logik zu komponieren. Zudem fehlt hier die Stärke, die er in seinen früheren politischen Schriften beherrschte.

Die Rolle, die man Magnus Jacob Crusenstolpe innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte gibt, umfasst bis heute die gesamte Breite zwischen Genie und Schund, je nachdem welche politische Meinung der Kritiker vertritt. Dies liegt jedoch nicht nur an der unterschiedlichen Leistung, die man bei Crusenstolpe findet, sondern auch daran, dass Crusenstolpe in kein Schema jener Zeit passt und selbst bei seinen oppositionellen Arbeiten immer die Aristokratie als die maßgebliche Schicht betrachtete und er daher in keiner der beiden Seiten „zu Hause“ war.

Copyright: Herbert Kårlin