18 maj 2013

Elsa Nyblom und die pädogische Aufgabe der Literatur

Elsa Nyblom, geborene Blomberg, wurde am 18. Mai 1890 als Tochter des Hausmeisters Carl Gustaf Blomberg und dessen Frau, der Hebamme Gustava Kristina Abrahamsson in Stockholm geboren und starb am 6. Dezember 1956 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Nyblom war ab 1913 mit dem Schriftsteller und Journalisten Erik (Mac) Nyblom verheiratet.

Sehr früh entschied sich Elsa Nyblom eine künstlerische Karriere zu beschreiten, auch wenn sie in ihrer Jugend noch nicht an die Literatur dachte. Nach dem Besuch der privaten Mädchenschule Åhlinska in Stockholm studierte Nyblom ein Jahr lang Theater und Gesang. Nach dem Abschluss dieser Ausbildung ging sie mit Greta Stridsberg und Jenny Tschernichin-Larsson zwei Jahre lang auf Theatertournee, ohne sich jedoch besonders hervorzuheben.

Elsa Nyblom, Strängt Personligt, Förlag Ljus, 1945

Da Elsa Nyblom nach dieser Erfahrung selbst feststellte, dass das Theater wenig für sie geeignet war, nicht zuletzt deswegen, weil sie immer wieder ihren eigenen Willen durchsetzen wollte, und sie mittlerweile ihren späteren Ehemann kennengelernt hatte, entschloss sie sich daher Journalistin zu werden, da sie hier eine Rolle in der Meinungsbildung einnehmen konnte.

Ihre erste Sommeranstellung bei den Dagens Nyheter erhielt Elsa Nyblom 1913 über ihren Mann, der dort als Journalist arbeitete. Nyblom wurde nach dem Vikariat nicht übernommen, konnte jedoch auch in den Folgejahren immer wieder Artikel in der Zeitung unterbringen, da die Journalistin neue Wege ging und bei der Zeitung den sozialen Journalismus einführte.

Auch ohne feste Anstellung wurde Elsa Nyblom sehr aktiv im Pressegeschehen, denn sie begann bei den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften mitzuarbeiten und gründete, gemeinsam mit Tora Holm-Lundberg, sogar eine eigene Zeitung, die 1920 von Åhlen & Åkerlund aufgekauft wurde und Nyblom eine Anstellung als zweite Chefredakteurin brachte, die 1928 zur Chefredakteurin des Vecko-Journalen führte, eine Stelle, die sie bis 1943 behielt und durch die Übernahme der Zeitschrift durch Bonniers verlor, da Nyblom durch ihren starken Eigenwillen und ihr Streben nach Dominanz eine Belastung für den Verlag geworden war.

Die literarische Karriere von Elsa Nyblom begann erst als es kein zurück zum Journalismus mehr für sie gab, da man in der Zwischenzeit auch vom manipulativen Journalismus zum informativen Journalismus gewechselt hatte, eine Richtung, die Nyblom ablehnte, da für sie Schreiben damit verbunden war die Gesellschaft auf positive Weise zu verbessern.

Im Jahre 1945 erschienen, nach einem Handbuch für Hausfrauen (Varukännedom och inköpskonst) und Kvinnans hem är värld, Elsa Nybloms Memoiren in drei Bänden, die allgemein als ihr Hauptwerk betrachtet werden und mit einem Portrait des armen Teiles von Östermalm beginnen, dem Stockholmer Stadtteil in dem die Schriftstellerin aufwuchs. Einige Literaturwissenschaftler bezeichnen diese drei Bände Nybloms nahezu als Klassiker der schwedischen Literaturgeschichte, während andere die Bücher der Schriftstellerin, zu Unrecht, gar nicht erst beachten und als Beschäftigungstherapie betrachten. Selbst unter der Liste der weiblichen Schriftstellerinnen des Nordens sucht man Nyblom bisher vergebens.

Da Elsa Nyblom mit ihrer dominanten Art kaum mit anderen Menschen zurecht kam, wurde ihr literarisches Schaffen, das zwischen 1945 und ihrem Tod erschien und sowohl aus einigen Romanen und mehreren Jugendbüchern besteht, von Kritikern kaum beachtet. Nur die Literaturwissenschaftlerin Birgitta Theander vergleicht den Humor, den Nyblom bei ihren Mädchenbüchern zeigt, mit jenem von Astrid Lindgren, Ester Ringnér-Lundgren und Christina Söderling-Brydorf, nachdem sie vier Jugendbücher der Autorin näher betrachtete und analysierte.

Elsa Nyblom war als Schriftstellerin und Journalistin vor allem das Opfer ihres eigenen Charakters, da sie sich selbst im Mittelpunkt sehen wollte und sich dadurch bei anderen Schriftstellern und vor allem bei Kritikern unbeliebt machte, diese aber letztendlich entscheiden welche Stellung ein Autor innerhalb der Literaturgeschichte einnimmt und nicht die zahlreichen Leser, die Nyblom mit ihren zwölf Büchern, die im Laufe von zehn Jahren erschienen, in ihren Bann ziehen konnte. Ihre Mädchenbücher wurden auch in andere Sprachen übersetzt.

Bei ihren Memoiren zeigt sich Elsa Nyblom, trotz der einfachen Sprache, die sie benutzt, als gute Beobachterin und sie porträtiert dabei einige der Personen, die ihren Weg kreuzten mit außerordentlicher Klarheit und Schärfe. Ihre Kinderbücher richten sich an Mädchen und hatten, wie die Mehrheit der Kinderbücher jener Zeit, eine moralisch erzieherische Aufgabe, was jedoch nichts an ihrer Spannung nimmt. Ihre Romane richteten sich an ein sehr breites Publikum, da sie mit der klaren Struktur und der relativ einfachen Wortwahl auch Leser ansprach, die keine höhere Bildung hatten, aber dennoch an einer gewissen Kultur und am Lesen interessiert waren.

Copyright: Herbert Kårlin

17 maj 2013

Gustav Hedenvind-Eriksson, ein Pionier der Arbeiterliteratur

Gustav Hedenvind-Eriksson wurde am 17. Mai 1880 als Sohn des Landwirts und Händlers Erik Håkan Gustafsson und dessen Frau Juliana Mikaelsdotter in Gubbhögen bei Alanäs im nördlichen Jämtland geboren und starb am 17. April 1967 in Bromma (Stockholm). Hedenvind-Eriksson war zwischen 1928 und 1951 mit Astrid Maria Pihl verheiratet.

Als Gustav Hedenvind-Eriksson zur Welt kam, wurde er aus einem Missverständnis heraus Gustav Hedvin (statt Edvin) getauft. Da dies mit viel Spott verbunden war, begann sich der Junge sehr früh Hedenvind zu nennen. Als er dann Schriftsteller war, ließ er den zweiten und veränderten Vornamen als Teil des Familiennamens eintragen.

Gustav Hedenvind-Eriksson, Gästabudet, LTs förlag, 1966

Bereits als Kind begeisterte sich Gustav Hedenvind-Eriksson für die Sagen, die ihm der Großvater erzählte und da er die Neigung der Mutter geerbt hatte, die in der Jugend davon geträumt hatte Schriftstellerin zu werden, fühlte sich der Junge zur Literatur und zur Musik hingezogen, was zu starken Konflikten mit seinem Vater führte, der einen Spielmann oder Poeten als betrunkenen Hurensohn betrachtete. Bereits als Kind verhinderte er daher, dass sich der Sohn zu viel in der Schule sehen ließ und mit zehn zwang er ihn als Holzfäller und Knecht für ihn zu arbeiten.

Mit 15 riss dann Gustav Hedenvind-Eriksson die Geduld und es kam zu einer schlagkräftigen Auseinandersetzung mit seinem Vater. Gustav gewann den Kampf, packte seine Sachen und verließ den Hof um in den Folgejahren seinen Unterhalt als Waldarbeiter, Seemann, Bergmann und Eisenbahnarbeiter zu verdienen. Hedenvind-Eriksson bereiste bei diesen Arbeiten nicht nur den nördlichen Teil Skandinaviens, sondern auch die USA und den Kongo.

Die Wende kam für Gustav Hedenvind-Eriksson im Jahre 1903, als er gerade einmal 23 Jahre alt war, denn er bekam die Möglichkeit seine Schulbildung an der Birka Folkhögskolan bei Östersund nachzuholen. Dort hatte er, unter anderem, den Archäologen Knut Kjellmark als Lehrer, der ihn nicht nur mit zu Ausgrabungen aus der Zeit der Wikinger nahm, sondern in ihm auch das Interesse für die Archivarbeit des Jämtlands wecken konnte. Während der Schulzeit entwickelte sich Hedenvind-Eriksson zu einem überzeugten Sozialdemokraten, der wusste wie er die Rechte der Arbeiter vertreten konnte und er näherte sich der Literatur indem er an der Zeitschrift der Schule mitarbeitete.

Mit seinem Buch Ur en fallen skog trat Gustav Hedenvind-Eriksson im Jahre 1910 erstmals als Schriftsteller an die Öffentlichkeit, einem Roman, der die großen Forstbetriebe anklagt seit Ende des 19. Jahrhunderts rücksichtslos die Wälder auszubeuten und dabei den Bewohnern des Jämtland die Tradition, die Landwirtschaft und ihre gesellschaftliche Struktur zu nehmen. Auch wenn der Schriftsteller bei diesem Buch auch einen gewissen romantischen Einschlag bewahrt, so zeigt er sich dennoch als Kämpfer für die Erhaltung der Kultur und spricht sich gegen die Ausbeutung der Waldarbeiter und gegen die Unterdrückung der Bauern aus.

Eines der wichtigsten Themen für Gustav Hedenvind-Eriksson ist die Konfrontation zwischen schwedischer Landwirtschaft und Industrialisierung, wobei der Autor hierbei die Industrialisierung nicht unbedingt als Feind sieht, sondern dass diese von einer relativ kleinen Schicht in der Hand gehalten wird, was zwangsläufig dazu führt, dass der Arbeiter, und noch mehr der Landwirt, der immer mehr von seinen Gütern verdrängt wird, zum Sklaven der Industrie gemacht wird. Vieles davon ist nicht wissenschaftlich begründet, sondern Hedenvind-Eriksson holt es aus seiner Erfahrung als Arbeiter, seinen Beobachtungen und seinen Gesprächen mit der einfachsten Schicht der Bevölkerung. Aber gerade diese Tatsache gibt seinen Büchern die Stärke und verleiht ihnen Glaubwürdigkeit, wenn auch zum Nachteil seiner Karriere, denn diejenigen, die seine Bücher kaufen würden können oft nicht lesen und sind zu arm für ein anderes Werk als die Bibel und die gehobene Schicht will mit dem schreibenden Arbeiter, der sie der Ausbeutung anklagt, wenig zu tun haben.

Auch wenn die Kritiker die Bücher von Gustav Hedenvind-Eriksson lobten, so gelang es dem Schriftsteller nie davon zu leben. Aber er wurde ein Symbol für die damals junge Schicht der Arbeiterliteraten wie Ivar Lo-Johansson, Lars Ahlin und Eyvind Johnson. Lo-Johansson organisierte sogar eine Geldsammlung, damit sich Hedenvind-Eriksson zu seinem 50. Geburtstag eine kleine Landwirtschaft kaufen konnte, auf der die gesamte Familie arbeitete um sich ernähren zu können. Auf diesem kleinen Hof entstand auch sein En bondes dagbok, das im Jahre 1937 erschien und die Schaffung von Kooperativen fordert, die Chance des Überlebens für den kleinen Landwirt.

Gustav Hedenvind-Eriksson griff zur Arbeiterliteratur bevor diese literarische Gattung als solches geboren war. Er war daher ein Pionier als literarischer Sprecher der Arbeiter Schwedens, der eine ganze Schicht an Literaten beeinflusste. Sein Stil war einfach, denn der Schriftsteller hatte nie eine literarische Ausbildung erhalten, sondern er kam als Autodidakt ans Schreiben und verkehrte die erste Hälfte seines Lebens unter Arbeitern und Bauern, die sein Denken und Schaffen beeinflussten.

Literaturwissenschaftler kritisieren oft, dass Gustav Hedenvind-Eriksson ständig Stilbrüche begeht, keine klare literarische Linie geht und vergessen dabei, dass ein Teil dieser Brüche vom Autor bewusst begangen wurden, denn für ihn musste ein Gedicht nicht den Regeln der gebildeten Elite folgen und ein Buch nicht den Vorschriften der Svenska Akademien, sondern es sollte die Persönlichkeit des Autors beinhalten ohne von künstlich gesetzten Grenzen eingefangen zu werden. Hedenvind-Eriksson war ein volkstümlicher Erzähler, eine Eigenschaft, die man auch in all seinen Werken finden kann.

Copyright: Herbert Kårlin

16 maj 2013

Lars Gustafsson und die gesellschaftskritische Literatur der Gegenwart

Lars Gustafsson wurde am 17. Mai 1936 in Västerås geboren, wo er auch das Gymnasium besuchte und die Hochschulreife ablegte. Anschließend studierte Gustafsson  Literaturgeschichte, Philosophie, Ästhetik und Soziologie an der Universität in Uppsala. Das Studium, dem er 1978 ein Doktorat anschloss, beendete er im Jahre 1960 mit einem Lizenziat in Philosophie. Gustafsson war in erster Ehe mit der Schriftstellerin Madeleine Lagerberg verheiratet, in zweiter Ehe mit der amerikanischen Jüdin Alexandra Chasnoff und wohnt gegenwärtig mit seiner dritten Frau Agneta Blomqvist, die er 2005 heiratete, in Stockholm.

Nach eigenen Aussagen beschäftigte sich Lars Gustafsson bereits in seiner Jugend mit den Existenzfragen des Lebens und der Gesellschaft, was dazu führte, dass er sehr wenig mit seinen gleichaltrigen Schülern gemein hatte und sich immer abseits der Gesellschaft fühlte. Mit 14 entschied sich Gustafsson Poet zu werden, auch wenn es dann weitere sieben Jahre dauern sollte bis sein erster Roman Vägvila erschien.

Lars Gustafsson, Fantastiska berättelser. Förberedelser till flykt ; Det sällsamma djuret från norr, Bokförlag Atlantis, 2008

Allerdings betrachtete Lars Gustafsson sein erstes von über 70 Büchern, Vägvila, mehr als Versuch und bezeichnet erst sein nächstes Werk Poeten Brumbergs sista dagar och död, das 1959 erschien, also zwei Jahre später, als seinen literarischen Beginn. Auf den ersten Gedichtband des Philosophen und Schriftstellers musste man dann noch bis 1962 warten, als er den Lyrikband Ballongfararna veröffentlichte.

Der literarische Durchbruch kam für Lars Gustafsson jedoch erst im Jahre 1977 mit seiner satirischen Erzählung Tennisspelarna in dem er das Verhältnis zwischen Europa und den USA in den 70er Jahren auf ironische Weise behandelt. Dieser Roman war der erste von Gustafsson, der auch ins Englische übersetzt wurde, bedeutendes Aufsehen erregte und heute in den Tausend schwedischen Klassikern zu finden ist.

Das Privatleben von Lars Gustafsson kann man in mehrere Teile zerlegen, denn von 1962 bis 1972 war er, neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller, Chefredakteur des Bonniers Litteräre Magasin, dem er einen marxistischen Einschlag gab und das deswegen nahezu seine Glaubwürdigkeit, und seine Auflage, als wichtigstes Organ der schwedischen Literatur verlor, eine Situation, die sich erst wieder änderte als Gustafsson seine Arbeit beim BLM (Bonniers Litteräre Magasin) abgab.

Die nächste bedeutende Phase von Lars Gustafsson kam mit den 80er Jahren, als er vom protestantischen Glauben zum jüdischen übertrat, Schweden als die literarische Provinz bezeichnete und einen Kampf gegen die „totalitäre“ Sozialdemokratie des Landes führte, die die Gedanken der Bürger steuern will und als er auch eine Professur in Amerika akzeptierte. Gustafsson nahm 1983 die amerikanische Staatsbürgerschaft an und kehrte erst 2006 wieder endgültig nach Schweden zurück.

Lars Gustafsson gehört zu den produktivsten Schriftstellern seit August Strindberg, wobei seine literarische Breite sich von Poesie über Romane bis zu gesellschaftskritischen Essays erstreckt. Für seine Werke erhielt er im Laufe der Jahre zahlreiche bedeutende Preise. Seine Bücher sind mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt, auch wenn - oder gerade weil - sie nicht sehr einfach zu verstehen sind und überwiegend einen philosophischen und gesellschaftspolitischen Aspekt in sich tragen, der allgemeingültig ist.

Der literarische Weg von Lars Gustafsson folgte in großer Linie den Strömungen der jeweiligen Epoche, wobei man hierbei beachten muss, dass Gustafsson dabei sowohl die literarischen als auch die philosophischen Strömungen der Zeit in seinen Büchern einarbeitet und damit einer kontinuierlichen Entwicklung der Gesellschaft folgt ohne sich jedoch in eine Schablone pressen zu lassen, denn der Schriftsteller geht seit Beginn seiner Karriere als Schriftsteller seinen eigenen Weg, unabhängig von jeder Kritik, die nicht immer positiv ausfällt.

Als Lars Gustafsson in den 60er Jahren begann auch Lyrik zu schreiben, so gehörte er, gemeinsam mit Poeten wie Göran Palm, Björn Håkanson und Sonja Åkesson, zu den Dichtern der Postmoderne und der Neuen Einfachheit bei denen Poesie bedeutet zur Alltagssprache zu greifen um mit dem Leser kommunizieren zu können. Gustafsson will sich damit, trotz der teilweise mystischen Themen, vollkommen von der Einstellung lösen, dass Dichtkunst etwas Überirdisches sei, das durch eine unerklärte oder göttliche Eingebung entsteht.

Lars Gustafsson, der sich als Person die nicht glaubt, sondern sucht bezeichnet, gehört heute zu jenen Schriftstellern, die in vielen Ländern als Repräsentanten der schwedischen Literatur betrachtet werden und damit einen großen Teil des literarischen Schwedens im Ausland prägen. In Schweden wird der Erfolgsautor nicht immer von der gleichen Warte aus gesehen und oft zögern Kritiker ihm ein bestimmtes Prädikat zu geben, da die ideale Welt des Philosophen Gustafsson nicht immer die persönlich empfundene Realität des Einzelnen zeigt. Seine etwas eigenwillige Einstellung verhinderte bisher auch, dass er in bedeutende literarische Organe Schwedens gewählt wurde.

Copyright: Herbert Kårlin

15 maj 2013

Christopher Ekeblad und die religiöse Poesie Schwedens

Christopher Ekeblad, oft auch Christoffer geschrieben, wurde am 16. Mai 1592 als Sohn des Rittmeisters Johan Andersson Ekeblad und dessen Frau Anna Christophersdotter auf dem Gut Stola bei Skaraborg geboren und starb am 28. März 1664 im Alter von 71 Jahren ebenfalls auf seinem Gut. Ekeblad war ab 1622 mit Brita Uggla verheiratet.

Aus der Jugend von Christopher Ekeblad ist nur wenig bekannt. Nach seiner Autobiografie wurde er jedoch von Nils Classon Bielke auf Pennungby, in Kalmar und in Norrköping erzogen, wobei er auch in den Dienst Bielkes trat bis dieser beim König in Ungnade fiel. Da Ekeblad für den Militärdienst ausgebildet war, ließ er sich 1605, im Alter von gerade einmal 13 Jahren, von Herzog Karl anwerben, dem er zu den Kämpfen nach Livland folgte. Als Herzog Karl König wurde, schickte dieser Ekeblad zu seinem Schwager, Herzog Johann Friedrich von Holstein, nach Bremen, wo er nicht nur weiter für den Kriegsdienst ausgebildet wurde, sondern auch die deutsche und die lateinische Sprache lernte, was ihm während des 30-jährigen Krieges zu Gute kam.


Foto eines Ölgemäldes, Schwedisches Reichsarchiv, SPA
 
Aber auch wenn Christopher Ekeblad bis 1655 dem König diente und die letzten Jahre Regimentschef in Göteborg war, so war er nie eine herausragender Stratege oder Kämpfer, da seine Interessen in der Ahnenforschung, der Poesie und vor allem der Religion lagen. Ekeblad gehörte zu jenen Schriftstellern und Übersetzern, die zu ihrer Zeit das Christentum als das wichtigste Gut sahen und daher nur im christlichen Sinne schrieben.

Seine religiöse Neigung gewann Christopher Ekeblad vermutlich während seines sechsjährigen Aufenthalts in Deutschland, da sein Erzieher Johann Friedrich von Holstein auch Erzbischof des Bistums Bremen war. Bei den überlieferten Aufzeichnungen Ekeblads zeichnet sich dieser sehr früh als ausgezeichneter Bibelkenner aus, was darauf schließen lässt, dass er in Bremen eine intensive Bibelforschung unter Anleitung des Bischofs betrieb.

Bereits im Jahre 1620 stellte Christopher Ekeblad dann sein erstes Gebetbuch zusammen, das sich bis 1644 zum Catechismus Biblia seu manuale militis christiani entwickelte, einem Gebetbuch für Soldaten, das 1644 in Leipzig gedruckt wurde. Wie stark dieses Werk verbreitet war und welche Bedeutung es hatte ist jedoch unbekannt.

Die Einflüsse für seine Gedichte mit religiösen Motiven fand Christopher Ekeblad ebenfalls in Gebetbüchern und der Bibel, wobei er mindestens sechs Gebetbücher jener Epoche in Deutschland erworben hatte um drei davon ins Schwedische zu übersetzen, unter anderem das Manuale militantium von Sigismund Scherertz mit dem er die Soldaten auf den vorausgesagten Weltuntergang im Jahre 1670 vorbereiten wollte.

Da nur sehr wenige Werke von Christopher Ekeblad erhalten sind, vor allem sein Fader wår kiär, das 1643 in Frankfurt an der Oder gedruckt wurde, ist der Einfluss, den Ekeblad auf die Literatur seiner Zeit ausübte, schwer einzuschätzen. Sicher scheint jedoch zu sein, dass der Autor nicht unbedingt dem Dogma der Kirche folgte, sondern zur Mystik neigte und vom baldigen Untergang der Welt überzeugt war. Das Heil war daher nur durch ein frommes Leben und das Gebet zu finden.

Die Religiosität von Christopher Ekeblad erreichte nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1651 den Höhepunkt, was sich auch dadurch ausdrückte, dass er ab dieser Zeit  immer mehr Zeit auf seinem Gut Stola verbrachte und sich dort mit historischen Forschungen und Ahnenforschung beschäftigte. Außer seinen eigenen Anschaffungen an Büchern und Dokumenten, befand sich auch die gesamte Sammlung seiner Vorgänger dort, da die Mutter, die 1648 gestorben war, das Gut als Morgengabe erhalten hatte und entweder selbst umfangreiches Material sammelte oder sich dieses bereits in der Bibliothek des Gutes befand.

Obwohl man durch zeitgenössische Aufzeichnungen weiß, dass Christopher Ekeblad zahlreiche christlichen Texte übersetzte sowie zahlreiche eigene Texte und Gedichte schrieb, gingen nahezu alle seine Aufzeichnungen verloren und nur einige Gedichte, einzelne Übersetzungen und einige Psalmen können ihm noch heute eindeutig zugeordnet werden. Das Besondere seines Schaffens war jedoch, dass Ekeblad nicht der gebildeten geistlichen Linie entstammte, sondern ein Kriegsherr war, der dadurch eine weitaus freiere Einstellung zu Religion und Poesie hatte als die religiöse Schicht. Ekeblad wollte nie die klassische Lehre der damaligen Kirche verbreiten, sondern einen Glauben wie er ihn sah und fühlte. In gewisser Weise war Ekeblad daher einer der ersten Schriftsteller des Volkes, auch wenn er rangmäßig über dem Volk stand, nicht jedoch dem Kirchenstand angehörte.

Copyright: Herbert Kårlin

14 maj 2013

Eva Neander und die Einsamkeit der Frau am Rande der Gesellschaft

Eva Neander wurde am 3. April 1921 als Tochter des Volksschulinspektors Ernst Albin Neander und dessen Frau Emilia (Emy) Karolina Svanberg in Jukkasjärvi geboren und wurde ab 22. Februar 1950 vermisst. Neander, die nie verheiratet war, wurde am 5. März 1950 tot auf dem Eis des Sees Unden bei Tiveden gefunden.

Da der Vater 1923 nach Härnosand versetzt wurde, verbrachte Eva Neander ihre Kindheit auf einer Insel bei Härnösand. Als das Mädchen sechs Jahre alt war, starb der Vater. Wenige Jahre später heiratete die Mutter erneut und die neue Familie zog nach Borås, wo Neander auch zwischen 1932 und 1939 das Gymnasium besuchte. 1939 zog Familie Neander-Nyström dann nach Göteborg. 1941 legte Eva Neander in der westschwedischen Stadt auch die Hochschulreife ab und begann anschließend ein Studium an der Universität Göteborg, das sie in Uppsala fortsetzte, ohne jedoch je eine Abschlussprüfung zu machen.

Eva Neander, Staden, Albert Bonnier Förlag, Stockholm, 1947

Bereits als 12-jährige hatte Eva Neander ihre ersten Beiträge für die Sonntagsbeilage der Tageszeitung Svenska Dagbladet geschrieben und während des Studiums begann sie dann für den Västgöta-Demokraten Korrektur zu lesen sowie unter den Pseudonymen Tonia und dem Namen Eva-Caisa Neander für verschiedene Tageszeitungen Filme zu rezensieren, Gedichte zu schreiben und unterhaltsame Beiträge zu liefern.

Die literarische Karriere von Eva Neander begann im Jahre 1945, als sie mit ihrer Novelle Vilse eine Ausschreibung des Verlags Åhlén & Åkerlund gewann. Diese Novelle baute die Schriftstellerin dann zu ihrem einzigen Roman Dimman aus, der bereits 1946 erschien und von der Kritik sehr positiv aufgenommen wurde, da sie nicht nur in der Zeitströmung schrieb, sondern auch in ihrem ersten Werk bereits ihr Hauptthema verarbeitet hatte, das Gefühl eines Menschen, der zu keiner Schicht gehört zu beschreiben und daher die handelnde Person zum Betrachter der Gesellschaft macht.

Bereits ein Jahr später veröffentlicht Eva Neander die Novellensammlung Staden und den Gedichtband Död idyll, Werke, mit denen sie bereits den Durchbruch in der Welt der Literatur geschafft hatte und damit zu den vielversprechendsten Jungautoren Schwedens gehörte. Im Jahre 1949 erschient eine weitere Sammlung an Novellen und noch im gleichen Jahr begann die Schriftstellerin ihren zweiten Roman zu schreiben, dem sie den Titel Vattnet gab.

Dieser zweite Roman von Eva Neander sollte allerdings nicht mehr vollendet werden, da die Autorin im Februar 1950 spurlos verschwand und zwei Wochen später nahezu eingeschneit auf dem See Unden gefunden wurde. Allgemein glaubt man, dass Neander Selbstmord begangen hat, was man jedoch nur deswegen annimmt, da man keinerlei Spuren von Gewalt fand. Nichts kündigte jedoch diesen plötzlichen Tod an und Neander hinterließ auch keinen Abschiedsbrief, sondern war zur Zeit ihres Todes mitten im Schaffensprozess.

Eva Neander schrieb während der wenigen Jahre ihres Tätigkeit als Schriftstellerin fast ausschließlich über Frauen, die ihre Wurzeln verloren haben und auf der Suche nach Gemeinschaft, Wärme, aber auch der Freiheit sind. Ihren Hauptfiguren gelingt es jedoch nicht innerhalb der Gesellschaft aufgenommen zu werden, weil sie immer als „anders“ betrachtet werden, als der fremde Gast vor dem man sich vorsehen muss.

Im Gegensatz zu Karin Boye bei der der Selbstmord ihren Ruf als Dichterin fast noch hervorhob, trat bei Eva Neander nahezu das Gegenteil ein, denn nur wenige Jahre später schien sie fast vergessen zu sein und wenn man die Geschichte der Literatur der nordischen Frauen betrachtet, so ist die Schriftstellerin kaum erwähnt, wenn man vom Absatz absieht in dem die Verfasserin des Artikels darauf hinweist, dass Neander eine gewisse Zeit im gleichen Heim in Alingsås untergebracht war in dem auch Karin Boye ihre letzten Jahre verbrachte. Erst seit etwa zehn Jahren wird die Größe dieser Schriftstellerin neu entdeckt, die die Einsamkeit der Frau vermutlich besser ausdrückte als die meisten anderen schwedischen Schriftstellerinnen.

Wenn man die wenigen Bücher von Eva Neander liest, so entdeckt man sehr schnell das analytische Vermögen der Schriftstellerin, die, gerade als Außenseiterin der Gesellschaft, die Strukturen sehr gut kannte und den angepassten Bürger dem Bohemien gegenüberstellt und dem Leser das Kleinstadtidyll mit seiner Doppelmoral und seinen Vorurteilen sehr deutlich vor Augen stellt.

Ein Jahr nach dem Tode von Eva Neander veröffentlichte der Albert Bonnier Verlag in Stockholm posthum eine Novellensammlung, die den Beginn und das Ende der schriftstellerischen Karriere der Autorin dokumentiert, denn neben dem unvollendeten Roman Vattnet findet man auch die ersten Novellen der Schriftstellerin, die sie bereits in ihrer frühen Jugend schrieb und von den Sagen der Gebrüder Grimm beeinflusst waren.

Copyright: Herbert Kårlin

13 maj 2013

Östen Sjöstrand, der Dichter, der Antike und Gegenwart verbindet

Östen Sjöstrand wurde am 16. Juni 1925 in Göteborg geboren und starb am 13. Mai 2006 in Stockholm. Sjöstrand war von 1949 bis 1974 mit der Schriftstellerin und Literaturkritikerin Ella Hillbäck verheiratet. Der Schriftsteller gehört zu den wenigen Autoren, die bereits sehr jung zur katholischen Kirche übergetreten sind.

Wie bei sehr vielen Autoren der Gegenwart, so weiß man über die Kindheit und die Jugend von Östen Sjöstrand relativ wenig. Nach seinen eigenen Aussagen interessierte sich der Schriftsteller während des Gymnasiums für Naturwissenschaft und hielt die Poesie für eine Art Philosophie mit der man undefinierbare Gefühle ausdrückt, die außer dem Autor nur wenige begreifen können.

Östen Sjöstrand, Ensamma stjärnor, en gemensam horisont. Dikter i urval av författaren, Svalans lyrikklubb, ALbert Bonnier Förlag, Stockholm, 1970

Diese Einstellung zur Lyrik sollte sich für Östen Sjöstrand jedoch im Laufe der 40er Jahre ändern, als er die Werke von Paul Valéry entdeckte. Ganz plötzlich zeigte sich für Sjöstrand, dass Lyrik ähnlich der Naturwissenschaft nach Perfektion strebt und jedes Wort eine wichtige Rolle spielt, er entdeckte, dass ein Gedicht erst dann zur Literatur wird, wenn seine Aussage auf keine andere Weise ausgedrückt werden kann. Da sich Sjöstrand zudem zur Musik hingezogen fühlte, wollte er seiner Lyrik auch eine Melodie verleihen, die die Aussage jedes Werkes noch gefühlsmäßig überträgt.

Im Jahre 1949 legte Östen Sjöstrand dann seine erste Sammlung an Gedichten unter dem Titel Unio vor, Gedichte, die sehr deutlich von der französischen Poesie beeinflusst wurden und, wie auch jene von Lars Forssell, die Angst der Nachkriegszeit in Schweden ausdrücken. Auch wenn die beiden Dichter anschließend eigene Wege in der Lyrik gehen, so spürt man in Unio und Ryttaren die gleiche Dunkelheit und die gleiche Zukunftsangst, die das lyrische Schaffen Ende der 40er Jahre dominierte.

Die nächsten drei Werke von Östen Sjöstrand zeigen die Auseinandersetzung des Dichter mit der Religion, genauer genommen dem Katholizismus, dem er sich in dieser Zeit anschließt und man spürt in manchen der Gedichte den Kampf des Dichters zwischen Mystik und tiefem katholischem Glauben, die sich in gewisser Weise sehr nahe stehen und dennoch auf ein anderes Dogma aufbauen. Am deutlichsten tritt dies in seinem Werk Återvändo zu Tage, das Sjöstrand im Jahre 1953 veröffentlichte.

Erst nachdem sich Östen Sjöstrand Mitte der 50er Jahre endgültig klar über seinen religiösen Weg ist, wird er auch zu einem Dichter, der sich selbst gefunden hat. Mit seiner Gedichtsammlung Främmande mörker spürt man, dass der Schriftsteller nun eine Verbindung zwischen dem aufstrebenden Europa und der Antike sieht und er greift in seinen Gedichten zur Ästhetik, die ihre Wurzeln noch in der griechischen Dichtung haben, wobei er seine Themen jedoch aus der Gegenwart holt. Diese Entwicklung, die von den Kritikern stark gelobt wird, verhelfen Sjöstrand auch dazu als einer der bedeutendsten Dichter der Mitte des 20. Jahrhunderts anerkannt zu werden.

Etwa zur gleichen Zeit beginnt  Östen Sjöstrand auch die damals modernen französischen Poeten zu übersetzen um diese dem schwedischen Publikum näher zu bringen. Die erste Anthologie der französischen Lyrik veröffentlicht Sjöstrand gemeinsam mit Gunnar Ekelöf unter dem Titel Berömda franska berättare. Während der 60er Jahre gelang es dem Lyriker zahlreiche der in Schweden bis dahin vollkommen unbekannten französischen Dichter einem neuen Publikum vorzustellen.

In den Folgejahren veröffentlicht Östen Sjöstrand nur noch relativ wenige Werke, was mit Sicherheit damit zusammenhängt, dass er erst Redakteur für die von der Svenska Akademien gegründeten kulturellen Zeitschrift Artes wurde und wenig später auch in die Akademie gewählt wurde um nach Pär Lagerkvist auf dem Stuhl Nummer 8 Platz zu nehmen. In der Svenska Akademien, insbesondere auch dem Nobelkomitee, nahm Sjöstrand eine sehr wichtige Rolle ein, obwohl er wenig an die Öffentlichkeit trat. Nahezu 20 Jahre lang übte er hier seinen Einfluss bei der Wahl der Nobelpreisträger in Literatur aus, wobei er dabei insbesondere auf Ästhetik Wert legte, die einen bleibenden Eindruck in der Welt der Literatur behalten sollte.

Östen Sjöstrand, dem zahlreiche der bedeutenden Literaturpreise Schwedens überreicht wurden, beschränkte sich bei seinem Schaffen jedoch nicht nur auf Lyrik, Essays und Übersetzungen, sondern er schrieb auch mehrere Librettos für moderne Opern, wobei er bei einigen der wichtigsten Werke, zum Beispiel der Oper Gästabudet aus dem Jahre 1962, mit dem Komponisten Sven-Erik Bäck zusammenarbeitete.

Dem Lyriker Östen Sjöstrand gelang es nie ein volksnaher Dichter wie sein französisches Vorbild Paul Veléry zu werden, denn die erlesene Sprachwahl berührte nie das breite Publikum. Sjöstrands Wortwahl wurde von dieser Gruppe als hochtrabend und nahezu weltfremd empfunden. Umso größer ist seine Bedeutung bei der Elite der europäischen Dichtkunst, die im akademischen Kreis gesucht wird.

Copyright: Herbert Kårlin

12 maj 2013

Emilie Flygare-Carlén und der Regionalroman der Westküste

Emilie Flygare-Carlén, geborene Smith, wurde am 8. August 1807 als Tochter des Seekapitäns und Händlers Roger Smith und dessen Frau Margareta Stiegler im westschwedischen Strömstad geboren und starb am 5. Februar 1892 im Alter von 84 Jahren in Stockholm. Flygare-Carlén war in erster Ehe mit dem Arzt Axel Flygare verheiratet, nach seinem Tod mit dem Rechtsbeistand Jakob Reinhold Dalin verlobt und nach dessen Tod mit dem Schriftsteller Johan Gabriel Carlén verheiratet.

Über die Kindheit und die Jugend von Emilie Flygare-Carlén weiss man relativ wenig. Sie war die Jüngste unter 14 Geschwistern und wuchs in einem der wohlhabendsten Häusern Strömstads auf. Der Vater hatte einen Handelsbetrieb und eine Reederei, was bedeutete, dass auch die Kinder relativ früh mithelfen mussten und nur über jene Bildung verfügten, die in einem wohlhabenden Haus als absolut notwendig betrachtet wurde.

Emilie Flygare-Carlén, Rosen på Tistelön, Albert Bonniers Förlag, Stockholm, Titel: Eva Lindeberg

Bereits als Emilie Flygare-Carlén zwölf Jahre alt war, folgte sie mit ihrem Vater bei den kürzeren Handelsreisen entlang dem Bohuslän und mit 17 war die junge Frau für ein eigenes Schiff verantwortlich. Diese Erfahrungen auf See und mit den Handelspartnern haben Flygare-Carlén stark geprägt. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen findet man in den Büchern, die sie über das Bohuslän geschrieben haben und eine Kulturgeschichte der Bewohner dieses Küstenstreifens darstellen.

Noch als Emilie Flygare-Carlén den Arzt Axel Flygare heiratete, mit dem sie ins Småland zog, gab es kaum ein Zeichen, dass Flygare-Carlén eine schriftstellerische Karriere anstrebte. Da jedoch die Ehe einer Katastrophe glich, da die beiden Partner gegensätzliche Interessen zeigten, begann die junge Frau viel zu lesen und suchte in den Romanfiguren ihre Zuflucht. Da der Ehemann nicht mit Geld umgehen konnte, verbrauchte er das eigene Kapital und jenes seiner Frau noch bevor er 1833 starb. Flygare-Carlén kehrte ins Bohuslän zurück, wo sie Reinhold Dahlin traf, der sie dazu ermunterte zu schreiben und nicht nur zu lesen. Dahlin starb jedoch noch kurz vor der Ehe, hatte jedoch seiner Verlobten noch den Wunsch zu schreiben vermitteln können.

Ob Emilie Flygare-Carlén bereits um diese Zeit zu Schreiben begann, ist ungewiss, denn offiziell schrieb sie ihren ersten Roman Valdemar Klein erst im Jahre 1837, der dann ein Jahr später unter dem Pseudonym Fru F. erschien und auf den Aufenthalt von Fredrika Bremer in Strömstad hinweist, die der jungen Schriftstellerin zahlreiche Ratschläge gab, auch wenn Flygare-Carlén nie die philosophischen Gedanken Bremers verstand, da die Bildung der Frauen zu unterschiedlich war und sie in zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten lebten.

Nach dem ersten Buch von Emilie Flygare-Carlén folgten zahlreiche weitere Bücher, die man jedoch zu Beginn mehr als Studienwerke der Schriftstellerin sehen muss, denn Flygare-Carlén versucht die ersten Jahre Bücher im Stil von Margareta von Knorring zu schreiben ohne dass sie in dieser Art der Literatur je zu Hause war. Die Ursache dazu ist mit Sicherheit ihr Umzug nach Stockholm ihm Jahre 1839, wo sie vor allem in den Kreisen liberaler Autoren verkehrt, einer Welt, die sie fasziniert und die von ihrer Art des Schreibens begeistert sind, so dass es einige Jahre dauert bis die Schriftstellerin ihren eigenen Weg findet.

Das Haus des Ehepaares Carlén wird Mitte des 19. Jahrhunderts einer der bedeutendsten literarischen Salons Stockholms in dem Autoren wie August Blanche, Gustaf Henrik Mellin, Oscar Patric Sturzen-Becker, Wilhelm von Braun und andere bedeutende Autoren der Zeit verkehrten. Das Positive dieser Zeit war, dass Johan Gabriel Carlén ein guter Ratgeber seiner Frau war und ihre Werke daher immer weniger auf Klischees aufbauten und die Schriftstellerin ernsthaft an ihrem Stil arbeitete, was eine bedeutende Leistung war, wenn man bedenkt, dass Emilie Flygare-Carlén keinerlei literarische Bildung hatte, sondern als Autodidaktin und als Frau in die Welt der Literatur geriet, die um diese Zeit von einer hoch gebildeten Schicht geprägt wurde.

Ab 1842 begann Emilie Flygare-Carlén ihre Romane über die Schären des Bohuslän zu schreiben, aber obwohl dies das Leben war, das sie kannte und sie geprägt hatte, zögerte sie lange ihr erstes Buch zu diesem Thema, Rosen på Tistelön, zu veröffentlichen, denn sie wusste, dass dies ein Neuland der schwedischen Literatur war und nicht den literarischen Linien der Zeit folgte. Flygare-Carlén hatte Angst davor, dass dieser Roman zu provinziell sei. In gewisser Weise hatte die Schriftstellerin auch recht in ihrer Angst, denn die Kritiker konnten mit dem realistischen Regionalroman nichts anfangen, auch wenn Flygare-Carlén mit dieser Gattung des Romans, den sie bis zu ihrem Lebensende fortsetzte, den Höhepunkt ihres Schaffens erreicht hatte.

Mitte des 19. Jahrhunderts galt Emilie Flygare-Carlén, dann jedoch neben Esaias Tegnér und Fredrika Bremer zu den bedeutendsten Autoren der zeitgemäßen schwedischen Literatur. Ihre Werke wurden in zwölf Sprachen übersetzt und zogen die Leser in zahlreichen Länder in ihren Bann. Einige ihrer Bücher über das Bohuslän werden noch heute regelmäßig aufgelegt.

Nach Emilie Flygare-Carléns Feuilleton Ett köpmanshus i skärgården, das ab 1858 im Aftonbladet erschien, wurden ihre Werke seltener, denn auch wenn dieses Epos des Bohuslän erneut ein Meisterwerk war, so hatten persönliche Probleme und die Kritik an ihren zu freizügigen Beschreibungen des Küstenlebens ihre Spuren gesetzt. In den Folgejahren erscheinen daher vor allem autobiografische Werke und Erinnerungen.

Emilie Flygare-Carlén, der viele Literaturwissenschaftler nur noch einige Zeilen in der Literaturgeschichte Schwedens widmen, da sie in der Sprache des Volkes schrieb und sich mit Regionalliteratur beschäftigte, starb nach dem Konkurs der Bank in der sie ihr gesamtes Vermögen angelegt hatte, verarmt und als einzige Überlebende ihrer Familie, denn ihr Ehemann starb 1875 und alle ihre Kinder waren um diese Zeit bereits tot.

Copyright: Herbert Kårlin

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