30 mars 2013

Jan Olof Olsson, der historische Roman und Reiseschilderungen

Jan Olof Olsson wurde am 30. März 1920 als Sohn des Bürochefs Nils Olof Olsson und dessen Frau Anna Berta Andersson in Stockholm geboren und starb am 1. Mai 1974 in Hjärnarp bei Kristianstad. Olsson, der ab 1919 mit der Journalistin und Schriftstellerin Margareta Waldemarsdotter Sjögren verheiratet war, war vor allem unter seinem Pseudonym Jolo bekannt geworden.

Da der Vater von Jan Olof Olsson für das kartographische Institut arbeitete, verbrachte er die Monate von Mai bis September in den unterschiedlichsten Gegenden Schwedens, wohin ihn auch die Familie meist begleitete. Bereits sehr früh konnte Olsson daher die Regionen Schwedens entdecken und Bekanntschaft mit dem Leben außerhalb Stockholms machen. Außer dem Interesse für die Landschaften Schwedens entwickelte der Schriftsteller ein reges Interesse für amerikanische Filme und besuchte sehr häufig Kinovorstellungen. Im Gymnasium begann Olsson literarische und journalistische Aktivität als Redakteur der Schülerzeitschrift Concordia.


Nach der Hochschulreife am Högre latinläroverket in Stockholm studierte Jan Olof Olsson ab 1939 Geschichte an der Universität Stockholm und war sowohl im studentischen Filmstudio als auch der Studentenzeitschrift Gaudeamus aktiv, was ihm nach dem Studium den Zugang zum Svenska Morgonbladet und den Dagens Nyheter (DN) öffnete. Bereits ab 1941 hatte Olsson erste Filmkritiken für mehrere Zeitungen geschrieben und sein Pseudonym Jolo angenommen. Ab 1945 hatte der Journalist und Schriftsteller einen festen Vertrag mit der Tageszeitung Dagens Nyheter.

Die literarische Aktivität von Jan Olof Olsson lässt sich in drei Gruppen einteilen, nämlich in Reisebücher, die er oft gemeinsam mit seiner Frau schrieb, in Geschichtsromane und in Belletristik, die auf sehr unterschiedliche Weise betrachtet werden müssen, auch wenn der Schriftsteller in seiner ersten Phase des Schreibens sowohl Reiseschilderungen als auch Romane veröffentlichte.

Die Reisebücher, die Jan Olof Olsson ab 1950 veröffentlichte, bauen überwiegend auf seine Reportagen bei Dagens Nyheter auf und sind mehr oder weniger eine Zusammenfassung früherer Artikel, die er populärwissenschaftlich mit Informationen zur Geschichte und zur Literatur des Landes ergänzte. Was ebenfalls auffällt ist, dass er nie die Länder als solches porträtiert, sondern sich auf Städte mit ihren Menschen und ihren Lebenssituationen beschränkt. Bei Büchern wie Drottningens England aus dem Jahre 1954 oder Irland, den omöjliga ön drei Jahre später spürt man sehr deutlich die Handschrift seiner Frau, die zwar das Interesse für Literatur und Geschichte mit ihrem Mann teilt, die Landesschilderungen jedoch auch aus den Städten entfernt.

Als Romanautor beginnt Jan Olof Olsson im Jahre 1956 mit Årsklass 39, wobei er in diesem Bereich nie das selbst gesetzte Niveau erreicht, da er sich zu sehr an die Denkweise des Journalismus hält und dadurch den Fluss eines guten Romans verpasst. Olsson hält ich dabei zu sehr an geschichtliche Handlungen, an Ereignisse, die er einbinden will und ist nicht in der Lage die Romanhandlung in den Vordergrund zu schieben. Dieser Nachteil des Romanautors Olsson wird dagegen für den Manuskriptschreiber Olsson 1973 ein Vorteil, denn die Schilderung Schwedens während der Bereitschaftsjahre wird in der Fernsehserie Någonstans i Sverige zu einem Erfolg, da hierbei die geschichtliche Handlung die Oberhand hat und er die Geschichte zu einem spannenden Erlebnis für den Zuschauer machen kann.

Der einzige Roman Jan Olof Olssons, der sich zu einem wahren Erfolg entwickelt, De tre från Haparanda, ist eine Mischung aus Geschichtsroman des Ersten Weltkriegs und einem Kriminalroman, denn bei diesem Werk gelingt es Olsson Spannung mit mehreren Intrigen in eine Geschichte zu packen, die ihren Anfang in der Grenzstadt Haparanda während des Ersten Weltkriegs hat und dabei die Zusammenarbeit von russischer und schwedischer Polizei nach einem mysteriösen Polizistenmord zeigt. Nachdem auch noch eine geheimnisvolle Schauspielerin eine Schlüsselrolle spielt, findet hier der Schriftsteller alle Elemente, die einen großen Leserkreis fangen können.

Die Gabe der journalistischen Suche zeigt vor allem bei den Geschichtsromanen von Jan Olof Olsson seine Wirkung, denn seine drei Bücher über den Ersten Weltkrieg, den er nie erlebt hat, werden zu einem der bedeutendsten Erfolge des Autors, da es Olsson dabei gelingt nicht nur die Entwicklung und die Konsequenzen dieses Krieges zu analysieren, sondern auch die internationale Warte und die schwedische Situation von schwedischer Seite aus zu beleuchten. Man spürt, dass der Schriftsteller sich intensiv mit der Zeit beschäftigt hat und in der Lage ist den Stoff in gut lesbarer Romanform zu präsentieren. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass diese Trilogie sowohl von Seiten des literarischen Lesers als auch von Geschichtswissenschaftlern geschätzt wird.

Die Bedeutung von Jan Olof Olsson für die schwedische Literaturgeschichte liegt vor allem an seinen historischen Beschreibungen, die nicht nur das Schweden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beleuchten, sondern auch, dass der Schriftsteller, der eine Vorliebe für die englische Kultur hatte, ein Schweden zeigt, wie man es von anderen Ländern aus sieht und der nationale Gedanke teilweise vollständig in den Hintergrund rückt. Seine Stärke liegt nicht in der Belletristik, sondern im sachbuchartigen Roman, dem er Elemente der Belletristik beifügt.

Copyright: Herbert Kårlin

Göteborger Flugschau 2013

29 mars 2013

Jan Broberg und der schwedische Kriminalroman

Jan Broberg wurde am 9. Dezember 1932 in Malmö geboren und starb am 29. März 2012 im Alter von 79 Jahren in Lund. Broberg war mit Britta verheiratet, die ihn überlebte und hat drei Kinder. Der Schriftsteller studierte ab 1951 an der Universität Lund nordische Geschichte und Literaturwissenschaft. Nach Abschluss seines Studiums war der Autor von 1958 bis 1997 Gymnasiallehrer für Geschichte und Schwedisch in Nässjö.

Mehr oder weniger durch Zufall geriet Jan Broberg bereits zu Beginn seines Studiums in der der Malmöer Stadtbibliothek an den Kriminalroman Murder for pleasure von Howard Haycraft, eine Lektüre, die sein Leben maßgeblich beeinflussen sollte, denn bis 1954 hatte der Student der Literaturwissenschaften sehr viele Kriminalromane gelesen und war der Meinung, dass der schwedische Kriminalroman zwar blühte, aber zu den schlechtesten weltweit gehörte.


Der Schriftsteller wollte diese Meinung nicht für sich behalten, sondern Jan Broberg entschloss sich einen Artikel darüber zu schreiben, den er der Kvällsposten anschließen anbot. Der Kulturchef der Zeitung akzeptierte nicht nur den Artikel, sondern Broberg wurde von ihm unmittelbar mit dem zukünftigen Kritiken von Kriminalromanen beauftragt, eine Arbeit, die er bis 1973 ausübte und an dem Tag beendete, als er statt Kriminalromanen auch ein Gartenbuch rezensieren sollte, da die Chefradaktion der Meinung war, dass ein Kritiker auch darüber Rezensionen schreiben sollte wovon er keine Ahnung hat.

Im Jahre 1971 wurde Jan Broberg die treibende Kraft bei der Gründung der Svenska Deckarakademin, die das Ziel hat dem schwedischen Kriminalroman zu einer anerkannten internationalen Literaturgattung zu verhelfen indem sie Autoren fördert, die sich durch herausragende Leistungen innerhalb des Kriminalromans auszeichnen. Indirekt bedeutet dies auch, dass diejenigen Kriminalautoren, der nie eine Auszeichnung der Akademie erhalten oder nie für einen Preis nominiert werden nur mittelmäßige bis schlechte Kriminalromane schreiben.

Auch wenn Jan Broberg im Laufe der Jahre eine bedeutende Anzahl an Sachbüchern geschrieben hat, so versuchte er sich nie an Belletristik und verfasste nicht einen einzigen Kriminalroman. Broberg begnügte sich mit Kritiken, er schrieb Vorworte zu rund 80 Büchern, überwiegend zu Kriminalromanen, und zeichnet für etwa 30 Anthologien, darunter 18 mit Kriminalnovellen. Hinzu kommen noch sieben Sachbücher des Autors zum Thema Kriminalroman.

Ab den 70er Jahren galt Jan Broberg bereits als der Fachmann des Kriminalromans, der auch den Nachwuchs in diesem Bereich sehr gut kannte und dabei viele schlechte Krimis las, aber nur literarisch bedeutende Werke auch direkt oder indirekt unterstützte. In diesem Rahmen wählte er auch für die Kriminalromanserie des Verlegers Åke Hallberg zwischen 1973 und 1982 insgesamt 64 Kriminalromane aus, die man als Liebhaber dieser literarischen Kategorie gelesen haben sollte und sich dabei nicht nur auf jene beschränken will, die in schwedischer Sprache erschienen.

Obwohl Jan Broberg sein Leben lang versuchte dem schwedischen Kriminalroman Prestige zu verleihen, so blieb seine allgemeine Kritik für viele schwedische Autoren ein Schlag ins Gesicht, denn nach dem Fachmann des schwedischen Kriminalromans sind die Mehrheit der Krimis, die in Schweden erscheinen, eine reine Katastrophe, da nahezu jeder Schwede glaubt einen Kriminalroman schreiben zu können und dann nur eine üble Intrige präsentiert, die vielleicht noch spannend sein kann, aber der jedes literarische Gefühl abgeht und nicht mehr bietet als ein Groschenheft in Buchform.

Jan Broberg, der ab Mitte der 70er Jahre neben seinem Beruf als Lehrer auch als Kritiker von Kriminalromanen für die Tageszeitung Sydsvenskan und die Zeitschrift Jury schrieb, hat sich natürlich nicht nur mit dem schwedischen Kriminalroman beschäftigt, sondern wusste auch was und welche Qualität in anderen Ländern produziert wurde. Diese Kenntnisse führten auch dazu, dass er von zahlreichen Verlagen und Filmgesellschaften als Ratgeber gefragt war und den Beinamen the walking encyclopedia of crime fiction erhielt. Broberg hat im schwedischen Raum keinen Nachfolger, auch wenn die Arbeit der Deckarakademin weiterhin fortsetzt und nach den besten Kriminalautoren des Landes Ausschau hält.

Noch kurz vor seinem Tod veröffentlichte Jan Broberg, dieses Mal gemeinsam mit Bo Lundin, den Ratger 50 fullträffar : riktigt bra deckare från alla tider, einen Leitfaden, der, wenn auch etwas subjektiv, zu den besten 50 Kriminalromanen führen soll, die je geschrieben wurden, die allerdings nicht unbedingt von schwedischen Autoren geschrieben wurden.

Wenn man die Sachbücher zu den unterschiedlichsten Themen von Jan Broberg liest, so stellt man sehr schnell fest, dass der Autor wusste wovon er schrieb, dass er über eine sehr ausgewählt Sprache verfügte und wusste, dass er in die Sachlichkeit Humor einflechten muss, damit der Leser auch ein Sachbuch bis zur letzten Zeile lesen wollen. Den Aufbau eines Kriminalromans sucht man jedoch vergebens.

Copyright: Herbert Kårlin

Vetenskapsfestivalen Göteborg 2013

28 mars 2013

Carl Rupert Nyblom, von der Romantik zum Realismus

Carl Rupert Nyblom wurde am 29. März 1832 als Sohn des Schneiders und Ratsmanns Anders Nyblom und dessen Frau Anna Johanna Lundin in Stockholm geboren und starb am 30. Mai 1907 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Nyblom war ab 1864 mit der in Dänemark geborenen Schriftstellerin Helene Augusta Roed verheiratet.

Bereits als Schüler zeichnete sich Carl Rupert Nyblom dadurch aus, dass er lateinische Gedichte schrieb, wofür er auch mehrere Preise erhielt. Seine Schulbildung erhielt der Skalde in der Kathedralschule in Uppsala, seine Umgangsform vor allem durch seine Tätigkeit als Nachhilfelehrer bei der Familie Westerstrand. Auch wenn man wenig über die Kindheit und die Jugend des Schriftstellers weiß, so ist sicher, dass er in einem wohlhabenden bürgerlichen Milieu aufwuchs wo sehr früh mit Literatur und Musik konfrontiert wurde. Auch wenn Nyblom seine ersten ersten Gedichte im „edlen“ Latein verfasste, so interessierte er sich frühzeitig für die moderne Literatur des Nordens jener Zeit und für moderne Sprachen.


Nach seiner Hochschulreife im Jahre 1850 studierte Carl Rupert Nyblom Ästhetik, Deutsch und Schwedisch an der Universität Uppsala. 1862 wurde er an der gleichen Universität Dozent für Ästhetik, wobei er in den ersten Jahren als Dozent auch einige kunsthistorische Studienreisen nach Deutschland, Frankreich und Italien unternahm.

Die literarischen Interessen von Carl Rupert Nyblom, die bereits in der Schule festgestellt wurden, zeigten noch während seiner Studienzeit in Uppsala ihre Früchte, denn 1853 errang er mit seinem Gedicht Arion einen Preis der Svenska Akademien, was jedoch auch damit zusammenhing, dass sich Nyblom bei seinen Gedichten an die konservative Dichtkunst hielt und moderne Tendenzen in der Lyrik vermied.

Diese konservative Einstellung zur Dichtkunst Mitte des 19. Jahrhunderts muss man auch in Zusammenhang mit seinen Lehrern an der Universität in Uppsala sehen, denn die Humanisten Christopher Jacob Boström und Bernhard Elis Malmström hatten sich zwar von den rigiden Strömungen der akademischen Welt abgewandt, waren jedoch beide nationalistisch eingestellt und setzten den Skandinavismus über die moderneren Strömungen anderer Länder. In diesem Zusammenhang kann auch verstehen, dass sich Nyström ebenfalls dem rationellen Idealismus Schwedens anschloss.

Nach einigen kunsthistorischen Büchern Carl Rupert Nybloms zu Beginn der 60er Jahre, die die Folge seiner Reisen nach Frankreich und Italien waren, gründete der Schriftsteller 1865 die Svensk litteraturtidskrift, die ein Bindeglied zwischen akademischer Literaturgeschichte und an Literatur interessierten Laien sein sollte und vor allem den Realismus in der Lyrik verteidigte und damit gegen die vorherigen romantischen Strömungen einwirkte, da Nyblom der Meinung war, dass die Kunst durch eine realistische Beschreibung mehr in den Vordergrund dringt als eine träumerische romantische Darstellung, die immer subjektiv sein muss. Vermutlich war diese Aktivität auch mit einer der Gründe, warum Nyblom 1867 eine Professur in Literaturgeschichte und Kunstgeschichte an der Universität in Uppsala erhielt.

Während Carl Rupert Nyblom kunsthistorische Forschungen anstellte und in diesem Rahmen auch bedeutende Studien veröffentlichte, versuchte er nie literaturhistorische Forschungen zu betreiben, sondern begnügte sich damit seinen Schülern wie Oscar Levertin oder Karl Warburg dazu zu verhelfen neue Wege in der Literatur zu finden und sich dem realistischen Naturalismus zu nähern, der vor allem Ende des 19. Jahrhunderts seinen wahren Durchbruch hatte.

Carl Rupert Nyblom nimmt daher in der Literaturgeschichte Schwedens eine sehr wichtige Stellung ein, da er den Umbruch von der Romantik zum Realismus einleitete, auch wenn Nyblom, auf Grund seines konservativen Gedankenguts, die schwedische Literatur noch in einem geschlossenen Rahmen betrachtete und die parallele Entwicklung der deutschen, englischen und französischen Literatur kaum beachtete, im Gegensatz zu seinen Schülern. Bereits die dänische Literatur jener Epoche war Nyblom zu fortschrittlich und er hatte Schwierigkeiten sie mit den gleichen Augen zu betrachten wie die schwedische Literatur.

Carl Rupert Nyblom verschloss sich jedoch nicht ganz der Literatur anderer Länder und leistete einen bedeutenden Beitrag bei der Übertragung angelsächsischer Literatur ins Schwedische. Allerdings griff er dabei nicht zu zeitgenössischen Autoren, sondern zu den Sonettes von William Shakespeare, der in den Augen Nybloms ein literarisches Genie war, und zu den Melodien von Thomas Moore, die um diese Zeit in Schweden noch unbekannt waren.

Mit der Herausgabe der Svensk litteraturtidskrift und der Ehe mit Helene Augusta Roed entwickelte sich das Heim des Ehepaares zu einem literarischen Salon Uppsalas wo sich nahezu alle bedeutenden Künstler und Schriftsteller jener Epoche trafen, was Carl Rupert Nyblom eine wichtige Rolle in der Entwicklung der schwedische Literatur gab, die nur selten hervorgehoben wird.

Carl Rupert Nyblom wurde 1866 in die Kungliga Vetenskaps- och Vitterhetssamhället in Göteborg gewählt, nahm 1879, nach Elias Fries, den Stuhl Nummer 14 des Svenska Akademien ein, wurde 1884 in die Kungliga Musikaliska Akademien gewählt und war von 1900 bis 1907 Mitglied des Nobelkomitees.

Copyright: Herbert Kårlin

Pferdesport in Göteborg

27 mars 2013

Johan Murberg und der Erfolg der schwedischen Sprache

Johan Murberg wurde am 4. Dezember 1734 als Sohn des Seefahrers Jöns Murberg und dessen Frau Magdalena Larsdotter in Gävle geboren und starb am 27. März 1805 im Alter von 70 Jahren in Stockholm. Murberg war ab 1775 mit Lovisa Catharina Menlös verheiratet.

Über die Kindheit und die Jugend von Johan Murberg ist nichts bekannt, außer dass er ab 1747 die Trivialskola (höhere Grundschule) und ab 1750 das Gymnasium in Gävle besuchte um anschließend Theologie an der Universität in Uppsala zu studieren, ein Studium, das der Pädagoge, Wissenschaftler und Schriftsteller 1761 mit einem Magisterexamen beendete. Ab 1763 arbeitete Murberg dann an der Universität Uppsala als Dozent, erst für die hebräische Sprache und später auch für Altgriechisch.


Foto: SPA (Gemälde eines unbekannten Malers)

Bald verließ jedoch Johan Murberg die universitäre Laufbahn und übernahm erst ein Lektorat an seiner früheren Schule in Gävle um später Rektor der einzigen höheren Schule Stockholms zu werden, eine Aufgabe von der er jedoch, nach zehnjähriger aktiver Tätigkeit, ab 1788 permanent freigestellt war, da er sich anderen pädagogischen und wissenschaftlichen Aufgaben zuwenden sollte.

Bereits in Gävle hatte Johan Murberg klare Ideen einer Schulreform, die er versuchte in Stockholm durchzusetzen. Einer der wichtigsten Punkte für Murberg war die schwedische Sprache der lateinischen gleichzustellen und den Unterricht überwiegend in Schwedisch abzuhalten. Hinzu kam eine Einteilung in mehrere gymnasiale Linien und die Einführung eines Pädagogen für Anfänger. Auch wenn diese Pläne nur in sehr wenigen Punkten zu seiner Lebenszeit akzeptiert wurden, so legte Murberg damit die Basis für einen modernen Schulunterricht, den seine Nachfolger dann in die Praxis umsetzen konnten und die Grundlage für die späteren Reformen bildeten.

Als Literat begann Johan Murberg im Jahre 1776, als er von König Gustaf III. damit beauftragt wurde Jean Racines Athalie zu übersetzen, nachdem er am Hof bereits vorher mit einigen seiner Gedichte und öffentlichen Reden aufgefallen war. Es war daher nahezu logisch, dass der König Murberg 1787, als er die Svenska Akademien gründete, dem Skalden und Pädagogen auch dort einen festen Platz gab. Diese Entscheidung des Königs beruhte natürlich nicht nur auf der Dichtkunst Murbergs, sondern auch auf seinem Einsatz für die schwedische Sprache, da die Akademie den Auftrag hatte ein neues schwedisches Wörterbuch zu verfassen, eine Arbeit in die Murberg weitaus mehr Energie setzte als die anderen Mitglieder der Akademie.

Mit dem Eintritt in die Svenska Akademien war Johan Murberg auch dazu verpflichtet eine wissenschaftliche Arbeit zu leisten und diese zu veröffentlichen. Auch in diesem Punkt zeigte sich Murberg extrem aktiv, wobei er sich dabei insbesondere als kulturhistorischer Forscher bewährte, der geradezu regelmäßig seine Arbeiten vorlegte. Seine Arbeiten waren wissenschaftlich sehr ausführlich und präzise, aber leider konnte Murberg keine logischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ziehen und legte daher nur aufgearbeitetes Archivmaterial vor, das später von anderen Historikern benutzt wurde um damit ein kulturgeschichtliches Bild zu schaffen.

Auch wenn die Leistung von Johan Murbergs für die schwedische Sprache und damit die zukünftige Literatur sehr bedeutend war, so ist seine Leistung innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte sehr eingeschränkt. Werke wie Anmärkningar om kläder och ylletyg, som mest nyttjades i Sverige i konung Gustaf I:s tid (1793), Historiska anmärkningar om brännvinets ålder och bruk i allmänhet och i synnerhet i Sverige (1795) oder Historiska anmärkningar om svenska mynten och myntningen under Gustaf I:s regering (1796) zeichnen sich weniger durch eine literarische Stärke aus als vielmehr durch eine gute Forschungsarbeit. Hervorzuheben ist bei den Werken Murbergs, dass er sie in schwedischer Sprache veröffentlichte und damit mit einer Tradition brach. Dieser revolutionäre Gedanke führte dazu, dass Wissenschaft und Literatur ab dieser Epiche, zumindest teilweise, auch einem Kreis zugänglich gemacht wurde, der bis dahin allein mangels Lateinkenntnissen in die ungebildete Schicht Schwedens abgeschoben wurde.

Johan Murberg wurde nicht nur im Jahre 1787 auf den Stuhl Nummer 17 der Svenska Akademien gewählt, sondern war zusätzlich Mitglied der Vitterhetsakademien und schrieb in diesem Rahmen zahlreiche Artikel zur Geschichte Schwedens, die jedoch nicht alle in Buchform erschienen und ebenfalls von einer sehr kritischen Archivarbeit zeugten. Erstaunlicherweise konnte der Autor auch hier keine Konsequenzen ziehen, sondern beschränkte sich auf nüchterne Ausführungen.

Copyright: Herbert Kårlin

26 mars 2013

Aurora Ljungstedt und die ersten Kriminalromane Schwedens

Aurora Ljungstedt, geborene Hjort, wurde am 2. September 1821 als Tochter des Majors Georg Leonard Hjort und dessen Frau Fredrika Elisabet Älf in Karlskrona geboren und starb am 21. Februar 1908 in Stockholm. Ljungstedt war mit dem Bürochef Samuel Viktor Ljungstedt verheiratet und veröffentlichte ihre Werke unter den Pseudonymen Claude Gérard und Richard.

Bis zu ihrem 14. Lebensjahr verbrachte Aurora Ljungstedt in Blekinge in der gehobenen bürgerlichen Gesellschaft. Die Bildung erhielt das Mädchen, wie zu jener Zeit üblich, zu Hause. Mit 14 zog die Familie dann nach Kvillinge bei Kolmården. In dieser Zeit zeigte sich auch deutlich das schriftstellerische Talent von Ljungstedt und sie fasste den Entschluss Schriftstellerin zu werden, was die Mutter jedoch auf jeden Fall verhindern wollte, da dies keine Tätigkeit für eine ehrenhafte Frau war.


Auch wenn die Mutter nicht verhindern konnte, dass Aurora Ljungstedt ab den 40er Jahren ihre Erzählungen im Aftonbladet, der Zeitung Bore und später auch in der Nya dagligt allehanda veröffentlichte, so verzichtete die Schriftstellerin ihr Leben lang darauf ihre Arbeiten unter ihrem wahren Namen zu veröffentlichen und benutzte grundsätzlich männliche Pseudonyme. Diese Geheimhaltung verhinderte allerdings auch einen Umgang mit Gleichgesinnten und versperrte ihr den Zugang zu den literarischen Kreisen jener Epoche.

Erst nachdem Aurora Ljungstedt mit 25 Jahren geheiratet hatte, begann sie von Novellen auf Bücher überzugehen, die jedoch grundsätzlich über die Vermittlung ihres Mannes, der sie in ihrer Arbeit unterstützte, veröffentlicht wurden. Ab diesem Zeitpunkt wählte die Schriftstellerin auch eine Romanfigur Eugène Sues, der auch eines ihrer großen Vorbilder war, als Pseudonym. Außer bei ihrem ersten veröffentlichten Band Hin ondes hus aus dem Jahre 1853 verwendete Ljungstedt dann grundsätzlich das Pseudonym Claude Gérard, das erst 30 Jahre nach der Veröffentlichung ihres ersten Werkes durch Zufall aufgedeckt wurde.

Ähnlich wie bei Eugène Sue, so erschienen auch die Romane von Aurora Ljungstedt zuerst in Forme von Feuilletons und wurden erst später von Bonniers in Buchform veröffentlicht, wobei die  Schriftstellerin bei ihren Roman die Psychologie der handelnden Personen und der Gesellschaft in den Vordergrund setzte, eine Idee, die sowohl Sue als auch Edward Bulwer zu jener Zeit verarbeitet hatten, in Schweden jedoch bis dahin unbekannt war. Bei Ljungstedt führte diese Technik dazu, dass sie auf Grund ihrer teilweise übersinnlichen Erscheinungen als der Edgar Allan Poe Schwedens bezeichnet wurde und sich ihre Bücher zu absoluten Bestsellern entwickelten.

Die Schriftstellerin Aurora Ljungstedt war in vielen Punkten eine Erneuerin des schwedischen Romans, denn auch wenn ihre Romane zu Kriminalromanen gezählt werden, so schrieb sie den ersten Schreckroman Schwedens, den ersten Vorläufer eines Science Fiction und den ersten psychologischen Krimi, der je in Schweden veröffentlicht wurde. Um so erstaunlicher ist es daher, dass Ljungstedt nach ihrem Tode geradezu in die Vergessenheit geriet und nur noch einige wenige Literaturforscher sich an die Schriftstellerin erinnerten. Erst in den 80er Jahren, als der Kriminalroman in Schweden wieder einen Aufschwung erlebte, wurden auch einige Werke Ljungstedts neu entdeckt und wieder aufgelegt.

Eine Neuerung bei Aurora Ljungstedt war auch, dass sie in ihren Romanen Milieuschilderungen, vor allem aus Östergötland und der Umgebung von Kolmården, einbettete und damit dem Kriminalroman einen handelnden Platz gab, der nicht reine Fiktion war. Der Leser konnte sich daher auch in die Gegend der Handlung versetzen, was bis dahin in schwedischen Romanen unmöglich war.

Ein weiteres Stilmittel von Aurora Ljungstedt war, dass sie ihren handelnden Personen Gefühle gab und dabei auch die Sexualität und das Lustgefühl nicht aussperrte, wobei man an sehr vielen Stellen auch spürt mit welcher Ironie sie die Rolle der Frau in jener Epoche behandelt und dabei zu einer Vorläuferin der Feministen wird, auch wenn die Schriftstellerin es nicht wagte die gesellschaftlich gesetzte Grenze deutlich zu überspringen, was jedoch auch damit zusammenhängen kann, dass sie ihrem Mann beruflich nicht schaden wollte.

Die Kriminalromane von Aurora Ljungstedt zeugen von einem erstaunlichen Realismus, was Literaturwissenschaftler und Kritiker damit in Zusammenhang bringen, dass ihr Mann beruflich Zugang zu Kriminalakten hatte und ihr entweder einen Teil dieser Akten zu lesen gab oder aber ihr die Fälle erklärte. Ljungstedt hat zwar keinen der damaligen Fälle behandelt, da dies sowohl ihr als ihrem Mann große Schwierigkeiten eingebracht hätte, aber sie konnte aus diesem Grund in ihren Büchern zu einer Logik greifen, die der Realität sehr nahe kam.

Copyright: Herbert Kårlin

Pferdesport in Göteborg

25 mars 2013

Edith Södergran, die erste Modernistin der schwedischen Literatur

Edith Södergran wurde am 4. April 1892 als Tochter des Schweden Matts Södergran und dessen finnlandschwedischer Frau Helena Lovisa Holmroos im heute russischen Sankt Petersburg geboren und starb am 24. Juni 1923 im Alter von 31 Jahren im damals finnischen Raivola (heute russisch) an TBC. Södergran war nie verheiratet.

Von 1902 bis 1908 besuchte Edith Södergran die deutschsprachige „Höhere Mädchenschule“ in Sankt Petersburg, wo sie außer der deutschen Sprache noch Französisch, Russisch und Englisch lernte, ihre Muttersprache Schwedisch jedoch nicht auf dem Schulplan stand. Trotz dem Mangel an Schwedischkenntnissen entschloss sich Södergran im Jahre 1908 Schwedisch zu ihrer Hauptsprache zu machen, obwohl ihr erstes Werk, das Vaxdukshäftet, eine poetische Schilderung ihrer Schuljahre und der politischen Probleme jener Zeit, noch 206 Gedichte in Deutsch, fünf in Französisch, eines in Russisch und nur 26 in Schwedisch enthielt.


Ihre Entscheidung nur noch die schwedische Sprache zu benutzen kam zur gleichen Zeit als man bei Edith Södergran TBC feststellte und sie deshalb die Schule verlassen musste. Södergran hat sich jedoch den Lehrstoff für die Hochschulreife, die sie in einer externen Prüfung in Helsingfors (Helsinki) im Jahre 1910 ablegte, innerhalb von knapp zwei Jahren privat angeeignet. Die Jahre 1911 bis 1914 verbrachte die Dichterin dann in einem Sanatorium in Davos in der Schweiz.

Als Edith Södergran nach ihrem Aufenthalt in der Schweiz in das damalige Finnland zurückkehrte, veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Dikter, der jedoch von kaum einem Kritiker positiv bewertet wurde, da Södergran sich bei ihren Gedichten nicht nach die Regeln der schwedische Literatur richtete, sondern ihre Einflüsse aus Deutschland, Frankreich und Russland geholt hatte und daher als typische Repräsentantin der neuen Frauenliteratur bezeichnet werden kann, die zur gleichen literarischen Schicht gehörte wie Else Lasker-Schüler, Lou Andreas-Salomé, Anna Achmatova oder auch Selma Lagerlöf und Ellen Key, eine Literatur, die nach den Kritikern nichts in der nationalistisch geprägten finnlandschwedischen Literatur jener Epoche zu suchen hatte.

Auch wenn Edith Södergran heute als die erste finnlandschwedische literarische Modernistin gilt und in Finnland als die bedeutendste Dichterin des Landes gefeiert wird, so blieb sie während der wenigen Jahre ihres Schaffens mit ihrer Mischung aus deutschem Expressionismus, russischem Futurismus und französischer Symbolik in Schweden und Finnland nahezu unbekannt. Erst nach ihrem Tod überzeugte Södergran mit ihrer bildlichen Sprache und ihrem persönlichen Rhythmus der Dichtung ihr Publikum und beeinflusste Autoren wie Mare Kandre, Eva Runefelt oder Gunnar Harding, die die Stärke der Dichtung Södergrans unmittelbar erkannten.

Auch die Folgebände Septemberlyran (1918), Rosenaltaret (1919) und die anderen Gedichtsammlungen von Edith Södergran wurden von den Kritikern überwiegend negativ bewertet, wobei sie die Krankheit der Autorin als Erklärung nahmen, dass sie deswegen auch krankhafte Gedichte schreiben würde. Durch diese männlichen Vorurteile entging ihnen vollkommen, dass Södergran in ihren Gedichten das sehr selbstbewusste „Ich“ einführte und damit der Frau als Schriftstellerin in dieser Epoche eine vollkommen neue Rolle gab, die ein starkes Selbstbewusstsein ausdrückt und damit die weibliche Poetin dem männlichen Poeten gleichstellt. Dass die Kritiker ihrer Zeit hinterherliefen zeigt sich auch darin, dass Södergran noch kurz vor ihrem Tod andere männliche Dichter mit ihren Werken beeinflusste, insbesondere Elmer Diktonius, Gunnar Björling und Rabbe Enckell, aber auch Gunnar Ekelöf und Karin Boye.

In den Jahren 1921 und 1922 schrieb Edith Södergran erstmals wieder in deutscher Sprache. Es handelte sich dabei um eine Anthologie mit junger schwedischsprachiger Poesie Finnlands, das sie Rowohlt unter dem Titel „Junge Schwedischsprachige Lyrik in Finnland“ anbot, jedoch vom Verlag, ohne dass die Gründe bekannt wurden, abgelehnt wurde. Södergran hatte für dieses Werk zahlreiche Gedichte junger Autoren übersetzt, aber leider ging das Manuskript verloren und konnte daher auch nicht posthum herausgegeben werden.

Erst nach dem posthum veröffentlichen Gedichtband Landet som icke är im Jahre 1925 wurde die tatsächliche literarische Leistung von Edith Södergran für den lyrischen Modernismus erkannt und auch die Kritiker begann ihre Meinung zur dieser Lyrikerin zu ändern. Dem schwedischen Publikum wurde Södergran dann erstmals im Jahre 1928 in der Anthologie Levande svensk dikt von Sten Selander vorgestellt. Welch bedeutende Rolle Edith Södergran innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte mittlerweile spielt, kann man daran erkennen, dass sie auch so lange nach ihrem Tode in keiner bedeutenden Anthologie der schwedischen Literatur fehlt und einige ihrer Bücher nach wie vor verlegt werden.

Copyright: Herbert Kårlin

Göteborg Reiseführer Göteborgs Tanz- und Theaterfestival

24 mars 2013

Mare Kandre und der moderne Frauenroman Schwedens

Mare Kandre wurde am 27. Mai 1962 als Tochter eines Ingenieurs und der Biologin Tiuu Hansson, die während des Zweiten Weltkriegs von Estland nach Schweden geflohen war, in Söderala im Hälsingland zur Welt und starb am 24. März 2005 durch einen Unfall, dessen Ursachen nie ganz aufgeklärt werden konnten.

Auch wenn Mare Kandre in Söderala geboren war, so verbrachte sie ihre Kindheit überwiegend in Göteborg und einige Jahre auch in Kanada. Sehr früh begann die spätere Schriftstellerin zu malen und mit 12 begann sie die ersten Texte zu schreiben und hatte den Willen später auch veröffentlicht zu werden. In den Jahren 1979 und 1980 studierte Kandre an der Byamshow School of Art in Londen Kunst und bis 1984 spielte und sang sie in drei Postpunkbands für die sie auch die Texte schrieb.


Der Wendepunkt kam für Mare Kandre im Jahre 1984, als sie gerade einmal 22 Jahre alt war und ihr erster teilweise autobiografischer Roman I ett annat land erschien, der dazu führte, dass sie von Kritikern als die größte Entdeckung des Jahrzehnts bezeichnet wurde. Im Roman I ett annat land beschreibt die Schriftstellerin die Reise mit ihren Eltern durch die USA. Kritiker und Leser sind dabei nicht nur von der Kraft beeindruckt mit der Kandre ihre Gefühle und ihre Nähe zur Natur ausdrücken kann, sondern vor allem durch die Ausdrucksfähigkeit der Schriftstellerin und ihr enormes Sprachgefühl.

Mit Bebådelsen, einem Buch mit Prosagedichten aus dem Jahre 1986, und den Romanen Bubins unge (1987) und Aliide, Aliide aus dem Jahre 1991 bestätigt Mare Kandre ihre Fähigkeiten als Schriftstellerin, bleibt aber noch beim Thema Kind, das seine Kindheit langsam ablegt und durch das Umsteigen in eine neue Welt die kindlich positiven Gefühle verliert um sich für eine neue Zukunft zu öffnen, die mit Angst, Phobien, Schamgefühlen und allen Problemen der Pubertät verbunden sind. Manche Kritiker bezeichnen Kandre in diesen Jahren als die Erbin von Birgitta Trotzig, andere vergleichen sie mit Franz Kafka und Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

Ab dem Buch Deliria im Jahre 1992 geht Mare Kandre in eine neue Schaffensphase über, die in Form von ironischen Parodien, realistischen Schilderungen und auch der Einbettung von Religion und Mythologie das Patriarchat kritisiert und zeitkritisch auf die Männerwelt hinweist, die sich während der gesamten Geschichte immer wieder dadurch selbst bestätigen muss indem die Frau nur eine Nebenrolle im Leben spielen darf.

Besonders deutlich drückt sich dies in den beiden Büchern Djävulen och Gud aus dem Jahre 1993 und Quinnan och Dr Dreuf aus, das nur ein Jahr später erscheint. Mare Kandre schreibt nun ironische Märchen für Erwachsene, die einen tiefen Einblick in die menschliche Seele bieten und eine nahezu utopische Männerwelt beschreibt, in der sich eine überhebliche Männerwelt als Symbol des Frauenhasses herausstellt. Aber Kandre klagt die Männer in ihren Büchern nicht an, da diese ja mit gutem Gewissen handeln, sonder sie greift zur Ironie, der Parodie und dem Wortspiel, das den Männern lediglich zu denken geben soll.

Mit ihren letzten beiden Büchern Hetta och vitt (2001) und Xavier (2002) geht Mara Kandre zu einen neuen Realismus über und geht von den Frauenthemen zum Thema Isolation und Ausgesetztheit über. Die Schriftstellerin nimmt das Leben in der aktuellen Welt als Ausgangspunkt dafür, dass die handelnden Personen eine neue Welt mit einer anderen Wirklichkeit suchen. Auch wenn sie in ihren Erzählungen nun von Extrempunkten ausgeht, so zeigt sie den Weg der Gegenwartsgeschichte, der nur im Chaos enden kann falls die Menschen nicht zu den ursprünglichen Werten des Lebens zurückkehren. Im Gegensatz zu den Büchern Brave New World oder 1984 greift Kandre jedoch nicht zu Science Fiction, sondern sie nimmt die Gegenwart als Ausgangspunkt, die die Gefühle und Träume der Menschen tötet.

Als Mare Kandre 2005 bei einem Autounfall stirbt, hat sie ein neues Buch begonnen über das sie jedoch mit niemandem gesprochen hat und das auch nicht in unvollendeter Form veröffentlicht werden sollte. Der Unfall der Schriftstellerin kommt für alle überraschend, da Kandre nicht depressiv war, sondern die Tage vorher eher sehr positiv gestimmt war. Als Todesursache wird ein zu hoher Konsum von Medikamenten festgestellt, aber niemand weiß ob es sich dabei um ein Unglück oder einen Selbstmord handelte.

Johan von Sydow des staatlichen Fernsehens SVT drehte 2008 eine Dokumentation über Mare Kandre, die am 1. Mai 2009 bei SVT2 ausgestrahlt wurde. Die Schriftstellerin erhielt für ihre Werke mehre bedeutende Preise, darunter den Doblougskapriset der Svenska Akademien und sie erhielt 1999 das Kallebergerstipendium, das ebenfalls die Svenska Akademien vergibt.

Mare Kandre, die bei ihrem Tod einen elfjährigen Sohn zurückließ, wurde sehr früh als eine Ikone des schwedischen Feminismus betrachtet, obwohl sie selbst mit ihren Büchern auch Männer ansprechen wollte, aber bis zu ihrem Tode waren die Männer eine geringe Minderheit unter den Lesern.

Copyright: Herbert Kårlin