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8 juli 2013

Elisabeth Stierncrona, eine der frühen Autorinnen Schwedens

Elisabeth Stierncrona wurde am 9. Januar 1714 als Tochter des Freiherrn Gabriel Stierncrona und dessen Frau Antoinetta Maria Amya in Stockholm geboren und starb am 28. Juli 1769 im Alter von 55 Jahren ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Stierncrona war ab 1729, als sie 15 Jahre alt war, mit dem 16 Jahre älteren Grafen Fredrik Gyllenborg verheiratet.

Da Elisabeth Stierncrona in der gehobenen Schicht Schwedens aufwuchs, hatte sie, wie auch ihre Geschwister, einen Privatlehrer. Welches Ausbildungsniveau sie erreichte, ist unbekannt, aber da sie einen Grafen heiratet und später literarisch an die Öffentlichkeit trat, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie eine hohe Bildung hatte und einige Fremdsprachen beherrschte. Unter ihren sechs Geschwistern erreichten nur zwei das erwachsene Alter.

Elisabeth Stierncrona, Gemälde von Magnus Hallman (1745-1822), Svenska Porträttarkivet (SPA)

Als das jüngste Kind von Elisabeth Stierncrona zwölf Jahre alt war, erschien das erste Buch der Schriftstellerin unter dem Titel En swensks tankar öfwer den 22 Junii 1756 ein politisches Werk zum Staatsstreich am 22. Juni 1756, der mit dem Tod von Erik Brahe endete und zeigt, dass sich Stierncrona bedeutend für die politischen Ereignisse jener Epoche interessierte und, vermutlich über ihren Mann, ständig auf dem Laufenden gehalten wurde.

In den Jahren 1756 und 1760 erschien dann das zweiteilige Andachtsbuch Marie bästa del eller Thet ena nödwändiga, das die Autorin als Übersetzung ausgab, obwohl alles darauf hinweist, dass Elisabeth Stierncrona selbst sämtliche Texte schrieb, wobei dieses Werk, das insgesamt 1600 Seiten umfasst, nicht nur als Andachtsbuch, das auf die Bibel aufbaut, zu sehen ist, denn Stierncrona fügte auch 67 religiöse Gedichte hinzu, die der Priester Carl Oscar Roos im Jahre 1861 separat veröffentlichte.

Sowohl in ihrem politischen als auch ihrem religiösen Werk spürt man den didaktischen Gedanken den Elisabeth Stierncrona beim Schreiben verfolgt, denn sie sieht, unter anderem, das schwedische Volk als das ausgewählte Volk des Protestantismus und will daher den Lesern gewisse Verhaltensregeln näher bringen. Dies zeigte sich auch bei En swensks tankar öfwer den 22 Junii 1756 sehr deutlich, dann sie kritisiert dabei auch das Königshaus, dass sich beim versuchten Staatsstreich über den Glauben hinaus erheben will und damit den göttlichen Willen missachtet.

Als 1759 der Ehemann von Elisabeth Stierncrona stirbt, schreibt sie ihr letztes Werk, einen 274 Seiten langen Ratschlag an ihre Kinder, der eine Mischung aus Ratschlägen und einer persönlichen Beichte ist. Zum einen bekennt sich hier Stierncrona uneingeschränkt zum protestantischen Glauben, zum anderen erzählt sie von ihren Schwächen und ihren Fehlern, was man als Vorläufer eines Bekenntnisromans sehen kann.

Parallel dazu kommt ein erneut didaktischer Teil, den sie als Ratschlag an ihre mittlerweile erwachsenen Kinder mitgeben will und spricht von der idealen Erziehung, was in jener Zeit bedeutet, einer Erziehung zum richtigen Glauben und der absolute Gehorsam gegenüber seinen Eltern. Die Schriftstellerin bietet gerade mit diesem Buch ein bedeutendes Zeitdokument, das dem Leser die Denkweise jener Epoche näher bringt, insbesondere deswegen, weil Elisabeth Stierncrona hier ein persönliches Werk schreibt, das nicht zur Veröffentlichung gedacht war, sondern sich an ihre Kinder richtete.

Ob ihre Leitregeln, die sie an die Kinder richtete, nicht auch aus persönlichen Erfahrungen heraus entstanden und der Tatsache, dass sie nach dme Tod ihres Mannes entdecken musste, dass der ganze Reichtum auf merkwürdige Geschäfte aufbaute und zwei ihrer Söhne offensichtlich nicht nach ihrem Leitfaden handelten, ist ungewiss, denn Tatsache ist, dass sie 1760 entdecken musste, dass ihr Ehemann ihr nur Schulden hinterlassen hatte und die folgenden Erbstreitigkeiten und rechtlichen Auseinandersetzungen ihr die letzte Kraft nahmen.

Die literarische Leistung von Elisabeth Stierncrona ist beachtlich, obwohl sie nur zwei ihrer Werke veröffentlichte und das dritte an ihre Familie richtete, denn sie bewies eine ausgereifte Sprache und analytisches Denken. Die religiöse Betonung, die man in ihren Werken findet, muss man zeitbedingt sehen, denn das Leben im 18. Jahrhundert kreiste ausschließlich um Religion, unabhängig davon, ob es sich um Politik, Wissenschaft oder Literatur handelte.


Copyright: Herbert Kårlin

17 juni 2013

Thekla Knös und der literarische Salon Knös in Uppsala

Thekla Knös wurde am 17. Juni 1815 als Tochter des Professors Gustaf Knös und dessen Frau Alida Maria Olbers in Uppsala geboren und starb am 10. März 1880 im Hospital von Växjö. Thekla Knös war nie verheiratet.

Ihre Kindheit verbrachte Thekla Knös in einem wohlhabenden gebildeten Elternhaus, das ihr auch von Beginn an eine hohe Bildung und Sprachkenntnisse vermittelte. Knös wird von Zeitgenossen als sehr intelligent beschrieben, die bald den zurückgezogenen Vater und die Mutter, die sich vom Gesellschaftsleben der Zeit angezogen fühlte, in Bildung und Reife überholte.

Thekla Knös, Uppsala Universitätsbibliothek Database, Fotograf unbekannt, 1855

Als Thekla Knös 13 Jahre alt war starb er Vater und die junge Frau zog mit der Mutter nach Uppsala, wo sich beide sehr schnell in die gehobene Gesellschaft integriert hatten. Sehr schnell entstand um die beiden Frauen ein literarischer Salon, der jenem von Malla Silverstolpe sehr nahe kam und teilweise die gleichen Gäste anzog. Die Zeit in Uppsala war indes auch teilweise von finanziellen Problemen begleitet, so dass Zuwendungen willkommen waren und Thekla immer wieder Sprachkurse gab.

Im Salon der Frauen Knös verkehrten insbesondere Erik Gustaf Geijer, Per Daniel Amadeus Atterbom, Adolf Fredrik Lindblad, Israel Hwasser und Hans Järta, die die junge Thekla Knös in ihrem Bestreben zu schreiben unterstützten und ihrer Dichtung zur deutsch romantischen Prägung verhalfen.

Das unbeschwerte Leben von Thekla Knös nahm 1855 ein plötzliches Ende als die Mutter starb, die der Tochter alle praktischen Dienste abgenommen hatte damit diese sich ganz der Kunst hingeben konnte und nur den gesellschaftlichen Umgang genießen musste. Nur eine tiefe Religiosität und die Hilfe von Freunden erlaubten nun Knös das Überleben, ein Leben, das jedoch mehr und mehr von Schatten bevölkert wurde.

Auch wenn Thekla Knös sehr früh begann Gedichte zu schreiben und diese während der Treffen im Salon vorlas, so wurden einige davon erstmals 1846 in der Svenska Akademien vorgetragen und 1851 reichte die Schriftstellerin die ersten ihrer Werke zu einem Wettbewerb der Akademie ein, wobei sie für ihre Leistungen sowohl mit dem ersten als auch dem zweiten Preis belohnt wurde.

Auf Anraten Atterboms und mit einem Vorwort von ihm erschien dann 1852 und 1853 die Samlade Dikter von Thekla Knös, die unmittelbar sehr positiv aufgenommen wurden. Neben den Gedichten, unter denen Lindblad einige vertonte, veröffentlichte Knös auch Kinderlieder, Sagen und sogenannte Fotografier, Aufzeichnungen zum Gesellschaftsleben des damaligen Uppsala. Ihr Werk Elfvornas qväller erregte dabei ein gewisses Aufsehen, weil die Autorin nur leicht verdeckt Personen des Uppsalaer Gesellschaftslebens skizziert, die vom Leser sehr einfach erkannt werden konnten.

Kurz bevor Thekla Knös in eine endgültige Depression fiel und im Hospital in Växjö untergebracht wurde, schrieb sie noch ihr vielleicht  persönlichstes und bedeutendstes Werk, das leider nur noch in Fragmenten existiert, da die Schriftstellerin das Manuskript verbrannte, weil ihre Anonymität aufgedeckt worden war. Vermutlich war das größte Problem dieses Werkes jedoch, dass Knös hier für die Zeit sehr freizügige Liebesschilderungen untergebracht hatte, die das Leben der Gesellschaft Uppsalas aufdeckten.

Bereits ab den 50er Jahren gelang es Thekla Knös sich vor allem durch Übersetzungen zu versorgen, die ihr erst von Freunden des literarischen Salons vermittelt wurden, später aber auch von anderen Verlagen kamen. Ab 1852 wurde Knös vor allem gebeten weibliche Autoren zu übersetzen, da diese Art der Literatur immer mehr verkauft wurde und zudem die Honorare für Autorinnen weit unter jenen der männlichen Schriftsteller lag. Knös war daher nicht nur selbst eine der meist gelesenen Autorinnen Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern auch sie war auch diejenige, die anderen weiblichen Autorinnen mehrere Länder zum Durchbruch in Schweden verhalf.

Heute ist es sehr schwer zu sagen, ob Thekla Klös im 19. Jahrhundert eine größere Bedeutung als Autorin oder als Übersetzerin hatte, denn sie veröffentlichte nur relativ wenige Werke, übersetzte jedoch in nur wenigen Jahren über 3500 Seiten, insbesondere Gedichte, die sie großenteils selbst auswählte und bot daher dem schwedischen Leser eine bedeutende Auswahl an englischsprachiger Poesie.

Auch wenn Thekla Knös mittlerweile nahezu vergessen ist, so sind einige ihrer Werke von größter Bedeutung innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte, wobei insbesondere Fredrika Bremer eine große Bewunderin der Autorin war und daher sehr früh erkannte welche Stärke in Knös steckte, auch wenn nicht alle Gedichte der Autorin das gleiche Niveau haben, was einerseits mit ihren wiederkehrenden melancholischen Anwandlungen zu tun hat, zum anderen mit den finanziellen Problemen nach dem Tod der Mutter, da sie sehr lange Epochen dieser Zeit dazu gezwungen war bei Freunden unterzukommen.

Copyright: Herbert Kårlin

14 maj 2013

Eva Neander und die Einsamkeit der Frau am Rande der Gesellschaft

Eva Neander wurde am 3. April 1921 als Tochter des Volksschulinspektors Ernst Albin Neander und dessen Frau Emilia (Emy) Karolina Svanberg in Jukkasjärvi geboren und wurde ab 22. Februar 1950 vermisst. Neander, die nie verheiratet war, wurde am 5. März 1950 tot auf dem Eis des Sees Unden bei Tiveden gefunden.

Da der Vater 1923 nach Härnosand versetzt wurde, verbrachte Eva Neander ihre Kindheit auf einer Insel bei Härnösand. Als das Mädchen sechs Jahre alt war, starb der Vater. Wenige Jahre später heiratete die Mutter erneut und die neue Familie zog nach Borås, wo Neander auch zwischen 1932 und 1939 das Gymnasium besuchte. 1939 zog Familie Neander-Nyström dann nach Göteborg. 1941 legte Eva Neander in der westschwedischen Stadt auch die Hochschulreife ab und begann anschließend ein Studium an der Universität Göteborg, das sie in Uppsala fortsetzte, ohne jedoch je eine Abschlussprüfung zu machen.

Eva Neander, Staden, Albert Bonnier Förlag, Stockholm, 1947

Bereits als 12-jährige hatte Eva Neander ihre ersten Beiträge für die Sonntagsbeilage der Tageszeitung Svenska Dagbladet geschrieben und während des Studiums begann sie dann für den Västgöta-Demokraten Korrektur zu lesen sowie unter den Pseudonymen Tonia und dem Namen Eva-Caisa Neander für verschiedene Tageszeitungen Filme zu rezensieren, Gedichte zu schreiben und unterhaltsame Beiträge zu liefern.

Die literarische Karriere von Eva Neander begann im Jahre 1945, als sie mit ihrer Novelle Vilse eine Ausschreibung des Verlags Åhlén & Åkerlund gewann. Diese Novelle baute die Schriftstellerin dann zu ihrem einzigen Roman Dimman aus, der bereits 1946 erschien und von der Kritik sehr positiv aufgenommen wurde, da sie nicht nur in der Zeitströmung schrieb, sondern auch in ihrem ersten Werk bereits ihr Hauptthema verarbeitet hatte, das Gefühl eines Menschen, der zu keiner Schicht gehört zu beschreiben und daher die handelnde Person zum Betrachter der Gesellschaft macht.

Bereits ein Jahr später veröffentlicht Eva Neander die Novellensammlung Staden und den Gedichtband Död idyll, Werke, mit denen sie bereits den Durchbruch in der Welt der Literatur geschafft hatte und damit zu den vielversprechendsten Jungautoren Schwedens gehörte. Im Jahre 1949 erschient eine weitere Sammlung an Novellen und noch im gleichen Jahr begann die Schriftstellerin ihren zweiten Roman zu schreiben, dem sie den Titel Vattnet gab.

Dieser zweite Roman von Eva Neander sollte allerdings nicht mehr vollendet werden, da die Autorin im Februar 1950 spurlos verschwand und zwei Wochen später nahezu eingeschneit auf dem See Unden gefunden wurde. Allgemein glaubt man, dass Neander Selbstmord begangen hat, was man jedoch nur deswegen annimmt, da man keinerlei Spuren von Gewalt fand. Nichts kündigte jedoch diesen plötzlichen Tod an und Neander hinterließ auch keinen Abschiedsbrief, sondern war zur Zeit ihres Todes mitten im Schaffensprozess.

Eva Neander schrieb während der wenigen Jahre ihres Tätigkeit als Schriftstellerin fast ausschließlich über Frauen, die ihre Wurzeln verloren haben und auf der Suche nach Gemeinschaft, Wärme, aber auch der Freiheit sind. Ihren Hauptfiguren gelingt es jedoch nicht innerhalb der Gesellschaft aufgenommen zu werden, weil sie immer als „anders“ betrachtet werden, als der fremde Gast vor dem man sich vorsehen muss.

Im Gegensatz zu Karin Boye bei der der Selbstmord ihren Ruf als Dichterin fast noch hervorhob, trat bei Eva Neander nahezu das Gegenteil ein, denn nur wenige Jahre später schien sie fast vergessen zu sein und wenn man die Geschichte der Literatur der nordischen Frauen betrachtet, so ist die Schriftstellerin kaum erwähnt, wenn man vom Absatz absieht in dem die Verfasserin des Artikels darauf hinweist, dass Neander eine gewisse Zeit im gleichen Heim in Alingsås untergebracht war in dem auch Karin Boye ihre letzten Jahre verbrachte. Erst seit etwa zehn Jahren wird die Größe dieser Schriftstellerin neu entdeckt, die die Einsamkeit der Frau vermutlich besser ausdrückte als die meisten anderen schwedischen Schriftstellerinnen.

Wenn man die wenigen Bücher von Eva Neander liest, so entdeckt man sehr schnell das analytische Vermögen der Schriftstellerin, die, gerade als Außenseiterin der Gesellschaft, die Strukturen sehr gut kannte und den angepassten Bürger dem Bohemien gegenüberstellt und dem Leser das Kleinstadtidyll mit seiner Doppelmoral und seinen Vorurteilen sehr deutlich vor Augen stellt.

Ein Jahr nach dem Tode von Eva Neander veröffentlichte der Albert Bonnier Verlag in Stockholm posthum eine Novellensammlung, die den Beginn und das Ende der schriftstellerischen Karriere der Autorin dokumentiert, denn neben dem unvollendeten Roman Vattnet findet man auch die ersten Novellen der Schriftstellerin, die sie bereits in ihrer frühen Jugend schrieb und von den Sagen der Gebrüder Grimm beeinflusst waren.

Copyright: Herbert Kårlin

25 mars 2013

Edith Södergran, die erste Modernistin der schwedischen Literatur

Edith Södergran wurde am 4. April 1892 als Tochter des Schweden Matts Södergran und dessen finnlandschwedischer Frau Helena Lovisa Holmroos im heute russischen Sankt Petersburg geboren und starb am 24. Juni 1923 im Alter von 31 Jahren im damals finnischen Raivola (heute russisch) an TBC. Södergran war nie verheiratet.

Von 1902 bis 1908 besuchte Edith Södergran die deutschsprachige „Höhere Mädchenschule“ in Sankt Petersburg, wo sie außer der deutschen Sprache noch Französisch, Russisch und Englisch lernte, ihre Muttersprache Schwedisch jedoch nicht auf dem Schulplan stand. Trotz dem Mangel an Schwedischkenntnissen entschloss sich Södergran im Jahre 1908 Schwedisch zu ihrer Hauptsprache zu machen, obwohl ihr erstes Werk, das Vaxdukshäftet, eine poetische Schilderung ihrer Schuljahre und der politischen Probleme jener Zeit, noch 206 Gedichte in Deutsch, fünf in Französisch, eines in Russisch und nur 26 in Schwedisch enthielt.


Ihre Entscheidung nur noch die schwedische Sprache zu benutzen kam zur gleichen Zeit als man bei Edith Södergran TBC feststellte und sie deshalb die Schule verlassen musste. Södergran hat sich jedoch den Lehrstoff für die Hochschulreife, die sie in einer externen Prüfung in Helsingfors (Helsinki) im Jahre 1910 ablegte, innerhalb von knapp zwei Jahren privat angeeignet. Die Jahre 1911 bis 1914 verbrachte die Dichterin dann in einem Sanatorium in Davos in der Schweiz.

Als Edith Södergran nach ihrem Aufenthalt in der Schweiz in das damalige Finnland zurückkehrte, veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Dikter, der jedoch von kaum einem Kritiker positiv bewertet wurde, da Södergran sich bei ihren Gedichten nicht nach die Regeln der schwedische Literatur richtete, sondern ihre Einflüsse aus Deutschland, Frankreich und Russland geholt hatte und daher als typische Repräsentantin der neuen Frauenliteratur bezeichnet werden kann, die zur gleichen literarischen Schicht gehörte wie Else Lasker-Schüler, Lou Andreas-Salomé, Anna Achmatova oder auch Selma Lagerlöf und Ellen Key, eine Literatur, die nach den Kritikern nichts in der nationalistisch geprägten finnlandschwedischen Literatur jener Epoche zu suchen hatte.

Auch wenn Edith Södergran heute als die erste finnlandschwedische literarische Modernistin gilt und in Finnland als die bedeutendste Dichterin des Landes gefeiert wird, so blieb sie während der wenigen Jahre ihres Schaffens mit ihrer Mischung aus deutschem Expressionismus, russischem Futurismus und französischer Symbolik in Schweden und Finnland nahezu unbekannt. Erst nach ihrem Tod überzeugte Södergran mit ihrer bildlichen Sprache und ihrem persönlichen Rhythmus der Dichtung ihr Publikum und beeinflusste Autoren wie Mare Kandre, Eva Runefelt oder Gunnar Harding, die die Stärke der Dichtung Södergrans unmittelbar erkannten.

Auch die Folgebände Septemberlyran (1918), Rosenaltaret (1919) und die anderen Gedichtsammlungen von Edith Södergran wurden von den Kritikern überwiegend negativ bewertet, wobei sie die Krankheit der Autorin als Erklärung nahmen, dass sie deswegen auch krankhafte Gedichte schreiben würde. Durch diese männlichen Vorurteile entging ihnen vollkommen, dass Södergran in ihren Gedichten das sehr selbstbewusste „Ich“ einführte und damit der Frau als Schriftstellerin in dieser Epoche eine vollkommen neue Rolle gab, die ein starkes Selbstbewusstsein ausdrückt und damit die weibliche Poetin dem männlichen Poeten gleichstellt. Dass die Kritiker ihrer Zeit hinterherliefen zeigt sich auch darin, dass Södergran noch kurz vor ihrem Tod andere männliche Dichter mit ihren Werken beeinflusste, insbesondere Elmer Diktonius, Gunnar Björling und Rabbe Enckell, aber auch Gunnar Ekelöf und Karin Boye.

In den Jahren 1921 und 1922 schrieb Edith Södergran erstmals wieder in deutscher Sprache. Es handelte sich dabei um eine Anthologie mit junger schwedischsprachiger Poesie Finnlands, das sie Rowohlt unter dem Titel „Junge Schwedischsprachige Lyrik in Finnland“ anbot, jedoch vom Verlag, ohne dass die Gründe bekannt wurden, abgelehnt wurde. Södergran hatte für dieses Werk zahlreiche Gedichte junger Autoren übersetzt, aber leider ging das Manuskript verloren und konnte daher auch nicht posthum herausgegeben werden.

Erst nach dem posthum veröffentlichen Gedichtband Landet som icke är im Jahre 1925 wurde die tatsächliche literarische Leistung von Edith Södergran für den lyrischen Modernismus erkannt und auch die Kritiker begann ihre Meinung zur dieser Lyrikerin zu ändern. Dem schwedischen Publikum wurde Södergran dann erstmals im Jahre 1928 in der Anthologie Levande svensk dikt von Sten Selander vorgestellt. Welch bedeutende Rolle Edith Södergran innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte mittlerweile spielt, kann man daran erkennen, dass sie auch so lange nach ihrem Tode in keiner bedeutenden Anthologie der schwedischen Literatur fehlt und einige ihrer Bücher nach wie vor verlegt werden.

Copyright: Herbert Kårlin

Göteborg Reiseführer Göteborgs Tanz- und Theaterfestival

24 mars 2013

Mare Kandre und der moderne Frauenroman Schwedens

Mare Kandre wurde am 27. Mai 1962 als Tochter eines Ingenieurs und der Biologin Tiuu Hansson, die während des Zweiten Weltkriegs von Estland nach Schweden geflohen war, in Söderala im Hälsingland zur Welt und starb am 24. März 2005 durch einen Unfall, dessen Ursachen nie ganz aufgeklärt werden konnten.

Auch wenn Mare Kandre in Söderala geboren war, so verbrachte sie ihre Kindheit überwiegend in Göteborg und einige Jahre auch in Kanada. Sehr früh begann die spätere Schriftstellerin zu malen und mit 12 begann sie die ersten Texte zu schreiben und hatte den Willen später auch veröffentlicht zu werden. In den Jahren 1979 und 1980 studierte Kandre an der Byamshow School of Art in Londen Kunst und bis 1984 spielte und sang sie in drei Postpunkbands für die sie auch die Texte schrieb.


Der Wendepunkt kam für Mare Kandre im Jahre 1984, als sie gerade einmal 22 Jahre alt war und ihr erster teilweise autobiografischer Roman I ett annat land erschien, der dazu führte, dass sie von Kritikern als die größte Entdeckung des Jahrzehnts bezeichnet wurde. Im Roman I ett annat land beschreibt die Schriftstellerin die Reise mit ihren Eltern durch die USA. Kritiker und Leser sind dabei nicht nur von der Kraft beeindruckt mit der Kandre ihre Gefühle und ihre Nähe zur Natur ausdrücken kann, sondern vor allem durch die Ausdrucksfähigkeit der Schriftstellerin und ihr enormes Sprachgefühl.

Mit Bebådelsen, einem Buch mit Prosagedichten aus dem Jahre 1986, und den Romanen Bubins unge (1987) und Aliide, Aliide aus dem Jahre 1991 bestätigt Mare Kandre ihre Fähigkeiten als Schriftstellerin, bleibt aber noch beim Thema Kind, das seine Kindheit langsam ablegt und durch das Umsteigen in eine neue Welt die kindlich positiven Gefühle verliert um sich für eine neue Zukunft zu öffnen, die mit Angst, Phobien, Schamgefühlen und allen Problemen der Pubertät verbunden sind. Manche Kritiker bezeichnen Kandre in diesen Jahren als die Erbin von Birgitta Trotzig, andere vergleichen sie mit Franz Kafka und Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

Ab dem Buch Deliria im Jahre 1992 geht Mare Kandre in eine neue Schaffensphase über, die in Form von ironischen Parodien, realistischen Schilderungen und auch der Einbettung von Religion und Mythologie das Patriarchat kritisiert und zeitkritisch auf die Männerwelt hinweist, die sich während der gesamten Geschichte immer wieder dadurch selbst bestätigen muss indem die Frau nur eine Nebenrolle im Leben spielen darf.

Besonders deutlich drückt sich dies in den beiden Büchern Djävulen och Gud aus dem Jahre 1993 und Quinnan och Dr Dreuf aus, das nur ein Jahr später erscheint. Mare Kandre schreibt nun ironische Märchen für Erwachsene, die einen tiefen Einblick in die menschliche Seele bieten und eine nahezu utopische Männerwelt beschreibt, in der sich eine überhebliche Männerwelt als Symbol des Frauenhasses herausstellt. Aber Kandre klagt die Männer in ihren Büchern nicht an, da diese ja mit gutem Gewissen handeln, sonder sie greift zur Ironie, der Parodie und dem Wortspiel, das den Männern lediglich zu denken geben soll.

Mit ihren letzten beiden Büchern Hetta och vitt (2001) und Xavier (2002) geht Mara Kandre zu einen neuen Realismus über und geht von den Frauenthemen zum Thema Isolation und Ausgesetztheit über. Die Schriftstellerin nimmt das Leben in der aktuellen Welt als Ausgangspunkt dafür, dass die handelnden Personen eine neue Welt mit einer anderen Wirklichkeit suchen. Auch wenn sie in ihren Erzählungen nun von Extrempunkten ausgeht, so zeigt sie den Weg der Gegenwartsgeschichte, der nur im Chaos enden kann falls die Menschen nicht zu den ursprünglichen Werten des Lebens zurückkehren. Im Gegensatz zu den Büchern Brave New World oder 1984 greift Kandre jedoch nicht zu Science Fiction, sondern sie nimmt die Gegenwart als Ausgangspunkt, die die Gefühle und Träume der Menschen tötet.

Als Mare Kandre 2005 bei einem Autounfall stirbt, hat sie ein neues Buch begonnen über das sie jedoch mit niemandem gesprochen hat und das auch nicht in unvollendeter Form veröffentlicht werden sollte. Der Unfall der Schriftstellerin kommt für alle überraschend, da Kandre nicht depressiv war, sondern die Tage vorher eher sehr positiv gestimmt war. Als Todesursache wird ein zu hoher Konsum von Medikamenten festgestellt, aber niemand weiß ob es sich dabei um ein Unglück oder einen Selbstmord handelte.

Johan von Sydow des staatlichen Fernsehens SVT drehte 2008 eine Dokumentation über Mare Kandre, die am 1. Mai 2009 bei SVT2 ausgestrahlt wurde. Die Schriftstellerin erhielt für ihre Werke mehre bedeutende Preise, darunter den Doblougskapriset der Svenska Akademien und sie erhielt 1999 das Kallebergerstipendium, das ebenfalls die Svenska Akademien vergibt.

Mare Kandre, die bei ihrem Tod einen elfjährigen Sohn zurückließ, wurde sehr früh als eine Ikone des schwedischen Feminismus betrachtet, obwohl sie selbst mit ihren Büchern auch Männer ansprechen wollte, aber bis zu ihrem Tode waren die Männer eine geringe Minderheit unter den Lesern.

Copyright: Herbert Kårlin

17 mars 2013

Agnes von Krusenstjerna als Kämpferin gegen den Adel

Agnes von Krusenstjerna wurde am 9. Oktober 1894 als Tochter des Oberst Wilhelm Ernst von Krusenstjerna und dessen Frau Eva Sofia Hamilton in Växjö geboren und starb am 10. März 1940 in Stockholm. Krusenstjerna war seit 1921 mit dem Literaturkritiker David Sprengel verheiratet.

Da der Vater von Agnes von Krusenstjerna in Gävle stationiert war, verbrachte die Schriftstellerin die ersten 14 Jahre ihres Lebens in Gävle, wo sie auch von 1904 bis 1909 die Mädchenschule besuchte. Die nächsten Jahre, nach der Pensionierung des Vaters, verbrachte das Mädchen in Stockholm und besuchte dort die bis 1911 die Anna Sandströms Schule, die sie jedoch auf Grund einer psychischen Zusammenbruchs ein Jahr vor der Abschlussprüfung verlassen musste. Bis 1913 wurde Krusenstjerna dann zu Hause unterrichtet.


Bereits im Alter von elf Jahren begann Agnes von Krusenstjerna Tagebücher und Gedichte zu schreiben, die bereits ein Zeichen für ihre ersten Depressionen sind, da die Schriftstellerin zu dieser Zeit bereits von einem schwarzen Schatten spricht, der über ihr schwebt. Als sie dann nach einer zerbrochenen Verlobung im Jahre 1914 erstmals wegen ihren Depressionen ins Krankenhaus eingeliefert wird, glaubt Krusenstjerna an eine Verbannung, die über allen Frauen ihres Geschlechts liegt, denn drei ihrer Cousinen aus Gävle haben die gleichen Depressionen und eine unter ihnen starb durch Selbstmord. Krusenstjerna war überzeugt, dass die Frauen dieser adeligen Linie nicht für die Liebe geeignet waren.

Bereits 1918 wurde Agnes von Krusenstjerna dann erneut für neun Monate in das psychiatrische Krankenhaus in Solna eingeliefert. Nach ihrer Entlassung machte die Schriftstellerin eine Reise nach England, die für ihr späteres Schaffen eine bedeutende Rolle spielte, denn während sie bis dahin die Regeln des schwedischen Hochadels, der Vater und Mutter in gerader Linie entstammten, ohne jeden Zweifel übernahm, beginnt sie in England all diese Werte in Frage zu setzen. Krusenstjerna beginnt an Gott, dem übergeordneten Adel und dem ganzen „anständigen Milieu“ zu zweifeln und befreit sich damit gewissermaßen von einer Gesellschaftsordnung, die sie als Zwang empfindet.

Wenn man von einem Jugendroman ohne größere Bedeutung absieht, so beginnt Agnes von Krusenstjerna ihre literarische Aktivität im Jahr 1920, als sie an der Tony-Trilogie zu arbeiten begann, einem Werk, das zwischen 1022 und 1924 veröffentlicht wurde, sehr starke autobiografische Züge der Schriftstellerin trägt und unmittelbar ein schriftstellerischer Erfolg wird. Krusenstjerna beschreibt in diesen drei Werken jedoch nicht nur ihre Jugend in Gävle, sondern auch den Aufenthalt in der Psychiatrie und, was in jener Zeit geradezu als Skandal empfunden wird, sie zeigt eine sexuelle Offenheit, die damals geradezu als krankhaft betrachtet wurde.

Eine sehr bedeutende Rolle spielt für die Schriftstellerin David Sprengel, den Agnes von Krusenstjerna 1921 gegen den Willen ihrer Eltern geheiratet hatte und der ihr nicht nur seine Unterstützung in jeder Hinsicht bot und sie ermunterte an der Trilogie zu arbeiten, sondern sie auch dazu ermunterte alle Brücken zur Aristokratie und ihren Eltern abzubrechen und zu sich selbst zu finden.

Auch wenn Agnes von Krusenstjerna bereits mit der Tony-Trilogie die Grenzen des gesellschaftlich Akzeptierten überschritten hatte, aber immerhin noch als Neuerung der Literatur akzeptiert wurde, so hatte ihre zweite siebenbändige Romansuite geradezu verheerende Folgen, denn bei Frökanarna von Pahlen spricht Krusenstjerna offen über Geschlechtsverkehr, Inzest und Homosexualität und lässt damit die Gesellschaftseite in der Literatur aufleben über die man im damaligen Schweden grundsätzlich nicht sprechen und schreiben durfte. Die Bibliotheken bezeichneten diese sieben Bücher daher als kranke Romane, die für die Allgemeinheit unlesbar sind. Diese Romane Krusenstjernas führten jedoch zu einer offenen Diskussion über die moralischen Normen Schwedens. Dass dieses Werk dennoch nicht ganz verdammt wurde, lag an der Unterstützung, die Autoren wie Eyvind Johnson, Karin Boye, Johannes Edfelt und auch der Journalist Torgny Segerstedt der Schriftstellerin zukommen liessen. Karin Boye verglich die Zensur mit der man Krusenstjernas Romane belegte sogar mit der Zensur des Nazideutschlands.

Die Zensur mit der die letzten Bücher dieser Romansuite von Seiten des Verlags Bonniers belegt wurden, führte allerdings dazu, dass diese Bände bei Spektrum verlegt wurden, einem radikalen Verlag jener Jahre. Das Ergebnis war daher, dass die Linke Schwedens nun diese Bücher als Beleg für die Dekadenz der höheren Gesellschaft nahmen und Agnes von Krusenstjerna plötzlich eine wichtige Rolle in der Arbeiterbewegung einnahm, die sie im Grunde gar nicht interessierte.

Die Diskussion um diese Bücher belasteten Agnes von Krusenstjerna bedeutend und das Ehepaar Krusenstjerna-Sprengel reiste zur Erholung nach Spanien. Nach einem Selbstmordversuch wurde die Schriftstellerin dort jedoch in eine katholische Nervenklinik in Malaga eingeliefert. Im „Haus der Nonnen“, wie sie die Klinik nannte, begann Krusenstjerna dann ihre letzte Romansuite unter dem Titel Fattigadel zu schreiben. Dieses Werk ist eine Abrechnung mit der Adelsschicht und ihrer Familie, wobei die Schriftstellerin hier auch deutlich Namen nennt und das geheime Leben dieser Oberschicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts rücksichtslos aufdeckt. Die Kritiker wagen sich kaum diese vier Bände zu besprechen und die Mehrheit der Gesellschaft betrachtete den Inhalt nur als das Ergebnis einer psychisch kranken Frau, auch wenn man heute weiß, dass alle Erzählungen Krusenstjernas der absoluten Wahrheit entsprechen, die die Schriftstellerin selbst erlebt und gesehen hatte.

Nach dem vierten Band der Romansuite, die damit allerdings noch nicht abgeschlossen war, nahm der körperliche Gesundheitszustand der Schriftstellerin plötzlich rapide ab, was auf ein Problem im Gehirn zurückzuführen war. Bei einer Notoperation im Jahre 1940, die Krusenstjerna jedoch nicht überlebte, stellte man fest, dass die Schriftstellerin einen Gehirntumor in sehr fortgeschrittenem Stadium hatte.

Copyright: Herbert Kårlin

Messetermine in Göteborg

6 mars 2013

Victoria Benedictsson und der Weg der weiblichen Befreiung

Victoria Benedictsson, geborene Bruzelius, wurde am 6. März 1850 als Tochter des Landwirts Ture Bruzelius und dessen Frau Helena Sophia Finérius in Domme bei Trelleborg geboren und nahm sich am 21. Juli 1888 in Kopenhagen im Alter von 38 Jahren das Leben. Benedictsson war mit dem Postmeister Kristian Benedictsson verheiratet.

Die Kindheit verbrachte Victoria Benedictsson auf dem Dorf in dem das einzige Vergnügen ein kleiner Laden war. Die Ehe der Eltern wird als schlecht beschrieben und der Vater hatte keinerlei Fähigkeit mit Geld umzugehen. Diese Zeit beschreibt die Schriftstellerin in ihrem Buch Pengar, wo man auch die frühe Neigung Benedictssons zur Kunst findet, auch wenn das Mädchen damals weniger ans Schreiben als vielmehr ans Malen dachte.


Sehr früh suchte Victoria Benedictsson eine Arbeit als Gouvernante, wobei sie das verdiente Geld für ein Kunststudium in Stockholm anwenden wollte. Als der Vater ihr einen Strich durch die Rechnung machte, sah Benedictsson nur einen Ausweg, nämlich die Ehe, wobei sie hier eine falsche Entscheidung wählte, was ihr auch noch vor der Ehe klar wurde, aber die Verlobung konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Mit 21 Jahren heiratete Victoria Bendictsson daher den Postmeister Christian Benedictsson in Hörby, der seit Jahren im Hause der Eltern verkehrte und nicht nur 28 Jahre älter war als die Schriftstellerin und bereits fünf Kinder hatte, sondern damit auch jede Entscheidungsgewalt über die junge Frau bekam und sehr wenig von den modernen Strömungen und der Befreiung der Frau wissen wollte. Die Folge davon war, dass die Ehe vom ersten Tag an bereits schlecht war.

Der Traum von einer Karriere als Malerin ging mit der Ehe vollständig zu Ende und Victoria Benedictsson wandte sich in ihren freien Stunden der Schriftstellerei zu. Im Jahre 1876 erschienen dann in der Sydsvenska dagbladet Snällposten ihre ersten Novellen unter dem Pseudonym Ivar Tardif, denn ihren wahren Namen zu benutzen war undenkbar, da ihr Ehemann ihr sonst auch dieses Vergnügen genommen hätte. Auch die folgenden Veröffentlichungen in anderen Zeitungen und Zeitschriften erschienen ausschließlich unter dem Namen Ivar Tardif.

Als Victoria Benedictsson ab Ende 1881 wegen einem Knieschaden eine längere Zeit ans Bett gefesselt war, fand sie mehr Zeit für ihre literarische Karriere und bereits 1884 erschien ihr erster Roman unter dem Titel Från Skåne, dem ein Jahr später das autobiografische Werk Pengar folgte. Für die Veröffentlichung dieser Bücher änderte sie ihr Pseudonym in Ernst Ahlgren. Da Benedictson in dieser Zeit jedoch auch Kontakte zu anderen Schriftstellern aufbaute, war in literarischen Kreisen bald bekannt wer sich hinter dem Pseudonym Ahlgren verbarg.

Bedeutend für Victoria Benedictsson war im Jahre 1984 das Zusammentreffen mit dem Schriftsteller Axel Lundegård, dem verlorenen Sohn des Priesters in Hörby, dem Ort, in dem sich auch Benedictsson eingesperrt fühlte. Bei einem Aufenthalt im folgenden Jahr in Stockholm kam die Schriftstellerin über Lundegård in Kontakt mit der jungen literarischen Schicht der schwedischen Hauptstadt. Eine engere Verbindung entstand dort vor allem mit Gustav und Karl af Geijerstam, mit Sophie Adlersparre und Ellen Key, die sie alle auf ihrem Weg unterstützten, sowohl in persönlicher als auch in literarischer Hinsicht.

Die Probleme begannen für Victoria Benedictsson mit ihrem Aufenthalt in Kopenhagen, wo sie Georg Brandes kennen lernte, den bedeutendsten Literaturkritiker dieser Zeit, in den sie sich verliebte, obwohl dieser verheiratet war und neben der Ehe bereits zahlreiche allgemein bekannte Affären hatte. Noch unglücklicher war vielleicht, dass Edvard Brandes, der Bruder des berühmten Kritikers, ihr neues Buch Fru Marianne, eines der Hauptwerke, im Politiken als banalen Frauenroman abtat, der über keinerlei Tiefe verfügt. Benedictsson konnte hier nur die Kritik sehen und die Hoffnungslosigkeit als Frau literarisch wirklich anerkannt zu werden. Auf jeden Fall beging die Schriftstellerin wenig später Selbstmord in Kopenhagen ohne ihr Handlung zu erklären. Dieser Selbstmord gab August Strindberg die Idee für das Ende seines Stückes Fröken Julie.

Seit dem Tod von Victoria Benedictsson versuchen die verschiedensten Personen ihre Tat zu verstehen und zu erklären. Die erste, die sich damit beschäftigte und eine Biografie über die Schriftstellerin verfasste, war Ellen Key, die die Tat im Charakter von Benedictsson suchte und der Unterdrückung der Frau in jener Zeit die Hauptschuld gab. Andere behaupten, dass Benedictsson unter Schizophrenie litt, dass sie damit die unglückliche Liebe zu Brandes beenden wollte und die Schriftstellerin Birgitta Holm schreibt noch 2007, dass der Selbstmord die Folge eines inzestuösen Übergriffs in ihrer Kindheit sein kann. Niemand kennt jedoch die wahren Gründe, da auch die Tagebücher der Autorin viele Fragen aus ihrem Leben und vor allem ihrem Freitod offen lassen.

Die Bedeutung von Victoria Benedictsson als Schriftstellerin liegt nicht in der ausgereiften Sprache, die sie verwendet, sondern darin, dass sie eine der bedeutendsten Autorinnen ist, die die Gesellschaft gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt und die Zeit beleuchtet als die Frauenbewegung in Schweden in größerem Masse einsetzte. Benedictsson beschränkt sich dabei jedoch nicht auf die Rolle der Frau, sondern sie beschreibt auch das Verhältnis, das um diese Zeit in den ländlichen Gebieten Schwedens existierte, als eine Frau noch weniger frei war als ein Kind.

Copyright: Herbert Kårlin

20 januari 2013

Mathilda Malling, von avantgardistischer Literatur zum Liebesroman

Mathilda Malling, auch bekannt unter dem Pseudonym Stella Kleve, wurde am 20. Januar 1864 als Tochter des Gutsbesitzers Frans Oskar Kruse und dessen Frau Anna Maria Mathilda Borgström in Norra Mellby bei Kristianstad geboren und starb am 21. März 1942 in Kopenhagen. Sie war mit dem dänischen Kaufmann Peter Malling verheiratet.

Ihre Kindheit verbrachte Mathilda Malling in Tjörnarp in Skåne, einem kleinen Dorf auf dem Lande. Die Grundschule besuchte die Schriftstellerin dann in Lund, um später das Gymnasium in Stockholm zu besuchen. Nachdem die Eltern entschieden hatten, dass die Tochter Lehrerin werden sollte, schrieb sich diese nach der Hochschulreife im Jahre 1983 für die entsprechende Ausbildung an der Universität Lund ein. Bereits nach wenigen Monaten ging Malling jedoch für mehrere Monate in die Schweiz um dort die Sommermonate zu verbringen. In den Jahren 1885/86 schrieb sie sich in der Universität Kopenhagen ein, wo sie vor allem den Vorlesungen von Georg Brandes folgte und aktiv am kulturellen Leben der Stadt teilnahm.


Bereits zu ihrer Zeit im Gymnasium in Stockholm begann sich Mathilda Malling für moderne dänische und englische Literatur zu interessieren um dann, während ihres Aufenthalts in der Schweiz auch die neue französische Literatur zu entdecken. Autoren, die sie stark beeindruckten und ihre späteren Werke beeinflussten waren insbesondere Gustave Flaubert, Charles Baudelaire und die Brüder Goncourt.

In der Schweiz schrieb Mathilda Malling dann ihren ersten Roman Berta Funcke, den sie bei ihrer Rückfahrt Herman Bang zeigte, der ihn in dänischer Übersetzung unter dem Titel Flirtations veröffentlichte. Malling bearbeitete und ergänzte anschließend ihr erstes Werk, das sie dann in der neuen Version unter dem Pseudonym Stella Kleve veröffentlichte. Schon 1888 folgte dann ihr zweiter Roman Alice Brandt und eine aktive literarische Tätigkeit der Schriftstellerin setzte ein, auch wenn die meisten der Werke dieser Zeit in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht wurden und nie als Buch erschienen.

Die ersten Werke von Mathilda Malling wurden von der Kritik nahezu als Schund bezeichnet, da Malling zu den Autoren gehörte, die von der Sensualität der Frau schrieb und, nach französischem Vorbild, die sogenannte dekadente Literatur in Schweden einführte. Die literarische Schicht sprach selbst von einer kranken und ungesunden Fantasie der Autorin. Als Frau hatte sie es dabei noch schwieriger als Albert Sahlin oder Emil Kléen, die zumindest „dekadente“ Männer waren. Es dauerte daher viele Jahre bis die ersten Werke der Autorin auch in ihrer gesamten Tragweite gewürdigt wurden. Allerdings brachte ihre diese Art der Literatur zahlreiche, vor allem jüngere, Leser, die ebenfalls auf eine Erneuerung der schwedischen Literatur hofften.

Als Mathilda Malling 1890 heiratet und ganz nach Kopenhagen zog, unterbricht sie auch ihre literarische Aktivität für einige Jahre um 1894 mit En roman om förste konsuln wieder auf der literarischen Szene zu erscheinen. Malling bricht nun vollständig mit ihren avantgardistischen Ideen und beginnt zahlreiche Geschichtsromane und Liebesromane, die auf großen Gütern spielen, zu schreiben.

Während Mathilda Mallings für die populärwissenschaftlichen Geschichtsromane tiefe Recherchen anstellt und damit die europäische Geschichte einem breiten Leserkreis näher bringt, sind ihre Liebesromane, die sich zu Bestsellern entwickeln, weitaus oberflächlicher und spielen sich nur in der gehobenen Schicht ab. Die Vorbereitung von großen Festen, elegante Kleidung, oberflächliche Gesellschaftskonversation und andere Elemente dieses Kreises nehmen hier eine weitaus größere Rolle ein als die Psychologie der handelnden Personen, der die Schriftstellerin in den frühen Büchern eine bedeutende Rolle gab.

Mathilda Malling wurde mit diesen Herrgårdsromanen eine der meist gelesenen Autorinnen Schwedens zu Beginn des 20. Jahrhunderts und ließ die Leser vom großen Glück träumen, das nahezu zwangsweise die Folge der ersten Küsse ist. Malling wurde mit diesen Romanen der Familien Skytte und Stjerne die schwedische Hedwig Courths-Mahler.

Wer daher Mathilda Malling wirklich entdecken und verstehen will, muss ihre literarische Entwicklung in zwei Phasen teilen, in die erste Phase der Stella Kleve und die zweite bei der die Schriftstellerin ihren wahren Namen verwendet. In dieser zweiten Schaffensphase laufen dann Geschichtsromane und Liebesromane parallel und zeigen erneut zwei Seiten der Autorin.

Copyright: Herbert Kårlin

31 december 2012

Fredrika Bremer, ein Pionier der schwedischen Frauenbewegung

Fredrika Bremer wurde am 17. August 1801 als Tochter des Großhändlers Karl Fredrik Bremer und dessen Frau Birgitta Charlotta Hollström im finnischen Pikis bei Åbo (Turku) geboren und starb am 31. Dezember 1865 auf dem Schloss Årsta in Haninge bei Stockholm.

Bereits 1805 zog die Familie Bremer nach Stockholm, wo der Vater das Schloss Årsta und den Hof Nynäs kaufte, die beiden Gebäude in denen Fredrika Bremer ihre Kindheit und ihre Jugend verbrachte. Wie damals üblich in der gehobenen bürgerlichen Schicht Schwedens hatte die Schriftstellerin Privatunterricht und musste vor allem die gesellschaftlichen Gepflogenheiten lernen, da das Ziel der Eltern war, dass die Tochter in eine möglichst angesehene Familie einheiraten kann.


Durch eine Reise nach Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Holland sollte die Ausbildung von Fredrika Bremer als gebildete Dame der Oberschicht abgeschlossen werden, was zu Beginn auch seine Früchte zeigte, denn nach der Rückkehr nach Stockholm nahm Bremer aktiv am Gesellschaftsleben der Hauptstadt teil, übte sich in der Kunst der Konversation und las ihre Gedichte vor. Da Fredrika Bremer jede berufliche Tätigkeit untersagt war, das Gesellschaftsleben sie jedoch nicht auslastete, begann sich die Schriftstellerin um Arme, Kranke und sozial Ausgestoßene zu kümmern, was auch ihrer religiösen Einstellung entsprach.

Als der Vater von Fredrika Bremer im Jahre 1830 starb, führte die Schriftstellerin ihre wohltätigen Aktivitäten fort, begann aber gleichzeitig an ihrer Trilogie Teckningar utur hvardagslifvet zu arbeiten, die sie entsprechend der englischen Briefromane jener Epoche schrieb. Das in großen Zügen autobiographische Werk in das auch die beiden Teile der Familie H*** eingehen, veröffentlichte Bremer anonym. Die Trilogie gilt als das Schlüsselwerk der Autorin. Im Jahre 1844, als längst bekannt war wer das Werk geschrieben hat, erhielt sie für dieses Werk auch den großen Preis der Svenska Akadamien.

In der gleichen Epoche hatte Fredrika Bremer einen sehr intensiven Briefwechsel mit dem Pädagogen Johan Böklin mit dem sie religiöse und philosophische Fragen diskutierte. Böklin machte der Schriftstellerin mehrere Heiratsanträge, die Fredrika jedoch alle ablehnte. Als Böklin dann eine andere Frau heiratete, zog sich Fredrika Bremer weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurück, ohne jedoch die briefliche Diskussion mit Böklin aufzugeben.

Nachdem sich Johan Böklin kurzfristig verheiratet hatte, verließ Fredrika Bremer Stockholm und lebte überwiegend bei Gräfin Stina Sommerhielm in Norwegen, wo 1939 auch ihr Roman Grannarne entstand, ein Roman, der erneut autobiographische Züge hat, aber mit ihren persönlichen Hoffnungen auf eine veränderte Zukunft gemischt ist. Dieser Roman ist weitaus weniger moralisierend und objektiver gehalten als ihre Trilogie, was vermutlich damit zusammenhängt, dass sich die Schriftstellerin vorher  ausführlich mit Wolfgang von Goethe beschäftigt hatte und dadurch ihren Stil verändert hatte.

Sowohl bei Grannarne als auch dem Folgeroman Hemmet spürt man sehr deutlich, dass Fredrika Bremer mit ihren Werken auch ein persönliches Ziel anstrebt und sich Gedanken über die Rolle der Frau in der Gesellschaft macht, denn sowohl die Erzählerin in ihren Werken als auch die Hauptfigur ist nun in der Regel eine unverheiratete Frau, deren Leben von den Entscheidungen des Vaters abhängt, was zu jener Zeit normal war, da eine Frau nicht mündig war.

Als Fredrika Bremer im Jahre 1840 nach Stockholm zurückkehrt, ist sie auf Grund ihrer Werke international bekannt und beginnt sich erneut für das gesellschaftliche Leben Stockholms zu interessieren, wendet sich nun jedoch mehr der intellektuellen Schicht Stockholms zu, wo sie, unter anderem, Erik Gustaf Geijer, Esaias Tegnér und Malla Silfverstolpe trifft. 1842 erscheint dann Bremers erstes Werk bei dem sie sich von der schöngeistigen Literatur abwendet. Morgon-väckter ist ihr erster Werk, das unter ihrem wirklichen Namen erscheint und ist ein religiöses Bekenntnis zur damals aktuellen Debatte zur Religion.

In den 40er Jahren beginnt sich Fredrika Brenner mehr und mehr für das politische Geschehen Schwedens und die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu interessieren und dabei zu engagieren, was ihr in großen Teilen der Gesellschaft mehr Feinde als Freunde macht, da sich die Schriftstellerin nun nicht mehr einfach der Meinung und der Dominanz der Männer beugt. In den edlen Kreisen der Stadt wird die Schriftstellerin bald sogar als streitsüchtig und uneinsichtig betrachtet.

Im Jahre 1856 erscheint dann Fredrika Bremers zukunftsweisender Roman Hertha, der den Untertitel En själs historia, teckning ur det verkliga livet trägt. In diesem Werk fordert Bremer die Anerkennung der Frau als selbständige Person mit den gleichen Rechten wie ein Mann und stellt sich dabei auch gegen die damals üblichen Zwangsehen für Frauen. Mit diesem Roman wurde Fredrika Bremer eine Symbolfigur der Frauenbewegung Schwedens und bekam über Jahrzehnte hinweg die niederschmetternde Kritik der männlichen Kritiker zu spüren, die so weit gingen, dass sie Bremer selbst als gefühlskalt bezeichneten und als eine Gefahr für die bestehenden Gesellschaft sahen. Im Gegensatz zu ihrer feministischen Vorgängerin Hedvig Charlotta Nordenflycht gelang es Bremer jedoch dadurch die politische Diskussion über die Rechte der Frau anzustacheln und erreichte, dass der Reichstag im Jahre 1858 beschloss, dass unverheiratete Frauen mit 25 Jahren mündig wurden und drei Jahre später eine Hochschule für Lehrerinnen geschaffen wurde.

Nach Erscheinen des feministischen Romans Hertha machte Fredrika Bremer eine ausgedehnte Reise durch Europa und besuchte den Orient, eine Reise, die überwiegend von der Feministin Fredrika Limnell finanziert wurde und zu Bremers ihrem Werk Lifvet i gamla världen führte. Bremer besuchte bei dieser Reise vor allem Kirchen und entwickelte die Theorie, dass man eine Zukunftskirche schaffen sollte in der die Mehrheit der Religionen der Erde vereint werden sollen. Ausgenommen waren in ihren Augen lediglich die „unverbesserlichen“ Religionen, also all jene, die nicht in ihr persönliches christliches Weltbild passten.

Zurück in Schweden setzte sich Fredrika Bremer dann für einen Zwei-Kammern-Reichstag ein dessen Entstehen sie allerdings nicht mehr erlebte, da sie 1865 nach einer kurzen Krankheit starb, ein Jahr bevor der Reichstag tatsächlich zwei Kammern bekam.

Copyright: Herbert Kårlin

27 december 2012

Anna Wästberg, Dichtung und Theater im 19. Jahrhundert

Anna Wästberg, geborene Anderson, wurde am 27. Dezember 1832 als Tochter des Steuerbeamten Anders Andersson und dessen Frau Karna Olsdotter in Vittskövle bei Kristianstad geboren und starb am 7. März 1905 in Vänersborg.

Bereits im Alter von fünf Jahren entdeckte man die hohe Intelligenz von Anna Wästberg, da das Mädchen bereits um diese Zeit ohne jede Schwierigkeit lesen konnte und die Lehre des Katechismus in seinem gesamten Umfang beherrschte. Diesem Umstand verdankte Wästberg, dass sie als Mädchen eine gute Schulbildung erhielt. Als Gönner gilt der Prost der Region, der die Eltern davon überzeugte ihre Tochter in die Volksschule nach Kristianstad zu schicken.


Noch bevor Anna Wästberg dann eine einjährige Ausbildung zur Lehrerin in Karlskrona machte, unterrichtete sie bereits an Volksschulen und gab Privatunterricht. Nach der Lehrerausbildung in Karlskrona gab Wästberg in mehreren bürgerlichen Häusern in Blekinge Privatunterricht, bis sie 1857 Hans Efraim Wästberg heiratete, der als Doktor der Philosophie als Priester in Vänersborg arbeitete.

Wann genau Anna Wästberg zu schreiben begann, ist unbekannt. In jedem Fall erschien bereits im Jahre 1857, im gleichen Jahr ihrer Hochzeit, ihr erster Gedichtband mit dem Titel Styfmorsblommorna, en diktsamling, den sie unter dem Pseudonym Anna A. veröffentlichte. Das Vorwort zu diesem Band schrieb K. A. Wetterbergh, der unter dem Pseudonym Onkel Adam arbeitete.

Drei Jahre später veröffentlichte Anna Wästberg ihren nächsten Gedichtband Konst och kärlek, das, wie schon ihr erste Veröffentlichung, sehr positiv aufgenommen wurde, da Wästberg die Sprache fließen ließ und eine gewisse Originalität zeigte. Zur Zeitströmung passte auch ihr schwärmerischer und etwas abstrakter Idealismus, den sie bei ihren Gedichten zeigte.

In den Folgejahren erschienen regelmäßig weitere Gedichtbände von Anna Wästberg, die jedoch im Jahre 1885 mit dem Werk I svart och rödt nahezu abrupt endeten, im gleichen Jahr als sie ihren Mann verlor. Ein Jahr später erschient nur noch ihre Novellensammlung Slägtingar och andra noveller, die die Schriftstellerin jedoch bereits alle vor 1885 geschrieben hatte. 

Während Anna Wästberg vor 1885 auch regelmäßig Erzählungen, Aufsätze und Gedichte in mehreren Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hatte, gab sie nach dem Tod ihres Mannes auch diese Tätigkeit vollkommen auf ohne dass sie jedoch eine Erklärung für ihr literarisches Schweigen gab.

Weniger bekannt ist auch, dass Anna Wästberg einige Theaterstücke schrieb unter denen sowohl Mareld als auch Utan rullgardiner aufgeführt wurden und durch ihre Originalität Aufmerksamkeit erregten. Insbesondere Mareld, wo die Dramatikerin die Kleinstadt als einen Herd der Lügen und des Neids beschreibt, als eine Umgebung aus der man nur fliehen kann, trifft in mehreren Punkten den Kern der Zeit. Dieses Stück kann als das kritischste Werk Wästbergs betrachtet werden, da hier der Idealismus der Intrige weichen muss.

Dass Anna Wästberg weder zu ihrer Zeit, noch heute eine wichtige Rolle in der schwedischen Literatur spielt, liegt vor allem daran, dass sie eine individuelle weibliche Autorin zum Ausklang des 19. Jahrhunderts war ohne sich politisch oder feministisch zu engagieren. Da sie nicht einmal in den „revolutionären“ literarischen Kreisen der Epoche verkehrte, war Wästberg in gewisser Weise eine Ausgestoßene, die nur mit ihrer Leistung aufwarten konnte, jedoch nicht mit der Unterstützung einer literarischen Gruppe rechnen konnte. So lange ihr Ehemann noch lebte, nahm sie zumindest eine soziale Stellung ein, die nicht zu vernachlässigen war, denn ohne diese „Stütze“ wäre sie als weibliche Schriftstellerin - ohne die Gesellschaft umstürzen zu wollen oder sie zu schockieren - um diese Zeit kaum beachtet worden.

Copyright: Herbert Kårlin

18 december 2012

Hilma Borelius, Wissenschaft und Frauenrecht in der Literatur

Hilma Borelius wurde am 18. Dezember 1869 als die Tochter des Philosophieprofessors Johan Jacob Borelius und dessen Frau Hedvig Augusta Wilhelmina Lönbohm in Lund geboren und starb am 27. Januar 1932 ebenfalls in Lund.

Die Schriftstellerin und Literaturhistorikerin Hilma Borelius besuchte erst die Mädchenschule in Lund und bereitete sich anschließend über Privatunterricht auf die externe Reifeprüfung vor, die sie am 30. Mai 1891 ablegte. Anschließend studierte Borelius Philosophie an der Universität Lund, ein Studium, das 1902 zu einem Lizenziat führte und ihr am 31. Mai 1910 den Doktortitel einbrachte. Bereits während ihres Studiums unternahm Hilma Borelius auch mehrere Studienreisen, die sie nach Frankreich, England und Deutschland führten.


Trotz ihrer hohen Ausbildung konnte Hilma Borelius nach ihren Studienabschluss vorerst nur in einer normalen Mädchenschule unterrichten, da Frauen um diese Zeit als Dozenten in den Universitäten Schwedens nicht akzeptiert wurden. Erst 1910 gelang ihr dann der Zugang zur Universität Lund und sie begann dort moderne Literaturgeschichte zu unterrichten. Als Professor bekam sie jedoch auch Jahre später nur ein mehrmonatiges Vikariat und nie einen offiziellen Lehrstuhl. Das Problem war erneut, dass sie eine Frau war und bereits als Dozenten zur ersten Frau Schwedens wurde, die an einer Universität lehren durfte. Durch die mehrmonatige Professur war sie dann auch die erste Schwedin auf einem Lehrstuhl, auch wenn sie nur eine Vertretung war.

Die literarische Karriere von Hilma Borelius folgte mehreren Linien und begann mit Veröffentlichungen in der Zeitschrift Dagny, einer Veröffentlichung des Fredrika-Bremer-Verbands, die sich mit allen Aspekten der Frauenfragen, vom sozialen bis zum politischen Aspekt beschäftigte und im Jahre 1914 von der Zeitschrift Hertha ersetzt wurde. Borelius schrieb für beide Zeitschriften zahlreiche Artikel zum Recht der Frau, der Rolle der Frau in der Literatur und andere Themen zur Frauenbewegung dieser Epoche, wobei ihr auch religiöse Themen am Herzen lagen. Kaum einer dieser Artikel erschien je als Buch zumal die behandelten Themen zu dieser Zeit ein heißes Eisen in Schweden waren.

Einige der bedeutenderen Bücher zur Frauenbewegung veröffentlichte Hilma Borelius ab 1903. Ihr erstes Buch Varför är motståndet mot kvinnans politiska rösträtt oberättligt? war weniger ein Angriff auf die von Männern dominierte Gesellschaft, sondern behandelte die Frage auf mehr psychologische Weise und diskutierte die vorgeschobenen Argumente unter denen den Frauen Schwedens das Recht zur politischen Wahl verboten wurde.

Ab 1909 beginnt Hilma Borelius wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Werke zu schreiben, die in engem Zusammenhang mit dem Literaturgeschehens Schwedens stehen. Bekannt wurden jedoch, außer der Biographie über Hedvig Charlotta Nordenflycht, vor allem die Werke, die sie über männliche Schriftsteller verfasste, obwohl sie sich vor allem mit den Schriftstellerinnen jeder Zeit beschäftigte und damit deutlich machen wollte welchen Einfluss die Frau innerhalb der Literatur bereits ausübte. Selbst das Buch über Fredrika Bremer aus dem Jahre 1913 fand nur bei aufgeschlossenen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Zuspruch.

Das letzte Buch, das Hilma Borelius vor ihrem Tod durch Krebs veröffentlichte, wurde 1931 in Deutschland veröffentlicht und hatte den Titel „Die nordischen Literaturen“, ein Thema, das in Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts von großem Interesse war und von Borelius zum Teil in Schwedisch und zum Teil in Deutsch geschrieben wurde. Das relativ dünne Buch kann als Einführung in die damaligen Strömungen der nordischen Literatur gewertet werden, ist aber in keinem Fall als Literaturgeschichte zu betrachten, was auch nicht das Ziel der Autorin war.

Wenn man die Stärke der Werke von Hilma Borelius sucht, so liegt diese in ihrer Methode nach der Persönlichkeit ihrer handelnden Persönlichkeiten zu suchen, denn Borelius versuchte nie eine möglichste komplette Darstellung einer Person zu erreichen, sondern suchte nach dem psychologischen Punkt, der für die Entwicklung der Person am wichtigsten war um diese zu unterstreichen. Diese Art des Schreibens brachte ihr oft die Kritik der Oberflächlichkeit, da Schriftsteller und Literaturwissenschaftler jener Zeit mehr nach einer kompletten Darstellung suchten und die entscheidenden Momente einer Person nur als Nebensache betrachtet wurden. Durch diese psychologische Annäherung schuf Hilma Borelius eine sehr persönliche Art des Schreibens, die erst viel später auch von anderen Autoren des Landes übernommen wurden.


Copyright: Herbert Kårlin

27 november 2012

Hedvig Charlotta Nordenflycht, die erste Feministin Schwedens

Hedvig Charlotta Nordenflycht wurde am 28. November 1718 als Tochter des Hofbeamten Anders Andersson Nordbohm (nach Erhebung in den Adelstand Nordenflycht) und seiner Frau Kristina Rosin in Stockholm geboren und starb am 29. Juni 1763 in der schwedischen Hauptstadt.

Ihre Kindheit verbrachte Hedvig Charlotta Nordenflycht in Stockholm, wo sie eine für die damalige Zeit sehr gute Ausbildung erhielt, da sie im gehobenen Bürgertum mit Privatlehrern aufwuchs und sehr früh auch an die Literatur herangeführt wurde. Als Hedvig Charlotta 13 Jahre alt war, zog die Familie auf ihr Gut nach Viby bei Uppsala.


Als der Vater nur drei Jahre später im Sterben lag, überredete er die Sechzehnjährige den Mechaniker Johan Tideman zu heiraten. Hedvig Charlotta Nordenflycht gehorchte dem Vater und verlobte sich mit Tideman. Noch bevor es jedoch zur Ehe kam, starb der Verlobte im Jahre 1737. Nordenflycht zog unmittelbar zurück nach Stockholm und begann dort  eine Affaire mit ihren ehemaligen Französischlehrer, den Priester Jacob Fabricius. Da sich die Verwandten der Ehe widersetzten, kam diese erst im Jahre 1741 zustande und dauerte gerade einmal sieben Monate bis der Ehemann Nordenflychts starb.

Während der kurzen Ehe mit Jacob Fabricius veröffentlichte Nordenflycht das Gedicht  Fruentimbers Plikt at upöfwa deras Wett (die Pflicht der Frau, den Verstand zu gebrauchen), eine Streitschrift, die das Recht der Frau auf Selbständigkeit und das Recht auf literarisches Schaffen forderte und der Schriftstellerin später den Ruf brachte die erste schwedische Feministin gewesen zu sein.

Nach längerer Krankheit und Sorgezeit zog Hedvig Charlotta Nordenflycht in ein kleines Häuschen auf Lidingö, wo sie ihre schriftstellerische Laufbahn begann. 1742 erschien ihr Gedicht Svenska fruntimrets klagan, das sie Ulrika Eleonora widmete und womit sie direkt ins Gespräch kam. Allerdings hatte ihre Annäherung an den schwedischen Hof noch ein anderes Ziel, denn Nordenflycht beantragte am Königshof auch eine Unterstützung als Schriftstellerin, damit sie unbekümmert schreiben konnte, ein Antrag, der genehmigt wurde und ihr, gemeinsam mit den Einnahmen aus Veröffentlichungen, ein bürgerliches Leben erlaubte ohne von einem Mann abhängig zu sein.

Als Aufarbeitung der Sorge und nachdem ihr die finanziellen Probleme genommen waren, schrieb Hedvig Charlotta Nordenflycht die Gedichtsammlung Den sörgande Turtur-Dufwan (Die trauernde Turteltaube), die bereits 1743 erschien und  Aufsehen erregte, zumal es um diese Zeit relativ selten war, dass eine alleinstehende Frau ein Buch veröffentlichte und dann auch noch persönliche Gefühle in Gedichten ausgedrückt wurden.

Zwischen 1744 und 1750 schrieb Hedvig Charlotta Nordenflycht dann, ausser einigen Hüllungen des königlichen Hofes, vier Bände, die den Titel Qwinligit Tankespel (Weibliches Gedankenspiel) erhielten und eine einmalige Zeitkritik darstellen, da Nordenflycht hier über alle zeitnahen Probleme schreibt, angefangen von der Politik, Philosophie und Religion bis zu den Fragen der Rechte der Frauen, ein Werk, das die Rolle der Frau in der Gesellschaft neu definiert und das gesamte patriarchalische System der Zeit in Frage stellt.

Die Liebe zu einem um 20 Jahre jüngeren Mann, Johan Fischerström, für den sie auf das Land gezogen war, sollte dann zu ihrem bekanntesten Gedicht Över en hyacint (Über eine Hyazinthe) führen in dem sie über ihre einseitige Liebe spricht, gefolgt von einigen Gedichten über ein Dreierverhältnis im Winter 1762/63, das sie sehr stark belastete. Am 25. Juni 1763 stürzte sich die Autorin im Alter von 44 Jahren in den Bach, der direkt am Hause vorbeiführte. Auch wenn sie in der letzten Sekunde noch vor dem Ertrinken gerettet wurde, starb sie nur drei Tage später.

Hedvig Charlotta Nordenflycht war jedoch nicht nur die erste Schriftstellerin Schwedens, die für die Rechte der Frau aufstand und vermutlich auch die erste Lyrikerin des Landes, die vom Schreiben leben konnte, sondern sie wurde 1753 auch Mitglied der jungen Schriftstellergruppe Tenkebyggareorden, wo sie gemeinsam mit Gustaf Fredrik Gyllenborg und Gustav Philip Creutz die schwedische Literatur erneuerte und den französischen Klassizismus nach Schweden brachte, was sich insbesondere im dreibändigen Werk Våra försök ausdrückte.

Copyright: Herbert Kårlin

28 oktober 2012

Alfhild Agrell und die Situation der Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Alfhild Agrell, geborene Martin, wurde am 13. Januar 1849 als Tochter des Konditors Martin und Karolina Adolphson in Härnösand geboren und starb am 8. November 1923 in Flen. Von 1868 bis 1895 war sie mit dem Großhändler Albert Agrell verheiratet mit dem sie dann nach Sundsvall zog. Die Ehe mit dem zehn Jahre älteren Agrell gilt als von den Eltern arrangiert.

Der literarische Durchbruch kam für Alfhild Agnell, die mit zur Gruppe der schwedischen Autorinnen gehört, die die Frauenliteratur in den den Jahren 1880 in Schweden salonfähig machte, jedoch erst über zehn Jahre nach der Ehe, als das Paar von Sundsvall nach Stockholm zog, literarisch an die Öffentlichkeit trat.


Der erste große Erfolg für Alfhild Agnell kam mit ihrem Drama Räddad, das als Antwort auf Henrik Ibsens Ett dockhem (Ein Puppenheim), allerdings extrem pessimistisch in ihrer Beschreibung der Situation der Frau dieser Epoche, wobei die Autorin dabei das Thema der Selbstverwirklichung der Frau in der Ehe hat. Wie so viele andere Frauen der Epoche schrieb sie dieses Drama unter einem Pseudonym für das sie Thyra wählte. Später wandte sie dann häufig den Namen Lovisa Petterqvist an, um erst Jahre später ihren tatsächlichen Namen zu verwenden.

Mit ihren nächsten beiden Dramen Dömd aus dem Jahr 1884 und Ensam, das zwei Jahre später erschien, wollte sie auf die Situation von allein erziehenden Müttern aufmerksam machen, nahm jedoch als Hauptthema die Doppelmoral der schwedischen Gesellschaft mit der Forderung, dass ein Mann, der ein Kind macht ohne die Frau zu heiraten von der Gesellschaft gleichermaßen ausgestoßen werden muss wie die allein erziehende Mutter, ein Thema, das am Ende des 19. Jahrhunderts als absolutes Tabuthema betrachtet wurde.

Alfhild Agnells Problem in der literarischen Welt der 80er und der 90er Jahre war nicht nur, dass sie eine Frau war und damit eine schwierige Position in einer Männerwelt einnahm, sondern auch, dass die Theaterwelt über gesellschaftliche Themen in Schweden von August Strindberg und Henrik Ibsen dominiert wurden und Frauenthemen oft als nicht relevant betrachtet wurden. Selbst wenn Alhild Agnell als Frau jener Zeit einen sehr beachtlichen Erfolg hatte, so wurden ihre Stücke weitaus seltener von Theatern aufgenommen als jene August Strindbergs, der mit seinen Werten die Bühnen Schwedens für sich beanspruchte.

Nahezu unbemerkt blieb daher auch, dass Alfhild Agnell sehr viele humoristische Einschläge in der Tagespresse schrieb, Novellen und Reiseschilderungen über Nordschweden veröffentlichte  und 1904 den Roman Guds drömmare erschien, ein Meisterwerk der schwedischen Literatur, das mit den Büchern Selma Lagerlöfs verglichen werden kann.

In Guds drömmare wird der Leser mit der Suche nach einem Glauben an Gott konfrontiert, das sich jenseits des kirchlichen Dogmas befindet, wo Gott jede Glaubensrichtung akzeptiert.

Auch wenn man man versucht Alfhild Agrell eine Rolle in der Frauenbewegung Schwedens zu geben, so war ihr Ziel weniger ein Kampf für die Rechte der Frau, sondern vielmehr die Darstellung des damaligen Gesellschaftssystems in dem eine Frau im Grunde keinen Platz hatte, außer als Ehefrau Kinder zu gebären und zu erziehen.

Jedes Drame der Autorin stellt ein System in Frage in dem die Frau kein Recht hat zu wählen, keine Handlung ohne Genehmigung ihres Ehemanns ausführen darf, Sexualität nur eine eheliche Pflicht ist und eine Frau, die unehelich ein Kind bekommt, eine Schande darstellt. Alfhild Agrell schreibt ihre Werke nicht für Frauen, die diese Probleme kennen, sondern für Männer, die sich dafür einsetzen den Frauen dabei zu helfen, dass sie eine Existenzberechtigung in der Gesellschaft bekommen. Der Schriftstellerin ist vollkommen bewusst, dass das Frauenproblem zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht von den Frauen allein gelöst werden kann, sondern fortschrittliche Männer eingreifen müssen.

Dass Alfhild Agrell auch zu ihrer Zeit nicht die Bekanntheit errang, die ihr im Grunde zustand, lag natürlich auch daran, dass sie zu den verschiedensten Pseudonymen greifen musste um ihr Publikum zu erreichen. Ihre Reisebeschreibung Nordanifrån veröffentlichte sie, zum Beispiel, unter dem männlichen Namen Stig Stigson, so dass viele ihrere Leser nie erfuhren, dass es sich auch bei diesem Werk um Alfhild Agrell handelte. Die gleiche Situation entstand bei den Büchern Hemma i Jokkmokk, En skildring ur småstadslifvet oder I Stockholm. Också en resebeskrifning, den am häufigsten von ihr verkauften Büchern, die alle nicht ihren wirklichen Namen auf dem Titel stehen hatten.

Copyright: Herbert Kårlin

17 oktober 2012

Ester Lindin und der vergessene Bestseller

Ester Lindin wurde am 8. November 1890 in Östergötland geboren und starb am 17. Oktober 1991 in Norrköping, wo sie nach ihrem Lehrerexamen, das sie in Landskrona ablegte, bis zur Pensionierung als Lehrerin arbeitete.

Ester Lindin begann ihre literarische Karriere sehr spät, denn erst als sie 50 war, erschien ihr erstes Buch Tänk, om jag gifter mig med prästen, das nahezu wie eine Bombe einschlug, denn Ester griff zwei heiße Themen gleichzeitig an, die beide als Tabu galten. Die Schriftstellerin propagierte nicht nur im Jahre 1940 die freie Liebe, sondern Eva Örn, die Hauptfigur des Romans, bekommt mit einem Priester ein uneheliches Kind. Im Laufe der Erzählung zeigt die Autorin die Doppelmoral der Gesellschaft in der nicht nur die Hauptfigur, sondern vor allem das Kind zum Opfer der Gesellschaft wird.


Das Buch Tänk, om jag gifter mig med prästen wird in kürzester Zeit in einer Spitzenauflage von 48.000 Exemplaren verkauft und bereits ein Jahr später als Film verarbeitet. Eine vollkommen unbekannte Autorin wird unmittelbar in mehrere Sprachen übersetzt und noch 1957 bringt die Büchergilde Gutenberg das Buch unter dem Titel „Eva: Oder Das Große Ärgernis“ auf den Markt.

Die Reaktion auf das Buch ist sehr unterschiedlich, denn während Ester Lindin dafür den ersten Preis für den besten Roman erhält, der das Leben einer berufstätigen Frau beschreibt und die Leser das Werk verschlingen, greifen literaturwissenschaftliche Kritiker das Werk an, weil ihm psychologische Reife fehlt, weil es unlogisch sei und selbst die Umgebungen in der die Handlung spielt, sei erfunden. Mit diesen Aussagen verschließen sie Ester Lindin den Zugang zur akademischen Literatur, auch wenn sie es nicht wagen das Werk als Schund zu bezeichnen.

Ester Lindin lässt sich von der elitären Schicht Schwedens nicht abhalten weiter zu schreiben und bereits ein Jahr später erschient Det är inte lätt att vara barn, wo sie die Situation von Kindern in der Schule und zu Hause angreift, und 1946 der Roman Tre blommiga täcken, ein Buch, das sich als Satire mit der Mittelklasse auseinandersetzt, die sich durch Statussymbole von der Unterklasse unterscheiden will, aber dennoch nicht an die Oberklasse heranreicht.

Auch wenn keines der späteren Werke von Ester Lindin von Inhalt und Verkaufsziffern an ihr erstes Buch herankommt, so veränderte bereits dieses erste Werk die Denkweise vieler Schweden, nicht zuletzt auch durch die Verfilmung, die Viveca Lindfors in der Hauptrolle als Schauspielerin den Durchbruch brachte.

In diesem Zusammenhang muss man man sehen, dass der Film etwa gleichzeitig mit „Vom Winde verweht“ in die schwedischen Kinos kam und beide parallel zu den meist besuchten Filmen des Jahres wurden, da die Kritiker die Parallelen zwischen den beiden Geschichten aufzeigten.

Ester Lindin ist noch heute eine Kultfigur in Norrköping, wird aber innerhalb der Literaturgeschichte Schwedens kaum erwähnt obwohl sie eine sehr wichtige Rolle innerhalb der Frauenliteratur des Landes spielt.

Copyright: Herbert Kårlin

27 september 2012

Selma Billström, die unbekannte Frauenrechtlerin

Selma Billström, geborene Lundberg, kam am 27. September 1843 in Björkvik im Södermanland zur Welt und starb im Jahre 1926 in Stockholm. Selma war die Tochter von Jakob Lundberg, eines Prosten (Priester) und seiner Frau Kristina Selander. Sie heiratete 1880 den Veterinär Axel Billström, der allerdings bereits 1892 starb.

Selma Billström wurde, wie sehr viele Frauen zu jener Zeit, nur privat ausgebildet, erst im Elternhaus, dann privat bei Frau Lidmans Pension in Södertälje und besuchte schließlich noch die kunsthandwerkliche Schule (Slöjdskolan) in Stockholm. Aber auch ohne literarische Ausbildung und Beziehungen entschloss sich Selma der gesellschaftskritischen Literatur zu widmen.


Da jedoch Selma Billström alle ihre Beiträge in der Presse, aber auch andere Werke, unter den verschiedensten Pseudonymen, unter anderem als Moster Stina, veröffentlichte, ist heute nur sehr wenig von ihr tatsächlich erhalten und katalogisiert. Von ihrer regen Aktivität zeugen mehr ihre Zeitgenossen, die ihren Namen immer wieder im Zusammenhang mit verschiedenen Veröffentlichungen nennen, als heute noch zur Verfügung stehende Werke der Schriftstellerin und Journalistin.

Die Stärke von Selma Billström lag in Novellen, einer Literatur, die Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Zeitungen veröffentlicht wurde. Während über ihre Prosaerzählungen aus dieser Zeit kaum etwas überliefert wurde, erregte ihre Aktivität als Gesellschaftskritikerin ein bedeutendes Aufsehen, denn Selma Billström setzte sich bereits in den ersten Jahren ihrer Ehe extrem für Tierschutz, das Wahlrecht für Frauen und die Rechte der Frauen ein, was die Autorin auch zu einer der ersten Frauenrechtlerin Schwedens machte. In diesen Bereichen wirkte Selma Billström jedoch nicht nur als Autorin, sondern sie hielt auch permanent Vorträge und forderte öffentlich eine Änderung des patriarchalen Gesellschaftssystem Schwedens. Vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen Vorträge, Veröffentlichungen und Aktivitäten zum Wahlrecht der Frauen dann die Überhand.

Unter den kritischen Werken von Selma Billström, ist nur eines vollständig erhalten, das die Schriftstellerin unter ihrem Pseudonym Moster Stina herausgab und bis heute eine Art Standardwerk zur Frauenbefreiung Schwedens ist. Selma veröffentlichte das Buch Tankar om prostitution och äktenskap im Jahre 1887, in dem sie vor allem Stellung zu den Vorträgen des Ökonomen Knut Wicksell zur Prostitution nimmt, einem Republikaner und kirchenfeindlichen Antimilitaristen der gleichen Epoche.

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