Visar inlägg med etikett Gesellschaftskritik. Visa alla inlägg
Visar inlägg med etikett Gesellschaftskritik. Visa alla inlägg

23 februari 2013

Ivar Lo-Johansson, ein Pfeiler der Arbeiterliteratur Schwedens

Ivar Lo-Johansson (eigentlich Karl Ivar Loe) wurde am 23. Februar 1901 als Sohn des landwirtschaftlichen Arbeiters Johan Gottfrid Jansson, einem sogenannten Statare, und dessen Ehefrau Anna Lovisa Andersdotter in Ösmo geboren und starb am 11. April 1990 in Stockholm. Lo-Johansson war nie verheiratet, hatte jedoch mehrere längere Liebesverhältnisse mit bedeutenden Frauen, unter anderem der Schriftstellerin Sara Lidman, der Lyrikerin Ann Smith und der Freiherrin Ingrid Stiernblad. Alle diese Verhältnisse verarbeitete der Autor in seinen Büchern.

Seine Kindheit verbracht Ivar Lo-Johansson in ärmlichen Verhältnissen an verschiedenen Orten. Nach sieben Jahren in der Volksschule schien die Ausbildung des Schriftstellers zu Ende zu sein. Seine tatsächliche Bildung erwarb er daher weitaus später an der Volkshochschule, wo er sich nicht nur für die schwedische Sprache und Geschichte interessierte, sondern auch im Privatunterricht Französisch lernte.


Auch wenn Ivar Lo-Johansson sich schon sehr früh entschieden hatte Journalist oder Schriftsteller zu werden, so musste er sich sein Geld erst als Landarbeiter verdienen und, als er mit Mitte 20 nach Stockholm zog, sich mit den unterschiedlichsten Arbeiten über Wasser halten. Der Schriftsteller arbeitete im Steinbruch, versuchte sich als Bildhauer und nahm nahezu jeden Gelegenheitsjob an, der sich bot. Parallel dazu arbeitete er jedoch an seinem ersten Buch.

Im Jahre 1927 erschien mit Vagabondliv i Frankrike das erste Buch von Ivar Lo-Johansson, eine Reiseschilderung von einer Fahrt nach Frankreich, die Lo-Johansson mit 19 oder 20 unternommen hatte. Bereits in diesem Werk findet man die Züge des Arbeiterschriftstellers, der nicht die Schönheit des Landes lobt, sondern in Form eines Reiseberichts das Leben der Bauarbeiter und Bauern Frankreichs schildert. Der Autor plant dieses Thema als Serie auszubauen und in gleicher Weise auch über alle anderen europäischen Länder zu schreiben. Letztendlich besteht diese Reihe dann jedoch nur aus fünf Büchern und endet mit Nederstigen i dödsriket, der Welt der Armen Londons, und Zigenare. En sommar på det hemlösa folkets vandringsstigar, die beide 1929 erscheinen und das Ergebnis seiner Reportagereisen nach Ungarn, Frankreich und England sind.

Nach mehreren Romanen und Novellen aus dem Arbeiterleben und dem Landleben beginnt Ivar Lo-Johansson seine bedeutendsten Werke zu schreiben, die ihn zu einem Vorbild zahlreicher Arbeiterliteraten machen und in ihrer Stärke des Ausdrucks kaum ihresgleichen finden.

Mit seinem Roman Godnatt, jord begann Ivar Lo-Johansson im Jahre 1933 über die Situation der Statarna zu schreiben, über die Landarbeiter, die vor allem im südlichen Schweden üblich waren und einen nicht geringen Teil ihres Lohnes in Form von Naturalien ausbezahlt bekamen, Verträge nur für jeweils ein Jahr erhielten und teilweise wie Leibeigene behandelt wurden. Lo-Johansson beleuchtet in diesen Büchern auch Randprobleme, denn in Kungsgatan folgt er Jugendlichen, die in Stadt entkommen wollen und dort ihr Glück machen wollen und in Bara en mor taucht man in das Leben der Ehefrauen des Statare und erlebt ihre Träumen, die bei dem harten Leben zu Bruche gehen. Bara en mor öffnete dem Schriftsteller eine breite Leserschicht, was letztendlich auch dazu führte, dass diese Art der Ausbeutung 1944 in Schweden verboten wurde.

Mit seinem Roman Geniet im Jahr 1947 geht Ivar Lo-Johansson dann dazu über aus seinem Leben zu erzählen, wobei Geniet noch ein Übergangswerk ist und vor allem von der Einsamkeit des Schreibens handelt, ein Buch das die Isolation beschreibt in die ein Arbeiter gerät wenn er sich im Bereich der literarischen Bourgeoisie bewegt und den Weg nach Oben beschreiten will, einer Welt, wo nicht Wissen und Genie entscheiden, sondern Herkunft und Beziehungen. Ohne den Begriff Mobbing zu kennen, schildert der Schriftsteller hier eine Situation, die heute als Politikum betrachtet wird.

Nur vier Jahre später beginnt Ivar Lo-Johansson mit Analfabeten einer achtbändige Reihe an Romanen, die man als Autobiographie des Schriftstellers betrachten kann und von seiner Kindheit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs führt, wobei der letzte Band Proletärförfattaren kein Roman mehr wird, sondern eine Zusammenfügung verschiedener Erinnerungen, die romantechnisch keinen anderen Platz fanden. Diese Bände werden zwischen 1978 und 1985 durch die vierbändigen Memoiren ergänzt, die unter den Titeln Pubertetet, Asfalt, Tröskeln und Frihet erscheinen.

Eine Sonderstellung im literarischen Schaffen von Ivar Lo-Johansson nehmen die sieben Bände ein, die unter Passionssviten zwischen 1968 und 1972 erschienen, denn der Schriftsteller greift hier nicht zu seiner üblichen Romanform, sondern veröffentlicht 100 Novellen, die die Passionen und Laster der Menschheit schildern. Da er hier jedoch nicht nur über Machthunger und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft schreibt, sondern auch die Erotik und die erotischen Träume eine wichtige Rolle einnehmen, wird der Autor als sittenverderbend betrachtet und die Passionssuite wird nahezu verschwiegen, wodurch die schwedische Gesellschaft ihre Doppelmoral zeigt, da Lo-Johansson nur aus dem tatsächlichen Leben schöpft.

Ivar Lo-Johansson ist der typische Vertreter der schwedischen Arbeiterliteratur des 20. Jahrhunderts, dem es auf die Verbesserung der Gesellschaft ankam und der sich nicht einem Parteisystem unterordnete. So wie er erst gegen das System der Statarna kämpfte, so setzte er sich in den 50er Jahren für ältere Menschen ein, die in Altersheimen versteckt wurden und in der Misere auf den Tod warteten. Durch seine Bücher und Artikel in Zeitschriften konnte er vieles ändern indem er das Volk auf Missstände aufmerksam machte. Und Lo-Johansson war glaubwürdig, denn er er war einer unter den Arbeitern, der über das schrieb, was er selbst erlebt hatte oder mit eigenen Augen gesehen hatte.

Copyright: Herbert Kårlin

20 februari 2013

Klas Östergren, das exzentrische literarische Genie

Klas Östergren wurde am 20. Februar 1955 in Stockholm geboren, war in erster Ehe (1982 - 1989) mit der Schauspielerin Pernilla August verheiratet und lebt seit rund 30 Jahren mit seiner zweiten Frau Cilla und seinen Kindern in Kivik in Skåne. Östergren ist vermutlich der einzige Gegenwartsautor Schwedens, der in jedem seiner Bücher autobiographische Elemente verarbeitet ohne jedoch zu viel zu entschlüsseln, was grundsätzlich die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Selbstdarstellung verschwimmen lässt.

Auch wenn Klas Östergren heute in Skåne lebt, so repräsentiert er den typischen bürgerlichen Autor Stockholms, der weiß wie man aufzutreten hat und in kaum einer Gesellschaftsschicht Fehler macht. Der Schriftsteller selbst sagte einst, dass er nicht in irgendeine Schablone gesetzt werden will und bleibt daher immer etwas mystisch, was sich auch durch ausweichende Erklärungen und sein nahezu „unpersönliches“ Auftreten als Mann der Welt ausdrückt.


Als Literat trat Klas Östergren erstmals im Jahre 1975 an die Öffentlichkeit. Mit seinem Roman Attila legte er unmittelbar einen Verkaufserfolg vor, der im ersten Moment an Ulf Lundells ersten Roman Jack erinnerte, sich auf den zweiten Blick jedoch, im Gegensatz zu Jack, auf zwei Niveaus abspielte, denn bereits in diesem Roman wusste Östergren Fiktion mit Erinnerungen zu verknüpfen. Der Unterschied zu den neueren Büchern des Autors ist jedoch, dass Attila, nach einer Liebesgeschichte, positiv endet und weniger die Abgründe zeigt, die man in den späteren Werken des Schriftstellers entdecken kann.

Der wahre Durchbruch kam für Klas Östergren, nach zwei weiteren Romanen, die man ebenfalls als Anfangsromane bezeichnen kann, denn im Jahre 1980 legt er den Roman Gentlemen vor, eine sehr moderne Version von August Strindbergs Röda rummet wird, ein Buch, das nicht nur eines der meistgelesenen Bücher der 80er Jahre wird, sondern sich in einem modernen Klassiker verwandelt, der mit der Fortsetzung, die 25 Jahre später erschien, von vielen Kritikern und Literaten als das beste Buch Schwedens des Jahrhunderts bezeichnet wird.

Wie auch bei seinen späteren Romanen, ist Klas Östergren bereits bei Gentlemen in der Lage seine Gesellschaftskritik mit Humor zu umgeben und diese also nahezu als Nebensache zu behandeln, obwohl man in der Zeit in der das Buch handelt einen sehr bedeutenden Umbruch der schwedischen Gesellschaft spürt.

Nach der Stärke des Buches Gentlemen wird es für Klas Östergren sehr schwierig an den Erfolg anzuknüpfen und die Folgewerke richten sich daher mehr an die vorhandene Leserschicht als eine neue größere. Das Ergebnis ist, dass sich Östergren die kommenden Jahre vor allem auf Übersetzungen spezialisiert, unter anderem mehrere Dramen von Henrik Ibsen überträgt und The Catcher in the Rye von Jerome David Salinger übersetzt.

Zwischen 1988 und 1994 veröffentlicht Klas Östergren dann die Trilogie Ankare, Handelsmän och partisaner und Under i september, womit er seine Leser damit regelrecht schockt, denn der Autor steigt hier in Tiefen des Alkohols, der Ausgesetztheit, des Misslingens und bietet drei Geschichten, die, in Fiktion verpackt, von Fremdenfeindlichkeit, unglücklicher Liebe und dem Vergessen durch Alkohol handeln. Östergren lässt aber auch hier offen wer wirklich verfolgt und diskriminiert wird oder welche Situationen dazu führen, sondern er bleibt der beobachtende Schriftsteller, der es vermeidet eine klare Stellung einzunehmen, aber dem Leser dennoch zu denken geben will.

Nach zwei weiteren Romanen, die die Leser nur bedingt zufrieden stellen, macht Klas Östergren erneut eine „Romanpause“ und schreibt fünf Jahre lang Manuskripte für Kinofilme und Fernsehfilme, unter anderem für Veranda för en tenor unter der Regie von Lisa Ohlin und Soldater i månsken, ein Fernsehdrama in vier Teilen, das vom Staatsfernsehen SVT im Jahr 2000 ausgestrahlt wird.

Im Jahre 2003 kehrt der Literat Klas Östergren mit der Novellensammlung Tre pörträtt zurück, der zwei Jahre später der zweite Band Gentlemen folgt und nicht nur an sein erstes Werk anknüpft, sondern auch unmittelbar wieder zum Bestseller wird und dem Autor in den folgenden Jahren fünf bedeutende schwedische Buchpreise bringt. Bevor Östergren dann 2009 mit Den sista cigaretten ein weiteres Meisterwerk bietet, erscheint noch das Buch Orkanpartyt, das man in keiner Weise mit seinen anderen Werken in Verbindung bringen kann, da er hier einen Teil der Edda in einer modernen Fassung wiedergibt bei der die Strafe Gottes im Zentrum steht. Beim Lesen des Buches erkennt selbst der ungewohnte Leser, dass es sich hierbei um eine Auftragsarbeit handelt, die in keiner Weise aus der Seele des Autors kommt.

Die Größe von Klas Östergren liegt vor allem darin, dass er bei jedem seiner Bücher im Zeitstrom schwimmt, eine Kleinigkeit von sich selbst einflechtet und ein Thema von der ersten bis zur letzten Zeile mit skrupellosen Logik behandelt. Man spürt, dass Östergren sein Manuskript immer wieder überarbeitet, darüber nachdenkt und dem Verlag tatsächlich ein Endprodukt vorlegt, das man nicht besser gestalten kann. Nach dem Autor selbst geht diese „Pedanterie“ sogar soweit, dass er seinen Verlegern nur ein fehlerloses Manuskript ohne jede handschriftliche Anmerkung und Korrektur liefert, obwohl Östergren zu jenen Autoren gehört, die noch heute zur Schreibmaschine greifen.

Copyright: Herbert Kårlin

18 januari 2013

Kerstin Johansson i Backe, Kinderbücher aus dem hohen Norden

Kerstin Johansson i Backe, geborene Bergqvist, wurde am 23. November 1919 in einer streng methodistischen Familie in Boden geboren und starb am 18. Januar 2008 in Visby auf Gotland. Die Schriftstellerin war mit dem Lehrer und Schriftsteller Karl-Erik Johansson i Backe verheiratet. Ihr Vater war vermutlich der Freizeitmaler Oskar Bergkvist.

Auch wenn Kerstin Johansson i Backe, die, gemeinsam mit ihrem Mann, den Namensanhang „i Backe“ gegen 1960 annahm als das Ehepaar nach Backe im Ångermanland zog, in Boden geboren war, so verbrachte sie ihre Kindheit und ihre Jugend in Kiruna, wo sie auch ihren Mann kennenlernte, der in der Nachbarschaft wohnte. Im konservativen methodistischen Gedankengut der 20er und 30er Jahr war es ausgeschlossen, dass die Schriftstellerin eine höhere Bildung bekam. Sie befreite sich jedoch mit 20 Jahren von dem im Heim überall dominanten Gott, heiratete Karl-Erik Johansson und folgte ihm an die Orte in denen er als Lehrer eine Arbeitsstelle fand.


Der Weg zum ersten Kinderbuch war für Kerstin Johansson i Backe sehr lang und nicht geplant, denn mit 17 wurde sie Modistin in Kiruna, ab 1942 war sie Hausfrau und zwischen 1966 und 1975 arbeitete Johansson als Bibliothekarin. Die Idee ein Kinderbuch zu schreiben wuchs im Jahre 1960, als die dritte Tochter des Paares geboren wurde, „lilla Katta“, ein Kind, das nicht wie die anderen war, sondern entwicklungsgestört geboren wurde und die gesamte Aufmerksamkeit der Mutter forderte.

Da die Eltern das Mädchen, gegen den Rat der Ärzte und Ämter, nicht in einem Heim wegschlissen wollten, blieb Kerstin Johansson i Backe zu Hause und kümmerte sich um die Erziehung von Katta. In der freien Zeit und den Nächten in denen die Schriftstellerin nicht schlafen konnte, begann Johansson ihr erstes Kinderbuch zu schreiben, das dann 1961 unter dem Titel Holken erschien und das erste einer Reihe von 21 Kinder- und Jugendbüchern werden sollte.

Der große Erfolg von Kerstin Johansson i Backe kam, weil die Autorin aus dem hohen Norden keine Kinderbücher wie andere, damals vor allem weibliche Autoren, schrieb, sondern ihre Themen aus dem wirklichen Leben nahm und die schwierigsten Situation aus der Warte eines Kindes schildern konnte. Johansson sprach dabei alle Kinder an, die sich in irgendeiner Weise allein gelassen oder unverstanden fühlten, aber auch gemobbt wurden oder erlebten wie ungerecht die Gesellschaft Kindern gegenüber sein kann.

Während die ersten Kinderbücher von Kerstin Johansson i Backe noch sehr persönliche Bücher waren, die aus ihrer eigenen Situation entstanden und ihr dabei halfen die eigenen Probleme zu bewältigen, ging sie später mehr und mehr dazu über über Mobbing, Rassismus und Angst vor dem Unbekannten und den Änderungen in ihren Büchern zu schreiben und dabei gleichzeitig das Leben der 30er Jahre in Lappland zu schildern, das für viele Kinder mehr einer Hölle glich als einer ruhigen Kindheit, da dort täglich mehrere Kulturen gewaltsam aufeinander stießen.

Das Kinderbuch von Kerstin Johansson i Backe, das die Situation der 30er Jahre in Lappland am deutlichsten ausdrückt, in mehrere Sprachen übersetzt wurde, und 2003 verfilmt wurde, ist das Buch Som om jag inte fanns aus dem Jahre 1978, die wirkliche Geschichte von der finnisch sprechenden Elina, die in Kiruna in eine schwedische Schule muss in der die Anwendung jedes finnischen Wortes bestraft wird, aber auch kein schwedischer Lehrer bereit ist den Kindern einen verständlichen Übergang zur Zweisprachigkeit zu bieten, denn die Regierung in Stockholm will die Minoritäten des Landes zu reinen Schweden machen.

Das am häufigsten gelesene Buch von Kerstin Johansson i Backe ist allerdings die Liebesgeschichte Moa och Pelle aus dem Jahre 1981 für das die Autorin auch ein Jahr mit der Nils Holgersson Plakette ausgezeichnet wurde. Moa und Pelle können ohne Vorurteile jahrelang gemeinsam zu Hause spielen, bis zum Tag als die Schule beginnt und die beiden erfahren müssen, dass es eine Welt für Mädchen und eine für Jungen gibt, deren Grenzen auf Grund der Vorurteile der Erwachsenen nicht überschritten werden dürfen und die beiden Kinder erleben einen Schock dessen Ursache sie nicht begreifen können.

Mit Där inga prästkragar växer legte Kerstin Johansson i Backe das einzige Kinderbuch vor, das nicht von anderen Kindern berichtet, sondern autobiografische Züge trägt und das Leben eines Kindes im Bergwerkmilieu der 30er Jahre schildert und damit literarisch zur Kulturgeschichte Nordschwedens beiträgt, die hier nicht von der Seite der Industrie geschildert wird, sondern das Geschehen mit den Augen eines Kindes verfolgt.

Im Jahre 1964 erklärte sich Kerstin Johansson i Backe sich bereit im Dokumentarfilm En dag med Katarina teilzunehmen und das Leben mit einem entwicklungsgestörten Kind zu schildern, eine Situation in die jede junge Familie geraten kann. Die Schriftstellerin stellt in diesem Rahmen auch eine Schlüsselfrage: „Was wird aus unserem Kind, wenn wir einmal nicht mehr da sein werden?“

Copyright: Herbert Kårlin

31 december 2012

Fredrika Bremer, ein Pionier der schwedischen Frauenbewegung

Fredrika Bremer wurde am 17. August 1801 als Tochter des Großhändlers Karl Fredrik Bremer und dessen Frau Birgitta Charlotta Hollström im finnischen Pikis bei Åbo (Turku) geboren und starb am 31. Dezember 1865 auf dem Schloss Årsta in Haninge bei Stockholm.

Bereits 1805 zog die Familie Bremer nach Stockholm, wo der Vater das Schloss Årsta und den Hof Nynäs kaufte, die beiden Gebäude in denen Fredrika Bremer ihre Kindheit und ihre Jugend verbrachte. Wie damals üblich in der gehobenen bürgerlichen Schicht Schwedens hatte die Schriftstellerin Privatunterricht und musste vor allem die gesellschaftlichen Gepflogenheiten lernen, da das Ziel der Eltern war, dass die Tochter in eine möglichst angesehene Familie einheiraten kann.


Durch eine Reise nach Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Holland sollte die Ausbildung von Fredrika Bremer als gebildete Dame der Oberschicht abgeschlossen werden, was zu Beginn auch seine Früchte zeigte, denn nach der Rückkehr nach Stockholm nahm Bremer aktiv am Gesellschaftsleben der Hauptstadt teil, übte sich in der Kunst der Konversation und las ihre Gedichte vor. Da Fredrika Bremer jede berufliche Tätigkeit untersagt war, das Gesellschaftsleben sie jedoch nicht auslastete, begann sich die Schriftstellerin um Arme, Kranke und sozial Ausgestoßene zu kümmern, was auch ihrer religiösen Einstellung entsprach.

Als der Vater von Fredrika Bremer im Jahre 1830 starb, führte die Schriftstellerin ihre wohltätigen Aktivitäten fort, begann aber gleichzeitig an ihrer Trilogie Teckningar utur hvardagslifvet zu arbeiten, die sie entsprechend der englischen Briefromane jener Epoche schrieb. Das in großen Zügen autobiographische Werk in das auch die beiden Teile der Familie H*** eingehen, veröffentlichte Bremer anonym. Die Trilogie gilt als das Schlüsselwerk der Autorin. Im Jahre 1844, als längst bekannt war wer das Werk geschrieben hat, erhielt sie für dieses Werk auch den großen Preis der Svenska Akadamien.

In der gleichen Epoche hatte Fredrika Bremer einen sehr intensiven Briefwechsel mit dem Pädagogen Johan Böklin mit dem sie religiöse und philosophische Fragen diskutierte. Böklin machte der Schriftstellerin mehrere Heiratsanträge, die Fredrika jedoch alle ablehnte. Als Böklin dann eine andere Frau heiratete, zog sich Fredrika Bremer weitgehend vom gesellschaftlichen Leben zurück, ohne jedoch die briefliche Diskussion mit Böklin aufzugeben.

Nachdem sich Johan Böklin kurzfristig verheiratet hatte, verließ Fredrika Bremer Stockholm und lebte überwiegend bei Gräfin Stina Sommerhielm in Norwegen, wo 1939 auch ihr Roman Grannarne entstand, ein Roman, der erneut autobiographische Züge hat, aber mit ihren persönlichen Hoffnungen auf eine veränderte Zukunft gemischt ist. Dieser Roman ist weitaus weniger moralisierend und objektiver gehalten als ihre Trilogie, was vermutlich damit zusammenhängt, dass sich die Schriftstellerin vorher  ausführlich mit Wolfgang von Goethe beschäftigt hatte und dadurch ihren Stil verändert hatte.

Sowohl bei Grannarne als auch dem Folgeroman Hemmet spürt man sehr deutlich, dass Fredrika Bremer mit ihren Werken auch ein persönliches Ziel anstrebt und sich Gedanken über die Rolle der Frau in der Gesellschaft macht, denn sowohl die Erzählerin in ihren Werken als auch die Hauptfigur ist nun in der Regel eine unverheiratete Frau, deren Leben von den Entscheidungen des Vaters abhängt, was zu jener Zeit normal war, da eine Frau nicht mündig war.

Als Fredrika Bremer im Jahre 1840 nach Stockholm zurückkehrt, ist sie auf Grund ihrer Werke international bekannt und beginnt sich erneut für das gesellschaftliche Leben Stockholms zu interessieren, wendet sich nun jedoch mehr der intellektuellen Schicht Stockholms zu, wo sie, unter anderem, Erik Gustaf Geijer, Esaias Tegnér und Malla Silfverstolpe trifft. 1842 erscheint dann Bremers erstes Werk bei dem sie sich von der schöngeistigen Literatur abwendet. Morgon-väckter ist ihr erster Werk, das unter ihrem wirklichen Namen erscheint und ist ein religiöses Bekenntnis zur damals aktuellen Debatte zur Religion.

In den 40er Jahren beginnt sich Fredrika Brenner mehr und mehr für das politische Geschehen Schwedens und die Rolle der Frau in der Gesellschaft zu interessieren und dabei zu engagieren, was ihr in großen Teilen der Gesellschaft mehr Feinde als Freunde macht, da sich die Schriftstellerin nun nicht mehr einfach der Meinung und der Dominanz der Männer beugt. In den edlen Kreisen der Stadt wird die Schriftstellerin bald sogar als streitsüchtig und uneinsichtig betrachtet.

Im Jahre 1856 erscheint dann Fredrika Bremers zukunftsweisender Roman Hertha, der den Untertitel En själs historia, teckning ur det verkliga livet trägt. In diesem Werk fordert Bremer die Anerkennung der Frau als selbständige Person mit den gleichen Rechten wie ein Mann und stellt sich dabei auch gegen die damals üblichen Zwangsehen für Frauen. Mit diesem Roman wurde Fredrika Bremer eine Symbolfigur der Frauenbewegung Schwedens und bekam über Jahrzehnte hinweg die niederschmetternde Kritik der männlichen Kritiker zu spüren, die so weit gingen, dass sie Bremer selbst als gefühlskalt bezeichneten und als eine Gefahr für die bestehenden Gesellschaft sahen. Im Gegensatz zu ihrer feministischen Vorgängerin Hedvig Charlotta Nordenflycht gelang es Bremer jedoch dadurch die politische Diskussion über die Rechte der Frau anzustacheln und erreichte, dass der Reichstag im Jahre 1858 beschloss, dass unverheiratete Frauen mit 25 Jahren mündig wurden und drei Jahre später eine Hochschule für Lehrerinnen geschaffen wurde.

Nach Erscheinen des feministischen Romans Hertha machte Fredrika Bremer eine ausgedehnte Reise durch Europa und besuchte den Orient, eine Reise, die überwiegend von der Feministin Fredrika Limnell finanziert wurde und zu Bremers ihrem Werk Lifvet i gamla världen führte. Bremer besuchte bei dieser Reise vor allem Kirchen und entwickelte die Theorie, dass man eine Zukunftskirche schaffen sollte in der die Mehrheit der Religionen der Erde vereint werden sollen. Ausgenommen waren in ihren Augen lediglich die „unverbesserlichen“ Religionen, also all jene, die nicht in ihr persönliches christliches Weltbild passten.

Zurück in Schweden setzte sich Fredrika Bremer dann für einen Zwei-Kammern-Reichstag ein dessen Entstehen sie allerdings nicht mehr erlebte, da sie 1865 nach einer kurzen Krankheit starb, ein Jahr bevor der Reichstag tatsächlich zwei Kammern bekam.

Copyright: Herbert Kårlin

18 november 2012

Ernst Thörnberg, der vergessene sozioökonomische Schriftsteller

Ernst Thörnberg wurde am 6. Juni 1873 geboren und starb am 12. November 1961 in Stockholm, wo er auch begraben wurde. Über seine Herkunft ist kaum etwas bekannt, ebenso wenig über seine Kindheit, seine Jugend oder seine Ausbildung.

Der sozioökonische Schriftsteller Ernst Thörnberg, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte, hatte eine kaufmännische Ausbildung, wandte sich jedoch sehr früh dem Journalismus zu, denn ab 1891 schreibt Thörnberg für mehrere schwedische Zeitungen, wobei ihn von Beginn an die sozioökonomischen Fragen der schwedischen Gesellschaft interessieren.


Im Jahre 1897 wird Ernst Thörnberg Readakteur der Zeitung Småland, von 1902 bis 1905 ist er Chefredakteur beim Sundsvalls Dagblad, anschließend Norwegen-Korrespondent für das Svenska Dagbladet, wo er die Endphase und das Zerbrechen der schwedisch-norwegischen Union erlebt. In dieser Zeit begann Thörnberg auch für die Migrationsbehörden in Europa und den USA zu arbeiten und unternimmt zahlreiche Reisen.

Seine schriftstellerische Karriere begann Ernst Thörnberg im Jahre 1907 mit Den kooperativa rörelsen, einem Buch, das den Vorteil von Kooperativen für die unterste Bevölkerungsschicht Schwedens beleuchtet. Diese Idee der gemeinsamen Entwicklung eines Gesellschaftssystem durchzieht auch alle seine späteren Werke.

Die Sachbücher von Ernst Thörnberg, die eine ideale Gesellschaftsform beschreiben, hatten nicht nur beim schwedischen Volk einen großen Erfolg, denn die Theorien Thörnbergs wurden auch im Reichstag bemerkt, der ihm 1936 eine lebenslänglich Unterstützung garantierte, damit er in seinem Sinne weiterarbeiten konnte.

Auch wenn die Werke von Ernst Thörnberg noch heute sehr interessante Aspekte der Gesellschaft zeigen, so hatte er nicht nur Freunde, denn er gab der Heilsarmee und der Freikirche eine bedeutende gesellschaftliche Rolle und er war ein Verfechter der Nüchternheitstheorie und lehnte den Genuss von Alkohol grundsätzlich ab, da Alkohol die gesellschaftliche Struktur zerstört. Vor allem diese letztere Einstellung verhinderte, dass Thörnberg ein literarischer und sozialdemokratischer Neuerer wurde, sondern seine Werke nach seinem Tode sehr bald in die Vergessenheit gerieten. Seine Leser fand Thörnberg als Antialkoholiker vor allem unter Frauen und christlichen Freidenkern

Eines der bedeutendsten Bücher von Ernst Thörnberg wurde Folkrörelsen och samhällsliv i Sverige aus dem Jahre 1943, das nicht nur einen historisch-wirtschaftlichen Blick auf das Schweden des Zweiten Weltkriegs wirft, sondern auch das Gefüge der Gesellschaft dieser Epoche beleuchtet.

Ernst Thörnberg wurde 1939 für seine Leistungen als Schriftsteller und Journalist die Ehrendoktorwürde der philosophischen Fakultät der Universität Uppsala vergeben.

Copyright: Herbert Kårlin

17 oktober 2012

Ester Lindin und der vergessene Bestseller

Ester Lindin wurde am 8. November 1890 in Östergötland geboren und starb am 17. Oktober 1991 in Norrköping, wo sie nach ihrem Lehrerexamen, das sie in Landskrona ablegte, bis zur Pensionierung als Lehrerin arbeitete.

Ester Lindin begann ihre literarische Karriere sehr spät, denn erst als sie 50 war, erschien ihr erstes Buch Tänk, om jag gifter mig med prästen, das nahezu wie eine Bombe einschlug, denn Ester griff zwei heiße Themen gleichzeitig an, die beide als Tabu galten. Die Schriftstellerin propagierte nicht nur im Jahre 1940 die freie Liebe, sondern Eva Örn, die Hauptfigur des Romans, bekommt mit einem Priester ein uneheliches Kind. Im Laufe der Erzählung zeigt die Autorin die Doppelmoral der Gesellschaft in der nicht nur die Hauptfigur, sondern vor allem das Kind zum Opfer der Gesellschaft wird.


Das Buch Tänk, om jag gifter mig med prästen wird in kürzester Zeit in einer Spitzenauflage von 48.000 Exemplaren verkauft und bereits ein Jahr später als Film verarbeitet. Eine vollkommen unbekannte Autorin wird unmittelbar in mehrere Sprachen übersetzt und noch 1957 bringt die Büchergilde Gutenberg das Buch unter dem Titel „Eva: Oder Das Große Ärgernis“ auf den Markt.

Die Reaktion auf das Buch ist sehr unterschiedlich, denn während Ester Lindin dafür den ersten Preis für den besten Roman erhält, der das Leben einer berufstätigen Frau beschreibt und die Leser das Werk verschlingen, greifen literaturwissenschaftliche Kritiker das Werk an, weil ihm psychologische Reife fehlt, weil es unlogisch sei und selbst die Umgebungen in der die Handlung spielt, sei erfunden. Mit diesen Aussagen verschließen sie Ester Lindin den Zugang zur akademischen Literatur, auch wenn sie es nicht wagen das Werk als Schund zu bezeichnen.

Ester Lindin lässt sich von der elitären Schicht Schwedens nicht abhalten weiter zu schreiben und bereits ein Jahr später erschient Det är inte lätt att vara barn, wo sie die Situation von Kindern in der Schule und zu Hause angreift, und 1946 der Roman Tre blommiga täcken, ein Buch, das sich als Satire mit der Mittelklasse auseinandersetzt, die sich durch Statussymbole von der Unterklasse unterscheiden will, aber dennoch nicht an die Oberklasse heranreicht.

Auch wenn keines der späteren Werke von Ester Lindin von Inhalt und Verkaufsziffern an ihr erstes Buch herankommt, so veränderte bereits dieses erste Werk die Denkweise vieler Schweden, nicht zuletzt auch durch die Verfilmung, die Viveca Lindfors in der Hauptrolle als Schauspielerin den Durchbruch brachte.

In diesem Zusammenhang muss man man sehen, dass der Film etwa gleichzeitig mit „Vom Winde verweht“ in die schwedischen Kinos kam und beide parallel zu den meist besuchten Filmen des Jahres wurden, da die Kritiker die Parallelen zwischen den beiden Geschichten aufzeigten.

Ester Lindin ist noch heute eine Kultfigur in Norrköping, wird aber innerhalb der Literaturgeschichte Schwedens kaum erwähnt obwohl sie eine sehr wichtige Rolle innerhalb der Frauenliteratur des Landes spielt.

Copyright: Herbert Kårlin

16 oktober 2012

Bunny Ragnerstam, Gesellschaftskritik im Kriminalroman

Bunny Ragnerstam wurde am 16. Oktober 1944 in Eskilstuna geboren, wuchs jedoch in Främby bei Falun auf, wo seine Mutter als Fabrikarbeiterin beschäftigt war. Da die Mutter geschieden war und der Vater sich nicht um die Familie kümmerte, zog sie ihre drei Söhne allein auf.

In seiner Jugend hatte Bunny Ragnarstam vor allem zwei Interessen, nämlich Fußball und Lesen. Nach dem Abschluss der Realschule arbeitete Bunny ebenfalls in den Fabriken in Falun und spielte weiter Fußball in der Mannschaft der Stadt. Anfang der 60er Jahre bestimmte er sich jedoch auf Schreiben umzusteigen, was in seinem Fall im Jahre 1962 zum Falukuriren führte, wo er, auf Grund seiner sportlichen Aktivität, als Sportjournalist beschäftigt wurde. Als er zum Flussballmannschaft nach Kristianstad wechselte, begann er 1965 für das Kristinabladet ebenfalls als Sportjournalist zu arbeiten bis er 1970 in die Lokalredaktion von Arbetet wechselte, wo er auch andere journalistische Aktivitäten übernahm. Ab 1975 entschied sich Bunny Ragnarstam ganz der Schriftstellerei zu widmen, nachdem mittlerweile auch sein dritter Roman erschienen war, ein Kriminalroman und zwei historische Romane über die Situation der Arbeiter Ende des 19. Jahrhunderts in Kristianstad.


Bunny Ragnerstam begann seine literarische Karriere im Jahr 1972 mit dem Kriminalroman Brottet som kom bort, ein Krimi, der im Grunde um Macht und Demokratie handelt und als der erste Arbeiterkrimi Schwedens bezeichnet werden kann. Als ein Journalist einen Einbruch in einem Industriegebäude aufklären will, erfährt er die Grenzen des freien Wortes, denn die Wahrheit wird von jenen, die die Macht im Ort haben unterdrückt und Lüge wird als Wahrheit verkauft um die Industrie zu stützen.

Auch wenn dieser Kriminalroman einen gewissen Erfolg hat, schreibt Bunny Ragnerstam erst 2004 mit Mord, min själ seinen nächsten gesellschaftskritischen Kriminalroman bei dem der Journalist jedoch vom Polizisten Verner abgelöst wird. Im Jahre 2011 folgt dann Mord mördare mördast, der die Korruption innerhalb der Buchbranche als Hintergrund hat.

Seinen wahren Durchbruch hatte Bunny Ragnerstam allerdings 1974 mit Innan dagen gryr, dem ersten von vier historischen Romanen, die das Arbeitermilieu in Kristianstad gegen 1880 als Handlung haben. Ragnarstam baut die Handlung auf tatsächliche Geschehnisse auf und zeigt den Kampf der Arbeiter für ein besseres Leben. Auf der Suche nach Material stellt der Schriftsteller fest, dass die Geschichte der schwedischen Arbeiterbewegung nie von Seiten der Arbeitern beschrieben wurde, sondern von der Warte jener, die entscheiden. Bunny Ragnerstam versuchte nun die andere Seite zu zeigen, was ihm nicht nur sehr gute Kritiken brachte, sondern ihm auch eine große Leserschicht bringt und dazu führt, dass die Fernsehanstalt SVT die Handlung im Jahre 1988 unter dem Titel Kråsnålen als Serie verfilmt.

Auch die folgenden Romane Bunny Ragnerstams bleiben im Arbeitermilieu, wobei er in seinen historischen Romanen nicht nur die Fakten sprechen lässt, sondern die Meinungen seiner Umgebung zu Worte kommen lässt, denn gerade in den Fußballkreisen in denen der Autor nach wie vor verkehrt, trifft er die Arbeiterschicht, deren Eltern den Umbruch, der ihn am meisten interessiert, erlebt haben. Auf diese Weise werden die Handlungen und das Leben als Arbeiter in einem Eisenwerk lebendig.

In den 70er und 80er Jahren wird Bunny Ragnerstam nahezu mit Preisen überhäuft, die jedoch nahezu ausschließlich vom linken Organisationen, Zeitschriften oder dem Gewerkschaftsverband kommen, einem Kreis, der auch seine Leser anspricht. Trotz seines Fernseherfolgs und seiner sachlichen Beschreibungen wird der Schriftsteller von der Bürgerschicht noch heute mehrheitlich abgelehnt.

Bunny Ragnerstam baut mit all seinen Werken, auch den Kriminalromanen, eine industrielle Geschichte Schwedens der letzten 150 Jahre auf, die in gewisser Weise mit der universitären Betrachtung der Situation der Arbeiter bricht, denn den Autor interessieren nicht die Verkaufszahlen und Erfolge der Unternehmen, die die obere Schicht der Gesellschaft bereicherte, sondern die Situation jener, die diese Leistungen mit ihren Händen bringen, aber in der Geschichtsschreibung kaum genannt werden. Und dennoch benutzt der Autor die gleichen Quellen, nur dass er sie auf eine andere Weise liest.

Copyright: Herbert Kårlin

27 september 2012

Selma Billström, die unbekannte Frauenrechtlerin

Selma Billström, geborene Lundberg, kam am 27. September 1843 in Björkvik im Södermanland zur Welt und starb im Jahre 1926 in Stockholm. Selma war die Tochter von Jakob Lundberg, eines Prosten (Priester) und seiner Frau Kristina Selander. Sie heiratete 1880 den Veterinär Axel Billström, der allerdings bereits 1892 starb.

Selma Billström wurde, wie sehr viele Frauen zu jener Zeit, nur privat ausgebildet, erst im Elternhaus, dann privat bei Frau Lidmans Pension in Södertälje und besuchte schließlich noch die kunsthandwerkliche Schule (Slöjdskolan) in Stockholm. Aber auch ohne literarische Ausbildung und Beziehungen entschloss sich Selma der gesellschaftskritischen Literatur zu widmen.


Da jedoch Selma Billström alle ihre Beiträge in der Presse, aber auch andere Werke, unter den verschiedensten Pseudonymen, unter anderem als Moster Stina, veröffentlichte, ist heute nur sehr wenig von ihr tatsächlich erhalten und katalogisiert. Von ihrer regen Aktivität zeugen mehr ihre Zeitgenossen, die ihren Namen immer wieder im Zusammenhang mit verschiedenen Veröffentlichungen nennen, als heute noch zur Verfügung stehende Werke der Schriftstellerin und Journalistin.

Die Stärke von Selma Billström lag in Novellen, einer Literatur, die Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in Zeitungen veröffentlicht wurde. Während über ihre Prosaerzählungen aus dieser Zeit kaum etwas überliefert wurde, erregte ihre Aktivität als Gesellschaftskritikerin ein bedeutendes Aufsehen, denn Selma Billström setzte sich bereits in den ersten Jahren ihrer Ehe extrem für Tierschutz, das Wahlrecht für Frauen und die Rechte der Frauen ein, was die Autorin auch zu einer der ersten Frauenrechtlerin Schwedens machte. In diesen Bereichen wirkte Selma Billström jedoch nicht nur als Autorin, sondern sie hielt auch permanent Vorträge und forderte öffentlich eine Änderung des patriarchalen Gesellschaftssystem Schwedens. Vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen Vorträge, Veröffentlichungen und Aktivitäten zum Wahlrecht der Frauen dann die Überhand.

Unter den kritischen Werken von Selma Billström, ist nur eines vollständig erhalten, das die Schriftstellerin unter ihrem Pseudonym Moster Stina herausgab und bis heute eine Art Standardwerk zur Frauenbefreiung Schwedens ist. Selma veröffentlichte das Buch Tankar om prostitution och äktenskap im Jahre 1887, in dem sie vor allem Stellung zu den Vorträgen des Ökonomen Knut Wicksell zur Prostitution nimmt, einem Republikaner und kirchenfeindlichen Antimilitaristen der gleichen Epoche.

Copyright: Herbert Kårlin