28 maj 2013

Ragnar Jändel, der religiöse Arbeiterdichter Schwedens

Ragnar Jändel wurde am 13. April 1895 als Sohn des Malers Johan August Jändel und dessen Frau Kristina Jonasdotter in Jämjö in Blekinge geboren und starb am 6. Mai 1939 in Ronneby bei Stockholm. Jändel war in erster Ehe mit Anna Eugenia Lind und in zweiter Ehe mit der Lehrerin Alice Sofia Cecilia Lie verheiratet.

Die Kindheit von Ragnar Jändel war von Armut, einem unberechenbaren Alkoholiker als Vater, einem dominanten launischen Bruder und einer Mutter, die den Trost in der Religion suchte, geprägt. Da der Vater relativ früh starb, war es für die Mutter jahrelang sehr schwierig die Familie über Wasser zu halten, was für die fünf Geschwister bedeutete, dass sie sich so schnell wie möglich selbst versorgen mussten.


Mit 14 begann Ragnar Jändel daher eine Ausbildung zum Friseur, die er jedoch nach einem Jahr beendete. Anschließend begann er als Maler zu arbeiten, erst im Heimatort, anschließend in Stockholm, wobei er noch in seiner Jugend zu einem überzeugten Sozialist geworden war und in mehreren revolutionären Arbeiterzeitungen Kampfgedichte veröffentlichte. Auf diese Weise konnte er auch während eines Winterkurses an der Brunnsviks Folkhögskolan seine Bildung verbessern, eine Voraussetzung für seine spätere literarische Leistung.

An der Volkshochschule beschäftigte sich Ragnar Jändel vor allem mit der schwedischen und der russischen Literatur. Auch wenn Jändel sehr in sich gekehrt war, so lernte er in diesem Winter Dan Andersson und Harry Blomberg kennen, die gemeinsam mit ihm an der Brunnsviks Folkhögskolan waren und sich zu guten Freunden entwickelten. In dieser Zeit reifte bei Jändel auch die Gewissheit, dass es für ihn nur einen Beruf gab, nämlich den des Dichters und Schriftstellers.

Als Literat trat Ragnar Jändel erstmals im Jahre 1917 in Erscheinung, mit seiner Gedichtsammlung Till kärleken och hatet, die zwar bereits seine Einstellung zur Gesellschaft zeigte, jedoch noch weit entfernt von seiner späteren Leistung war. Allerdings darf man dabei nicht vergessen, dass dieser erste Band noch erschien bevor der Schriftsteller seine Schulbildung an der Volkshochschule ergänzt hatte.

Aber auch wenn Ragnar Jändel die ersten Jahre nur mit Mühe überleben konnte, da seine literarische Arbeit kaum etwas einbrachte und der Autor im Jahre 1919 zudem geheiratet hatte und nach Uppsala umgezogen war, so hatten seine Kampfgedichte durch die Ausstrahlung der Ehrlichkeit und eines tiefen Empfindens einen bedeutenden Einfluss auf zahlreiche Arbeiterdichter, die nach ihm an die Öffentlichkeit traten. Selbst Vilhelm Moberg war von der Lyrik Jändels so beeindruckt, dass er ihn als Wegbereiter bezeichnete.

Da Ragnar Jändel jedoch bereits mit seinem dritten Gedichtband den Kampf der Arbeiter mit starken religiösen Zügen verbindet, wird er ab 1919 von seinen sozialistischen Freunden verlassen und die revolutionären Zeitschriften Brand und Stormklocken weigern sich seine neueren Werke zu veröffentlichen. Jändel betrachtet nun den Sozialismus als einseitig, da die dominante Arbeiterbewegung dem Glauben abgeschworen hat, der Schriftsteller diesen jedoch als Quelle des sozialistischen Gedanken betrachtet.

Dieser Bruch mit dem Sozialismus ist für die literarische Leistung Ragnar Jändels sogar von Vorteil, denn zwischen 1920 und 1931 schreibt er nun neun Gedichtbände und vier Romane. Der Schriftsteller geht nun von kämpferischen Gedichten auf Naturromantik über  und beginnt Essays zu schreiben. Obwohl der Schriftsteller nun seine eigene Sprache gefunden hat, so spürt man an manchen Stellen auch die Einflüsse von Dan Andersson, Vilhelm Ekelund und Sigbjørn Obstfelder, drei Personen, die er für ihre literarischen Arbeiten bewundert und als geistige Lehrer betrachtet.

Als im Jahre 1931 die Mutter von Ragnar Jändels plötzlich stirbt und er selbst sehr schwer krank wird, bricht für den Schriftsteller eine Welt zusammen und wenige Jahre später, nach einer depressiven und verzweifelten Phase, verlässt er seine Frau und seine gewohnte Umgebung und will neue Wege gehen, denn unerklärlicherweise fühlt er sich nun von allen Freunden verraten, inklusive von seiner Frau.

Seine beiden folgenden Gedichtsammlungen Malört und Stenarna blomma sind eine Art Aufarbeitung seiner Probleme, die so langsam in neue Hoffnungen übergehen. Ragnar Jändel hat nun zu einem Naturrealismus gefunden und er legt die religiösen Tendenzen fast vollkommen ab. Bevor der Schriftsteller nun jedoch diesen neuen literarischen Weg wirklich beschreiten kann, stirbt er im Alter von nur 44 Jahren.

Ragnar Jändel gehört mit zu den ersten Arbeiterliteraten Schwedens und hat, obwohl er heute relativ unbekannt ist, sehr viele andere Autoren beeinflusst. Seine Sprache war immer sehr einfach gehalten und dadurch auch für jene verständlich, die, wie Jändel selbst, nur eine minimale Schulbildung hatten, aber die Bedeutung der Literatur verstanden hatten und Werke suchten, die auch ihrer eigenen Seele entsprachen. Einige seiner bedeutendsten Gedichte wurden ab 1982 von Björn Wikholm auch vertont.

Copyright: Herbert Kårlin

27 maj 2013

Walter Hülphers, vom sozialkritischen Autor des Nordens zur Mystik

Walter Hülphers wurde am 29. Juli 1871 als Sohn des Buchhalters Walter Sebastian Hülphers und dessen Frau Charlotta Bergöö in Styrnäs in Västernorrland geboren und starb am 7. Mai 1957 in Hagfors im Värmland. Hülphers war ab 1907 mit Oktavia Flora Grey verheiratet.

Die Kindheit und Jugend verbrachte Walter Hülphers in einem extrem konservativen religiösen Milieu aus dem er sich erst nach seiner Hochschulreife im Jahre 1890 in Hörnösand befreite, als er erst an der Universität in Uppsala und anschließend jener in Stockholm Naturwissenschaften studierte und die er 1895 beendete, ohne sich jedoch in irgendeiner Weise auf eine wissenschaftliche Karriere vorbereitet zu haben.

Walter Hülphers, Ockulta noveller, Svenska teosofiska Bokförlaget, Stockholm, 1921

Während Walter Hülphers nach Abschluss seiner Studien erst bei der Västernorrlands Allehanda (1896 - 1898) und anschließend beim Nyaste Kristianstadsbladet (1889 - 1899) als Journalist arbeitete, begann seine literarische Karriere im Jahre 1899 mit der Novellensammlung Linier och dagar, die sehr stark von den romantischen Wildmarkserzählungen von Pelle Molin beeinflusst waren.

Bei seinen folgenden Werken blieb Walter Hülphers zwar bei Wildmarkserzählungen, die in gewisser Weise die industrielle Entwicklung des Ångermanälven als Ausgangspunkt hat, aber Hülphers entfernt sich vom Einfluss Molins und seine Bücher nehmen einen sozialen Einschlag an, was ihn zwar nicht zu einem Arbeiterschriftsteller macht, ihn aber auf die Seite der Arbeiterbewegung stellt, der in seinen Werken sehr früh die Entwicklung der Forstwirtschaft kritisiert. Am deutlichsten tritt dies bei seinem Roman Timmer aus dem Jahre 1906 hervor, der von manchem Literaturwissenschaftler auch als sein Hauptwerk bezeichnet wird.

Bei den lyrischen Werke von Walter Hülphers ab 1910 spürt man, dass diese Gedichte mit autobiographischen Zügen nicht nur von der Philosophie Friedrich Nietzsches beeinflusst wurden, sondern auch seinen ständigen Kampf mit der religiösen Erziehung, die er erhielt, und seinen Bestrebungen sich vollkommen von Religion zu lösen, ohne dass ihm dies in letzter Konsequenz gelingt. Die Werke, die Hülphers in diesen Jahren veröffentlicht, zeigen eine enorme Breite, die von der selbstgewählten Isolation bis zum revolutionären Kampf der Arbeiter reichen. Neben der Lyrik beginnt der Schriftsteller nun allerdings auch Dramen zu schreiben, die alle einen politischen Einschlag unter geschichtlichen Aspekten haben.

Während des Ersten Weltkriegs und vor allem während des Finnischen Bürgerkriegs im Jahre 1918, an dem Walter Hülphers auch als Freiwilliger teilnimmt, entwickelt sich der Schriftsteller immer mehr zu einem nationalen Fanatiker, der in seinem Roman Med svenska brigaden beschreibt, dass er ein Gewehr ebenso zärtlich behandelt wie eine geliebte Frau. Diese nationalistische Einstellung wird von seinen Freunden aus den literarischen Kreisen Schwedens allerdings kaum geschätzt und einer nach dem anderen wendet sich von Hülphers ab.

Die Isolation in der sich Walter Hülphers anschließend befand, führte ihn erst zu Gott zurück und anschließend in die Mystik und den Okkultismus. Auch hier wählt der Schriftsteller wieder die extremste Seite und in einem Brief an Carl Lindhagen bezeichnet er sich als der Führer des Geheimbundes der Rosenkreuzer im nordischen Raum. Unter diesem Einfluss entstehen dann auch die letzten Bücher Hülphers, die von der Überzeugung des Autors sprechen, dass das Leben der Menschen von unerklärlichen Kräften beeinflusst und gesteuert wird.

So unterschiedlich seine Werke mit ihren Aussagen sind, so unterschiedlich waren auch die politischen und religiösen Meinungen von Walter Hülphers im Laufe seines Lebens, denn der Schriftsteller konnte sich mit keiner der Denkweisen oder Philosophien seiner Zeit vollkommen anfreunden. Während der Hülpher innerlich ständig mit dem Zweifel kämpft, sind seine Werke eine Art Chronologie seiner Entwicklung.

Mit dem Mystizismus verlor Walter Hülphers allerdings auch einen Großteil seiner Leser, da diese der Denkweise des Autors nicht mehr folgen konnten und der Zweite Weltkrieg sie auch weit von der Mystik und dem Okkultismus entfernt hatten. Um weiterhin vom Schreiben leben zu können, war Hülphers daher nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen als Kritiker für Film und Literatur für verschiedene schwedische Zeitschriften und Zeitungen zu arbeiten, sowie für die Västmanland Läns Tidning tägliche Verse zu schreiben.

Auch wenn nahezu jeder Literaturwissenschaftler die literarischen Leistungen von Walter Hülphers beachtlich findet, wird der Autor nur in wenigen Abhandlungen zur schwedischen Literaturgeschichte behandelt, denn er kann in keiner Gruppe an Autoren untergebracht werden und er folgte keiner der offiziellen literarischen Linien. Erst in den letzten Jahren gewinnt der Autor in Nordschweden wieder einen gewissen Ruhm, da man versucht die Leistungen der Dichter und Schriftsteller des nördlichen Schwedens innerhalb der schwedischen Literatur erneut hervorzuheben.

Copyright: Herbert Kårlin

26 maj 2013

Kerstin Hed, die erste Bauerndichterin Schwedens

Kerstin Hed, das Pseudonym von Hilda Gunilla Olsson (geborene Fredriksson), wurde am 21. Mai 1890 als Tochter des Landwirts Kers Fredrik Jansson und dessen Frau Johanna Ersdotter in Hedemora geboren und starb am 15. August 1961 ebenfalls in Hedemora in Dalarna. Die Schriftstellerin war ab 1916 mit dem Landwirt Anders Olsson verheiratet übernahm mit ihrem Mann den Hof der Eltern.

Hilda Gunilla Olsson setzte ihr Pseudonym aus dem Namen des Hofes der Famile, Kers, und dem Gemeindenamen Hedemora zusammen. Obwohl Kerstin Hed als einfache Bauerntochter nur eine minimale Bildung hatte, die sie 1909 mit einem dreimonatigen Kurs an der Volkshochschule etwas verbesserte, schrieb sie ihr erstes ländlich geprägtes Gedicht bereits im Alter von neun Jahren, das bereits in der Södra Dalarnes Tidning veröffentlicht wurde. Wie das Mädchen auf die Idee kam Gedichte zu schreiben, ist leider nicht bekannt, da es im elternhaus kaum Bücher gab.

Kerstin Hed, Kvinnor vid älven, LTs förlag, 1955

Noch bevor Kerstin Hed ihren Mann getroffen hatte, erschien 1913 ihr erster Gedichtband Från stigarna, ein Band der vor allem dadurch überzeugt, weil Hed zu einer beschreibenden ländlichen Dichtkunst greift, der jede Nostalgie abgeht. Da die Lyrikerin keinerlei Kontakte mit anderen Schriftstellern hat und über keine literarische Ausbildung verfügt, von der kurzen Begegnung mit der Literatur an der Volkshochschule abgesehen, sind ihre Gedichte authentisch und wuchsen aus Beobachtungen, denen Hed eine poetische Form gibt.

Da Kerstin Hed auch nach der Ehe weiterhin auf dem Hof arbeiten muss, bedeutete dies, dass an erster Stelle Tiere, Ernte und Hausarbeit kamen und die Dichtkunst nur in den wenigen Momenten zwischen zwei Arbeiten Platz hatte. Hed entwickelte ihre Gedichte irgendwann im Laufe des Tages und zeichnete sie nachts auf, dann wenn alle anderen schliefen und sie sich ungestört an die Formulierungen machen konnte. Trotz dieser Schwierigkeit der literarischen Tätigkeit ist die Anzahl ihrer Gedichtbände beachtlich, denn sie veröffentlichte 17 Lyrikbände, zwei Romane und arbeitete an drei Gedichtanthologien mit.

Die Gedichte von Kerstin Hed kreisen ausschließlich um das Landleben und verleihen dem ländlichen Denken und Leben eine Tiefe, die in der schwedischen Literatur ungewöhnlich ist, zumal die großen Dichter des Landes das schwedische Land in der Regel idealisieren oder missachten. Hed ist auf dem Lande aufgewachsen, sie hat es nie verlassen, sie gehört selbst zur Schicht der Bauern und man spürt daher mit jedem Vers, dass sie dieses Leben liebt und auch den einfachsten Dingen Poesie abgewinnen kann ohne sie zu idealisieren.

Ähnlich wie das Landleben Sonne, Regen und Schnee kennt, so vielfältig sind auch die Themen, die Kerstin Hed bearbeitet, denn man findet in ihren Gedichten Hoffnung, Gemeinschaft und Ironie ohne dass die Lyrikerin dabei in die Vergangenheit blickt. In ihren Werken findet man das einfache Landleben, die Armut nach einer Missernte, die Freude eines Festes und das Erwachen der Natur. Hed malt in ihren Werken die Portraits der Landbevölkerung, ein Bild, das nahezu einmalig innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte ist.

Da Kerstin Hed ohne „Leitfaden“ zur Dichtkunst gefunden hat, sind ihre Werke nicht in die Schablonen der Literaturwissenschaftler zu pressen, was allerdings auch dazu führt, dass die Autorin nur in wenigen Darstellungen der schwedischen Literatur erwähnt wird, obwohl Hed 1955 mit der begehrten Medaille Illis quorum ausgezeichnet wurde und Mitte des letzten Jahrhunderts noch als eine der bedeutendsten Lyrikerinnen Schwedens betrachtet wurde.

Den größten Erfolg hatte Kerstin Hed mit ihrem Gedicht Spel-Olles gånglåt aus dem Jahre 1923, das nicht nur mehrmals vertont wurde und dem es 1963 gelang 30 Wochen lang in den Svensktoppen zu bleiben, ein Lied das noch heute jeder Schwede kennt, auch wenn dabei nur noch wenige an die Bauerndichterin Kerstin Hed denken.

Copyright: Herbert Kårlin

Messetermine in Göteborg

25 maj 2013

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius und die Sagen des Småland

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius wurde am 18. Mai 1818 als Sohn des Prosten Carl Fredrik Cavallius und dessen Frau Anna Alisabeth Hyltenius auf dem Gut Hönetorp in Vislanda geboren und starb am 5. Juli 1889 im Alter von 71 Jahren in Skatelöv im Småland. Hyltén-Cavallius qar ab 1847 mit Maria Sofia Margaretha Haeggström verheiratet.

Bereits im Alter von sieben Jahren wurde Gunnar Olof Hyltén-Cavallius in die die Volksschule in Växjö geschickt, der Stadt, in der er 1834, nach dem Besuch des Gymnasiums, auch die Hochschulreife machte. Trotz der relativ geringen Einkünfte der Eltern war Hyltén-Cavallius der einzige der Geschwister, dem sie anschließend ein Studium an der Universität Uppsala finanzierten, das er 1839 mit einem Magister in Philosophie beendete.

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, Gemälde von N. J. Ollson Blommér, 1847, Foto: SPA, Schwedisches Reichsarchiv

Als Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, der auf Wunsch des Großvaters mütterlicherseits sowohl den Familiennamen des Vaters als auch jenen der Mutter angenommen hatte, in den Jahren 1835 und 1836 einige Male als Privatlehrer im Södermanland tätig war, lernte er den Priester und Volkstumsforscher Arvid Geijer-Afzelius kennen, der in ihm das Interesse für die volkstümliche Geschichte Schwedens weckte, ein Interesse, das über die gesamte Zukunft von Hyltén-Cavallius entscheiden sollte.

Ab dieser Zeit nutzte Gunnar Olof Hyltén-Cavallius seine Freizeit um in den Dörfern Smålands nach Sagen, Volksweisen, Rätseln, dialektalen Ausdrücken und Redensarten zu suchen und sie zu sammeln, eine Arbeit, die er an der Universität in Uppsala für seine Prüfungen vorlegte und unter dem Titel  Vocabularium Værendicum in zwei Teilen veröffentlicht wurde.

Nach Abschluss seines Studiums im Jahre 1839 wurde Gunnar Olof Hyltén-Cavallius an der Königlichen Bibliothek angestellt, eine Arbeit, die er 17 Jahre lang ausübte. Bis zu seiner Ehe wohnte der Schriftsteller bei George Stephens, der ihn bei seiner Arbeit ermunterte und gemeinsam mit ihm die Bücher Svenska folksagor och äfventyr und Sveriges historiska och politiska visor herausgab, Sammlungen von Sagen und Märchen, die von den Werken der Brüder Grimm inspiriert waren. Bei diesen beiden Werken war Hyltén-Cavallius für die Texte verantwortlich und Stephens für wissenschaftliche Anmerkungen und Kommentare.

Während der Zeit als Gunnar Olof Hyltén-Cavallius bei der Königlichen Bibliothek beschäftigt war, sammelte er nicht nur weiterhin Sagen, sondern er wurde Mitgründer mehrere Vereine, die sich mit der schwedischen Geschichte beschäftigten, hielt Vorträge und wurde auch politisch aktiv, was dazu führte, dass Hyltén-Cavallius 1847 eine Pensionskasse für Künstler gründete.

Politik war im Grunde nicht das Gebiet von Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, aber der Schriftsteller entdeckte sehr früh, dass man nur über die Politik wirklich Karriere machen kann. Hyltén-Cavallius wird König Oscar I. vor allem deswegen bekannt, weil der Schriftsteller sehr aktiv für die Presse arbeitet und sich dabei, im Strom der Zeit, als Anhänger des Skandinavismus auszeichnet und in royalistischen Kreisen verkehrt. Oscar I. ernennt den Ethnologen zum Intendanten des Königlichen Theaters, wo er mit Misstrauen aufgenommen wird und mangels Fähigkeiten bald auch stark kritisiert wird. Als daher Karl XV. An die Macht kam, verließ er das Theater und wurde bald darauf Generalkonsul in Brasilien, was ihn allerdings weit von den Arbeiten entfernte, die ihm am meisten am Herzen lagen.

Der Aufenthalt in Brasilien war dann jedoch relativ kurz, da Gunnar Olof Hyltén-Cavallius bereits 1862, nach nur 17 Monaten, wegen einer Nervenentzündung zurück nach Schweden musste. Zwei Jahre später zog sich der Schriftsteller zurück in seine Heimat im Småland und 1871 übernahm der den Hof seines Geschlechtes in Skatelöv.

Zurück in seiner Heimat machte sich Gunnar Olof Hyltén-Cavallius nicht nur an die Landarbeit, sondern er sammelte auch alte Gerätschaften, Werkzeuge, Handwerk und andere Gegenstände, die in der Volksgeschichte Smålands eine Rolle spielten. Am 3. Februar 1867 vermachte er seine gesamte Sammlung dem Domkapitel in Växjö und gründete damit das erste Volkskundemuseum Schwedens, das heutige Smålands Museum.

Literarisch gesehen machte sich Gunnar Olof Hyltén-Cavallius nun auch daran, seinen Jugendtraum zu verwirklichen, nämlich die gesamte Geschichte des Småland aufzuzeichnen, ein Projekt, das er jahrelang liegen gelassen hatte, da Peter Wieselgren einen entsprechenden Auftrag erhalten hatte als Hyltén-Cavallius noch sein Projekt vorbereitete.

Im Jahre 1863 begann Gunnar Olof Hyltén-Cavallius dann jedoch an seinem bedeutendsten Werk zu arbeiten, das er 1868, nach rund 1000 Seiten, beendete. Auch wenn der Schriftsteller in seinem Buch Trolle und Riesen mit der Mythologie und der Geschichte Smålands verknüfte, was schon damals wissenschaftlich nicht haltbar war, so schuf Hyltén-Cavallius mit Während och wirdarne ein Grundlagenwerk der Ethnologie, das bis heute seine Bedeutung nicht verloren hat. Hinzu kommt, dass der Autor mit diesem Werk ein  Interesse an der schwedischen Volkskultur weckte und zudem sehr vielen späteren Autoren die Grundlage für die Sagen- und Märchenforschung Schwedens bot.

Copyright: Herbert Kårlin

24 maj 2013

Hilma Angered-Strandberg und die schwedischen Auswanderer

Hilma Angered-Strandberg, geborene Strandberg, wurde am 10. Juni 1855 als Tochter des Justizienrates Karl Gustav Strandberg und dessen Frau Eva Helleday in Stockholm geboren und starb am 23. Januar 1927 in Meran in Südtirol. Angered-Strandberg war ab 1888 mit dem Landschaftsmaler Hjalmar Angered verheiratet.

Während der Vater poetisch veranlagt war, seiner Tochter Gedichte vorlas und die Sagen Homers erzählte, war die Mutter streng religiös und versuchte die Tochter von ihrer Phantasie zu befreien, was dazu führte, dass die Erziehung in zwei entgegengesetzte Richtungen lief, eine Situation, die Hilma Angered-Strandberg bis zum Lebensende nicht vollständig überwunden hatte und ihre Werke stark beeinflusste.

Hilma Angered-Strandberg, Foto: J. Hammarstrand, Falköping, aus Idun Nr. 20, 1912

Erst besuchte Hilma Angered-Strandberg die Volksschule in Stockholm, anschließend hatte sie in Småland Privatunterricht und als die Eltern im Jahre 1874 starben, arbeitete die spätere Schriftstellerin einige Jahre lang in reichen Gütern Skånes als Gesellschaftsdame. In dieser Zeit begann Angered-Strandberg romantische Novellen für die Göteborgs Handelstidning zu schreiben, die Viktor Rydberg als pubertäre Schreiberei bezeichnete und zu der auch die Schriftstellerin selbst später nicht mehr stand. Alle ihre Werke dieser ersten Schreibphase erschienen allerdings auch unter einem Pseudonym.

In der Zeit, in der Hilma Angered-Strandberg als Gesellschaftsdame arbeitete, machte sie auch eine Ausbildung als Telegrafistin, einem der wenigen Berufe, der einer Frau zu dieser Zeit offen stand und eine hohe Allgemeinbildung voraussetzte. Diese Ausbildung führte die Schriftstellerin 1883 nach Fjällbacka, wo sie in die zweite und weitaus reifere Phase als Schriftstellerin eintrat.

Der Umzug nach Fjällbacka stürzte die für jene Zeit modern denkende Frau in eine Welt, die sie sie nicht kannte und die wie das Mittelalter auf sie wirken musste. Da Hilma Angered-Strandberg kein Gefühl für die Tabus des Landes hatte, schrieb sie realistische Novellen über das Leben in Fjällbacka, die in der Göteborgs Handelstidning veröffentlicht wurden. Auch wenn die Schriftstellerin sowohl den Ortsnamen als auch die Namen der Handelnden veränderte, wusste man in Fjällbacka sehr schnell wovon die Autorin sprach und wer bei einer Erzählungen die Hauptfigur war. Als Skandalautorin gebrandmarkt und allgemein von der Gemeinschaft ausgestoßen konnte Angered-Strandberg nach einigen schwerwiegenden Drohungen nur noch aus Fjällbacka fliehen. Im Jahre 1887 sammelte die Autorin dann jedoch alle Novellen zu Fjällbacka und legte das Buch Västerut vor, die vermutlich beste neutrale Schilderung Fjällbackas aus dem Ende des 19. Jahrhundert, die man heute in der schwedischen Literatur findet.

Von 1888 bis 1894 lebte Hilma Angered-Strandberg mit ihrem Mann, den sie bei einem seiner Aufenthalte in Fjällbacka kennengelernt hatte, in den USA. Als die Schriftstellerin jedoch wegen einer Krankheit zurück nach Schweden kam, machte sich Angered-Strandberg unmittelbar daran ihre Eindrücke und Erlebnisse aufzuzeichnen. Das Ergebnis waren drei Bücher über die „Neue Welt“, die nicht das Idyll in Amerika zeigten, sondern amerikanische Schicksale und Schicksale der Einwanderer. Die schwedischen Kritiker bezeichnen diese Bücher geradezu als Meisterwerke, da sie nüchtern über das Leben in den USA berichten und vom Stil und Inhalt her den Leser fesselten.

Auf Grund der Stärke der Amerika-Bücher verlieren die Folgewerke von Hilma Angered-Strandberg an Wirkung, auch wenn ihr autobiographisches Fragment När vi började einen Einblick in das bürgerliche Stockholm-Leben ihrer Kindheit bietet und auch die Italien-Schilderungen in der Zeitströmung lagen. Das Problem, dass der Stern der Autorin um diese Zeit sank, lag vor allem daran, dass ihre Bücher von Elend, Armut und Leid dominiert waren und die Schriftstellerin zu viel in ihren Romane unterbringen wollte. Hilma Angered-Strandberg gelingt es mit ihren letzten Büchern immer weniger einen großen Leserkreis anzusprechen, da sie ihrem Charakter und ihren Ideen treu bleibt, der Beginn des 19. Jahrhunderts jedoch eine Zeit des Umbruchs ist und die Leser von Büchern erheitert werden wollen.Auch die politischen Änderungen lassen vielen das Elend anderer vergessen.

Hilma Angered-Strandberg war, trotz einiger bedeutender Werke kurz vor der Jahrtausendwende, gegen Ende ihres Lebens nahezu vergessen und wurde erst in den letzten zehn Jahren wieder neu entdeckt, da sich immer mehr Schweden für die Geschichte des Landes interessieren und auch Camilla Läckberg mit ihren Kriminalromanen Fjällbacka wieder in aller Munde brachte, einen Ort, über den bereits 130 Jahre vorher eine Frau eine Art Krimi geschrieben hat, auch wenn der damalige Krimi aus dem tatsächlichen Leben gegriffen war und die Autorin als „Hexe“ vertrieben wurde.

Copyright: Herbert Kårlin

23 maj 2013

Pär Lagerkvist und ein Leben ohne Gott

Pär Lagerkvist wurde am 23. Mai 1891 als Sohn des Eisenbahnvorarbeiters Anders Johan Lagerquist und dessen Frau Johanna Blad in Växjö geboren und starb am 11. Juli 1974 in Danderyd. Lagerkvist war in erster Ehe mit der Dänin Karen Dagmar Johanne Sørensen verheiratet und in zweiter Ehe mit der Lehrerin Elin (Elaine) Luella Hallberg.

Die Kindheit von Pär Lagerkvist war von einem konservativ religiösen Elternhaus geprägt in dem es außer der Bibel und den Psalmbüchern keine Literatur gab, da diese Bücher alle Weisheiten bereits enthielten. Da der spätere Schriftsteller der Jüngste unter den sieben Geschwistern waren, war er der einzige unter ihnen denen die Eltern eine Ausbildung finanzieren konnten. Lagerkvist machte daher 1910 in Växjö die Hochschulreife und schrieb sich ein Jahr später an der Universität in Uppsala für Kunstgeschichte ein, ohne jedoch das Studium je zu Ende zu machen. Seine Jugend beschreibt der Schriftsteller später in seinem autobiographischen Werk Gäst hos verkligheten.

Pär Lagerkvist, Gäst hos verkligheten, Albert Bonnier Förlag (Serie Delfin), Stockholm, Originalausgabe 1925

Bereits am Gymnasium in Växjö machte Pär Lagerkvist die Bekanntschaft des Sozialismus und des Darwinismus, was sehr schnell dazu führte, dass er die religiöse  Lehre seiner Eltern ablehnte und Religion als Unterdrückung empfand, die die Angst vor dem freien Leben schürt. In diesen Jahren entwickelte sich Lagerkvist auch zu einem Revolutionär, der nicht mehr ohne rotes Tuch um den Hals zu sehen war und ab 1912 revolutionäre Gedichte zu veröffentlichen begann.

Schon als Jugendlicher hatte sich Pär Lagerkvist dafür entschieden Schriftsteller zu werden, was jedoch ein langer Weg werden sollte, da ihn seine Eltern nicht unterstützen konnten. Nach der Hochschulreife lebte Lagerkvist vor allem von seinem Bruder, der als Lehrer ein regelmäßiges Einkommen hatte und an die Zukunft seines Bruders als Schriftsteller glaubte. Über eine längere Epoche hinweg wohnte der Autor nahezu ausschließlich bei seinem Bruder in Vittinge.

Außer einer kurzen Anstellung als Theaterkritiker beim Svenska Dagbladet hatte Pär Lagerkvist nie ein regelmäßiges Einkommen oder eine Anstellung und nahezu zwanzig Jahre lang war es ihm nahezu unmöglich vom Schreiben zu leben, denn seine ersten Bücher waren keinerlei Verkaufserfolg. Erst während der 30er Jahre, als Lagerkvist seine zweite Ehe eingegangen war, begann sich das Blatt für den Schriftsteller zu wenden und insbesondere sein Roman Bödeln kam in mehreren kurz aufeinander folgenden Auflagen heraus. Auch wenn Lagerkvist nun halbwegs vom Schreiben leben konnte, so erschien selbst sein Roman Dvärgen in erster Auflage gerade einmal mit 7000 Exemplaren, was kaum mit dem Erfolg eines Vilhelm Moberg zu vergleichen war, der um diese Zeit sein Hauptwerk über die schwedischen Auswanderer ebenfalls noch nicht geschrieben hatte.

Auch wenn Pär Lagerkvist die Religion hinter sich gelassen hatte, so zeigte er sein Leben lang ein großes Interesse an biblischen und mythologischen Erzählungen, was sich auf seine gesamte Produktion auswirkte. Im Gegensatz zu religiösen Autoren setzt der Schriftsteller jedoch den Menschen in Situationen, die kein Gott mehr steuert und die Existenz des Menschen unter der Philosophie von C. G. Jung betrachtet wird und sozialistische Theorien die Umstände regeln.

Der literarische Aufstieg von Pär Lagerkvist nahm mit der Machtübernahme Hitlers, dem Jahr als Lagerkvist seinen Roman Bödeln veröffentlichte, einen starken Rückschlag, denn das nationalistische Schweden der Zeit steht mehrheitlich auf Hitlers Seiten und Lagerkvists antifaschistischer Kampf lässt den Autor nahezu als Feind des Landes erscheinen, was auch dazu führt, dass die Studenten des Landes verhindern, dass der Schriftsteller den Fröding-Preis erhält.

Auch wenn Pär Lagerkvist bereits 1940 in die Svenska Akademien gewählt worden war, wo er nach Verner von Heidenstam auf dem Stuhl Nummer 8 Platz nahm, kam seine Anerkennung als Schriftsteller erst mit Barabbas im Jahr 1950, als Lagerkvist nahezu 60 Jahre alt war. In Barabbas zeigt Lagerkvist das Leben ohne Gott in seiner letzten Konsequenz. Das Werk hinterlässt in Schweden einen so starken Eindruck, dass es innerhalb von zwölf Jahren zweimal verfilmt wird.

Seinem Meisterwerk Barabbas verdankte Pär Lagerkvist letztendlich auch den Nobelpreis in Literatur, was dem Autor endgültig eine internationale Anerkennung bringt. Auch in Schweden hat man mittlerweile die Tiefe seiner Werke verstanden und der Nationalismus Schwedens der 30er Jahre war mittlerweile auf dem Weg in das Sozialstaatdenken.

Die Werke von Pär Lagerkvist können als zeitlos betrachtet werden, da er die Themen, die er aus dem Zeitgeschehen nimmt so verarbeitet, dass sie allgemeingültig werden, denn die Gruben in Barabbas erinnern an die Konzentrationslager oder Guantanamo, das Dilemma der Kernphysiker in De vises sten bleibt bis heute unbeantwortet und das Böse, das der Schriftsteller in seinen Werken behandelt ist ohnehin zeitlos.

Copyright: Herbert Kårlin

22 maj 2013

Walter Ljungquist und der psychologische Roman Schwedens

Walter Ljungquist (offiziell Valter Bertil Ljungqvist) wurde am 11. Juni 1900 als Sohn des Kaufmanns Erik Josef Ljungqvist und dessen Frau Edla Josefina Cecilia Pettersson in Kisa in Östergötland geboren und starb am 22. Mai 1974 ebenfalls in Kisa. Ljungquist war in erster Ehe mit der Journalistin Claire Eva Edla Neuman verheiratet und in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin Gerda Sofia Antti.

Seine Kindheit verbrachte Walter Ljungquist in einem Elternhaus mit einer herzkranken Mutter und einem psychisch labilen Vater, der zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung pendelte. Die Wirtschaftslage der Familie war kaum stabil. Es war daher kaum verwunderlich, dass sich Ljungquist, der zudem Hörprobleme hatte, in eine eigene Welt floh. Als der Junge zwölf Jahre alt war, starb die Mutter und die Situation verschlechterte sich zunehmend, da der Vater zu trinken begann und der Konkurs bald nicht mehr zu vermeiden war.

Walter Ljungquist, Erika, Erika, Albert Bonniers Förlag, Stockholm, 1963

Sehr früh musste Walter Ljungquist bei seinem Vater mitarbeiten und nach fünf Jahren Volksschule begann für ihn das Berufsleben, erst im Büro, dann in der kleinen Druckerei, die Ljungquist später übernahm und bis in die 30er Jahre fortführte. Diese Kindheit und die verpasste Jugend sollten später die Hauptthemen seiner Werke werden, eine Art Suche nach seiner eigenen Vergangenheit und die Suche nach dem verlorenen Paradies.

Der junge Walter Ljungquist, der bereits früh seine künstlerische Neigung entdeckt hatte, versuchte bereits mit etwa 20 seine verpasste Bildung nachzuholen und beschäftigte sich mit allen Strömungen der Zeit, angefangen von der Literatur bis zur Philosophie und Psychologie. Als vollkommener Autodidakt und ohne Fremdsprachenkenntnisse versucht Ljungquist selbst Autoren wie Marcel Proust, Joseph Priestley und Katherin Mansfield zu verstehen. Verständlicherweise gewann der Schriftsteller dadurch eine persönliche Vorstellung der Literatur und folgte nicht den akademisch vorgegebenen Linien.

Im Jahre 1926 begann Walter Ljungquist als Novellist bei der Bonniers veckotidning, wenn auch mit geringem Erfolg und gleichzeitig begann er an an einem Monumentalwerk im Geiste von Proust zu schreiben. Ljungquist wollte damit den ersten modernen Roman Schwedens schaffen, was ihm jedoch nicht gelang, da der Roman von den Verlagen, ebenso wie seine zwei zeitkritischen Folgeromane, abgelehnt wurde.

Erst als Bonniers Litteräre Magasin ab 1932 erschien und damit auch die modernere Prosa veröffentlichte, gelang es Walter Ljungquist unter den Literaten Schwedens aufgenommen zu werden und 1933 erhielt er einen geteilten ersten Preis für seinen Kurzroman Ombyte av tåg. Gleichzeitig machte Ljungquist durch die Zeitschrift auch die Bekanntschaft mit den Werken von Hermann Hesse in dessen Werken er Parallelen zu seinem eigenem Schicksal entdeckte.

Nachdem Walter Ljungquist sich auch der Anthroposophie genähert hatte, die sich in Schweden ab Mitte der 30er Jahre verbreitete, änderte sich die Betrachtungsweise des Schriftstellers und Ljungquist fand zur Erzählung, die auf persönliche Erinnerungen aufbaut. Bereits 1938 kam dann mit dem Roman Resande med okänd bagage sein absoluter Durchbruch. 

Als in den 40er Jahren der Aufstieg des schwedischen Films einsetzte, nahm die Aktivität des kaum etablierten Schriftstellers etwas ab, da er sich, vor allem gemeinsam mit Hasse Ekman, an das Schreiben von Filmmanuskripten machte und dadurch über 20 Filmen seinen Stempel gab. So nebenbei wurden dann zwischen 1943 und 1950 auch drei seiner eigenen Romane verfilmt, was ihm zu einem bedeutenden Ruhm als Schriftsteller verhalf.

In den 50er Jahren schreibt der literarische Außenseiter Walter Ljungquist einige der bedeutendsten Romane dieser Zeit, die den Lesern einen Blick in die Seelen seiner Hauptpersonen führen und ihnen den psychologischen Roman Schwedens präsentiert.

Als Walter Ljungquist 1951 Stockholm verlässt, das Schreiben für den Film aufgibt und keine Auftragsarbeit mehr annimmt, entsteht das Meisterwerk des Schriftstellers, ein Bildungsroman, der sich langsam entwickelt und letztendlich aus elf Büchern bestand. Ljungquist wechselt bei dieser Serie immer wieder die Betrachtungsweise und der Leser findet sich in den verschiedensten Personen wieder. Diese 100-jährige „Geschichte“ des Småland mit seinen Naturbetrachtungen wird immer wieder mit dem Werk von Johann Wolfgang von Goethe verglichen, da Ljungquist zu sehr ähnlichen Stilmitteln und Ausdrucksweisen greift wie der deutsche Schriftsteller.

Walter Ljungquist, der bisweilen als Entwicklungspsychologe bezeichnet wird, gehört als Autodidakt in keinerlei Gruppe von Schriftstellern und er folgte keiner einzigen der offiziellen literarischen Linien, was ihn innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte nahezu einzigartig macht. Die Personen in seinen Büchern sind immer auf dem Weg sich zu finden, auf dem Weg etwas zu erreichen oder auf dem Weg das Leben zu verstehen, auch wenn der Ausgang danach meist offen bleibt. Ljungquist interessierte die Entwicklung des Menschen, was den Einfluss der Anthroposophie auf seine Werke zeigt ohne dass der Schriftsteller jedoch das gesamte Dogma dieser Philosophie übernahm.

Copyright: Herbert Kårlin