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10 juni 2013

Leonhard Fredrik Rääf und die altschwedische Kultur und Tradition

Leonhard Fredrik Rääf, bekannt unter dem Namen Ydredrotten, wurde am 18. September 1786 als Sohn des Juristen Leonhard Henrik Rääf und dessen Frau Hedvig Charlotta Grönhagen auf dem Gut Tomestorp in Kisa, Östergötland, geboren und starb am 9. Juni 1872 im Alter von 85 Jahren auf dem Gut Forsnäs in Sund. Rääf war ab 1833 mit Christina Jacobina (Jacquette) von Heijne verheiratet.

Wie in jener Zeit sehr üblich in der gehobenen Schicht Schwedens wurde Leonhard Fredrik Rääf zu Hause von Privatlehrern unterrichtet. Bereits mit 16 Jahren erreichte Rääf die Hochschulreife und begann an der Universität Uppsala zu studieren. Im Jahre 1805 machte er das Kanzleiexamen, das ihm Zugang zu einer staatlichen Anstellung bot. Von 1805 bis 1807 teilte er seine Zeit zwischen einer administrativen Tätigkeit und weiteren Studien in Uppsala. In diesem Jahr disputierte er dann an der Universität um anschließend in der Kriegsexpedition zu arbeiten.


In Uppsala verkehrte Leonhard Fredrik Rääf in den literarischen Kreisen, die sich der Romantik und dem Idealismus anschlossen und damit den deutschen und dänischen Strömungen zuwandten. Aber im Gegensatz zu anderen Dichtern jener Zeit, unter anderem Per Daniel Amadeus Atterbom, der in der gleichen Gruppe verkehrte, hatte Rääf seine eigene Vorstellung von Literatur und neigte bei seinen ersten Werken bereits mehr zur Philosophie von Jean Jacques Rousseau und suchte das Natürliche und Einfache in der Natur, ein Ideal, das man oft dem Primitiven zuordnet.

Die literarische Karriere von Leonhard Fredrik Rääf begann nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1810, als der Schriftsteller seine Amtsaufgaben und die politischen Ambitionen ruhen ließ und das väterliche Gut übernahm. Rääf benötigte jedoch das kulturelle Leben Stockholms und pflegte daher seine Kontakte, die er während seines Studiums geschaffen hatte. Der Schriftsteller besuchte daher regelmäßig Stockholm um dort an kulturellen Aktivitäten teilzunehmen und auch Bücher zu kaufen.

Während eines Aufenthalts in Stockholm im Jahre 1811 wurde der Götiska Förbundet gegründet bei dem Leonhard Fredrik Rääf Mitglied Nummer 15 und Redakteur der Zeitschrift Iduna wurde. Obwohl Rääf sehr viel in Stockholm und Uppsala war und ihn seine Bekannten auch zu Hause besuchten, versuchte der Schriftsteller die Bande noch enger zu halten, was sich an über 7000 Briefen, die er an Freunde, Kollegen und Familienangehörige schrieb, sehr deutlich zeigt.

Als Leonhard Fredrik Rääf aufs Land zog, begann nicht nur seine aktive Tätigkeit als Sammler und Forscher von historischem Gut und Traditionen, sondern er entwickelte sich auch zu einem extremen Feind jedes Fortschritts und jeder Demokratiebewegung, da in seinen Augen dadurch jedes schwedische Ideal und die Ausgeglichenheit der Natur zerstört wird. Sein Einfluss und seine Dominanz in Ydre führten auch dazu, dass Rääf bald den Namen Ydrekungen und Ydredrotten erhielt.

In seiner ersten Schaffensphase interessierte sich Leonhard Fredrik Rääf vor allem für Volksweisen, die er gemeinsam mit seinen Jugendfreunden Erik Drake und Joachim Nicolas Eggert sammelte und deutete. Diese Arbeiten gingen insbesondere in Erik Gustaf Geijers Svenska folkvisor från forntiden und in Atterboms Nordmansharpan ein und sollten belegen, dass die Urzeit eine harmonische Zeit war in der die schwedische Bevölkerung der Natur nahe stand und dieses Ideal durch den Fortschritt zerstört wird.

In den Folgejahren sammelte Leonhard Fredrik Rääf dann alles, was in irgendeiner Weise mit Volkskunde und Tradition zu tun hatte, also auch Sagen, Rätsel, regionale Ausdrücke und schuf damit die größte regionale ethnographische Sammlung Ydres, zumal Rääf einen extrem hohen Wert darauf setzte so weit wie möglich auch die Ursprünge jedes Liedes und jeder Sage zu finden. Diese Arbeiten erschienen zwischen 1834 und 1842 in der Sammlung Svenska fornsånger, eine Arbeit, die als authentisch gesehen werden muss, da Rääf die Arbeiten der Gebrüder Grimm nicht kannte, also auch nicht davon beeinflusst war wie andere Volksschriftsteller Schwedens.

Ethnographische Aufzeichnungen, regionale Forschungsergebnisse und archäologische Arbeiten von Leonhard Fredrik Rääf, die nicht in die Gruppe von Sagen und Liedern fielen, veröffentlichte der Schriftsteller zwischen 1856 und 1865 in vier Bänden, eine Aufzeichnung, die bis heute für jede Forschung Ydres herangezogen wird. Nach dem Tode des Autors wurde noch ein fünfter Band der Serie veröffentlicht, obwohl auch dieser Band nicht das Gesamtwerk Rääfs in diesem Bereich umfasst.

Während die wissenschaftliche Seite des Werkes von Leonhard Fredrik Rääf von extrem hohem kulturhistorischem Wert ist, muss man bei der Lektüre jedoch beachten, dass der Autor der Meinung war, dass der Adelsstand von Geburt an erworben wird und mit Weisheit verbunden ist, während alle Bauern nur von Sklaven (Träl) abstammen, die keine Bildung benötigen. In seinen Augen waren allgemeine Schulbildung, Industrialisierung und Pressefreiheit die größten Feinde der Entwicklung Schwedens.

Leonhard Fredrik Rääf muss heute daher aus zwei verschiedenen Aspekten betrachtet werden, denn seine wissenschaftlich-literarische Arbeit zur Vergangenheit Ydres leistet noch heute einen wichtigen Beitrag zur Volkskunde Schwedens. Auf der anderen Seite findet man die ultrakonservative Person Rääf, die gegen Dampfer, Eisenbahn, Demokratie und jede Art von Schulbildung für das Volk kämpfe und, wenn auch aus einem idealisierten Denken, Schweden zurück in die Urzeit versetzen wollte, da dort der Ursprung der Welt zu finden war.

Copyright: Herbert Kårlin

25 maj 2013

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius und die Sagen des Småland

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius wurde am 18. Mai 1818 als Sohn des Prosten Carl Fredrik Cavallius und dessen Frau Anna Alisabeth Hyltenius auf dem Gut Hönetorp in Vislanda geboren und starb am 5. Juli 1889 im Alter von 71 Jahren in Skatelöv im Småland. Hyltén-Cavallius qar ab 1847 mit Maria Sofia Margaretha Haeggström verheiratet.

Bereits im Alter von sieben Jahren wurde Gunnar Olof Hyltén-Cavallius in die die Volksschule in Växjö geschickt, der Stadt, in der er 1834, nach dem Besuch des Gymnasiums, auch die Hochschulreife machte. Trotz der relativ geringen Einkünfte der Eltern war Hyltén-Cavallius der einzige der Geschwister, dem sie anschließend ein Studium an der Universität Uppsala finanzierten, das er 1839 mit einem Magister in Philosophie beendete.

Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, Gemälde von N. J. Ollson Blommér, 1847, Foto: SPA, Schwedisches Reichsarchiv

Als Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, der auf Wunsch des Großvaters mütterlicherseits sowohl den Familiennamen des Vaters als auch jenen der Mutter angenommen hatte, in den Jahren 1835 und 1836 einige Male als Privatlehrer im Södermanland tätig war, lernte er den Priester und Volkstumsforscher Arvid Geijer-Afzelius kennen, der in ihm das Interesse für die volkstümliche Geschichte Schwedens weckte, ein Interesse, das über die gesamte Zukunft von Hyltén-Cavallius entscheiden sollte.

Ab dieser Zeit nutzte Gunnar Olof Hyltén-Cavallius seine Freizeit um in den Dörfern Smålands nach Sagen, Volksweisen, Rätseln, dialektalen Ausdrücken und Redensarten zu suchen und sie zu sammeln, eine Arbeit, die er an der Universität in Uppsala für seine Prüfungen vorlegte und unter dem Titel  Vocabularium Værendicum in zwei Teilen veröffentlicht wurde.

Nach Abschluss seines Studiums im Jahre 1839 wurde Gunnar Olof Hyltén-Cavallius an der Königlichen Bibliothek angestellt, eine Arbeit, die er 17 Jahre lang ausübte. Bis zu seiner Ehe wohnte der Schriftsteller bei George Stephens, der ihn bei seiner Arbeit ermunterte und gemeinsam mit ihm die Bücher Svenska folksagor och äfventyr und Sveriges historiska och politiska visor herausgab, Sammlungen von Sagen und Märchen, die von den Werken der Brüder Grimm inspiriert waren. Bei diesen beiden Werken war Hyltén-Cavallius für die Texte verantwortlich und Stephens für wissenschaftliche Anmerkungen und Kommentare.

Während der Zeit als Gunnar Olof Hyltén-Cavallius bei der Königlichen Bibliothek beschäftigt war, sammelte er nicht nur weiterhin Sagen, sondern er wurde Mitgründer mehrere Vereine, die sich mit der schwedischen Geschichte beschäftigten, hielt Vorträge und wurde auch politisch aktiv, was dazu führte, dass Hyltén-Cavallius 1847 eine Pensionskasse für Künstler gründete.

Politik war im Grunde nicht das Gebiet von Gunnar Olof Hyltén-Cavallius, aber der Schriftsteller entdeckte sehr früh, dass man nur über die Politik wirklich Karriere machen kann. Hyltén-Cavallius wird König Oscar I. vor allem deswegen bekannt, weil der Schriftsteller sehr aktiv für die Presse arbeitet und sich dabei, im Strom der Zeit, als Anhänger des Skandinavismus auszeichnet und in royalistischen Kreisen verkehrt. Oscar I. ernennt den Ethnologen zum Intendanten des Königlichen Theaters, wo er mit Misstrauen aufgenommen wird und mangels Fähigkeiten bald auch stark kritisiert wird. Als daher Karl XV. An die Macht kam, verließ er das Theater und wurde bald darauf Generalkonsul in Brasilien, was ihn allerdings weit von den Arbeiten entfernte, die ihm am meisten am Herzen lagen.

Der Aufenthalt in Brasilien war dann jedoch relativ kurz, da Gunnar Olof Hyltén-Cavallius bereits 1862, nach nur 17 Monaten, wegen einer Nervenentzündung zurück nach Schweden musste. Zwei Jahre später zog sich der Schriftsteller zurück in seine Heimat im Småland und 1871 übernahm der den Hof seines Geschlechtes in Skatelöv.

Zurück in seiner Heimat machte sich Gunnar Olof Hyltén-Cavallius nicht nur an die Landarbeit, sondern er sammelte auch alte Gerätschaften, Werkzeuge, Handwerk und andere Gegenstände, die in der Volksgeschichte Smålands eine Rolle spielten. Am 3. Februar 1867 vermachte er seine gesamte Sammlung dem Domkapitel in Växjö und gründete damit das erste Volkskundemuseum Schwedens, das heutige Smålands Museum.

Literarisch gesehen machte sich Gunnar Olof Hyltén-Cavallius nun auch daran, seinen Jugendtraum zu verwirklichen, nämlich die gesamte Geschichte des Småland aufzuzeichnen, ein Projekt, das er jahrelang liegen gelassen hatte, da Peter Wieselgren einen entsprechenden Auftrag erhalten hatte als Hyltén-Cavallius noch sein Projekt vorbereitete.

Im Jahre 1863 begann Gunnar Olof Hyltén-Cavallius dann jedoch an seinem bedeutendsten Werk zu arbeiten, das er 1868, nach rund 1000 Seiten, beendete. Auch wenn der Schriftsteller in seinem Buch Trolle und Riesen mit der Mythologie und der Geschichte Smålands verknüfte, was schon damals wissenschaftlich nicht haltbar war, so schuf Hyltén-Cavallius mit Während och wirdarne ein Grundlagenwerk der Ethnologie, das bis heute seine Bedeutung nicht verloren hat. Hinzu kommt, dass der Autor mit diesem Werk ein  Interesse an der schwedischen Volkskultur weckte und zudem sehr vielen späteren Autoren die Grundlage für die Sagen- und Märchenforschung Schwedens bot.

Copyright: Herbert Kårlin

19 april 2013

Sigfrid Lindström und die moderne Welt der Sagen

Sigfrid Lindström wurde am 19. April 1892 als Sohn des Kaplans Peter Lindström und dessen Frau Anna Aquilina Wickelgren in Lidhult geboren und starb am 1. Mai 1950 im Alter von 58 Jahren in Lund. Lindström war nie verheiratet.

Der junge Sigfrid Lindström wuchs in einer damals angesehenen Priesterschicht auf in der der humanistische Geist lebte. Noch während seiner Schulzeit am Gymnasium in Halmstad schloss sich Lindström der literarischen Vereinigung Concordia an und wirkte regelmäßig in der gleichnamigen Zeitschrift mit. Erhalten ist aus dieser Zeit ein Vortrag, den Lindström über Gustaf Fröding hielt, den er für den größten Dichter Schwedens hielt und seine Prosasage Den möderne Judas, die er später überarbeitete und in seinem Werk Vindsröjning enthalten ist.

Sigfrid Lindström, Sagor på vers och prosa, Hugo Gebers Förlag

Nach seiner Hochschulreife im Jahre 1911 in Halmstad, ging Sigfrid Lindström nach Lund und begann an der dortigen Universität Literaturgeschichte, nordische Sprachen, Philosophie, Pädagogik, Englisch und Französisch zu studieren. Da ein Teil seines Studiums mit dem Ersten Weltkrieg zusammenfiel, schloss er es erst im Jahre 1918 mit einem Magister ab. In den „Studienpausen“ schrieb er Lieder für Revuen und, gemeinsam mit Alf Ahlberg, das Theaterstück Näktergalarna i Wittenberg. Seinen Vornamen Sigfrid tauschte der Schriftsteller ab 1912 gegen „Tristan“ aus. Seine Werke erschienen daher um diese Zeit unter dem Namen Tristan Lindström.

Nach seinem Studium wollte Sigfrid Lindström ursprünglich die Laufbahn eines Lehrers ergreifen, aber nachdem bereits sein Praktikum ein Desaster war, entschied er sich Journalist und Schriftsteller zu werden. Ab 1920 bekam Lindström eine eigene Spalte in der neu gegründeten Studentenzeitschrift Lundagård, wobei er dabei gleichzeitig die Bekanntschaft von Frans G. Bengtsson, Hjalmar Gullberg, Ingvar Andersson und Ivar Harrie machte.

Im gleichen Jahr erhielt Sigfrid Lindström zusätzlich einen Vertrag beim Lunds dagblad, allerdings als nächtlicher Korrekturleser, der nur hin und wieder auch literarische Kritiken und kulturelle Artikel schreiben durfte. Sehr bald verstand Lindström jedoch, dass er nicht für die journalistische Laufbahn geeignet war. 1925 verließ er daher die Zeitung und gleichzeitig auch Lund.

Als Schriftsteller trat Sigfrid Lindström erstmals im Jahre 1922 mit seinem Werk Sagor och meditationer an die Öffentlichkeit, das jedoch kaum Beachtung fand, obwohl Lindström bereits hier seine Stärke zeigte, nämlich die alte Sagenwelt neu aufzunehmen und in eine neue eigene Geschichte zu verwandeln, die Sagen auszuarbeiten und zu modernisieren.

Erst 1927 erschien dann ein weiteres Werk von Sigfrid Lindström. Diese Mal handelte es sich um Gedichte, die der Autor bereits ab 1916 geschrieben hatte und unter dem Titel De besegrade erschien. Bei diesem Werk verband Lindström die Sagenwelt und führte den Antihelden ein. Man spürt bei der Lektüre, dass sich der Autor der Generationen der Verlierer angehörig fühlt, denen, nicht zuletzt durch den Weltkrieg, die Zukunft genommen wurde und die ohne Hoffnung leben muss. Dieses Buch wurde von Kritikern und Lesern extrem positiv aufgenommen und führte dazu, dass Lindström als Literat anerkannt war.

In den Folgejahren schrieb Sigfrid Lindström sehr wenig und selbst wenn man die Bücher, die nach seinem Tod noch veröffentlicht wurden, hinzuzählt, so kommt man auf knapp zehn Werke, was für einen anerkannten Schriftsteller sehr wenig ist, zumal der Umfang der Bücher ebenfalls sehr bescheiden ist.

Sigfrid Lindström, der sich durch eine außerordentliche Phantasie und eine ausgewählte Wortwahl auszeichnete, hinterließ, neben seinen offiziellen Werken, ein detailreiches Tagebuch und zahlreiche Briefe in denen man sein Schaffen verfolgen kann, denn Lindström ist einer der letzten schwedischen Autoren bei denen selbst Briefe noch Literatur sind in denen er Sagen skizzierte und eine literarische Sprache benutzte.

Auch wenn Sigfrid Lindström sehr wenige eigene Bücher veröffentlichte, so war die Literatur dennoch sein Leben, da er vor allem Werke von Albert Camus, Gérard de Nerval und D. H. Lawrence ins Schwedische übersetzte und dabei eine Mischung aus Übersetzung und eigenem Werk schuf, da er versuchte die Ursprungswerke dem schwedischen Publikum wirklich zugänglich zu machen, ohne jedoch das Gefühl und den Geist des Ursprungswerkes zu zerstören.

Auch wenn Sigfrid Lindström innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte nahezu als Klassiker der Literatur betrachtet wird, ist der Schriftsteller mittlerweile fast schon vergessen, nicht zuletzt auch deswegen weil die ausgewählte Sprache des Autors heute als hochtrabend betrachtet wird und die Welt der Sagen immer mehr in die Vergessenheit gerät.

Copyright: Herbert Kårlin

9 april 2013

Anna Maria Roos, vom Schulbuch zum Drama und zum Kinderbuch

Anna Maria Roos wurde am 9. April 1862 als Tochter des Generaldirektors Wilhelm Roos und dessen Frau Sophie Nordenfalk in Stockholm geboren und starb am 23. April 1938 in Bombay in Indien. Roos war nie verheiratet, spricht aber in ihren Briefen von einer unvergessenen Liebe aus dem Jahre 1885.

Über die Kindheit von Anna Maria Roos ist kaum etwas bekannt und selbst die Schilderungen, die man in ihrem Roman Marika aus dem Jahre 1901 findet, sind, nach ihren eigenen Briefen, untertrieben und treffen nicht die Realität. Roos lebte 43 Jahre lang mit ihrer Mutter, auch wenn das Verhältnis als extrem angespannt galt, eine Situation, die sie nie erklärte.


Ihre Basisausbildung erhielt Anna Maria Roos, wie üblich in diesen Kreisen, zu Hause. Erst 1874 besuchte die spätere Schriftstellerin dann die Åhlinska Skolan in Stockholm und bereits 1879, also im Alter von 15 Jahren besuchte sie anschließend das Lehrerseminar, da dies als die einzige für Frauen geeignete Ausbildung betrachtet wurde, obwohl Roos keinerlei Interesse daran hatte je Unterricht zu erteilen, sondern sich sehr früh für künstlerische Tätigkeiten und die Schriftstellerei interessierte.

Nach Abschluss ihrer Ausbildung begann Anna Maria Roos daher zu malen, zu komponieren und zu schreiben und bereits 1883 konnte man ihr Gedicht Svaloma in der zeitkritischen ironischen Zeitschrift Puck finden, ein Gedicht, das auch in ihrem Gedichtband Gryningen im Jahre 1894 aufgenommen wurde.

Noch im gleichen Jahr als Anna Maria Roos ihren ersten Gedichtband veröffentlichte, erschien auch ihr erstes Kinderbuch Lilla Elnas sagor, eine Mischung aus Gedichten für Kinder, Liedern, die sie selbst vertonte, Sagen und kurzen Erzählungen die durch ihre einfache, naive Sprache eine Neuerung im Bereich des Kinderbuchs waren, da es zur Unterhaltung geschrieben war und kein didaktisches Ziel hatte.

Bereits 1895 erscheinen zwei weitere Kinderbücher von Anna Maria Roos, die beide im Stil von Lilla Elnas sagor geschrieben waren und extrem positiv von den Kritikern bewertet wurden, die die Bücher der Autorin als das Edelste bezeichnen was man Kindern bieten kann. Ihr Buch Tysta djup übersetzte Roos selbst ins Französische, was ihr dabei half schon damals den französischen Markt mit zu erobern.

Den wahren Durchbruch brachten Anna Maria Roos dann jedoch keine Gedichtbände, keine Kinderbücher, keine Lieder und nicht ihre dramaturgischen Werke, sondern die beiden Lesebücher Sörgården und I Önnemo, die jahrelang in nahezu jeder Schule des Landes verwendet wurden und eine gesamte Generation an Schweden geprägt hat. Selbst als die Lesebücher in den Schulen ausgetauscht wurden, galten ihre Werke, auf dem gleichen Niveau wie Selma Lagerlöfs Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige, Verner von Heidenstams Svenskarnas och deras hövdingar und Sven Hedins Från pol till pol, weiterhin als empfohlene unterrichtsbegleitende Literatur.

Eine Seite von Anna Maria Roos, die heute nahezu vergessen ist, ist ihre Rolle für das Kindertheater Schwedens, denn die Schriftstellerin verfasst in diesem Bereich nicht nur Sagen, Singspiele und Märchen,die in fernen Ländern spielen, sondern verarbeitet dabei auch sehr häufig die schwedische Geschichte, die damit den Kindern auf unterhaltsame Weise näher gebracht wurde. Auch hier überrascht die Autorin damit, dass sie keine lehrhaften Stücke schrieb, sondern die Unterhaltung mit Tatsachen in den Mittelpunkt setzte. Gerade in diesem Punkt unterscheidet sie sich sehr bedeutend von anderen Schriftstellern ihrer Zeit, insbesondere was Werke für Kinder betrifft.

Einer der Gründe, warum Anna Maria Roos nicht den gleichen Ruf errungen hat wie Selma Lagerlöf, lag an ihrer kritischen Haltung zur Staatsreligion des Landes. Insbesondere ihr Werk Fariseism i våra dagar aus dem Jahre 1902 zeigt sich als Problembuch, das die Diskussion in Schweden anregte, denn Roos kritisierte die Religionsbücher dieser Zeit, die bei Kindern die Angst vor der Hölle stützten, aber sie fordert auch weibliche Prediger und Priester, was zur Jahrhundertwende geradezu als Ketzerei betrachtet wurde.

Die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbrachte Anna Maria Roos außerhalb Schwedens, da man ihr das Heilen durch Handauflegen, neben jeder anderen alternativen Heilmethode, verboten hatte und auch ihre Gesundheit wegen dem schwedischen Klima sehr angeschlagen war. Roos verbrachte diese Jahre in Italien, Spanien, Deutschland, den USA, Ägypten und Palästina, bevor sie mit Indien ihre letzte Lebensstation erreicht hatte.

Vieles im Leben von Anna Maria Roos sind Widersprüche, die man nicht erklären kann, denn sie verweigerte Unterricht zu geben, schrieb aber modernste Lehrbücher, sie stand für die Unabhängigkeit der Frau und lebte bis zu ihrem 43. Jahr mit ihrer Mutter, sie hatte keine Kinder, aber traf die Seele der Kinder besser als alle Autoren, die Kinder hatten. Roos liebte Schweden und seine Geschichte, aber die Unruhe führte sie immer wieder in die Ferne und sie gab das Land vor allem deswegen auf, weil man ihr eine Heilmethode nahm an die sie glaubte. Da Roos auch in keinem literarischen Kreis verkehrte, ist es ausschließlich ihren Werken zu verdanken, dass sie Bestandteil der schwedischen Literaturgeschichte ist.

Copyright: Herbert Kårlin

Vetenskapsfestivalen Göteborg 2013

13 februari 2013

Elsa Beskow, jedes Jahr ein neues Kinderbuch

Elsa Beskow, geborene Maartman, kam am 11. Februar 1874 als Tochter des norwegischen Großhändlers Berndt Maartman und dessen Frau, der Lehrerin Augusta Fahlstedt in Stockholm zur Welt und starb am 30. Juni 1953 in Djursholm, Stockholm. Mit 19 Jahren heiratete sie den Theologen Natanael Beskow, der zu dieser Zeit noch Prediger war.

Die spätere Künstlerin und Kinderbuchautorin Elsa Beskow wuchs mit ihren fünf jüngeren Geschwistern in einer kunstliebenden und musikalischen Familie auf in der die Großmutter noch alte schwedische Sagen erzählte, von denen die Autorin später einige in ihren Kinderbüchern verewigte und ihnen damit neues Leben gab. Als der Vater starb, war Beskow fünfzehn Jahre alt und die Familie zog zu einer Schwester der Mutter, einer Verfechterin der Rechte der Frau.


Elsa Beskow besuchte erst die Anna Whitlock Schule, eine Schule Stockholms, deren Leiterin, Anna Whitlock, eine der bedeutendsten Kämpferin für die Rechte der Frauen war und gerade deswegen für Mädchen eine der fortschrittlichsten Schulen Schwedens war. Anschließend besuchte die Schriftstellerin die Konstindustriella Skolan, das heutige Konstfack um sich zur Zeichnerin auszubilden. Nach Abschluss der Kunstausbildung arbeitete Beskow von 1894 bis 1897 als Zeichenlehrerin bei der Whitlock Schule. Mit ihrer Ehe im gleichen Jahr gab sie diese Arbeit auf und begann freiberuflich zu zeichnen und zu schreiben.

Parallel zu ihrer Arbeit als Lehrerin begann Els Beskow bereits Buchumschläge zu zeichnen, ab 1895 arbeitete sie auch als Zeichnerin an Jultidningar und 1897 erschien ihr erstes Bilderbuch mit dem Titel Sagan om den lilla lilla gumman, dem dann nahezu jedes Jahr ein weiteres Buch folgte.

Den Stoff suchte Elsa Beskow oft in der alten Sagenwelt Schwedens, die Umgebung war meist das Haus ihrer Tante und die Vorlage für Tant Grön, Tant Brun, Tant Gredelin und Farbror Blå waren die eigenen Verwandten, auch wenn sie in den Zeichnungen in die Welt der Phantasie versetzt wurden.

Der Durchbruch kam für Elsa Beskow bereits im Jahre 1901 mit ihrem Buch Puttes äventyr i blåbärsskogen, in dem Putte den Zauberstab des Königs der Heidelbeeren berührt und dann zu einem Däumling schrumpft um einige erstaunliches Abenteuer im Wald der Blaubeeren erlebt. Das Buch schlägt nicht nur in Schweden ein, sondern wird in 14 Sprachen übersetzt und führt das schwedische Kinderbuch auch in anderen Ländern ein.

Die Bücher von Elsa Beskow zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der Sagenwelt Schwedens handeln und die Zeichnungen sehr reich an Details sind, damit Kinder die Tiere und Pflanzen des Landes in den Bildern wiederfinden können. Diese Art des Zeichnens bringt der Autorin auch den Auftrag an Lesebüchern für die Volksschule zu arbeiten, die zwischen 1935 und 1937 unter dem Titel Vill du läsa? erschienen.

Auch wenn Elsa Beskow jedes Jahr ein eigenes Buch veröffentlichte, so arbeitete sie bis kurz vor ihrem Tod auch an Illustrationen anderer Bücher und gestaltete Buchtitel. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Künstlerin und Schriftstellerin, neben Selma Lagerlöf, die im Ausland bekannteste Schriftstellerin Schwedens.

Da das Verfassen von Kinderbüchern zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht als Literatur betrachtet wurde und die Illustration ein Handwerk war und keine Kunst, ging Elsa Beskow trotz ihrer Erfolge nicht, in die Literaturgeschichte Schwedens ein, was durch Olof Lagercrantz, dem bedeutendsten Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts, noch ins Extrem gesetzt wurde, da er Beskow jede literarische Fähigkeit und Tiefe absprach.

Natürlich hat der große Literaturkritiker sich nicht mit Elsa Beskow beschäftigt oder ihre Werke genauer betrachtet, denn die Leistung der Autorin ist beachtlich. Mit ihren zahlreichen Werken ist er ihr gelungen eine Kultur des Bilderbuchs und des Kinderbuchs in Schweden zu schaffen und damit einen Großteil der schlechteren ausländischen Werke aus Schweden zu verdrängen. Sie hat damit das gesamte Niveau des Kinderbuches in Schweden maßgeblich verbessert.

Zum anderen entdeckt man in ihren Zeichnungen auch den Einfluss ihrer progressiven Schule, da sie der Frau eine neue Rolle gibt, was damals nicht nur positive Kritiken einbrachte. Als sie in einem Sagenbild selbst das Problem Alkohol unterbrachte, wurde sie sogar von Dagens Nyheter extrem kritisiert, da ein betrunkener Troll nichts in einem Kinderbuch zu tun hatte, obwohl die meisten Kinder genau dies zu Hause erleben mussten.

Natürlich kann man, wie  Olof Lagercrantz es ausdrückt, Elsa Beskow von der heutigen Warte aus als konservativ betrachten, vor allem, wenn man bedenkt, dass viele ihrer Bücher noch heute Kindern kritiklos in die Hände gegeben werden, aber von der Warte ihrer Zeit war Beskow sehr fortschrittlich und hat damit eine ganze Generation an Schweden beeinflusst.

Elsa Beskow engagierte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch für die Rechte der Frauen und kämpfte für die Veränderung der Gesellschaft, was man sehr deutlich an ihrem Buch Blomsterfesten i täppan entdecken kann, einem Buch über Mittsommer, in dem sie es sogar wagte eine schwangere Frau Kastanienblume zu zeichnen, in einer Zeit, als eine schwangere Frau in der bürgerlichen Gesellschaft unsichtbar sein musste.

Copyright: Herbert Kårlin

2 februari 2013

August Bondeson, der Schriftsteller des schwedischen Volkes

August Bondeson wurde am 2. Februar 1854 als Sohn des Schuhmachers Carl Bondesson und dessen Frau Lisa Beata Nygren in Vessingebro in Halland geboren und starb am 23. September 1906 in Göteborg. Bondeson war nie verheiratet.

Seine Kindheit verbrachte August Bondeson in Vessingebro und vor allem in Halmstad, wo er auch die Grundschule besuchte bevor er 1876 in Göteborg die Hochschulreife machte. Ab 1876 studierte Bondeson Medizin in Uppsala, setzte dieses Studium ein Jahr lang am Karolinska Institutet in Stockholm fort um dann erneut an die Universität Uppsala zurückzukehren, wo er 1887 sein Medizinstudium beendete und mit der praktischen Ausbildung begann. Am 7. Juni 1889 war Bondeson dann offiziell Arzt.


Auch wenn August Bondeson bereits im Gymnasium eine kleine Gedichtsammlung unter dem Titel Knäppar på lyran veröffentlicht hatte und ab 1871 begann die Sagen Hallands aufzuzeichnen, die er von seinem Vater gehört hatte, so folgte Bondeson seinem Weg als Arzt auf die intensivste Weise. Er vervollständigte seine Kenntnisse in Dermatologie in Kopenhagen, Berlin und Wien, arbeitete im medizinischen Bereich in Stockholm, Uppsala und Falkenberg und ließ sich dann im Jahre 1889 als Arzt in Göteborg nieder.

Obwohl sich August Bondeson voll auf die Medizin konzentrierte, hatte er 1889 bereits 15 Bücher veröffentlicht. Seine gesamte Freizeit hatte Bondeson damit verbracht die Sagenwelt und die Volksweisen Schwedens zu erforschen und zu sammeln, wobei ihm hier auch die Landschaften und selbst Volkstänze, andere Traditionen und die Geschichte der verschiedenen Regionen Schwedens wichtig waren. Der Schriftsteller-Arzt war Ende des 19. Jahrhunderts die Person, die die Volkstraditionen des Landes am besten kannte und sie auf literarische Weise für die Nachwelt konservierte.

Bei seiner literarischen Arbeit überließ August Bondeson nichts dem Zufall, sondern er zeigte sich als Forscher des ländlichen Lebens und der Traditionen, der den Leser in die Räume der Bewohner holte um ihnen dort die Sagenwelt und die Sprichworte des Volkes näher zu bringen. Da Bondeson auch in traditionellen Tanzvereinigungen und mit Mundartforschern verkehrte, gelang es ihm im Laufe seines Lebens jeden Aspekt der schwedischen Traditionen zu beleuchten, wobei der Schriftsteller jedoch nicht nur ein Sammler dieser Kenntnisse war, sondern als Spielmann auch Lieder aufzeichnen und sie spielen konnte. Auf der einen Seite arbeitete daher Bondeson an der Sagenwelt und den Traditionen, die er in Novellen einbettete und zum anderen spielte und überlieferte er die Volkslieder des 19. Jahrhunderts. Seine bedeutendsten Werke in diesem Zusammenhang sind das Liederbuch Visbok und die Novellensammlung Historiegubbar på Dal. Einige der von ihm aufgezeichneten Lieder findet man noch heute in jedem Liederbuch Schwedens.

Ein Schlüsselwerk zu August Bondeson sind die fiktiven Erinnerungen in Skollärare John Chronschoughs momoarer von denen der Autor drei Bände plante, jedoch nur zwei fertigstellen konnte bevor er geistig verwirrt wurde. Diese Memoiren schildern auf die deutlichste Weise die Probleme der ländlichen Bevölkerung bei der Suche nach Bildung, da diese ohne in die Stadt zu ziehen, meist auf halbem Wege stehen blieb und den Betroffenen nur in einen Besserwisser verwandelten.

August Bondeson gehört zu den wenigen Autoren des 19. Jahrhunderts, die Stil und Sprache nicht nur beherrschten, sondern auch mit allen Feinheiten anzuwenden wusste, was man bereits sehr deutlich in seinem Buch Hallings Anna, berättelse ur folklivet sehr deutlich spürt, da hier die Novellenform dabei hilft ein Gesamtbild zu bekommen, da man als Leser mit den verschiedensten Eindrücken in kurzer Folge konfrontiert wird.

Der Schriftsteller August Bondeson gehört, neben August Strindberg, Gustav af Geijerstam und Ernst Ahlgren zu den bedeutendsten Autoren Schwedens, die in den 80er Jahren das Landleben mit in die schwedische Literatur einfließen ließen und damit auch einen Übergang in die literarische Wende der 90er Jahre ermöglichten. Bondeson war jedoch der einzige, der das Leben, das er beschreibt, selbst kannte und in ihm aufgewachsen ist. Die Werke Bondesons sind daher als authentisch zu betrachten und nicht nur als Literatur.

Auch wenn August Bondeson sowohl im Jahre 1881 als auch 1883 ein Stipendium der Svenska Akademien erhielt und damit offiziell im Kreise der Schriftsteller aufgenommen wurde, wird er in der schwedischen Literaturgeschichte kaum genannt. Dies liegt vermutlich daran, dass Bondeson zu einer einfachen Sprache griff und regionale Themen aufnahm, was sich innerhalb der offiziellen Literaturbewegungen immer als ein Hindernis zeigt, da Literaturwissenschaftler die Regionalliteratur meist als nebensächliche Literatur werten.

Copyright: Herbert Kårlin