4 juni 2013

Johannes Lindblom und die religiöse Literatur des 20. Jahrhunderts

Johannes Lindblom wurde am 7. Juni 1882 als Sohn des Prosten Christian Fredrik Lindblom und dessen Frau Anna Emilia Sehmann in Oppeby im Östergötland geboren und starb am 26. September 1974 in Lund. Lindblom war ab 1911 mit Märta Carolina Norberg verheiratet.

Bereits sehr früh bereitete sich Johannes Lindblom, der in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen war, das der undogmatischen Erweckungsbewegung angehörte, auf eine Laufbahn als Priester vor. Welchen Einfluss die Eltern dabei spielten, ist nicht bekannt, aber es ist sicher, dass sich Lindblom bereits im Gymnasium auf alte Sprachen spezialisiert hatte und eine intensive Bibelforschung betrieb.

Johannes Lindblom, Från Askeby till Uppsala : minnen ur mitt liv, Atlantis Bokförlag, 2011

Nach seiner Hochschulreife in Linköping studierte Johannes Lindblom Theologie, sowie semitische Sprachen und Griechisch an der Universität in Uppsala, was darauf schließen lässt, dass sich Lindblom schon um diese Zeit dazu entschieden hatte theologische Forschung zu betreiben und bei seiner Berufswahl weniger an das Priesteramt als solches dachte. Gegen Ende seines Studiums hatte sich der Theologe darauf spezialisiert kritische wissenschaftliche Forschung mit dem christlichen Glauben in Einklang zu bringen.

Die ersten Arbeiten von Johannes Lindblom waren zwar gewisses Neuland zur Zeit der Veröffentlichung, aber von der heutigen Warte aus relativ bedeutungslos und zeugen nur von einer sehr oberflächlichen Forschung. Immerhin wurden seine Leistungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als so bedeutend eingestuft, dass Lindblom schon mit 29 Jahren Professor wurde und seine Meinung als richtungsweisend gesehen wurde. Dies drückte sich aauch dadurch aus, dass der Theologe 1913, gemeinsam mit Bernhard Risberg, damit beauftragt wurde die Apokryphen zu übersetzen.

Das nächste Ziel von Johannes Lindblom war im Grunde die theologische Professur in Uppsala, die er jedoch aus nicht näher genannten Gründen nicht erhielt, obwohl ihn der Rektor der Universität und der Universitätskanzler bei seinem Vorhaben unterstützten. Die Ursache mag sein, dass Lindblom in vielen Punkten unwissenschaftlich arbeitete und die freie Forschung der dogmatischen vorzog. Sicher sprach Lindblom damit das Volk besser an, aber er machte sich zahlreiche Feinde, die Religionswissenschaft sehr konservativ betrachteten.

Im Frühjahr 1924 entschied sich dann jedoch die Zukunft von Johannes Lindblom, denn die Akademie in Åbo (Turku) richtete eine theologische Fakultät ein und bot dem Theologen eine Professur für das Alte und das Neue Testament an. Lindblom hatte nun die Chance die gesamte Fakultät aufzubauen und ihr damit seinen Stempel zu geben. Um Vertrauen zu gewinnen, zog Lindblom zusätzlich durch das ganze Land und hielt Vorträge, die sich vor allem an das Volk richtete, das keine universitäre Bildung hatte.

Parallel dazu begann Johannes Lindblom unermüdlich zu schreiben, ohne jedoch Wert auf wissenschaftliche Formulierungen zu legen, sondern er veröffentlichte literarische Theologie und suchte seine Themen bei der verschiedensten Propheten, aber auch den Weissagungen der Heiligen Birgitta. Lindblom ging hierbei erneut in die Opposition zur geltenden Theologie, da er die Prophezeiungen nicht der antiken Welt anpasste, sondern mehr der nordischen Tradition. Auch wenn sich der Theologe dadurch sehr viele Feinde machte, so wurde er ein Begriff und eine Erneuerer der nordischen protestantischen Religion und wurde der Gründer der populärwissenschaftlichen theologischen Literatur.

Die Bedeutung von Johannes Lindblom darf auch heute noch nicht unterschätzt werden, denn der Theologe schrieb seine Bücher in einer Zeit des starken Glaubens und war einer der wenigen, die damals das Alte Testament und die Weissagungen auf populäre Weise darstellten und damit Zugang zu den Normalbürgern des Landes gewann und auch einige Werke für die Schule schrieb. Bedeutend ist dabei auch, dass Lindblom Theologie vollkommen von Politik trennte, ein Gegenteil zur Entwicklung in Deutschland während der 30er und 40er Jahre. Lindblom konnte mit dieser Einstellung zahlreiche religiösen Dichter und Literaten Schwedens beeinflussen, obwohl einiges aus seinen Werken wissenschaftlich nicht haltbar ist und auch damals angezweifelt wurde.

Wer der literarischen Entwicklung von Johannes Lindblom folgt, stellt fest, dass sehr viele seiner eigenen Werke und seiner Übersetzungen erst nach seiner Pensionierung erschienen und der Autor auch mit 89 Jahren noch aktiv war und den gleichen Weg ging und das Dogma der Theologie als Nebensache nahm, denn Lindblom öffnete sich immer neuen Gedanken und neuen Ideen, was natürlich auch bedeutet, dass seine Bibelübersetzungen teilweise von der offiziellen Meinung der Kirche abweichen, dafür jedoch weitaus logischer klingen und für den Nichttheologen einfacher zu verstehen sind.

Copyright: Herbert Kårlin

3 juni 2013

Sofia Bolander und der weibliche Tendenzroman Schwedens

Sofia Bolander wurde am 28. Januar 1807 als Tochter des Ingenieurs Gustav Erik Bolander und dessen Frau Johanna Kristina Carlström in Göteborg geboren und starb am 2. Juni 1869 im Alter von 62 Jahren ebenfalls in Göteborg.

Da die Mutter von Sofia Bolander sehr früh starb, wurde das Mädchen in ein Pensionat nach Karlstad geschickt, wo sie erzogen wurde und ihre Ausbildung erhielt. Als die Schriftstellerin 18 Jahre als war, wurde sie Privatlehrerin in einem wohlhabenden Haus. Bolander entdeckte jedoch bald, dass ihr dieser Beruf nicht zusagte und zog daher 1844 zurück nach Göteborg. Zurück in der westschwedischen Stadt gab die Autorin dann vor allem Musikunterricht um sich ernähren zu können und intensivierte ihre Arbeit als Schriftstellerin.

Sofia Bolander, Holzschnitt eines unbekannten Künstlers

Auch wenn man über die Einflüsse, die Ausbildung und den Werdegang von Sofia Bolander sehr wenig weiß, so gibt ihr erstes Buch, das 1849 unter dem Titel Tant Agnetas aftonberättelser erschien, einen gewissen Aufschluss darüber, dass die Schriftstellerin die Werke von Fredrika Bremer kannte und mit der Art ihrer eigenen Erziehung wenig einverstanden war, denn dieses erste Buch Bolanders, eine Art Jugendbuch, handelt vor allem von der Erziehung eines Mädchens in Hinblick auf die Aufgaben der zukünftigen Frau nach einer moderneren Theorie.

Mit dem Werk Tant Agnetas aftonberättelser erregte Sofia Bolander, die das Buch unter dem Pseudonym „S-e-der“ veröffentlicht hatte, ein bedeutendes Aufsehen, da sie die gesamte Erziehung jener Zeit in Frage stellte, die, in ihren Augen, die Frau in ihrer freien Entwicklung nur behindert. Allerdings ging Bolander bei weitem nicht so weit wie Bremer, denn sie sah nur die innere persönliche Entwicklung der Frau, nicht das politische System. Das Ziel der Heldinnen ihrer Bücher war daher immer die Ehe und nicht die absolute Unabhängigkeit innerhalb der Gesellschaft. Diese Einstellung Bolanders führte auch dazu, dass sie weder von den Feministinnen ihrer Zeit voll anerkannt wurde, noch aber von der Gesellschaft, da ihre Ideen für die eine Seite zu revolutionär waren und für die andere Seite nicht weit genug gingen.

Bevor dann im Jahre 1845 Trolldomstecknet, der erste Roman von Sofia Bolander, erschien, schrieb die Schriftstellerin zahlreiche Artikel und Novellen für die Göteborgs handels- och sjöfartstidning, das Aftonbladet, die Post- och inrikes tidningar und andere Publikationen.

Obwohl Sofia Bolanders Roman Trolldomstecknet von literarischer Warte aus nicht unbedingt als Meisterwerk betrachtet werden kann und beim Erscheinen von den verschiedensten Seiten stark kritisiert wurde, schuf die Schriftstellerin damit den ersten Tendenzroman Schwedens. Bolander legte hier einen stark antiaristokratischen Roman vor, der auf die damalige Zeitströmung sehr deutlich eingeht, aber da die Autorin weder in literarischen Kreisen verkehrt noch eine literarische Ausbildung hinter sich hatte, bleiben ihn ihrem Buch viele Fragen offen und der Leser spürt, dass die Autorin nicht in allen Punkten zu den Tiefen der Fragestellung vordringt.

Bis 1950 schreibt Sofia Bolander weiterhin Familienromane, die alle um die Freiheiten und die Rechte der Frau kreisen und insbesondere die Frage aufwerfen warum sich die Frau nicht durch eigene Arbeit versorgen darf, was in jener Epoche nur unverheirateten Frauen möglich war, denen zudem nur sehr wenige Berufe, insbesondere die Lehrerin, offen waren.

Mit Einbruch der 50er Jahre geht Sofia Bolander dann zum Geschichtsroman über bei dem jedoch nicht die geschichtliche Epoche bedeutend ist, obwohl man deutlich sieht, dass die Autorin ein sehr ausführliches Quellenstudium betrieb, sonder die Intrigen, die Liebesgeschichten und die Entwicklungen der handelnden Personen. Sofia Bolander greift hier den Stil der beiden französischen Schriftsteller Alexandre Dumas und Eugène Sue auf und gehört damit zu den Autoren Schwedens, die den Novellenroman einführen. Bolander macht sich hierbei jedoch nicht nur als Autorin von Büchern bemerkbar, sondern schreibt auch, im Sinne von Sue, für Zeitungen und Zeitschriften in denen die Leser dann regelmäßig dem Fortschritt der Novellen folgen können.

Der Schriftstellerin Sofia Bolander war nach ihrem Tode sehr bald vergessen und folgte damit dem Schicksal ihrer Buchheldinnen, denn sie hatte unter den literarischen Kreisen Schwedens keine Unterstützung und Feministinnen wollten ihre Theorien, die immer ein etwas religiös angehauchter Mittelweg zwischen Frauenunterdrückung und Frauenbefreiung war, so schnell wie möglich vergessen und vergaßen dabei, dass Bolander gerade die unentschiedene Frau ansprach, die erst zu sich selbst finden musste bevor sie den nächsten Schritt zur Gleichberechtigung geht.

Obwohl Bolander eine wichtige Rolle innerhalb der schwedischen Literaturgeschichte der weiblichen Autoren spielt, wird sie heute nur noch selten in einem der Standardwerke der schwedischen Literatur aufgenommen und muss erst neu entdeckt werden.

Copyright: Herbert Kårlin

2 juni 2013

Henning von Melsted und der soziale erotische Roman Schwedens

Henning von Melsted wurde am 1. Juni 1875 als Sohn des Großhändlers Theordor Finne von Melsted und dessen Frau Mathilda Thérése Lundstedt in Stockholm geboren und starb am 7. Februar 1953 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Von Melsted war in erster Ehe (1905 - 1925) mit Thyra Giöbel verheiratet, in zweiter Ehe mit Clara Pingel (1927 - 1931) und ab 1938 in dritter Ehe mit Lilly Sofia Karlsson Kropp.

Über die Kindheit und die Jugend von Henning von Melsted ist kaum etwas bekannt. Der Jurist und Schriftsteller besuchte das Gymnasium Norra Latinläroverket in Stockholm, machte anschließend in Jönköping die Hochschulreife und schrieb sich 1892 an der Universität in Uppsala ein. Von Melsted beendete sein Studium 1897 mit einer Kandidatur und arbeitete anschließend als Notar und Rechtsanwalt.

Henning von Melsted, Noveller i dialog, Förlaget Ljus, 1904

Bis etwa 1914 hatte Henning von Melsted eine sehr radikale Einstellung, die er sowohl in öffentlichen Diskussionen als auch einigen literarischen Werken stark vertrat. Von Melsted vertrat hierbei nicht nur sozialistische Theorien, sondern er setzte sich bereits um die Jahrtausendwende für ein geeintes Europa und internationale Gerichtshöfe ein. Als er seiner Broschüre Hvad vill Sveriges Folk im Jahre 1908 die verbotene Schrift Fallet Tänk först - handla sedan! beifügte, wurde der Schriftsteller sogar zu drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Während die politischen Schriften Henning von Melsteds ab 1914 deutlich rechte Theorien mit aufnahm, auch wenn er sich weiter für soziale Reformen und die Bildung der Arbeiterschicht einsetzte, hatte der Schriftsteller bereits 1898 auch begonnen schöngeistige Literatur zu schreiben.

Seinem ersten Roman Georg Dahna im Jahre 1898 folgte ein Jahr später Leo Dahna, die er jedoch beide anonym veröffentlichte. Selbst wenn man am Stil noch den literarischen Anfänger Henning von Melsted spürt, so zeigt sich bereits an diesen ersten Werken, dass sich der Schriftsteller für das soziale Gefüge des Landes interessiert und gegen die herkömmlichen Moralvorstellungen des Landes wehrt. Der Autor sieht vor allem das Verhältnis zwischen Mann und Frau als überholt an, da er den Frauen Passion zugesteht und für freie Erotik eintritt. In diesem Sinne spalten seine beiden ersten Romane die geistige Welt der Schweden.

Ab 1901 und seinem Buch Noveller i dialog benutzt Henning von Melsted seinen wahren Namen für seine Veröffentlichungen, wobei der Schriftsteller die kommenden drei Jahre vor allem erotische Romane veröffentlicht, bis 1904 sein Kurzroman Nöd erscheint, der dem Autor zum Durchbruch verhilft. In Nöd schildert von Melsted das Schicksal einer Boutiqueangestellten mit ihrer Arbeit und der Ausbeutung, die sie erleidet ohne dass die Oberklasse Stockholms dies überhaupt bemerken und sehen will, da man dort die Doppelmoral der Gesellschaft nahezu als von Gott gegeben betrachtet.

Während die ersten sozialen Romane von Henning von Melsted noch Fiktion sind, geht der Autor später immer mehr dazu über tatsächliche Schicksale aufzugreifen, die er während seiner Verhandlungen vor Gericht findet, was seine Werke auch glaubhafter macht, auch wenn er unter anderen Schriftstellern und der gehobenen Gesellschaft Stockholms bisweilen stark kritisiert wird, da diese Schicht sich gegen jede soziale Veränderung wehrt und sich über die Arbeiterschicht stellt.

Henning von Melsted gehörte zu jenen Autoren, die die notwendigen Änderungen des Sozialsystems in gesamter Breite ernst nahmen und mit seinen Büchern auf Missstände aufmerksam machen wollte. Dies zeigte sich auch in seinem persönlichen Leben, denn er vertrat seine Klienten nicht nur vor Gericht, sondern interessierte sich auch später noch für ihre Werdegänge und Erfahrungen. Ein Fall war für den Juristen von Melsted nicht mit dem Urteil zu Ende, zumal er Richtern auch Korruption und Fehlurteile vorwarf.

Nicht alle Werke von Henning von Melsted haben das gleich hohe Niveau, so dass einige seiner Werke hervorstechen und allein diese Veröffentlichungen ihm einen Platz in der schwedischen Literaturgeschichte erlauben.

So unterschiedlich bereits das Niveau der Werke von Henning von Melsted ist, so unterschiedlich sind auch seine Themen, die man vor allem in drei Richtungen aufteilen kann. Zum einen verfasste der Schriftsteller politische Schriften, zum anderen soziale Romane und zum dritten schrieb er die sogenannte Flanörlitteraturen im Stil von August Strindberg, Hjalmar Söderberg und Henning Berger, denn er schildert in mehreren seiner Werke auf sehr realistische Weise das damalige Stockholm und lässt den Leser daher in ein mondänes Leben eintauchen in dem er das Stockholm der Jahrtausendwende in authentischer Weise finden kann.

Henning von Melsted war zwar aus Überzeugung Rechtsanwalt und zählte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den renommiertesten Anwälten des Strafrechts in Stockholm, aber in seiner Seele fühlte er sich als Künstler, denn von Melsted betätigte sich nicht nur als Schriftsteller, sondern trat auch als Schauspieler auf und war künstlerisch tätig, unter anderem als Skulpteur, der 1935 in Stockholm ausstellte. Zum Ausgleich betrieb der Schriftsteller zusätzlich Sport.

Copyright: Herbert Kårlin

1 juni 2013

Johan Runius, der erste Mundartdichter Schwedens

Johan Runius wurde am 1. Juni 1679 als Sohn des Priesters Arvidus Runius und dessen Frau Annika Levander in Larvs in Västergötland geboren und starb am 1. Juni 1713 an seinem 34. Geburtstag in Stockholm. Runius war nie verheiratet.

Nach den wenigen Überlieferungen war Johan Runius bereits als Kind ein Genie das mit vier Jahren in der Schule in Skara begann und 1694 ins Gymnasium in Göteborg wechselte, wo er gegen den Jahrtausendwechsel die Hochschulreife machte um anschließend ein Studium an der Universität in Uppsala zu beginnen, das er wiederum 1706 beendete. Bekannt ist insbesondere seine Abschlussrede am Gymnasium, denn hierbei lieferte er eine der ältesten Beschreibungen Göteborgs und bietet Sprachwissenschaftlern das älteste Dokument mit dem Dialekt der westschwedischen Stadt.

Johan Runius, Stich nach einer Zeichnung von Sophia Elisabet Brenner

Bereits als Grundschüler und vor allem als Gymnasiast arbeitete Johan Runius sehr häufig als Privatlehrer, teilweise im Bohuslän, der Grund, warum er insgesamt mindestens 16 Jahre Schulzeit hinter sich hatte bevor er in Uppsala zu studieren begann.

Schon im Gymnasium in Göteborg zeigte sich die lyrische Fähigkeit von Johan Runius, denn er wurde regelmäßig gebeten Hochzeitsgedichte und Verse zu Beerdigungen zu verfassen. Neben diesem positiven Ruf folgte ihm jedoch noch ein weniger vorteilhafter, denn Runius war nicht nur chronisch arm, sondern war auch bekannt dafür, dass er schon als Jugendlicher bedeutende Alkoholprobleme hatte, eine Eigenschaft, die ihn das ganze Leben lang verfolgen sollte und ein gemeinsamer Zug mit seinem Vater war.

Ursprünglich wollte Johan Runius Rechtswissenschaften an der Universität Uppsala studieren, aber der permanente Geldmangel und die abgelehnten Anträge auf Stipendien zwangen ihn immer mehr dazu bei adeligen Familien als Privatlehrer unterzukommen. Erst 1712, ein Jahr vor seinem Tod, wagte es Runius den Unterricht ganz aufzugeben um von seinen Gedichten zu leben, was bedeutete sie öffentlich vorzutragen.

Während seiner Tätigkeiten als Privatlehrer schrieb Johan Runius regelmäßig Gedichte, auch wenn die gesammelten Werke Dudaim erst nach seinem Tod erscheinen sollten und einen so großen Erfolg hatten, dass der ersten Ausgabe unmittelbar eine zweite folgen musste. Auf Grund seines kurzes Lebens erstreckt sich das Gesamtwerk jedoch nur über drei Bände, die jedoch eine bedeutende Rolle in der Literaturgeschichte Schwedens spielen.

Zum einen zeigt die Dichtkunst von Johan Runius eine sehr große Breite und reicht von religiösen Gedichten und Hochzeitsreden bis zu Liedern, die man als Vorläufer zu den Werken von Carl Michael Bellman bezeichnen kann. Auch bei Versmaß und Stilistik zeigt sich Runius als Meister und gehört zu jenen wenigen Schriftstellern, die im 18. Jahrhundert die Sprache und die verschiedenen Versmaße am besten beherrschten.

Aber noch bedeutender ist die Tatsache, dass Johan Runius auch ein Vorreiter der Mundartdichtung war, einer literarischen Technik, die er erstmals bei seiner Abschlussrede am Gymnasium anwandte. In einer Zeit, in der manche Dichter noch zu Latein griffen um die Dichtkunst auf ein klassisches Niveau zu heben und sich ein literarisches Werk nur an die Oberschicht des Landes richtete, war diese Entscheidung von Runius nahezu als Revolution zu sehen.

Auch wenn Johan Runius vermutlich einer der begabtesten Dichter der schwedischen Literatur war und jedes Versmaß nutzen konnte, so sind seine Gedichte und seine Einstellung zum Leben als nahezu naiv und einfach zu betrachten, denn im Gegensatz zu anderen Dichtern seiner Zeit zeigte Runius eine kindhafte Begeisterung für Gott und die Linie seiner Werke kann von einer lustigen Weise zum Pessimismus wechseln. Gerade diese Eigenschaft war es jedoch, die seine Gedichte so einzigartig machten und Runius zu einem Lyriker machten, der abseits der akademischen Literatur existieren konnte. Die Gefühle in seinen Werken waren nicht angelernt, sondern sie waren authentisch. 

Obwohl Johan Runius in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einer der meist gelesenen Dichter seiner Zeit war, wurde er denn nahezu ein Jahrhundert lang vergessen, bis ihn der Literaturwissenschaftler Fredrik Böök im Jahre 1910 neu entdeckte und auf die Brillianz des Dichters aufmerksam machte.


Copyright: Herbert Kårlin

Messetermine in Göteborg Göteborger Flugschau 2013

31 maj 2013

Erik Lindegren und die modernistische Lyrik Schwedens

Erik Lindegren wurde am 5. August 1910 als Sohn des Ingenieurs Ernst Tullius Lindegren und dessen Frau Alma Elisabet Elfgren in Luleå geboren und starb am 31. Mai 1968 in Stockholm. Lindegren war in erster Ehe mit Laila Bill und in zweiter Ehe mit der Museumschefin Karin Bergqvist verheiratet.

Da der Vater von Erik Lindegren Ingenieur bei der Eisenbahn war, zog die Familie sehr häufig um und der Junge entdeckte sehr früh nahezu ganz Schweden. Die Schule begann er in Malmö, setzte sie jedoch in Kiruna fort um jedoch in Östersund die Hochschulreife abzulegen, da es in Kiruna kein Gymnasium gab. Das Elternhaus war bürgerlicher gehobener Mittelstand, der es der Familie erlaubte die Sommer jeweils im Badeort Ängelholm zu verbringen.

Erik Lindegren, Mannen utan väg, Podium Förlag, Stockholm, 2000

Die literarischen Interessen von Erik Lindegren zeigten sich bereits sehr früh, denn er begann bereits im Gymnasium Gedichte für Heimdall, die Zeitschrift der Schule, zu schreiben und wurde auch deren Redakteur. Lindegrens Lyrik zeigte vom ersten Tag an eine modernistische Richtung, die er in gewisser Weise sein Leben lang fortsetzte.

Nach seinem Abitur und seinem Militärdienst in Gävle zog Erik Lindegren nach Stockholm und begann an der dortigen Universität Literaturgeschichte und Philosophie zu studieren, ohne jedoch je einen Abschluss zu machen. Statt der Universitätsstudien beschäftigte sich Lindegren einige Jahre lang privat mit Literatur, auch wenn unter seinen Werken dieser Zeit nur wenig veröffentlicht wurde und einige Romane nur als Fragmente entstanden. Lindegren beschäftigte sich mit dem europäischen Modernismus, lernte aber ab 1939 auch viel durch seine persönlichen Kontakte mit Artur Lundkvist und war insbesondere angezogen von der Lyrik Rabbe Enckells, den er 1937 in einer Künstlerkolonie getroffen hatte.

Im Jahre 1935 erschien dann mit Posthum ungdom die erste Gedichtsammlung von Erik Lindegren, ein Werk, das man mehr als Übungsbuch des Autors betrachten muss, da er hier eine rein akademische Dichtung bietet, die das Bild eines Dandy liefert, der das Leben nicht kennt. Später sollte der Autor dieses Werk, das nur durch die Unterstützung von Anders Österling erschienen war, kaum noch als sein eigenes erkennen.

Bei Kriegsausbruch zog Erik Lindegren, gemeinsam mit Lundkvist und Maria Wine in eine Villa in Dalarö, wo sie Rainer Maria Rilke übersetzten und eine Serie mit ausländischen Modernisten planten, die jedoch nie realisiert wurde. In diesen Jahren reifte jedoch auch die Dichtkunst Lindegrens und im August 1940 beendete er mit dem Lyrikband Mannen utan väg sein bedeutendstes Werk mit einer modernistischen, disharmonischen Bildsprache, die man in den 40er Jahren nur noch bei Gunnar Ekelöf in dieser Perfektion finden kann.

Das fertige Manuskript reichte Erik Lindegren bei Bonniers ein. Nach der Lektüre einiger der Gedichte lehnte der Verlag die Veröffentlichung jedoch ab, da die Lektoren die Lyrik Lindegrens für unverständlich hielten und den Dichter intern als Verrückten bezeichneten. Ein Jahr später konnte der Schriftsteller dann einige der Gedichte in der Zeitschrift Horisont veröffentlichen und 1942 entschied er sich, mit Hilfe des Geldes seines Vaters, das Werk im Selbstverlag zu veröffentlichen. Das Werk blieb nahezu unbeachtet, da, außer seinen Freunden, weder Kritiker noch das Publikum die Bedeutung von Mannen utan väg verstanden. Erst gegen Mitte der 40er Jahre entdeckten dann, unter anderem auch Bonniers, die Bedeutung dieses Meisterwerkes.

Im Jahre 1942 wurde Erik Lindegren bei der Kulturredaktion der Aftontidningen beschäftigt. Parallel dazu übersetzte er Werke von T. S. Elliot, William Faulkner, Saint-John Perse und erneut Rilke und er veröffentlichte eigene Essays und Gedichte bei Bonniers litterära magasin (BLM), Vi, Kulturfront und anderen kulturellen Zeitschriften. Als 1947 Lindegrens Gedichtsammlung Sviter erschien, war er einer der anerkanntesten modernistischer Dichter Schwedens geworden.

Nahezu gleichzeitig mit seinem Lyrikband Sviter erschien auch Deviser, ein Buch bei dem Erik Lindegren Gemälde der Halmstadgruppe mit eigenen Gedichten ergänzt und das als eines der Meisterwerke des Schriftstellers betrachtet wird. Im Folgejahr vertont Karl-Birger Blomdahl seine Gedichtsuite Pastoralsvit und Lindegran wird als Chefredakteur der neuen Kulturzeitschrift Prisma eingestellt.

Nach 1950 erscheint nur noch ein einziger Gedichtband von Erik Lindegren, da der Lyriker sich immer mehr auf Übersetzungen verlegt, als Opernlibrettist aktiv wird und für die Dagens Nyheter als Kulturrezensent zu arbeiten beginnt. Zu den wichtigsten Übersetzungen Lindegrens gehören in dieser Zeit Werke von Saint-John Perses, Nelly Sachs und Zbigniew Herbert.

Im Jahr 1962 wird Erik Lindegren, nach Dag Hammerskjöld, auf den Stuhl Nummer 17 der Svenska Akademien gewählt, einer Zeit in der er sich auch sehr im Nobelpreiskomitee engagierte. Bereits 1969 starb der Dichter dann jedoch, nach längerer Krankheit, an Krebs.

Copyright: Herbert Kårlin

30 maj 2013

Hjalmar Gullberg und das klassische Hörspiel in Schweden

Hjalmar Gullberg wurde am 30. Mai 1898 als Sohn des Großhändlers Gustaf Robert Alexander Brand und dessen Frau Hilda Lovisa Amalia Jonsson in Malmö geboren und nahm sich am 19. Juli 1961 im Alter von 63 Jahren bei Holmeja in Skåne das Leben. Gullberg war nie verheiratet, hatte jedoch mehrere bekannte Affären und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens gemeinsam mit Greta Thott.

Da die Eltern von Hjalmar Gullberg ihren Sohn nie anerkannten und auch wenig mit ihm zu tun haben wollten, wuchs er bei Pflegeeltern in Malmö auf. Seine wahre Herkunft wurde erst 1928, nach dem Tode der Eltern, einem Erbprozess und Zeugenaussagen, offiziell anerkannt. Da der Vater zum Wohlstand gekommen war, bot die Erbschaft Gullberg, der das Geld auf sichere Weise investierte, eine gewisse Garantie.

Hjalmar Gullber, Ögon, Läppar, Norstedts Förlag, Stockholm, 1959

Sein Abitur machte Hjalmar Gullberg im Jahre 1917 in Malmö, dem er ein neunjähriges Studium in Latein, Griechisch und Literaturgeschichte an der Universität Lund anschloss. Seine Begabung und seine künstlerische Neigung kamen überwiegend aus der elterlichen Linie, die Erziehung kam jedoch von den Pflegeeltern, was eine gute Mischung für den Schriftsteller war. Andererseits traf er seine Eltern hin und wieder und bekam Geschenke von ihnen, so dass sich bei Gullberg auch sehr früh das Gefühl der Ausgeschlossenheit bemerkbar macht, denn er lebte mit Eltern, die nicht seine waren und erfuhr, dass ihn die wahren Eltern ihn als „Kind ohne Mutter und Vater“ eintragen lassen hatten.

Das literarische Interesse zeigte sich bei Hjalmar Gullberg bereits im Gymnasium in Malmö, wo er nicht nur ein starkes Interesse für Schwedisch und die klassischen Sprachen zeigte, sondern sich auch mit den meisten Klassikern der Weltliteratur vertraut machte und begann Novellen zu schreiben.

Während seines Studiums in Lund traf Hjalmar Gullberg seinen Jugendfreund, den Historiker Ingvar Andersson, und kam mit dem Journalisten Ivar Harrie und dem Schriftsteller Sigrid (Tristan) Lindström in Kontakt. Die gesamte Gruppe spielte für die damals neu gegründete Studentenzeitschrift Lundagård eine wichtige Rolle. Gullberg trug als Redakteur mit Poesie, Scherzeinlagen und Prosa bei der Gestaltung der Zeitschirft bei. Gegen Ende seines Studiums begann sich Gullberg, neben der Poesie und der Prosa, insbesondere für das Theater zu interessieren und schrieb seine ersten Theatertexte.

Was die Gedichte von Hjalmar Gullberg besonders stark beeinflusste, waren die zahlreichen Reisen, die der Schriftsteller ab dem Jahre 1922 unternahm, die lediglich von Zweiten Weltkrieg unterbrochen wurden, denn bei diesen Reisen sammelte er Eindrücke und in jedem Land, das er besuchte, beschäftigte er sich mit der Kultur und verfasste dort auch einige Gedichte. In der Lyrik des Autors entdeckt man in dieser Zeit sehr deutlich, dass Gullberg nicht nur von den verschiedenen Landschaften und den kulturellen Entwicklungen beeindruckt wurde, sondern er sich auch für die sozialen Strukturen und das Leben der Menschen dieser Länder interessierte. Das Erscheinen seiner Liebesgedicht, die während der Reisen entstanden, sind in der Regel mit einer bestimmten Frau zu verknüpfen, die er dort traf, auch wenn er keines dieser Verhältnisse aufrecht halten konnte.

Gegen Ende der 20er Jahre und ebenfalls unter dem Eindruck der Reisen, begann Hjalmar Gullberg mehrere antike Dramen von Euripides, Aristophanes und von Sophokles zu übersetzen, Dramen, die damals kaum auf schwedischen Bühnen gespielt worden waren. Dank Gullberg wurde Medea im Jahre 1934 erstmals in Schweden aufgeführt und fand den Zugang zum Stockholmer Dramaten. Im gleichen Jahr wurde Hjalmar Gullberg, auf Grund der Erfolge der klassischen Aufführungen, dann auch zum literarischen Berater des Dramaten ernannt.

Nur zwei Jahre später wurde Hjalmar Gullberg auch Direktor für Hörspiele des Schwedischen Rundfunks und bearbeitete zahlreiche seiner Übersetzungen, die im Dramaten gespielt worden waren, auch für den Rundfunk und schuf damit ein neues kulturelles Hörspiel, was allerdings nicht immer sehr positiv von seinen Kollegen aufgenommen wurde.

Während des Zweiten Weltkriegs gelangte Hjalmar Gullberg auf seinen Höhepunkt und entwickelte sich zu einem der meistgelesenen Autoren des Landes, was jedoch auch mit seinem Engagement beim Radio zusammenhing, da er weitgehend versuchte durch das Gedicht des Tages eine politische Aussage zu verbreiten ohne dass die Zensur eingreifen konnte. Sehr diskutiert wurde dabei die Wahl des Gedichtes Det eviga von Esaias Tegnér am Tag der deutschen Invasion in Norwegen. Niemand wagte ein Gedicht eines so bedeutenden schwedischen Autors zu verbieten, auch wenn Gullberg damit eine sehr eindeutige politische Position einnahm.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Hjalmar Gullberg seine Reisen wieder auf, die er ab 1950 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Greta Thott unternahm. Die letzte Reise sollte das Paar Gullberg-Thott im Jahre 1958 nach Sizilien führen, wo der Schriftsteller plötzlich Erlahmungserscheinungen spürte. Die Reise wurde abgebrochen und die beiden kehrten nach Schweden zurück. Im Krankenhaus in Lund stellte man dann fest, dass Gullberg an einer seltenen, unheilbaren Krankheit litt, die ihn langsam vollständig erlahmen lassen sollte. Als er aus diesem Grunde eine längere Zeit in einem Respirator leben musste, entschied er sich zu sterben und ertränkte sich im See Yddingen bei Holmeja.

Hjalmar Gullberg wurde im Jahre 1940 in die Svenska Akademien gewählt, wo er, nach Selma Lagerlöf, auf dem Stuhl Nummer 7 Platz nahm. Vier Jahre später wurde ihm auch die Ehrendoktorwürde der Universität Lund verliehen.

Copyright: Herbert Kårlin

29 maj 2013

Nils Fredrik Sander und populärwissenschaftliche Mythologie

Nils Fredrik Sander wurde am 26. September 1828 als Sohn des Landwirts Lars Nilsson und dessen Frau Cathrina Larsdotter in Vintrosa in Närke geboren und starb am 30. Mai 1900 im Alter von 71 Jahren in Stockholm. Sander war nie verheiratet.

Über die Kindheit und die Jugend von Nils Fredrik Sander ist nichts bekannt, außer dass er in  Örebro die Schule besuchte, dort 1850 die Hochschulreife ablegte um anschließend an der Universität Uppsala zu studieren. Sander beendete sein Studium im Jahre 1857 mit einem Magister in Philosophie und begann anschließend als Notar im Priesterstand zu arbeiten.

Nils Fredrik Sander, Foto: Ölands Hembygdsförbund, Himmelsberga, Fotograf: W. A. Eurenius & P. L. Quist, Stockholm, Sammlung: Familjen Hildebrand, Skedemosse, Köping, Öland

Wann Nils Fredrik Sander zu schreiben begann, ist ebenfalls nicht bekannt, sicher ist jedoch, dass er 1853, im Alter von 25 Jahren, der Svenska Akademien ein Manuskript mit 600 Seiten vorlegte damit diese seine Gedichte bewerten sollte. Die Lyrik von Sanders wurde nicht nur für sehr gut befunden, sondern die Akademie wählte auch 33 seiner Gedichte aus und verlieh ihm dafür den großen Preis der Svenska Akademien. Das gesamte Werk sollte dann jedoch erst im Jahre 1858 unter dem Titel Den fallande stjernan: sånger till Selma erscheinen.

Bereits am 1855 arbeitete Nils Fredrik Sander, gemeinsam mit Robert von Kraemer, Carl Rupert Nyblom und Carl August Strandberg am Poetischen Kalender Qvartetten mit und wiederum ein Jahr später veröffentlichte Sander seinen ersten Gedichtband unter dem Titel Karlvagnen in dem auch einige seiner Werke des Selma-Zyklus zu finden waren.

Dass Nils Fredrik Sander, der vom Elternhaus her keinerlei Beziehungen aufbauen konnte, bereits mit seinen Liebesgedichten an Selma einen so bedeutenden Erfolg hatten, kann mehrere Gründe haben, denn zum einen waren diese Gedichte sehr stark von Frans Michael Franzén und von Bernhard Elis Malmström beeinflusst, die beide bereits früher den großen Preis der Svenska Akademien erhalten hatten, und zum anderen konnte er bereits während seines Studiums die Bekanntschaft von Oscar II. machen, dem Sander wertvolle Tipps gab als dieser eine Gedichtsammlung bei der Akademie einreichen wollte.

Nach der Veröffentlichung der Gedichtsammlung an Selma im Jahre 1958 bleibt der Dichter längere Zeit stumm. Als Nils Fredrik Sander dann 1870 erneut an die Öffentlichkeit tritt, hat er eine bedeutende Wandlung erlebt, denn Sander hat sich in der Zwischenzeit sehr intensiv mit der neugriechischen Literatur und vor allem mit der nordischen Mythologie beschäftigt und er wirkt sowohl als Übersetzer als auch als wissenschaftlicher Autor, der mehrere sehr bedeutende Studien über die Edda vorlegt. Mit seiner Übertragung der Sage Sämund den Vises Skaldeverk gelingt es Sanders nicht nur ein historisches Werk in modernem Schwedisch zu präsentieren, sondern er kann auch 25 Künstler dazu gewinnen, das Werk mit 170 Zeichnungen zu ergänzen.

In dieser zweiten Schreibphase von Nils Fredrik Sander entstehen nur noch wenige Gedichte und der Autor entwickelt sich mehr und mehr zu einem wissenschaftlichen Schriftsteller, der die schwedische Vorzeit wieder lebendig macht. Da Sanders jedoch nur mit den ältesten Texten arbeitet und die Sagen und Skaldenstücke auf eine neue Weise interpretiert und übersetzt, gewinnt er in dieser Zeit zahlreiche Feinde, die den „klassischen“ Weg Schwedens in der Mythologie sehen wollen und keine Modernisierung.

Die modernen Übersetzungen der nordischen Mythologie waren auch das größte Hindernis für eine Wahl in die Svenska Akademien, denn diese Werke wurden damals als persönliche Phantasie des Autors betrachtet. Erst als Nils Fredrik Sander davon Abstand genommen hatte, wurde er 1889, nach Vilhelm Erik Svedelius, auf den Stuhl Nummer 7 der Akademie gewählt.

Als Nils Fredrik Sander seine mythologischen Werke schrieb, schuf er im Grunde, parallel zu Viktor Rydberg, eine neue Art der Literatur, denn er bearbeitete historischen Stoff mit romantechnischen Methoden und legte daher mehr Wert auf das Verständnis eines Textes als seine wörtliche Übersetzung, was auch Ende des 19. Jahrhunderts noch einen Widerstand unter den Historikern und Politologen verursachte, die in der nordischen Mythologie immer noch den Ursprung der Welt sahen und für die die Edda mit einer Bibel oder einem Koran verglichen werden muss, die nicht interpretiert werden durften.

Nils Fredrik Sander gehört zu den schwedischen Schriftstellern, die heute nahezu vergessen sind und nur noch wenige seiner Gedichte werden in den Anthologien zur schwedischen Dichtkunst aufgenommen. Dies liegt jedoch nicht nur daran, dass er ab 1870 zur populärwissenschaftlichen Literatur überging, sonder auch daran, dass er sich damit mehr und mehr von den einflussreichen Kreisen des Landes entfernte, ein Problem, das ihn gewissermaßen bis heute verfolgt, da Literaturwissenschaft selten Forschung bedeutet, sondern herkömmliche Linien zu übernehmen.

Copyright: Herbert Kårlin