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21 april 2013

Wilhelmina Ståhlberg und der historische Roman Schwedens

Wilhelmina Ståhlberg wurde am 26. November 1803 von unbekannten Eltern, die das Mädchen nach der Geburt zur Adoption freigaben, in Stockholm geboren und starb am 23. Juli 1872 in Mariefred. Ihren Familiennamen übernahm die Schriftstellerin von ihrem Adoptivvater, einem Feldschreiber und dessen Frau. Ståhlberg war nie verheiratet.

In der Familie Ståhlberg wuchs die spätere Schriftstellerin wie eine Tochter auf und kam sehr früh zur Literatur. Bereits mit 16 wurden ihre ersten Gedichte in der Stockholmstidningen gedruckt, Gedichte, die sie jedoch nur mit ihrem Vornamen Wilhelmina unterzeichnete. Die erste etwas längere literarische Arbeit von Wilhelmina Ståhlberg erschien dann im Jahre 1826, als sie das kleinere lyrische Werk Min ungdoms idealer veröffentlichte und der Erlös aus dem Verkauf einer verarmten Familie spendete. In den Folgejahren erschienen dann mehrere kleinere Gedichtsammlungen, wobei ihre Gedichtsammlung Lyriska Toner aus dem Jahre 1843 auch ein Vorwort von Frans Michael Franzén erhielt, der ihre Arbeit hoch schätzte.

Wilhelmina Ståhlberg, Holzstich eines unbekannten Künstlers

Als der Ziehvater Wilhelmina Ståhlbergs im Jahre 1829 starb, mussten sich die beiden Frauen selbst versorgen, was dazu führte, dass die Schriftstellerin sich mit dem Haushalt beschäftigen musste und von ihrer Ziehmutter handwerkliche Aktivitäten lernte. Die schriftstellerischen Aktivitäten mussten vorübergehend etwas zur Seite gestellt werden, zumal die beiden in der Wohnung auch arme Kinder aufgenommen wurden um ihnen eine gewisse Erziehung und Bildung zu bieten.

Als im Jahre 1846 auch noch die Ziehmutter von Wilhelmina Ståhlberg starb, lebte die Schriftstellerin allein in Stockholm, arbeitete intensiv an ihrer literarischen Karriere und verkehrte überwiegend in den literarischen Kreisen Stockholms, wobei sie hierbei die Konkurrenz der zahlreichen Literaten der Hauptstadt spürte, die alle ihre Werke Lars Johan Hierta und Albert Bonnier anbieten wollten, denjenigen, die in der Regel über die Zukunft eines Autors entschieden.

Man muss bei Wilhelmina Ståhlberg, die während ihres Lebens etwa 80 eigene Bücher veröffentlichte, zahlreiche Übersetzungen lieferte und für Zeitungen und Zeitschriften das schrieb, was der jeweilige Herausgeber forderte, zwischen literarischen Werken und Auftragsarbeit unterschieden, denn im Gegensatz zu ihren eigenen Werken, war sie nicht immer stolz über Übersetzungen aus dem Deutschen und Französischen für die sie oft wenig Zeit aufwendete und einige ihrer Novellen für die Presse nannte sie gegen Ende ihres Lebens sogar selbst „Schund“.

Auch wenn Wilhelmina Ståhlberg bisweilen Gedichte veröffentlichte und Kinderbücher publizierte, so war ihre Stärke der Geschichtsroman. Ihre Bücher über Charlotta Nordenflycht, Königin Christina von Schweden, Lasse Lucidor, Gustav III. und andere bedeutende Personen der schwedischen Geschichte fanden ein bedeutendes Publikum, wobei die Schriftstellerin es auch erreichte bei sehr vielen Schweden das Interesse für Geschichte zu wecken, da Ståhlberg es verstand in ihren Büchern eine gewisse Spannung unterzubringen und dabei gleichzeitig auf jede wissenschaftliche Sprache verzichtete.

Um Wilhelmina Ståhlberg zu verstehen muss man nicht nur bedenken, dass sie sich selbst versorgen musste, was für eine alleinstehende Frau in dieser Zeit mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden war, denn in der Regel bedeute dies zum Lehrerberuf greifen zu müssen, da selbst die Literatur und der Journalismus nur in wenigen Fällen Frauen ermöglichte davon zu leben. Ståhlberg gehörte ab den 40er Jahren zu jener „ausgewählten“ Schicht, die sich durch ihre außergewöhnliche Leistung in diesem Bereich behaupten konnte, die aber auch mehr oder weniger zwangsweise dazu bereit sein musste auf Wünsche der Verleger einzugehen. Ståhlberg schrieb daher auch über Mode, Handarbeit und verfasste unzählige kürzere Texte für Kalender und Anthologien. Diese Offenheit hatte natürlich auch ihre Vorteile, denn durch die Übersetzung eines Häkelbuches, das in Schweden unter dem Titel Ny virkbok erschien, führte die Schriftstellerin diese Handarbeitstechnik in Schweden ein.

Dass sich Wilhelmina Ståhlberg vor allem für die Geschichte der Frauen Schwedens interessierte und eine gewisse Rolle innerhalb der schwedischen Frauenbewegung spielte, zeigt sich nicht nur in der Auswahl der historischen Themen, in denen Frauen eine bedeutende Rolle spielen, sondern auch dadurch, dass sich die Autorin in die Debatte um Carl Jonas Love Almqvists Det går an aus dem Jahre 1939 einmischte und ihn zwar bei seiner Meinung zur Ehe unterstützt, seine Meinung jedoch als Liebesutopie bezeichnet, die die Situation der schwedischen Frau jener Zeit nur noch erschweren konnte und damit ihre freie Entwicklung noch mehr begrenzt.

Obwohl Wilhelmina Ståhlberg vermutlich die produktivste Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts war und vor allem ihre Geschichtsromane geradezu Bestseller jener Zeit waren, und nicht zu vergessen ist, dass sie durch das Schreiben und Übersetzen von über 50 Kinderbüchern auch dem Kinderbuch Schwedens eine neue Richtung gab, so nahm man ihr immer wieder übel, dass sie neben Literatur auch Schnellprodukte lieferte. Wie nahezu allen schreibenden Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts, so wurde sie von Literaturwissenschaftlern immer in eine Nische der schwedischen Literaturgeschichte gedrängt aus der man nur sehr schwer wieder entkommen kann, da auch moderne Autoren selten eine Grundlagenforschung betreiben, sondern auf die Lehrmeinung der früheren Jahrzehnte und Jahrhunderte zurückgreift.

Copyright: Herbert Kårlin

27 februari 2013

Frans Michael Franzén, vom modernen Dichter zum Bischof

Frans Michael Franzén wurde am 9. Februar 1772 als Sohn des Kaufmanns Zachris Frantzén und dessen Frau Helena Michaelsdotter Schulin in Uleåborg, im heutigen Finnland, geboren und starb am 14. August 1847 in Säbrå bei Härnösand. Franzén war in erster Ehe mit Margareta Elisabet (Lilly) Roos verheiratet, in zweiter Ehe mit Sophia Christina Wester und in dritter Ehe mit Christina Elisabeth Arvedsson, wobei er sich jeweils nach dem Tod seiner Frauen neu verheiratete.

Seine kurze Kindheit verbrachte Frans Michael Franzén in Uleåborg, wo er auch die Grundschule besuchte. Bereits mit 13 Jahren wurde Franzén jedoch Student an der Königlichen Akademie in Åbo (Turku). Auch wenn der Vater wünschte, dass der Junge ebenfalls die kaufmännische Laufbahn einschlägt, so entschied sich Franzén für ein Philosophiestudium unter Henrik Gabriel Porthan, unter dem er 1789 promovierte. Ein Jahr später ging Franzén an die Universität Uppsala um sich dort mit Immanuel Kant und Daniel Boëthius auseinanderzusetzen. Zurück in Åbo disputierte der Philosoph 1791 dann mit dem Werk Om språkets ursprung, was dazu führte, dass er bereits im folgenden Jahr Dozent für Rhetorik wurde.


Gemälde von J. G: Sandberg, 1823
Schwedisches reichsarchiv

Das älteste erhaltene Gedicht von Frans Michael Franzén mit dem Titel Aftonen schrieb der Poet mit 14 Jahren. Auch wenn dieses Werk noch stark von der französischen Literatur der Zeit beeinflusst ist und Franzén noch die Erfahrungen des Lebens fehlen, so zeigt bereits dieses erste Gedicht seine stilistische Reife und Sicherheit, die kaum zu übertreffen ist. Während seines Studiums wendet sich der Schriftsteller dann von der französischen Literatur ab und immer mehr der germanischen Dichtung zu um schließlich die deutsche Poesie zu entdecken, die seine Hauptwerke maßgeblich beeinflussen.

Eine sehr große Bedeutung hatte für das Schaffen von Frans Michael Franzén hat auch sein erster Aufenthalt in Stockholm im Jahre 1793, denn dank eines Empfehlungsschreibens seines Professors, kam er in Kontakt mit Johan Henric Kellgren, Abraham Niclas Edelcrantz und Nils von Rosenstein, der sich vor allem für seine Rede über König Gustav III. interessierte.

Das Treffen mit Kellgren, dem Frans Michael Franzén einige seiner Gedichte zu lesen gab, öffnete dem Skalden auch die Welt der Literatur, da Kellgren dafür sorgte, dass einige der Werke von Franzén in der Stockholms-Posten veröffentlicht wurden und damit den jungen Skalden als eine der größten literarischen Hoffnungen bekannt machten. Die Gedichte, die in der Stockholms-Posten gedruckt wurden, zeigen bereits die erste Wandlung des Dichters, der hier zum freien Vers greift und sich dem vorromantischen modernen Strom anschließt bei dem Gefühl, Schönheit und der Idealismus im Zentrum stehen. Franzén zeigt bei diesen Werken jedoch auch, dass er nicht die deutsche Dichtung kopiert, sondern lediglich die Ideen übernimmt und der schwedischen Gesellschaft anpasst.

Als Frans Michael Franzén 1794 nach Åbo zurückkehrt, wird er Redakteur bei den Zeitschriften der Gesellschaft Aurora, den Vorläufern der Åbo tidningar, deren Herausgeber Henrik Gabriel Porthan war, sein Universitätsprofessor. Ab 1795 wurde der Skalde dann Erzieher von Carl Fredrik Bremer, dem Vater der Schriftstellerin Fredrika Bremer, mit dem er zahlreiche Reisen durch Europa machte. Als Franzén wieder nach Schweden kommt, schreibt er sein bekanntestes Gedicht Sång öfver grefve Gustaf Philip Creutz für das er 1797 mit dem Großen Preis der Svenska Akademien ausgezeichnet wurde. Allerdings hatte dieser Preis eine Kehrseite, denn die Akademie forderte vom Dichter einige Änderungen, damit das Werk dem Geist der Akademie näher kommt. Diese Forderung muss bei Franzén eine gewisse Krise ausgelöst haben, denn nach diesem Gedicht verstummt er für längere Zeit.

In den Folgejahren widmete sich Frans Michael Franzén dann vor allem seiner wissenschaftlichen Karriere und 1801 wurde er Professor für Moralphilosophie. In dieser Zeit, in der verschiedene Gedichte des Dichters, jedoch ohne klare Linie, erscheinen, ändert sich seine Gedankenwelt, denn Franzén gewinnt die Einsicht, dass Philosophie nur  aus der Lehre Gottes entstanden ist. In diesem Gedanken lässt sich Franzén dann bereits 1803 zum Priester weihen um Gott näher zu kommen.

Als der Finnische Krieg ausbricht, muss sich Frans Michael Franzén entschieden, ob er in Finnland bleiben will oder nach Schweden geht. Der Schriftsteller wählt Schweden und wird 1811 Priester in Kumla, wird 1824 nach Stockholm versetzt und einige Jahre später Bischof in Härnösand, wo er nicht nur für das geistige Wohl des nahezu gesamten Norrlandes verantwortlich war, sondern auch über die Ausbildung in allen Schulen entschied.

Mit dieser geistigen Änderung von Frans Michael Franzén ändert sich auch seine literarische Arbeit, denn ab 1810 entstehen unter seiner Feder zahlreiche Psalmen von denen 13 noch im jüngsten Psalmbuch von 1986 enthalten sind und neben seinen Skaldestycken in sieben Bänden, die zwischen 1824 und 1861 erschienen, veröffentlicht er fünf Bände an Predigten, die er für besonders bedeutend hält und er veröffentlicht seine dreibändigen Memoiren.

Während man Frans Michael Franzén bis zu den 20er Jahren als einen der bedeutendsten Dichter seiner Zeit beschreiben kann, zeigt er sich danach immer konservativer und seine Werke verlieren an Stärke, was selbst dazu führt, dass Franzén von Esaias Tegnér als einfältig kritisiert wird. Der Dichter lebte jedoch weiter in seiner Vergangenheit und verschloss sich jeder Kritik, zumal er in Finnland immer noch als Nationalheld gesehen wurde.

Frans Michael Franzén wurde am 5. Mai 1808 in die Svenska Akademien gewählt, wo er nach Gustaf Fredrik Gyllenborg den Stuhl Nummer 13 einnahm.

Copyright: Herbert Kårlin

8 januari 2013

Anders Abraham Grafström, ein religiöser Skalde aus Nordschweden

Anders Abraham Grafström wurde am 10. Januar 1790 als Sohn des Großhändlers Abraham Grafström und dessen Frau Maria Magdalena Lochner in Sundsvall geboren und starb am 24. Juli 1870 in Umeå. Grafström war zweimal verheiratet, beide Male mit einer Tochter des Skalden und Psalmdichters Frans Michael Franzén, erst mit Henriette Elisabeth Franzén und nach dem Tode der ersten Ehefrau mit Helena Sophia Franzén.

Obwohl Anders Abraham Grafström in einem sehr wohlhabenden Haus aufwuchs, wo er als Kind noch Privatunterricht hatte, war er bei seinem Studium in Uppsala auf die finanzielle Hilfe anderer angewiesen, da sein Vater nach den Bränden im Jahre 1803 in Sundvall große Probleme hatte seine Aktivitäten aufrecht zu halten und nahezu verarmte. Ursprünglich wollte Grafström die rein kirchliche Laufbahn beschreiten, aber durch ein mehrjähriges Abkommen mit einem Grafenhaus beendete er sein Studium in Uppsala 1809 mit einem Magister und wurde anschließend Dozent in schwedischer Geschichte. Die Priesterweihe musste bis 1830 warten und ein kirchliches Amt noch einige Jahre länger.


In Uppsala verkehrte Anders Abraham Grafström im Salon von Malla Silfverstolpe und machte die Bekanntschaft von Per Daniel Amadeus Atterbom und Carl Jonas Love Almqvist, die gleichzeitig mit dem Skalden, Historiker und späteren Politiker und Kirchenmann Grafström an der Universität Uppsala studierten.

Die literarische Karriere begann Anders Abraham Grafström im Jahre 1817 bei der Stockholms-Posten und Atterboms Poetisk Kalender. Grafström verfasste für beide Publikationen vor allem gefühlsmäßige Lyrik und erotische Gedichte, die ab 1826 auch in Buchform mit dem Titel Skaldeförsök erschienen. Die bekanntesten Werke aus dieser Zeit sind der Wechselgesang Norrland und Platons dröm, die in Schweden noch heute oft zitiert werden.

Die Literatur von Anders Abraham Grafström gehört noch der romantischen Strömung an, da sich der Skalde und Dichter wenig mit den moderneren philosophischen Ausrichtungen  in der Dichtkunst auseinandersetzten wollte. Dies brachte ihm natürlich einige Kritiken ein, umgaben ihn jedoch andererseits mit einem gewissen Aura, das die Traditionalisten Schwedens anzog und ihn als konservativen Denker auszeichnete.

Den Ruf als „Nationaldichter“ erhielt Anders Abraham Grafström im Jahre 1825, als ihm für seinen Gesang zur Hochzeit des Kronprinzenpaares der große Preis der Svenska Akademien überreicht wurde. Allerdings ist dieser Preis, den Esaias Tegnér als lächerlich hinstellte, sehr umstritten, da ausgerechnet sein Schwiegervater eine bedeutende Rolle in der Jury spielte und das Gedicht Sång vid kronprinsparets förmälning weder eine besondere Stärke Grafströms zeigt oder eine Originalität aufweist, sondern mehr das Zeichen eines überstarken und gutgläubigen Royalismus des Autors ist.

Auch als  Anders Abraham Grafström ab den 30er Jahren, erneut mit der Unterstützung seines Schwiegervaters, seine kirchliche Laufbahn begann und sich politisch für die Bildung und die  wirtschaftliche Entwicklung Nordschwedens einsetzte, setzte Grafström, dessen Einstellung auch als Priester sehr konservativ war, seine literarische Tätigkeit fort.

Seine sogenannte romantische Einstellung dieser schöpferischen Epoche kann jedoch sehr unterschiedlich interpretiert werden, denn sicher schrieb er der nordschwedischen Bevölkerung aus der Seele und führte sie zu einer christlichen Denkweise, aber wenn er in seinen Werken die Kinder den Hunger vergessen lässt sobald sie die Harfe des Vaters hören und er die Armut als Zeichen der edlen Seele nimmt, so ist die Grenze zwischen Romantik und kirchlicher Erziehung doch sehr nahe.

Mit den Jahren neigte  Anders Abraham Grafström bei seiner Dichtung auch immer mehr zu religiösen Themen, die er in ein nordschwedisches Naturbild und Denken einbindet um die Wirkung seiner Werke besonders herauszustreichen. Diese Beziehung zur Umgebung führte jedoch auch dazu, dass noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts jeder Bewohner Nordschwedens wusste wer Grafström war und man in der Regel nahezu jeden Hauses mindestens eines seiner Werke fand. Einige der Gedichte Grafströms wurden auch von Johan Erik Nordblom vertont und gehen in den Liederschatz Schwedens ein.

Anders Abraham Grafström wurde am 10. Juni 1839 in die Svenska Akademien gewählt, wo er Adolf Mörner auf dem Stuhl Nummer 6 folgte. 1841 wurde Grafström auch in die Musikaliska Akademien aufgenommen und 1842 in die Lantbruksakademien.

Copyright: Herbert Kårlin