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6 juni 2013

Nils Wilhelm Lundh, der Naturromantiker Skånes

Nils Wilhelm Lundh wurde am 14. Februar 1879 als Sohne des Bankdirektors Gustaf Fredrik Lundh und dessen Frau Wilhelmina Carolina Råbinsson in Malmö geboren und starb am 6. Juni 1953 im Alter von 74 Jahren in Stockholm. Lundh war ab 1908 mit der Sängerin Alice Harriet (Hetty) Meisner verheiratet.

Über Kindheit, Jugend und Ausbildung von Nils Wilhelm Lundh weiß man nahezu nichts und selbst die Bruchstücke, die man kennt, sind lückenhaft. Sicher ist lediglich, dass Lundh die Spyken, eine private Realschule in Lund, besuchte und zwischen 1899 und 1902 bei der staatlichen Eisenbahn SJ (Statens Järnvägar) angestellt war. Anschließend war Lundh hauptberuflich als Schriftsteller tätig.

Nils Wilhelm Lundh, En författares resa. Kring Italien, Lindblads, 1924

Der Durchbruch als Schriftsteller kam für Nils Wilhelm Lundt bereits mit seinem ersten Buch Hvita kyrkans by, drei Erzählungen aus Skåne in denen die Landschaft der Region die wichtigste Rolle spielt. Der Autor kehrt dabei in die Landschaft seiner Jugend zurück, ein Thema, das er auch später immer wieder aufnehmen wird. Gleichzeitig mit der Erscheinung seines nächsten größeren Werkes Berättelse från Ödestrand im  Jahre 1905 erhält Lundh ein Stipendium von der Albert Bonnier Stiftung, das ihm ermöglicht sich ohne finanzielle Probleme auf das Schreiben zu stürzen.

Dass sich Nils Wilhelm Lundh so früh entschied ganz auf die Schriftstellerei zu setzen, hing sicher auch mit einem Brief von Verner von Heidenstam zusammen, denn Lundh hatte dem damals bereits bekannten Dichter, der ebenfalls bei Bonniers unter Vertrag war, sein Erstlingswerk zur Begutachtung geschickt und war von diesem ermuntert und gelobt worden.

Der Stil im ersten Buch Nils Wilhelm Lundhs wirkt noch zaghaft und gleicht in vielen Punkten jenem von Selma Lagerlöf, deren Art zu schreiben der Autor bewundert und nachahmt. Später behält er die Romantik von Lagerlöf und Heidenstam, aber er befreit sich von deren Einflüsse und findet seinen persönlichen Weg, was seine Naturschilderungen weitaus lebhafter und bildlicher macht und dem Leser ermöglicht selbst den Jahreszeiten der Natur gefühlsmäßig zu folgen.

Mit den folgenden Büchern verändert sich jedoch nicht nur der Stil von Nils Wilhelm Lundh, sondern er bettet in seine Naturbeschreibungen immer mehr Außenseiter der Gesellschaft ein, was sich insbesondere bei seinen Romanen Bleik aus dem Jahre 1911 und Eusebia aus dem Jahre 1916 sehr deutlich zeigt. Der Schriftsteller setzt in eine den Naturgewalten ausgesetzte Natur die entsprechenden Personen, die alle in gewisser Weise am Rande der Gesellschaft existieren. Einige dieser Züge findet man auch beim Autor selbst, der die Gesellschaft weitgehend meidet und ein ausgeprägter Individualist ist, der sich in der Einsamkeit der Natur am wohlsten fühlt.

Die Romane von Nils Wilhelm Lundh spielen jedoch nicht nur in Schweden, denn jeder Ort, den er besucht inspiriert ihn, vor allem wenn er dort, wie zum Beispiel am Vesuv, kräftige Naturgewalten vorfindet. Aber auch dann bleibt Lundh noch ein Romantiker, der hinter den Felsen und in den Wurzeln der Bäume die Zauberwesen und Trolle sucht, eine Mischung, die viele Leser erstaunt.

Durch den Mangel an tieferen Kontakten mit anderen Autoren, trotz seiner mehrjährigen Tätigkeit als Sekretär in Sveriges författareforening, und einem nahezu isolierten Leben, entwickelt Nils Wilhelm Lundh einen eigenen Stil, eine eigene Welt und seine Werke können mit keinem anderen Autor Schwedens verglichen werden, was sich jedoch nicht als Vorteil auswirkt, denn innerhalb der akademischen Literaturgeschichte Schwedens wird Lundh nur sehr selten genannt, ein Schicksal, das er mit sehr vielen anderen Schriftstellern des Landes teilt.

Auch wenn man Nils Wilhelm Lundh in erster Linie mit romantischen Naturromanen verbindet, so veröffentlichte er auch Reisebücher, vor allem über Italien und Nordafrika, und er schrieb eine größere Anzahl an Schauspielen. Sein bekanntestes Werk für das Theater war Ljunghuset, das 1918 Premiere hatte.

Erstaunlicherweise endet die literarische Aktivität von Nils Wilhelm Lundh mit seinen beiden Bänden En författares resa im Jahre 1924 auf abrupte Weise, zu einer Zeit, als der Schriftsteller ein Unternehmen gründete. Dieser Einschnitt war auch die Ursache dafür, dass der Schriftsteller selbst bei den treuesten Lesern bald in Vergessenheit geraten war.

Copyright: Herbert Kårlin

9 maj 2013

Sophie Elkan und der menschliche historische Roman Schwedens

Sophie Elkan, geborene Salomon, wurde am 3. Januar 1853 als Tochter des Kaufmanns Alexander Salomon und dessen Frau Henriette Abrahamson in Göteborg geboren und starb am 5. April 1921 ebenfalls in Göteborg. Elkan war ab 1872 mit ihrem Cousin Nathan Elkan verheiratet.

Die spätere Schriftstellerin wuchs in gut bürgerlichem Milieu auf, wobei der Vater erst wenige Jahre vor der Geburt von Sophie Elken von Stockholm nach Göteborg gezogen war und die Großeltern aus Deutschland eingewandert waren. Die Erziehung war daher etwas offener als jene der meisten schwedischen Frauen jener Zeit. Allerdings machte ihr ihre Herkunft auch einige Probleme, da die junge Elkan Schweden als ihr Heimatland betrachte, sie aber immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass ihre Vorfahren nicht aus diesem Land kommen.

Sophie Elkan, Säve, Kurt & comp., Booklund Förlag, Lund, 1990

Sophie Elkan besuchte Frau Bruenechs Privatschule in Göteborg und machte sich dort damit bemerkbar, dass sie sehr wissbegierig war und sehr früh die Gedichte von Esaias Tegnér las, was die Lehrerin wiederum wenig befürwortete, da ein Mädchen um diese Zeit sich auf die Ehe vorbereiten sollte und zu viel Bildung eher als Nachteil gesehen wurde. Elkan beschreibt diese Erfahrungen in ihrer Novelle Två fågelungar ausführlich, wobei ihr die Meinung der Lehrerin jedoch wenig anhaben konnte, da sie auch von zu Hause zum Lesen angehalten wurde.

Mit 19 Jahren heiratete Sophie Elkan ihren Cousin, der eine Musikbuchhandlung in Stockholm hatte. Ab 1877 begann die Familie, die mittlerweile auch eine Tochter hatte, ihre Reisen in den Süden, die dem Ehemann gegen ein Lungenproblem helfen sollten. Gegen Weihnachten 1879 starb er jedoch an Tuberkulose in französischen Nice und nur einen Tag später starb auch die Tochter. Elkan kehrte nach Göteborg zurück und suchte nun nach einer neuen Beschäftigung.

Nach dem Tod ihres Mannes begann Sophie Elkan zuerst für ihren Bruder als Übersetzerin der Serie Skrifter av uppfostringskonstens stormän, aber schon 1889 erschienen dann Elkans erste Novellen in der Göteborgs Handelstidning, allerdings unter dem Pseudonym Rust Roest. Noch im gleichen Jahr veröffentlichte Elkan dann auch ihr erstes Buch mit dem Titel Dur och moll. In den darauf folgenden Jahren war die Schriftstellerin ungemein aktiv und veröffentlichte mehrere Bücher mit Novellen, zwei Romane und arbeitete für literarische Kalender.

Im Jahre 1894 lernte Sophie Elkan bei einem Aufenthalt in Stockholm Selma Lagerlöf kennen. Obwohl die beiden Frauen literarisch eine entgegengesetzte Auffassung hatten, da Lagerlöf nach Romantik suchte und Elkan den Realismus, entwickelte sich eine enge Freundschaft, ein langer Briefwechsel und mehrere Reisen, die die beiden Frauen gemeinsam machten, wobei sie sich hier ergänzten, da Elkan ab ihrem 19. Lebensjahr viel unterwegs war und die etwas jüngere Lagerlöf nie zuvor Auslandsreisen gemacht hatte.

Vor allem die gemeinsame Reise in den Mittleren Osten war für beide Frauen auch literarisch ergiebig, denn Lagerlöf schrieb anschließend den Roman Jerusalem und Sophie Elkan den Roman Drömmen om österlandet, die kaum unterschiedlicher sein können und deutlich den Charakter und die Denkweise der Reisegefährtinnen zeigen.

Die literarische Stärke von Sophie Elkan zeigt sich in ihren historischen Romanen, die gewissermaßen mit ihrem Werk John Hall, en historia från det gamla Göteborg aus dem Jahre 1899 einsetzte und wie auch ihre späteren historischen Romane nicht nur auf eine ausführliche Archivarbeit aufbaut, sondern auch auf Legenden mit einer gewissen literarischen Freiheit, denn für Elkan war es wichtig eine historische Atmosphäre zu schaffen, die den Leser fesselt.

Die Geschichtsromane von Sophie Elkan unterscheiden sich aber auch noch in anderen Punkten von den historischen Romanen jener Zeit, denn die Schriftstellerin schreibt Romane über einzelne Personen, die sie alle als unglückliche Menschen mit einem unglücklichen Schicksal sieht. Und gerade in dieser ausgesetzten Situation macht sie die handelnde Person für den Leser sympathisch, denn in ihrem Buch ist Jacob Johan Anckarström kein verbrecherischer Revolutionär und Gustav IV. Adolf kein Übermensch. Ohne die Geschichtsschreibung zu verfälschen, lässt Sophie Elkan den Menschen mit seinen Schwächen und seinen Fehlern erscheinen.

Sophie Elkan ist für viele Literaturwissenschaftler nahezu ein Anhang zu Selma Lagerlöf und wird deshalb, zu Unrecht, nur mit wenigen Worten in der schwedischen Literaturgeschichte genannt, aber wer einige ihrer historischen Romane gelesen hat, stellt sehr schnell fest, dass Elkan eine ausgereifte Schriftstellerin ihrer Zeit war und sie lediglich die Freundschaft mit Selma Lagerlöf verband.

Sophie Elkan wurde im jüdischen Friedhof in Göteborg begraben. Ihr gesamtes Vermögen hatte sie Selma Lagerlöf vermacht, die nach dem Tode der Autorin einen Raum in Mårbacka mit Elkans Möbel und Bildern einrichtete und damit den sogenannten Elkanrummet schuf.

Copyright: Herbert Kårlin

8 maj 2013

Nelly Sachs und die Gedichte zur Flucht des jüdischen Volkes

Nelly (Leonie) Sachs wurde am 10. Dezember 1981 als Tochter des Fabrikanten William Sachs und dessen Frau Margarete Karger in Berlin-Schöneberg geboren und starb am 12. Mai 1970 in Stockholm. Nelly Sachs besaß ab 1952 die schwedische Staatsbürgerschaft und war nie verheiratet. Ihre Verbindung zu einem geschiedenen Mann wurde vom Vater unterbunden. Auch wenn die Schriftstellerin diese Verbindung dennoch aufrecht hielt, so starb ihre einzige Liebe vermutlich in einem Konzentrationslager.

Die Schriftstellerin wuchs in einem gutbürgerlichen Heim ursprünglich jüdischer Herkunft auf. Da Nelly Sachs als Kind zu Krankheiten neigte, wurde sie anfangs zu Hause unterrichtet, kam jedoch 1903 in eine höhere Mädchenschule wo sie die Mittlere Reife ablegte. Mit 15 entdeckte Sachs Selma Lagerlöfs Roman Gösta Berling, der sie so stark beeindruckte, dass sie mit der Schriftstellerin Kontakt aufnahm und einen Briefwechsel begann, der 35 Jahre lang andauern sollte.

Nelly Sachs, Collected Poems II, Green Integer, 2013

Diese Verbindung zu Selma Lagerlöf führte vermutlich auch dazu, dass die an Literatur interessierte Nelly Sachs mit 17 ihre ersten Gedichte schrieb, auch wenn es bis 1921 dauern sollte bis auch ihr erster Gedichtband unter dem Titel „Legenden und Erzählungen“ erschien. Es handelte sich dabei um melancholische Gedichte der Neuromantik, die die Schriftstellerin in ihren Gesammelten Werken nicht mit aufnahm. Ab Ende der 20er Jahre erschienen ihre Gedichte auch in mehreren Zeitungen und Zeitschriften, wobei sie in dieser Epoche jedoch immer mehr zu experimentellen Gedichten überging, die teilweise schwer zu deuten waren. Ein großer Teil der Berliner Gedichte von Nelly Sachs ging jedoch verloren, da sie 1940, gemeinsam mit ihrer Mutter, im letzten Moment noch aus Berlin fliehen konnte und ihre Werke den Bücherverbrennungen in Deutschland zum Opfer fielen.

Als Nelly Sachs im Mai 1940 mit einem der letzten Flugzeuge nach Schweden floh, konnte ihr Selma Lagerlöf, auf die sie ursprünglich gerechnet hatte, leider nicht mehr helfen, da diese nur wenige Wochen vorher gestorben war, aber sie fand bei Prinz Eugen, dem Bruder des schwedischen Königs Hilfe, was ihr nach monatelangen Problemen mit der Bürokratie erlaubte in Schweden zu bleiben, wo sie dann von mehreren Autoren des Landes unterstützt wurde.

Während der ersten Jahre in Schweden schrieb Nelly Sachs nur sehr wenige Gedichte und nach dem Ende des ersten Weltkriegs begann sie anfangs vor allem schwedische Autoren ins Deutsche zu übersetzen. Erst ab 1946 begann die Poetin auch wieder an eigene Werke zu denken und begann jene Gedichte zu schreiben, mit denen sie weltweit bekannt wurde und für die sie im Jahre 1966 mit dem Nobelpreis der Literatur belohnt wurde.

Auch wenn Nelly Sachs sehr gut Schwedisch sprach und ihr Leben lang in Schweden bleiben sollte, so versuchte sie nie in Schwedisch zu schreiben, sondern benutzte immer die deutsche Sprache und suchte in Deutschland ihre Verleger. Johannes R. Becher half der Schriftstellerin dabei im Jahre 1947 ihren ersten Nachkriegs-Gedichtband „In den Wohnungen des Todes“ zu veröffentlichen, der eine erste lyrische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich darstellt.

Auch wenn sich Nelly Sachs auf Grund des aufkommenden Nationalsozialismus bereits in Deutschland mit der jüdischen Kultur und damit dem Chadisismus und der Kabbale auseinandergesetzt hatte, begann sie erst in Schweden ihre Lyrik zur einer Klagelyrik des jüdischen Volkes zu machen und sie verzichtete vollständig darauf nicht-politische Gedichte zu schreiben. Die Schriftstellerin beschränkt sich dabei jedoch nicht nur auf die Gräueltaten und die Verfolgungen während des Zweiten Weltkriegs, sondern betrachtet die ewige Flucht des jüdischen Volkes. Die Bedeutung dieser politischen Lyrik findet man auch in den Worten des Nobelpreiskomitees, denn sie erhielt den Preis für „ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren.“

Da Nelly Sachs grundsätzlich in Deutsch schrieb, jedoch ihre Hauptwerke in Schweden verfasste, wo sie auch ihre schwersten Krisen erlebte, nimmt sie eine Zwischenstellung zwischen deutscher und schwedischer Literatur ein und wird in der Literaturgeschichte beider Länder verzeichnet.

Die Gedichte und die Dramaturgie, die Nelly Sachs in Gedanken an das jüdische Volk schrieb, sind weder Deutsch noch Schwedisch, sondern eine Frage auf Weltniveau. Die große Leistung der Schriftstellerin für die schwedische Literatur muss man vor allem in ihren Übersetzungen suchen, denn zwischen 1945 und 1965 übersetzte sie einige bedeutendsten schwedischen Dichter, denen sie in gewisser Weise auch ihre Stimme gab. Unter den Autoren, die Sachs den deutschen Lesern näher brachte, findet man Namen wie Johannes Edfelt, Gunnar Ekelöf, Karl Vennberg oder auch Erik Lindegren, die alle Teil der schwedischen Moderne sind.

In der königlichen Bibliothek Stockholms findet man das Gedenkzimmer Nelly Sachs, eine Kopie ihrer Wohnung auf Södermalm in dem man ihren gesamten Besitz findet. Auf Kungsholmen wurde auch ein Park nach Nelly Sachs benannt.

Copyright: Herbert Kårlin

1 april 2013

Maj Bylock und die schwedische Geschichte für Kinder

Maj Bylock, geborene Andersson, wurde am 21. März 1931 als Tochter des Veterinärs Nils Andersson und dessen Frau Manda Möller in Visby auf Gotland geboren und lebt heute bei Karlstad im Värmland. Bylock ist seit 1952 mit Erik Olof (Olle) Sigvard Bylock verheiratet.

Da die Familie Andersson bereits 1943 ins Värmland zog, verbrachte Maj Bylock nur ihre Kindheit auf Gotland und besuchte das Gymnasiumbereits  in Karlstad, wo sie 1951 auch die Hochschulreife ablegte und anschließend ein Lehrerstudium machte, eine der wenigen Ausbildungszweige, die damals in Karlstad zur Verfügung standen. Bylock arbeitete anschließend bis 1961 als Volksschullehrerin.


Auch wenn Maj Bylock, wie so viele andere schwedische Autoren, bereits mit sieben Jahren ihre ersten Gedichte schrieb und mit zwölf mit einem ihrer Gedichte auch einen Preis errang, so ließ sich die Autorin nicht von der Lyrik fangen, sondern von den Erzählungen ihres Vaters, der ihr bereits sehr früh die Geschichte Gotlands auf spannende Weise näher gebracht hatte und ihr mit Hilfe von Legenden und historischen Plätzen eine vergangene Welt öffnete.

Nach ihrem Vorbild Selma Lagerlöf begann Maj Bylock noch als Lehrerin damit Lehrbücher in Religion und Geschichte zu schreiben mit denen sie den Unterrichtsstoff spannender gestalten wollte. Auch wenn die Schriftstellerin dabei einen gewissen Erfolg hatte und das Interesse der Schüler für eine trockene Materie wecken konnte, so kam damit kein Erfolg und ihre Werke wurden nur in einem sehr begrenzten Raum eingesetzt. Vieles benutzte die Autorin auch nur beim eigenen Unterricht als eine Art Revolte gegen den klassischen Faktaunterricht, der um diese Zeit noch üblich war.

Aber Maj Bylock gab deswegen nicht auf Bildung auf einfache Weise zu vermitteln, sondern begann ab Mitte der 60er Jahre Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, deren Themen sie sehr häufig aus der Geschichte holte. Ihr Ziel dabei war, dass sich die jungen Leser mit einer Persönlichkeit des Buches identifizieren konnten und damit Teil der Erzählungen wurden. Diese Technik verhalf unzähligen Kindern Schwedens dazu sich für die Geschichte der Wikinger, der Hexenverfolgungen oder auch für die religiöse Mythologie zu interessieren.

Eine besondere Rolle nehmen in diesem Rahmen die sieben Bücher über die Hexen Schwedens des 17. und 18. Jahrhunderts ein, die sich vor allem an junge Mädchen richten und deren Hauptfiguren auch starke Mädchen spielen. Maj Bylock gelang es mit dieser Serie, die zwischen 1989 und 1998 erschien, einen Beitrag zur Frauenbewegung Schwedens zu schaffen ohne dabei zu den typischen Mitteln der Frauenliteratur greifen zu müssen und sie lässt gleichzeitig ein Stück schwedischer Geschichte entstehen, das ohne Fakten und Zahlen auskommt, die Jugendliche ohnehin weder interessiert, noch für das Verständnis jener Zeit eine wichtige Rolle spielt.

Noch bis zu  21. Jahrhunderts unterschied man bei Maj Bylock sehr deutlich die Kategorien Jugendbuch und Lehrbuch und erst in den letzten Jahren zeigen wissenschaftliche Forschungen, dass beides eine Einheit ausmacht, insbesondere, wenn man bedenkt, dass Bylock keinerlei geschichtlichen Fakten verfälschte, sondern lediglich durch fiktive Personen mit denen sich die Leser identifizieren können ergänzte und damit einen lockeren Zusatz zu vorhandenem reinem didaktischen Materials bietet.

Auch wenn Maj Bylock bisher nur einen Teil der schwedischen Geschichte in Form von Kinder- und Jugendbüchern erzählte, begann sie ab 1995 immer mehr in die Belletristik überzugehen und die weltweit wichtigsten Jugendbücher in schwedischer Sprache nachzuerzählen. Ihr erster Band war einer der Bestseller der Jugendliteratur aller Zeiten, nämlich „Onkel Toms Hütte“.

Noch heute zögern viele Literaturwissenschaftler Maj Bylock in der schwedischen Literaturgeschichte aufzunehmen, obwohl gerade Bylock immer noch sehr viel gelesen wird und ihre Bücher mehr in Bibliotheken ausgeliehen werden als jene anderer Autoren von Kinder- und Jugendbücher und damit einen wesentlichen Beitrag innerhalb der schwedischen Literatur leisten, auch dadurch, dass sie täglich weitere Kinder und Jugendliche ans Lesen bringt.

Maj Bylock erhielt im Jahre 1990 den begehrten Astrid Lindgren-Preis und wurde 2006 Ehrendoktor der Universität Karlstad. Bylocks bisher zuletzt erschienenes Buch Dimmornas ö ist der dritte Band über die Kelten im heutigen Frankreich und zeigt die Vermischung von der Geschichte der Kelten und ihrer Mythologie.

Copyright: Herbert Kårlin

Messetermine in Göteborg

30 januari 2013

Erik Lindorm, ein Anarchist wird zum Schriftsteller

Erik Lindorm wurde am 20. Juli 1889 als Sohn des Lagermeisters im Weinhandel Gustaf Jonsson und dessen Frau Edla Maria Berglund in Stockholm geboren und starb am 30. Januar 1941 ebenfalls in der schwedischen Hauptstadt. Lindorm war seit August 1910 mit Elin Marta Magdalena Berg verheiratet.

Seine Kindheit in kleinbürgerlichem Milieu verbrachte Erik Lindorm in Stockholm, in Gävle und Blekemåsa in Skåne, da sein Vater beruflich viel unterwegs war. Die Realschule besuchte besuchte Lindorm auf Norrmalm in Stockholm. Schwierigkeiten mit seinem Vater verursachten jedoch, dass Lindorm sein Elternhaus bereits 1904, im Alter von 15 Jahren, endgültig verließ um sich selbst zu versorgen.


Ab 1904 versorgte sich Erik Lindorm durch Schreiben, wobei er im ersten Jahr vor allem im Journalismus arbeitete, ab 1905 jedoch beim neu gegründeten Såningsmannen begann, wo er außer kleineren journalistischen Artikeln vor allem auch Gedichte und längere Sagen schrieb und bei dieser Gelegenheit auch den Namen Jonsson in das Pseudonym Lindorm benannte, einer Straße an der er als Kind längere Zeit gewohnt hatte. Im Jahre 1916 ließ er dann diesen Namen auch offiziell als seinen Familiennamen eintragen.

Sehr früh kam Erik Lindorm in Kontakt mit der schwedischen Arbeiterbewegung, die um diese Zeit mehr und mehr Fuß in Schweden fasste und ab 1906 schrieb er für die humoristische Zeitschrift Karbasen, dann für den Social-Demokraten und ab 1907 für das jungsozialistische Organ Brand. Vor allem in Brand zeigte sich Lindorm als Freidenker und Atheist, der im Kampf mit der bürgerlichen Gesellschaft, der Kirche und selbst der bereits etablierten Schicht der Sozialdemokraten war. In dieser Zeit tauchte ein weiteres Pseudonym des Journalisten und Schriftsteller auf, nämlich Erik Väderhatt, einen Namen, der er später wieder ablegte.

Da sich Erik Lindorm in keine rein parteisozialistische Richtung kritiklos eingliedern wollte, musste er 1911 Brand verlassen, um jedoch bereits ein Jahr später, gemeinsam mit dem Zeichner Ivar Starkenberg, eine eigene Zeitschrift unter dem Titel Naggen auf den Markt zu bringen, die bei sporadischer Erscheinungsweise bis 1922 veröffentlicht wurde und dem deutschen Simplicissimus nachempfunden war und während des ersten Weltkriegs das bekannteste Satireblatt Schwedens wurde.

Neben seinen Veröffentlichungen in den verschiedensten linken Medien Schwedens war 1908 auch der erste Gedichtband von Erik Lindorm erschienen, der den Titel Bubblor från botten hatte und eigentlich nahezu unbemerkt blieb. Erst seine Gedichtsammlung Tal till mitt hjärta aus dem Jahre 1912 wurde dann von Kritikern und Lesern entdeckt, was wegen dem Erfolg des Bandes auch dazu führt, dass sich der Verlag Bonniers um den Autor zu kümmern begann und ab diesem Band zu seinem Verleger wurde. Zahlreiche Gedichte dieses Bandes sprechen bereits von der Kürze des Lebens und zeigen, dass dem Autor die Zeit davonzurennen scheint.

Erik Lindorm teilt ab dieser Epoche seine Zeit zwischen der Arbeit eines Journalisten, eines Poeten und eines Schriftsteller, wobei er ab 1924 in der Tageszeitung SvD (Svenska Dagbladet) vor allem zu aktuellen Ereignissen Stellung nimmt und ab 1929 im Vecko-journalen als sehr konservativer Theaterkritiker Einfluss auf den Geschmack der Leser zu nehmen versucht. Dies muss man auch im Zusammenhang damit sehen, dass Lindorm in den 20er und Anfang der 30er Jahre selbst Theaterstücke wie Moloch, Rötmånad, Röda Dagen oder Domaredansen schrieb, die jedoch keinen größeren Einfluss auf die Dramaturgie Schwedens ausübte.

In den 30er Jahren entwickelte Erik Lindorm eine für Schweden völlig neue Art des Buches, den sogenannten Bokfilmen. Der Schriftsteller und Journalist verband hier verschiedenste Zeitungsartikel mit Bildern um eine Chronik der Gegenwart zu schaffen. Die vielleicht bedeutendsten Werke dieser Reihe waren die Bücher zum 75. Jahrestag von Gustav V., jenes über Selma Lagerlöf und das Buch über Oscar II.

Seine sehr umfassende publizistische Aktivität ergänzte Erik Lindorm mit der Herausgabe von Anthologien, Übersetzungen und weiterhin als Theaterkritiken, was ihm zu einem sehr gutem Einkommen verhalf, aber den Niedergang des Schriftstellers nicht verhindern konnte, denn mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus, der auch in Schweden sehr bedeutend war, gab er die Abstinenz auf und griff zum Alkohol. Lindorm sah seine Ideen der Freiheit mit der nationalistischen Bewegung verschwinden und bemerkte kaum, dass mit seiner depressiven Stimmung und dem Alkohol auch das Familienleben sehr stark auf die Probe gestellt wurde. Die politische Entwicklung und seine Ängste drückte Lindorm am deutlichsten mit seinem Gedichtband Dikter aus, das Bonniers im Jahr seines Todes veröffentlichte.

Copyright: Herbert Kårlin

20 november 2012

Selma Lagerlöf, christliche Literatur und Frauenbewegung

Selma Lagerlöf wurde am 20. November 1858 auf Mårbacka in Östra Ämtervik, Värmland, als Tochter des Leutnants Gustaf Lagerlöf und seiner Frau Lovisa Wallroth geboren. Die Schriftstellerin starb am 16. März 1940 im Alter von 81 Jahren im gleichen Ort, auch wenn sie zwischenzeitlich viele Jahre in Falun lebte.

Bereits bei Geburt hatte Selma Lagerlöf einen Hüftschaden, der unter Umständen dazu führte, dass sie mit dreieinhalb Jahren vorübergehend auf beiden Beinen gelähmt war und sich nie so frei bewegen konnte wie andere Kinder. Wie um diese Zeit üblich im bürgerlichen Milieu, besuchte die Schriftstellerin keine öffentliche Schule, sondern hatte Privatlehrer, die nach Mårbacka kamen und Selma, außer dem üblichen Stoff, auch Englisch und Französisch beibrachten.


Nach eigenen Erzählungen wollte Selma Lagerlöf bereits mit sieben Jahren Schriftstellerin werden, auch wenn sie in dieser Zeit zwar viel las, aber von ihr selbst keine literarischen Anfangswerke vorhanden sind. Als Selmas Vater im Jahre 1868 schwer krank wurde, bat sie Gott ihm das Leben zu lassen und las zu diesem Zweck die gesamte Bibel, was später mehrere ihrer Werke stark beeinflusste. Der Vater wurde gesund und lebte weitere 17 Jahre.

Mit Zwölf begann Selma Lagerlöf ernsthaft Gedichte zu schreiben, wobei sie dabei zur klassischen Versform griff. Erst als ihre Wohltäterin Sophie Adlersparre sie dazu anregte in Prosa zu schreiben und die klassische Schreibart zu verlassen, begann sich Selma von der Lyrik zur Prosa zu bewegen.

Im Jahre 1882 entschied sich Selma Lagerlöf, entgegen der Meinung des Vaters, für ein Lehrerstudium in Stockholm, das sie drei Jahre später mit Erfolg beendete. In dieser Zeit ging es finanziell für die Familie Lagerlöf abwärts und das Gut Mårbacka musste verkauft werden. Selma Lagerlöf begann daher nach dem Studium in der Grundschule in Landskrona zu arbeiten, wo sie bis 1895 blieb.

Nachdem Selma Lagerlöf bei einem literarischen Preisausschreiben der Zeitschrift Idun gewonnen hatte, begann sie ernsthaft zu schreiben, was 1891 zur Veröffentlichung der Gösta Berlings saga führte, einer Beschreibung des Värmlands des 19. Jahrhunderts. Um genügend Zeit für das Buch zu finden, erhielt die Schriftstellerin ein Stipendium von Sophie Adlersparre. Das Buch wurde wegen seinem sachlichen Stil allerdings mit wenig Begeisterung von der Kritik aufgenommen, auch wenn es heute als Meisterwerk der Weltliteratur betrachtet wird.

Ab 1895 widmete sich Selma Lagerlöf ganz der Schriftstellerei und 1897 zog sie mit ihrer Tante Kajsa Lovisa Lagerlöf nach Falun um ihrer Schwester Gerda näher zu sein. In dieser Epoche begann die Schriftstellerin auch mehrere Reisen in Begleitung ihrer Freundin Sophie Elkan durch Europa zu machen, die sie 1900 selbst bis in den Mittleren Osten führten. Die Eindrücke, die Selma während der Reise sammelte, führten zu ihrem Roman Jerusalem.

Im Jahre 1906 wollte Selma Lagerlöf dann ein Geografiebuch über Schweden schreiben, das im Unterricht verwendet werden konnte. Leider vergass sie dabei die Region Halland, was dazu führte, dass Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige nur Belletristik wurde und nicht als Schulbuch anerkannt werden konnte. 

Nach mehrmaliger Nominierung erhielt Selma Lagerlöf im Jahre 1909 als erste Frau Schwedens den Nobelpreis der Literatur. Die Preissumme half ihr dann das geliebte Mårbacka wieder zu erwerben, ohne jedoch dort wieder permanent einzuziehen. 1914 wurde die Schriftstellerin dann auch auf den Stuhl Nummer Sieben der Svenska Akademien gewählt wo sie Albert Theodor Gellerstedt folgte. Auch hier war Selma Lagerlöf wieder die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde.

Selma Lagerlöf hatte jedoch nicht nur als Schriftstellerin eine große Bedeutung, sondern sie engagierte sich in der Lokalpolitik, setzte sich für das Wahlrecht der Frauen ein, war Mitgründerin der Volkspartei und half der Jüdin Nelly Sachs 1940 bei der Flucht nach Schweden. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg hatte sich Lagerlöf, obwohl sie eine Fürsprecherin der Rassenbiologie war, gegen die Judenverfolgung in Deutschland ausgesprochen, was ihre Bücher dort auf die Schwarze Liste brachte. Die Ursache für den Widerstand der Judenverfolgung ist allerdings in ihrem intimen Verhältnis zu Sophie Elkan zu suchen, die ebenfalls jüdischer Herkunft war.

Der sehr intime Briefwechsel Selma Lagerlöfs mit Sophie Elkan und Valborg Olander, die beide Frauenrechtlerinnen waren, zeigt ziemlich deutlich, dass Selma Lagerlöf lesbische Neigungen hatte, die jedoch nie an die Öffentlichkeit gerieten, was von der heutigen Warte aus sehr positiv zu betrachten ist, da Homosexualität in Schweden um diese Zeit noch eine Straftat war. Bei einem offenen oder auch indirekten Bekenntnis zur Homosexualität hätte Selma Lagerlöf weder den Nobelpreis erhalten, noch wäre sie in die Svenska Akademien aufgenommen worden, sondern ihr gesamtes Leben und Schaffen wäre dadurch in andere Bahnen geraten.

Selma Lagerlöf, die bereits zu Lebenszeiten weltberühmt geworden war, starb am 16. März 1940 an einer Lungenentzündung und einer Gehirnblutung, nachdem sie bereits eine Woche lang bewusstlos im Bett gelegen hatte. Nils Holgerssons Reise wurde mittlerweile in 60 Sprachen übersetzt und die Gösta Berlings saga in knapp 50 Sprachen.

Copyright: Herbert Kårlin