14 maj 2013

Eva Neander und die Einsamkeit der Frau am Rande der Gesellschaft

Eva Neander wurde am 3. April 1921 als Tochter des Volksschulinspektors Ernst Albin Neander und dessen Frau Emilia (Emy) Karolina Svanberg in Jukkasjärvi geboren und wurde ab 22. Februar 1950 vermisst. Neander, die nie verheiratet war, wurde am 5. März 1950 tot auf dem Eis des Sees Unden bei Tiveden gefunden.

Da der Vater 1923 nach Härnosand versetzt wurde, verbrachte Eva Neander ihre Kindheit auf einer Insel bei Härnösand. Als das Mädchen sechs Jahre alt war, starb der Vater. Wenige Jahre später heiratete die Mutter erneut und die neue Familie zog nach Borås, wo Neander auch zwischen 1932 und 1939 das Gymnasium besuchte. 1939 zog Familie Neander-Nyström dann nach Göteborg. 1941 legte Eva Neander in der westschwedischen Stadt auch die Hochschulreife ab und begann anschließend ein Studium an der Universität Göteborg, das sie in Uppsala fortsetzte, ohne jedoch je eine Abschlussprüfung zu machen.

Eva Neander, Staden, Albert Bonnier Förlag, Stockholm, 1947

Bereits als 12-jährige hatte Eva Neander ihre ersten Beiträge für die Sonntagsbeilage der Tageszeitung Svenska Dagbladet geschrieben und während des Studiums begann sie dann für den Västgöta-Demokraten Korrektur zu lesen sowie unter den Pseudonymen Tonia und dem Namen Eva-Caisa Neander für verschiedene Tageszeitungen Filme zu rezensieren, Gedichte zu schreiben und unterhaltsame Beiträge zu liefern.

Die literarische Karriere von Eva Neander begann im Jahre 1945, als sie mit ihrer Novelle Vilse eine Ausschreibung des Verlags Åhlén & Åkerlund gewann. Diese Novelle baute die Schriftstellerin dann zu ihrem einzigen Roman Dimman aus, der bereits 1946 erschien und von der Kritik sehr positiv aufgenommen wurde, da sie nicht nur in der Zeitströmung schrieb, sondern auch in ihrem ersten Werk bereits ihr Hauptthema verarbeitet hatte, das Gefühl eines Menschen, der zu keiner Schicht gehört zu beschreiben und daher die handelnde Person zum Betrachter der Gesellschaft macht.

Bereits ein Jahr später veröffentlicht Eva Neander die Novellensammlung Staden und den Gedichtband Död idyll, Werke, mit denen sie bereits den Durchbruch in der Welt der Literatur geschafft hatte und damit zu den vielversprechendsten Jungautoren Schwedens gehörte. Im Jahre 1949 erschient eine weitere Sammlung an Novellen und noch im gleichen Jahr begann die Schriftstellerin ihren zweiten Roman zu schreiben, dem sie den Titel Vattnet gab.

Dieser zweite Roman von Eva Neander sollte allerdings nicht mehr vollendet werden, da die Autorin im Februar 1950 spurlos verschwand und zwei Wochen später nahezu eingeschneit auf dem See Unden gefunden wurde. Allgemein glaubt man, dass Neander Selbstmord begangen hat, was man jedoch nur deswegen annimmt, da man keinerlei Spuren von Gewalt fand. Nichts kündigte jedoch diesen plötzlichen Tod an und Neander hinterließ auch keinen Abschiedsbrief, sondern war zur Zeit ihres Todes mitten im Schaffensprozess.

Eva Neander schrieb während der wenigen Jahre ihres Tätigkeit als Schriftstellerin fast ausschließlich über Frauen, die ihre Wurzeln verloren haben und auf der Suche nach Gemeinschaft, Wärme, aber auch der Freiheit sind. Ihren Hauptfiguren gelingt es jedoch nicht innerhalb der Gesellschaft aufgenommen zu werden, weil sie immer als „anders“ betrachtet werden, als der fremde Gast vor dem man sich vorsehen muss.

Im Gegensatz zu Karin Boye bei der der Selbstmord ihren Ruf als Dichterin fast noch hervorhob, trat bei Eva Neander nahezu das Gegenteil ein, denn nur wenige Jahre später schien sie fast vergessen zu sein und wenn man die Geschichte der Literatur der nordischen Frauen betrachtet, so ist die Schriftstellerin kaum erwähnt, wenn man vom Absatz absieht in dem die Verfasserin des Artikels darauf hinweist, dass Neander eine gewisse Zeit im gleichen Heim in Alingsås untergebracht war in dem auch Karin Boye ihre letzten Jahre verbrachte. Erst seit etwa zehn Jahren wird die Größe dieser Schriftstellerin neu entdeckt, die die Einsamkeit der Frau vermutlich besser ausdrückte als die meisten anderen schwedischen Schriftstellerinnen.

Wenn man die wenigen Bücher von Eva Neander liest, so entdeckt man sehr schnell das analytische Vermögen der Schriftstellerin, die, gerade als Außenseiterin der Gesellschaft, die Strukturen sehr gut kannte und den angepassten Bürger dem Bohemien gegenüberstellt und dem Leser das Kleinstadtidyll mit seiner Doppelmoral und seinen Vorurteilen sehr deutlich vor Augen stellt.

Ein Jahr nach dem Tode von Eva Neander veröffentlichte der Albert Bonnier Verlag in Stockholm posthum eine Novellensammlung, die den Beginn und das Ende der schriftstellerischen Karriere der Autorin dokumentiert, denn neben dem unvollendeten Roman Vattnet findet man auch die ersten Novellen der Schriftstellerin, die sie bereits in ihrer frühen Jugend schrieb und von den Sagen der Gebrüder Grimm beeinflusst waren.

Copyright: Herbert Kårlin

13 maj 2013

Östen Sjöstrand, der Dichter, der Antike und Gegenwart verbindet

Östen Sjöstrand wurde am 16. Juni 1925 in Göteborg geboren und starb am 13. Mai 2006 in Stockholm. Sjöstrand war von 1949 bis 1974 mit der Schriftstellerin und Literaturkritikerin Ella Hillbäck verheiratet. Der Schriftsteller gehört zu den wenigen Autoren, die bereits sehr jung zur katholischen Kirche übergetreten sind.

Wie bei sehr vielen Autoren der Gegenwart, so weiß man über die Kindheit und die Jugend von Östen Sjöstrand relativ wenig. Nach seinen eigenen Aussagen interessierte sich der Schriftsteller während des Gymnasiums für Naturwissenschaft und hielt die Poesie für eine Art Philosophie mit der man undefinierbare Gefühle ausdrückt, die außer dem Autor nur wenige begreifen können.

Östen Sjöstrand, Ensamma stjärnor, en gemensam horisont. Dikter i urval av författaren, Svalans lyrikklubb, ALbert Bonnier Förlag, Stockholm, 1970

Diese Einstellung zur Lyrik sollte sich für Östen Sjöstrand jedoch im Laufe der 40er Jahre ändern, als er die Werke von Paul Valéry entdeckte. Ganz plötzlich zeigte sich für Sjöstrand, dass Lyrik ähnlich der Naturwissenschaft nach Perfektion strebt und jedes Wort eine wichtige Rolle spielt, er entdeckte, dass ein Gedicht erst dann zur Literatur wird, wenn seine Aussage auf keine andere Weise ausgedrückt werden kann. Da sich Sjöstrand zudem zur Musik hingezogen fühlte, wollte er seiner Lyrik auch eine Melodie verleihen, die die Aussage jedes Werkes noch gefühlsmäßig überträgt.

Im Jahre 1949 legte Östen Sjöstrand dann seine erste Sammlung an Gedichten unter dem Titel Unio vor, Gedichte, die sehr deutlich von der französischen Poesie beeinflusst wurden und, wie auch jene von Lars Forssell, die Angst der Nachkriegszeit in Schweden ausdrücken. Auch wenn die beiden Dichter anschließend eigene Wege in der Lyrik gehen, so spürt man in Unio und Ryttaren die gleiche Dunkelheit und die gleiche Zukunftsangst, die das lyrische Schaffen Ende der 40er Jahre dominierte.

Die nächsten drei Werke von Östen Sjöstrand zeigen die Auseinandersetzung des Dichter mit der Religion, genauer genommen dem Katholizismus, dem er sich in dieser Zeit anschließt und man spürt in manchen der Gedichte den Kampf des Dichters zwischen Mystik und tiefem katholischem Glauben, die sich in gewisser Weise sehr nahe stehen und dennoch auf ein anderes Dogma aufbauen. Am deutlichsten tritt dies in seinem Werk Återvändo zu Tage, das Sjöstrand im Jahre 1953 veröffentlichte.

Erst nachdem sich Östen Sjöstrand Mitte der 50er Jahre endgültig klar über seinen religiösen Weg ist, wird er auch zu einem Dichter, der sich selbst gefunden hat. Mit seiner Gedichtsammlung Främmande mörker spürt man, dass der Schriftsteller nun eine Verbindung zwischen dem aufstrebenden Europa und der Antike sieht und er greift in seinen Gedichten zur Ästhetik, die ihre Wurzeln noch in der griechischen Dichtung haben, wobei er seine Themen jedoch aus der Gegenwart holt. Diese Entwicklung, die von den Kritikern stark gelobt wird, verhelfen Sjöstrand auch dazu als einer der bedeutendsten Dichter der Mitte des 20. Jahrhunderts anerkannt zu werden.

Etwa zur gleichen Zeit beginnt  Östen Sjöstrand auch die damals modernen französischen Poeten zu übersetzen um diese dem schwedischen Publikum näher zu bringen. Die erste Anthologie der französischen Lyrik veröffentlicht Sjöstrand gemeinsam mit Gunnar Ekelöf unter dem Titel Berömda franska berättare. Während der 60er Jahre gelang es dem Lyriker zahlreiche der in Schweden bis dahin vollkommen unbekannten französischen Dichter einem neuen Publikum vorzustellen.

In den Folgejahren veröffentlicht Östen Sjöstrand nur noch relativ wenige Werke, was mit Sicherheit damit zusammenhängt, dass er erst Redakteur für die von der Svenska Akademien gegründeten kulturellen Zeitschrift Artes wurde und wenig später auch in die Akademie gewählt wurde um nach Pär Lagerkvist auf dem Stuhl Nummer 8 Platz zu nehmen. In der Svenska Akademien, insbesondere auch dem Nobelkomitee, nahm Sjöstrand eine sehr wichtige Rolle ein, obwohl er wenig an die Öffentlichkeit trat. Nahezu 20 Jahre lang übte er hier seinen Einfluss bei der Wahl der Nobelpreisträger in Literatur aus, wobei er dabei insbesondere auf Ästhetik Wert legte, die einen bleibenden Eindruck in der Welt der Literatur behalten sollte.

Östen Sjöstrand, dem zahlreiche der bedeutenden Literaturpreise Schwedens überreicht wurden, beschränkte sich bei seinem Schaffen jedoch nicht nur auf Lyrik, Essays und Übersetzungen, sondern er schrieb auch mehrere Librettos für moderne Opern, wobei er bei einigen der wichtigsten Werke, zum Beispiel der Oper Gästabudet aus dem Jahre 1962, mit dem Komponisten Sven-Erik Bäck zusammenarbeitete.

Dem Lyriker Östen Sjöstrand gelang es nie ein volksnaher Dichter wie sein französisches Vorbild Paul Veléry zu werden, denn die erlesene Sprachwahl berührte nie das breite Publikum. Sjöstrands Wortwahl wurde von dieser Gruppe als hochtrabend und nahezu weltfremd empfunden. Umso größer ist seine Bedeutung bei der Elite der europäischen Dichtkunst, die im akademischen Kreis gesucht wird.

Copyright: Herbert Kårlin

12 maj 2013

Emilie Flygare-Carlén und der Regionalroman der Westküste

Emilie Flygare-Carlén, geborene Smith, wurde am 8. August 1807 als Tochter des Seekapitäns und Händlers Roger Smith und dessen Frau Margareta Stiegler im westschwedischen Strömstad geboren und starb am 5. Februar 1892 im Alter von 84 Jahren in Stockholm. Flygare-Carlén war in erster Ehe mit dem Arzt Axel Flygare verheiratet, nach seinem Tod mit dem Rechtsbeistand Jakob Reinhold Dalin verlobt und nach dessen Tod mit dem Schriftsteller Johan Gabriel Carlén verheiratet.

Über die Kindheit und die Jugend von Emilie Flygare-Carlén weiss man relativ wenig. Sie war die Jüngste unter 14 Geschwistern und wuchs in einem der wohlhabendsten Häusern Strömstads auf. Der Vater hatte einen Handelsbetrieb und eine Reederei, was bedeutete, dass auch die Kinder relativ früh mithelfen mussten und nur über jene Bildung verfügten, die in einem wohlhabenden Haus als absolut notwendig betrachtet wurde.

Emilie Flygare-Carlén, Rosen på Tistelön, Albert Bonniers Förlag, Stockholm, Titel: Eva Lindeberg

Bereits als Emilie Flygare-Carlén zwölf Jahre alt war, folgte sie mit ihrem Vater bei den kürzeren Handelsreisen entlang dem Bohuslän und mit 17 war die junge Frau für ein eigenes Schiff verantwortlich. Diese Erfahrungen auf See und mit den Handelspartnern haben Flygare-Carlén stark geprägt. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen findet man in den Büchern, die sie über das Bohuslän geschrieben haben und eine Kulturgeschichte der Bewohner dieses Küstenstreifens darstellen.

Noch als Emilie Flygare-Carlén den Arzt Axel Flygare heiratete, mit dem sie ins Småland zog, gab es kaum ein Zeichen, dass Flygare-Carlén eine schriftstellerische Karriere anstrebte. Da jedoch die Ehe einer Katastrophe glich, da die beiden Partner gegensätzliche Interessen zeigten, begann die junge Frau viel zu lesen und suchte in den Romanfiguren ihre Zuflucht. Da der Ehemann nicht mit Geld umgehen konnte, verbrauchte er das eigene Kapital und jenes seiner Frau noch bevor er 1833 starb. Flygare-Carlén kehrte ins Bohuslän zurück, wo sie Reinhold Dahlin traf, der sie dazu ermunterte zu schreiben und nicht nur zu lesen. Dahlin starb jedoch noch kurz vor der Ehe, hatte jedoch seiner Verlobten noch den Wunsch zu schreiben vermitteln können.

Ob Emilie Flygare-Carlén bereits um diese Zeit zu Schreiben begann, ist ungewiss, denn offiziell schrieb sie ihren ersten Roman Valdemar Klein erst im Jahre 1837, der dann ein Jahr später unter dem Pseudonym Fru F. erschien und auf den Aufenthalt von Fredrika Bremer in Strömstad hinweist, die der jungen Schriftstellerin zahlreiche Ratschläge gab, auch wenn Flygare-Carlén nie die philosophischen Gedanken Bremers verstand, da die Bildung der Frauen zu unterschiedlich war und sie in zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaftsschichten lebten.

Nach dem ersten Buch von Emilie Flygare-Carlén folgten zahlreiche weitere Bücher, die man jedoch zu Beginn mehr als Studienwerke der Schriftstellerin sehen muss, denn Flygare-Carlén versucht die ersten Jahre Bücher im Stil von Margareta von Knorring zu schreiben ohne dass sie in dieser Art der Literatur je zu Hause war. Die Ursache dazu ist mit Sicherheit ihr Umzug nach Stockholm ihm Jahre 1839, wo sie vor allem in den Kreisen liberaler Autoren verkehrt, einer Welt, die sie fasziniert und die von ihrer Art des Schreibens begeistert sind, so dass es einige Jahre dauert bis die Schriftstellerin ihren eigenen Weg findet.

Das Haus des Ehepaares Carlén wird Mitte des 19. Jahrhunderts einer der bedeutendsten literarischen Salons Stockholms in dem Autoren wie August Blanche, Gustaf Henrik Mellin, Oscar Patric Sturzen-Becker, Wilhelm von Braun und andere bedeutende Autoren der Zeit verkehrten. Das Positive dieser Zeit war, dass Johan Gabriel Carlén ein guter Ratgeber seiner Frau war und ihre Werke daher immer weniger auf Klischees aufbauten und die Schriftstellerin ernsthaft an ihrem Stil arbeitete, was eine bedeutende Leistung war, wenn man bedenkt, dass Emilie Flygare-Carlén keinerlei literarische Bildung hatte, sondern als Autodidaktin und als Frau in die Welt der Literatur geriet, die um diese Zeit von einer hoch gebildeten Schicht geprägt wurde.

Ab 1842 begann Emilie Flygare-Carlén ihre Romane über die Schären des Bohuslän zu schreiben, aber obwohl dies das Leben war, das sie kannte und sie geprägt hatte, zögerte sie lange ihr erstes Buch zu diesem Thema, Rosen på Tistelön, zu veröffentlichen, denn sie wusste, dass dies ein Neuland der schwedischen Literatur war und nicht den literarischen Linien der Zeit folgte. Flygare-Carlén hatte Angst davor, dass dieser Roman zu provinziell sei. In gewisser Weise hatte die Schriftstellerin auch recht in ihrer Angst, denn die Kritiker konnten mit dem realistischen Regionalroman nichts anfangen, auch wenn Flygare-Carlén mit dieser Gattung des Romans, den sie bis zu ihrem Lebensende fortsetzte, den Höhepunkt ihres Schaffens erreicht hatte.

Mitte des 19. Jahrhunderts galt Emilie Flygare-Carlén, dann jedoch neben Esaias Tegnér und Fredrika Bremer zu den bedeutendsten Autoren der zeitgemäßen schwedischen Literatur. Ihre Werke wurden in zwölf Sprachen übersetzt und zogen die Leser in zahlreichen Länder in ihren Bann. Einige ihrer Bücher über das Bohuslän werden noch heute regelmäßig aufgelegt.

Nach Emilie Flygare-Carléns Feuilleton Ett köpmanshus i skärgården, das ab 1858 im Aftonbladet erschien, wurden ihre Werke seltener, denn auch wenn dieses Epos des Bohuslän erneut ein Meisterwerk war, so hatten persönliche Probleme und die Kritik an ihren zu freizügigen Beschreibungen des Küstenlebens ihre Spuren gesetzt. In den Folgejahren erscheinen daher vor allem autobiografische Werke und Erinnerungen.

Emilie Flygare-Carlén, der viele Literaturwissenschaftler nur noch einige Zeilen in der Literaturgeschichte Schwedens widmen, da sie in der Sprache des Volkes schrieb und sich mit Regionalliteratur beschäftigte, starb nach dem Konkurs der Bank in der sie ihr gesamtes Vermögen angelegt hatte, verarmt und als einzige Überlebende ihrer Familie, denn ihr Ehemann starb 1875 und alle ihre Kinder waren um diese Zeit bereits tot.

Copyright: Herbert Kårlin

Messetermine in Göteborg

11 maj 2013

Ernst Gustaf Lundquist und die literarische Entdeckung Italiens

Ernst Gustaf Lundquist wurde am 3. Februar 1851 als Sohn des Arztes Gustaf Mauritz Lundquist und dessen Frau Catharina Charlotta Rydström in Nyköping geboren und starb am 18. Januar 1938 in Stockholm. Lundquist war ab 1882 mit Ida (Iris) Amalia Hoflund verheiratet.

Bereits bevor Ernst Gustaf Lundquist in Norrköping seine Hochschulreife machte und sein Studium an der Universität Uppsala begann, zeigte er seine Neigung zur Literatur. Seine Lehrer lobten seine Fantasie und die Lokalzeitungen im Södermanland druckten zahlreiche seiner Novellen. Acht dieser Novellen erschienen noch 1869 unter dem Pseudonym Stern unter dem Titel Första försöken.

Foto: UUB, Schwedisches Reichsarchiv

Das Studium in Uppsala machte kaum Fortschritte und Ernst Gustaf Lundquist verließ die Universität nach einigen Jahren ohne jeden Abschluss. Dafür hatte er in dieser Zeit den Einakter Cornelius Nepos geschrieben, der wiederum einige Jahre später Premiere im Nya teatern in Stockholm hatte. Die Aufführung seines Stückes nahm Lundquist auch zum Anlass sich ganz dem Schreiben zu widmen, sowohl als Literat als auch als Dramaturg.

Da Ernst Gustaf Lundquist noch während seines Studiums einige Zeit Theater in Paris studiert hatte und gut Französisch sprach, wurde er allerdings weniger als Manuskriptschreiber beschäftigt, sonder überwiegend als Übersetzer französischer Salon-Drama, die er auch für die schwedische Bühne anpasste. Auf Grund seiner Leistungen und dem Erfolg einiger eigener Stücke wurde Lundquist 1881 literarischer Ratgeber des Dramaten in Stockholm.

Parallel zu seiner Arbeit an den Stockholmer Theatern schrieb Ernst Gustaf Lundquist auch für verschiedene Zeitungen Schwedens mit literarischem Einschlag, unter anderem für das Svenska Familj-Journalen, Idun, Nornan und für die Ny Illustrerad tidning. Bereits die Wahl der Zeitschriften für die Lundquist arbeitete, zeigt, dass der Schriftsteller eine einfache Sprache wählte um eine möglichst große Schicht an Lesern anzusprechen. Viele Literaturwissenschaftler bezeichnen den Autor daher als einen der letzten Erzähler des 19. Jahrhunderts und vergleichen ihn in gewisser Weise mit August Blanche und mit Emilie Flygare-Carlén.

Während der ersten Phase seiner literarischen Karriere bleibt Ernst Gustaf Lundquist auch bei seinen Novellen und Romanen dem Theater treu, da er dieses Leben am besten kennt. Werke wie Smink, Skuggor och ljusglimtar oder Konstnärsblod sind daher glaubwürdige Erzählungen und erlauben dem Leser auch einen Blick hinter die Kulissen des Theaters und dessen Philosophie.

Die wahre Stärke von Ernst Gustaf Lundquist zeigt sich jedoch in seinen späteren Werken, die in Italien spielen und mit Påskägget im Jahre 1902 eingeleitet werden, denn hier bietet der Schriftsteller die Wärme und die Farben des Landes jenseits der Alpen und schafft sehr persönliche Werke, die eine Mischung aus Kulturgeschichte, Reiseschilderung und Essay sind. Der Schriftsteller lässt hier Worte spielen, auch wenn man bei einigen der Novellen und Romane dieser Zeit noch den Einfluss von Paul Heyse spürt, der ebenfalls mit seinen Italien-Romanen den großen Durchbruch hatte.

Die literarische Karriere von Ernst Gustaf Lundquist begann in der Jugend und endete erst kurz vor seinem Tod. Auch wenn man deutlich eine Steigerung seiner Leistungen und seiner Ausdrucksfähigkeit sieht, so findet man bei diesem Schriftsteller keinerlei Beeinflussung von literarischen Strömungen. Der Autor verzichtet auch auf deutliche Tendenzen zur Religion oder eine politischen Linie, sondern er bleibt sich selbst treu. Dies hatte allerdings auch den Nachteil, dass Lundquist außerhalb der literarischen Kreise Schwedens blieb, die ihm den Weg zu einem bedeutenden Platz in der schwedischen Literaturgeschichte geboten hätte.

Heute ist die Literatur von Ernst Gustaf Lundquist nahezu vergessen, nicht jedoch seine Leistung als unermüdlicher Übersetzer von Belletristik und von Theaterstücken aus sieben Sprachen, denn noch heute sind einige seiner Übersetzungen von Oscar Wilde und Jack London in Schweden im Handel.

Ernst Gustaf Lundquist übersetzte parallel zu seinem eigenen literarischen Schaffen etwa 300 Werke und brachte dem schwedischen Publikum insbesondere Alphonse Daudet, Émile Zola, Pierre Louÿs und Jack London näher, die erst durch den Schriftsteller ihren Weg nach Schweden fanden. Lundquist war zu Beginn des 20. Jahrhunderts einer der zuverlässigsten literarische Übersetzer Schwedens, der auch dafür bekannt war, dass seine Übersetzungen den Originalen sehr nahe kamen und der Autor die Seele des ursprünglichen Schriftstellers fühlen konnte.

Copyright: Herbert Kårlin

10 maj 2013

Gösta Palmcrantz und die erotische Literatur Schwedens

Gösta Palmcrantz wurde am 19. April 1888 als Sohn des Postangestellten Per Eigil Folke Palmcrantz und dessen Frau Hilma Maria Borg in Umeå geboren und starb am 25. Mai 1978 in Stockholm. Palmcrantz war in erster Ehe mit Johanna Margareta Hagander, in zweiter Ehe mit Ebba Hjorth Hansen und in dritter Ehe mit Hertha Irene Rigmor Fredriksen verheiratet.

Nach seiner Schulzeit in Malmö machte Gösta Palmcrantz eine Ausbildung als Krankengymnast in Boston (USA), die er in Deutschland beendete, wo er auch einige Jahre in diesem Beruf aktiv war, bevor er zwischen 1910 und 1916 nach Frankreich und Dänemark ging um dort ebenfalls in seinem Beruf zu arbeiten. In der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs war Palmcrantz sehr viel in Kopenhagen, wo er in Künstlerkreisen um Ulla Bjerne, Evert Taube und Adolf Hallman verkehrte.

Gösta Palmcrantz (Gösta Segercrantz), Delikat Uppdrag, Förlagsaktiebolaget Hansa, Stockholm, 1945, Titel: Moje Åslund

Seinen belletristischen Einstieg machte Gösta Palmcrantz im Jahre 1917 mit seinem Roman Mr. Patersons äventyr i Monte Carlo, dem bereits 1919 sein meistverkauftes Werk folgte, nämlich Ministerpresidentens väninna, das allein in Schweden bis zum Jahre 1946 in sechs Auflagen erschien. Allerdings erschienen diese Romane, wie die Mehrheit der Werke von Palmcrantz, unter dem Pseudonym Gösta Segercrantz.

Die Jahre zwischen den beiden Weltkriegen war Gösta Palmcrantz einer der meist gelesen Autoren Schwedens, die unermüdlich am schreiben waren, denn die meisten seiner knapp 30 Bücher wurden in dieser Epoche verlegt und so nebenbei schrieb Palmcrantz auch noch über 1000 Novellen, die in den verschiedenen Zeitschriften Schwedens veröffentlicht wurden.

Obwohl Gösta Palmcrantz auch einige sehr interessante Kriminalromane, zahlreiche Kriminalnovellen und einige populärgeschichtlichen Werke schrieb, so brachten ihm vor allem seine erotischen Abenteuerromane Erfolg, die so manches Mal auch Schlüsselromane waren bei denen der Autor nur die Namen erfand, nicht jedoch die Handlung. Seine Romane spielten fast alle in Bädern oder anderen Orten der gehobenen Gesellschaft, Orte, die auch der Schriftsteller mit seiner Familie bevorzugte, obwohl er sich dieses Luxusleben im Grund nicht leisten konnte.

Die Bücher von Gösta Palmcrantz waren im Zeitgeist geschrieben, wobei sie gewisse Parallelen mit den Werken von Frank Heller und Artur Möller zeigen, die zum einen die Dekadenz der Epoche behandeln, andererseits den Lesern Träume vermitteln und ihnen ein Stück Oberklasse bieten, das sie nie aus Nähe erleben können.

Gösta Palmcrantz war und ist für Literaturwissenschaftler eine etwas zweifelhafte Person, die man kaum erwähnt, da der Schriftsteller eine einfache Sprache wählte, aber auch sehr viel für die Boulevardpresse schrieb, Novellen, die man oft kaum als Literatur bezeichnen kann. Für Palmcrantz waren jedoch diese kurzen oberflächlichen Novellen unabhängig von seinem literarischen Schaffen. Diese Novellen waren notwendig, damit er seinen Lebensstandard und sein Leben als Bohemien in den reichsten Orten Europas halten konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg verblasste der Stern von Gösta Palmcrantz, da die Schicht über die der Schriftsteller vorher geschrieben hatte, aus dem Blickfeld verschwand und die Leser andere Sorgen hatten als von erotischen Abenteuern an einem Kurort zu träumen. Selbst seine früheren Bestseller verschwanden aus den Regalen und da Palmcrantz keinerlei Ersparnisse hatte, war der Autor nun gezwungen ganz auf die das Schreiben von Novellen für die Presse überzugehen, eine Tätigkeit, der er bis in die 60er Jahre folgte. Um jedoch nicht mit dem Autor „Gösta Segercrantz“ in Verbindung gebracht zu werden, griff er in der Presse zu immer neuen Pseudonymen, deren gesamt Anzahl bis heute unbekannt ist, aber es handelte sich mit Sicherheit über mehr als 80 verschiedene Namen.

Obwohl die meisten der Bücher von Gösta Palmcrantz in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, da er einen sehr breiten Leserkreis ansprach und sowohl schwedische Kriminalromane als auch nordische erotische Literatur immer wieder auferstand, so blieb Palmcrantz nahezu vergessen. Einer der Gründe ist sicher, dass er von Verlagen nicht sehr geliebt wurde, denn der Autor war ein egozentrischer Playboy und er galt er als völlig unzuverlässig. Palmcrantz wurde deswegen verlegt, weil er immer gute Kritiken hatte und seine Verkaufsziffern immer über der Mehrheit der anderen Autoren des Landes lag. Sein Ruf hingegen ging auch in die Gegenwart über.

Ein weiteres Problem kann sein, dass Palmcrantz seine Verkaufserfolge vor allem dem erotischen Abenteuerroman verdankte in denen er den Hauptpersonen meist erfundene adelige Namen gab, was in der Zeiterscheinung lag und nach dem Zweiten Weltkrieg als Kitsch galt. Seine Kriminalromane und insbesondere seine Kriminalnovellen dagegen wurden immer als sekundär betrachtet, obwohl sie sich mit allen anderen Krimis dieser Epoche messen lassen.

Copyright: Herbert Kårlin

9 maj 2013

Sophie Elkan und der menschliche historische Roman Schwedens

Sophie Elkan, geborene Salomon, wurde am 3. Januar 1853 als Tochter des Kaufmanns Alexander Salomon und dessen Frau Henriette Abrahamson in Göteborg geboren und starb am 5. April 1921 ebenfalls in Göteborg. Elkan war ab 1872 mit ihrem Cousin Nathan Elkan verheiratet.

Die spätere Schriftstellerin wuchs in gut bürgerlichem Milieu auf, wobei der Vater erst wenige Jahre vor der Geburt von Sophie Elken von Stockholm nach Göteborg gezogen war und die Großeltern aus Deutschland eingewandert waren. Die Erziehung war daher etwas offener als jene der meisten schwedischen Frauen jener Zeit. Allerdings machte ihr ihre Herkunft auch einige Probleme, da die junge Elkan Schweden als ihr Heimatland betrachte, sie aber immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass ihre Vorfahren nicht aus diesem Land kommen.

Sophie Elkan, Säve, Kurt & comp., Booklund Förlag, Lund, 1990

Sophie Elkan besuchte Frau Bruenechs Privatschule in Göteborg und machte sich dort damit bemerkbar, dass sie sehr wissbegierig war und sehr früh die Gedichte von Esaias Tegnér las, was die Lehrerin wiederum wenig befürwortete, da ein Mädchen um diese Zeit sich auf die Ehe vorbereiten sollte und zu viel Bildung eher als Nachteil gesehen wurde. Elkan beschreibt diese Erfahrungen in ihrer Novelle Två fågelungar ausführlich, wobei ihr die Meinung der Lehrerin jedoch wenig anhaben konnte, da sie auch von zu Hause zum Lesen angehalten wurde.

Mit 19 Jahren heiratete Sophie Elkan ihren Cousin, der eine Musikbuchhandlung in Stockholm hatte. Ab 1877 begann die Familie, die mittlerweile auch eine Tochter hatte, ihre Reisen in den Süden, die dem Ehemann gegen ein Lungenproblem helfen sollten. Gegen Weihnachten 1879 starb er jedoch an Tuberkulose in französischen Nice und nur einen Tag später starb auch die Tochter. Elkan kehrte nach Göteborg zurück und suchte nun nach einer neuen Beschäftigung.

Nach dem Tod ihres Mannes begann Sophie Elkan zuerst für ihren Bruder als Übersetzerin der Serie Skrifter av uppfostringskonstens stormän, aber schon 1889 erschienen dann Elkans erste Novellen in der Göteborgs Handelstidning, allerdings unter dem Pseudonym Rust Roest. Noch im gleichen Jahr veröffentlichte Elkan dann auch ihr erstes Buch mit dem Titel Dur och moll. In den darauf folgenden Jahren war die Schriftstellerin ungemein aktiv und veröffentlichte mehrere Bücher mit Novellen, zwei Romane und arbeitete für literarische Kalender.

Im Jahre 1894 lernte Sophie Elkan bei einem Aufenthalt in Stockholm Selma Lagerlöf kennen. Obwohl die beiden Frauen literarisch eine entgegengesetzte Auffassung hatten, da Lagerlöf nach Romantik suchte und Elkan den Realismus, entwickelte sich eine enge Freundschaft, ein langer Briefwechsel und mehrere Reisen, die die beiden Frauen gemeinsam machten, wobei sie sich hier ergänzten, da Elkan ab ihrem 19. Lebensjahr viel unterwegs war und die etwas jüngere Lagerlöf nie zuvor Auslandsreisen gemacht hatte.

Vor allem die gemeinsame Reise in den Mittleren Osten war für beide Frauen auch literarisch ergiebig, denn Lagerlöf schrieb anschließend den Roman Jerusalem und Sophie Elkan den Roman Drömmen om österlandet, die kaum unterschiedlicher sein können und deutlich den Charakter und die Denkweise der Reisegefährtinnen zeigen.

Die literarische Stärke von Sophie Elkan zeigt sich in ihren historischen Romanen, die gewissermaßen mit ihrem Werk John Hall, en historia från det gamla Göteborg aus dem Jahre 1899 einsetzte und wie auch ihre späteren historischen Romane nicht nur auf eine ausführliche Archivarbeit aufbaut, sondern auch auf Legenden mit einer gewissen literarischen Freiheit, denn für Elkan war es wichtig eine historische Atmosphäre zu schaffen, die den Leser fesselt.

Die Geschichtsromane von Sophie Elkan unterscheiden sich aber auch noch in anderen Punkten von den historischen Romanen jener Zeit, denn die Schriftstellerin schreibt Romane über einzelne Personen, die sie alle als unglückliche Menschen mit einem unglücklichen Schicksal sieht. Und gerade in dieser ausgesetzten Situation macht sie die handelnde Person für den Leser sympathisch, denn in ihrem Buch ist Jacob Johan Anckarström kein verbrecherischer Revolutionär und Gustav IV. Adolf kein Übermensch. Ohne die Geschichtsschreibung zu verfälschen, lässt Sophie Elkan den Menschen mit seinen Schwächen und seinen Fehlern erscheinen.

Sophie Elkan ist für viele Literaturwissenschaftler nahezu ein Anhang zu Selma Lagerlöf und wird deshalb, zu Unrecht, nur mit wenigen Worten in der schwedischen Literaturgeschichte genannt, aber wer einige ihrer historischen Romane gelesen hat, stellt sehr schnell fest, dass Elkan eine ausgereifte Schriftstellerin ihrer Zeit war und sie lediglich die Freundschaft mit Selma Lagerlöf verband.

Sophie Elkan wurde im jüdischen Friedhof in Göteborg begraben. Ihr gesamtes Vermögen hatte sie Selma Lagerlöf vermacht, die nach dem Tode der Autorin einen Raum in Mårbacka mit Elkans Möbel und Bildern einrichtete und damit den sogenannten Elkanrummet schuf.

Copyright: Herbert Kårlin

8 maj 2013

Nelly Sachs und die Gedichte zur Flucht des jüdischen Volkes

Nelly (Leonie) Sachs wurde am 10. Dezember 1981 als Tochter des Fabrikanten William Sachs und dessen Frau Margarete Karger in Berlin-Schöneberg geboren und starb am 12. Mai 1970 in Stockholm. Nelly Sachs besaß ab 1952 die schwedische Staatsbürgerschaft und war nie verheiratet. Ihre Verbindung zu einem geschiedenen Mann wurde vom Vater unterbunden. Auch wenn die Schriftstellerin diese Verbindung dennoch aufrecht hielt, so starb ihre einzige Liebe vermutlich in einem Konzentrationslager.

Die Schriftstellerin wuchs in einem gutbürgerlichen Heim ursprünglich jüdischer Herkunft auf. Da Nelly Sachs als Kind zu Krankheiten neigte, wurde sie anfangs zu Hause unterrichtet, kam jedoch 1903 in eine höhere Mädchenschule wo sie die Mittlere Reife ablegte. Mit 15 entdeckte Sachs Selma Lagerlöfs Roman Gösta Berling, der sie so stark beeindruckte, dass sie mit der Schriftstellerin Kontakt aufnahm und einen Briefwechsel begann, der 35 Jahre lang andauern sollte.

Nelly Sachs, Collected Poems II, Green Integer, 2013

Diese Verbindung zu Selma Lagerlöf führte vermutlich auch dazu, dass die an Literatur interessierte Nelly Sachs mit 17 ihre ersten Gedichte schrieb, auch wenn es bis 1921 dauern sollte bis auch ihr erster Gedichtband unter dem Titel „Legenden und Erzählungen“ erschien. Es handelte sich dabei um melancholische Gedichte der Neuromantik, die die Schriftstellerin in ihren Gesammelten Werken nicht mit aufnahm. Ab Ende der 20er Jahre erschienen ihre Gedichte auch in mehreren Zeitungen und Zeitschriften, wobei sie in dieser Epoche jedoch immer mehr zu experimentellen Gedichten überging, die teilweise schwer zu deuten waren. Ein großer Teil der Berliner Gedichte von Nelly Sachs ging jedoch verloren, da sie 1940, gemeinsam mit ihrer Mutter, im letzten Moment noch aus Berlin fliehen konnte und ihre Werke den Bücherverbrennungen in Deutschland zum Opfer fielen.

Als Nelly Sachs im Mai 1940 mit einem der letzten Flugzeuge nach Schweden floh, konnte ihr Selma Lagerlöf, auf die sie ursprünglich gerechnet hatte, leider nicht mehr helfen, da diese nur wenige Wochen vorher gestorben war, aber sie fand bei Prinz Eugen, dem Bruder des schwedischen Königs Hilfe, was ihr nach monatelangen Problemen mit der Bürokratie erlaubte in Schweden zu bleiben, wo sie dann von mehreren Autoren des Landes unterstützt wurde.

Während der ersten Jahre in Schweden schrieb Nelly Sachs nur sehr wenige Gedichte und nach dem Ende des ersten Weltkriegs begann sie anfangs vor allem schwedische Autoren ins Deutsche zu übersetzen. Erst ab 1946 begann die Poetin auch wieder an eigene Werke zu denken und begann jene Gedichte zu schreiben, mit denen sie weltweit bekannt wurde und für die sie im Jahre 1966 mit dem Nobelpreis der Literatur belohnt wurde.

Auch wenn Nelly Sachs sehr gut Schwedisch sprach und ihr Leben lang in Schweden bleiben sollte, so versuchte sie nie in Schwedisch zu schreiben, sondern benutzte immer die deutsche Sprache und suchte in Deutschland ihre Verleger. Johannes R. Becher half der Schriftstellerin dabei im Jahre 1947 ihren ersten Nachkriegs-Gedichtband „In den Wohnungen des Todes“ zu veröffentlichen, der eine erste lyrische Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich darstellt.

Auch wenn sich Nelly Sachs auf Grund des aufkommenden Nationalsozialismus bereits in Deutschland mit der jüdischen Kultur und damit dem Chadisismus und der Kabbale auseinandergesetzt hatte, begann sie erst in Schweden ihre Lyrik zur einer Klagelyrik des jüdischen Volkes zu machen und sie verzichtete vollständig darauf nicht-politische Gedichte zu schreiben. Die Schriftstellerin beschränkt sich dabei jedoch nicht nur auf die Gräueltaten und die Verfolgungen während des Zweiten Weltkriegs, sondern betrachtet die ewige Flucht des jüdischen Volkes. Die Bedeutung dieser politischen Lyrik findet man auch in den Worten des Nobelpreiskomitees, denn sie erhielt den Preis für „ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren.“

Da Nelly Sachs grundsätzlich in Deutsch schrieb, jedoch ihre Hauptwerke in Schweden verfasste, wo sie auch ihre schwersten Krisen erlebte, nimmt sie eine Zwischenstellung zwischen deutscher und schwedischer Literatur ein und wird in der Literaturgeschichte beider Länder verzeichnet.

Die Gedichte und die Dramaturgie, die Nelly Sachs in Gedanken an das jüdische Volk schrieb, sind weder Deutsch noch Schwedisch, sondern eine Frage auf Weltniveau. Die große Leistung der Schriftstellerin für die schwedische Literatur muss man vor allem in ihren Übersetzungen suchen, denn zwischen 1945 und 1965 übersetzte sie einige bedeutendsten schwedischen Dichter, denen sie in gewisser Weise auch ihre Stimme gab. Unter den Autoren, die Sachs den deutschen Lesern näher brachte, findet man Namen wie Johannes Edfelt, Gunnar Ekelöf, Karl Vennberg oder auch Erik Lindegren, die alle Teil der schwedischen Moderne sind.

In der königlichen Bibliothek Stockholms findet man das Gedenkzimmer Nelly Sachs, eine Kopie ihrer Wohnung auf Södermalm in dem man ihren gesamten Besitz findet. Auf Kungsholmen wurde auch ein Park nach Nelly Sachs benannt.

Copyright: Herbert Kårlin